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Sommer, Sonne, Sozialismus?
Ein Reisebericht über die Republik Cuba - 2. Teil


Havanna hat eine wundervolle Altstadt, die noch aus dem 18. Jahrhundert stammt und leider am verfallen ist. Wenn man aber denkt, dies sei beispielhaft für Cuba, begeht man einen Fehler: Interessanterweise sind in allen anderen cubanischen Städten die Häuser wesentlich besser in Schuss. Für Havanna kam erst in letzter Zeit genügend Geld zusammen, so dass ein Sanierungsprogramm beschlossen werden konnte. Überall sahen wir bereits, wie gestrichen wurde, wie hier und dort neu gefließt oder komplett renoviert wurde. Es tat sich schon einiges. Auch das Transportproblem geht einer Lösung entgegen: Seit einigen Jahren verkehren in Havanna Busse aus Nordkorea und China, die zwar stets überfüllt, dafür aber auch pünktlich, billig und zuverlässig alle Cubaner von A nach B bringen.

Generell sind die Cubaner jedoch ein sehr gemütliches Volk, was sich gerade auch beim Straßenalltag wiederspiegelt: Man stellt sich hinten an und wartet eben, wenn der Bus sehr voll ist. Von der bei uns so üblichen Hektik, ist in Cuba nichts zu spüren. An jenem Tag besuchten wir auch das Revolutionsmuseum. Dort wird die Geschichte Cubas, von den ersten Unabhängigkeitskämpfen aus indianischen Zeiten bis zur Gegenwart beleuchtet. Die größte Zäsur in der neueren cubanischen Geschichte war zweifellos die Revolution von 1959, an dem sich das cubanische Volk vom verhaßten Batista-Regime, einer Handlangerregierung der USA, befreite. Fortan wurde unter der Präsidentschaft Fidel Castros der Sozialismus aufgebaut. Trotz Handelsembargo durch die USA und Wirtschaftssabotage durch den CIA, hat sich Cuba so einen, gemessen mit der restlichen Karibik und den meisten Ländern Lateinamerikas, extrem hohen Lebensstandard mit wegweisendem Gesundheits- und Bildungssystem aufgebaut. Nach 1990 jedoch kam die oben erwähnte Sonderperiode, die zu schwerwiegenden ökonomischen Problemen führte und immer noch führt. Erst seit etwa 10 Jahren wird es merklich besser in Cuba, das schlimmste scheint überstanden. Dazu ist allerdings im Revolutionsmuseum noch keine Ausstellung vorhanden. Man findet aber viele Fahrzeuge aus der Revolution, und, in einem Glasgebäude auch die Granma, jene Yacht, mit der Fidel Castro, Che Guevara und 80 weitere Revolutionäre 1956 in Cuba ankamen und damit den Auftakt zur Revolution gaben.

Auch konnte ich in Havanna die Funktionsweise eines CDR beobachten. Die CDRs heißen auf spanisch »Comités de Defensa de la Revolución« (Komitees zur Verteidigung der Revolution) und sind in jedem Wohnblock vorhanden. Etwa 90% der Cubaner über 14 Jahren sind Mitglied in den Komitees, deren Aufgabe es wörtlich ist, eben die Revolution zu verteidigen. Praktisch heißt das, für Sicherheit und Ordnung im Block zu sorgen, sowie an demokratischen Entscheidungen teilzunehmen, sich aktiv an der Politik zu beteiligen. Im cubanischen Rätesystem sind die CDR damit die unterste Ebene der Basisdemokratie und dort wird meist am heftigsten Diskutiert. Oft werden anschließend Anträge weitergegeben, auf die man sich erst nach heftiger Diskussion einigen konnte. Moment, war da gerade das Wort »Demokratie« zu hören? In der Tat! Auch wenn so manch bornierter Kleinbürger, der sich jeden Abend die FAZ mit ins Bett nimmt, den Begriff Demokratie in Zusammenhang mit Cuba als »Absurd« bezeichnen würde - ein Cubaner kann darüber nur lachen, denn es gibt sie tatsächlich dort, die sozialistische Demokratie. Vollkommen offen redet man über die Probleme des Landes, wählt Abgeordnete und Räte die jederzeit abberufen werden können und veröffentlicht Resolutionen. Dabei sind die Cubaner wesentlich partizipierter als das hier in Deutschland der Fall ist: Mit Wahlbeteiligungen von weit über 90% (wählen darf man in Cuba übrigens schon ab 16) und einer Mitgliederbasis in den CDRs von über 7 Millionen lässt sich auch Demokratie leben. Nur im Unterschied zu uns werden die Arbeiter nicht an der Ausübung ihrer Rechte mangels finanziellen Mitteln gehindert, sondern aktiv gefördert, indem jeder Massenorganisation ein umfangreiches Budget zur Verfügung steht. Zwar gibt es in den oberen Ebenen auch eine Menge Parteifilz, doch hört man den Cubanern zu, so merkt man, dass sie zwar stets über ihre Situation klagen, dafür aber nie »den bösen Sozialismus« verantwortlich machen, sondern etwas dagegen unternehmen: Sie gehen zu den Sitzungen, gehen zur Wahl, lassen sich wählen, schlagen Lösungen vor - und nicht selten entsteht dabei eine kontroverse Diskussion. Überhaupt sind die Cubaner sehr »diskussionswütig«, was man nicht nur in den CDRs, sondern auch anhand der heftigen Debatten auf der Straße und zu Hause mitbekommt.
Dabei wird keinem einfach das Wort genommen, der etwas »unliebsames« sagt, im Gegenteil, ich erlebte die Cubaner als ein sehr aufgeschlossenes und tolerantes Volk, das fast geschlossen hinter seiner Regierung steht, aber auch andere Ansichten gelten lässt. Beim Kapitalismus allerdings werden die Gesichter ernster, denn den will dort niemand mehr.

Später trafen wir noch unseren Freund Arristides, ein etwas älterer schwarzer Herr, der früher bei der Presseagentur gearbeitet hat. Seine Frau war in der östereichischen Botschaft tätig, daher kann er gut Deutsch. Auch er weiß sehr wohl um die Probleme seines Landes, traut seinen Landsleuten allerdings auch zu, eine Lösung zu finden. Das Gespräch war leider nur sehr kurz, da er noch einen Termin hatte.

Abends gingen wir in eine kleine Kneipe im Zentrum von Havanna. Lazaro erzählte uns das neueste aus der cubanischen Medizin. Anscheinend gibt es jetzt auch eine Impfung gegen Lungekrebs. »Und die funktioniert?«, frage ich misstrauisch. »Ja, natürlich. Jeder Raucher hier hat die.« Hm, wenn er meint. Erstmals bemerkte ich dort auch, dass es tatsächlich nur zwei große Biermarken in Cuba gibt: Buckanero und Crystal. Während Crystal eher einem leichten Bier entspricht, erinnert Buckanero mit seinem würzigen Geschmack stark an das in Deutschland populäre »Rothaus«, und erreicht dieses sogar fast in der Qualität.
Entsprechend teilt sich die cubanische Bevölkerung in eine Buckanero- und eine Crystal-Fraktion. Sehr oft wird man von Cubanern gefragt, welches der beiden Biere man denn nun bevorzugt, und hört oft, wie sich zwei ältere Cubaner über die Stärken und Schwächen von Crystal und Buckanero unterhalten, während sie auf einer Parkbank sitzen und Rum trinken. Ein herrliches Schauspiel. Beim Gespräch mit Lazaro erfuhr ich auch ein amüsantes Detail: Seit einigen Jahren werden die Fünfjahrpläne des Landes mit der deutschen Software SAP verwirklicht, die sonst eher von Großunternehmen wie VW oder dergleichen verwendet wird. Nun denn, warum sollte man in Cuba nicht auch up-to-date sein?

Am nächsten Tag besuchten wir Pinar del Rio, das Tabaktal, wo angeblich der beste Tabak der Welt wachsen soll. Kurz vor Anbruch der Reise gingen wir noch bei Lazaros Schwester einen Kaffee trinken, der selbstgemacht einfach am besten schmeckt. Dabei fiel mir zum wiederholten Male auf: Auch wenn das Haus von außen noch so heruntergekommen und unscheinbar wirkt, drinnen herrscht das Leben und alles sieht ordentlich und gut gepflegt aus. Auch wenn man sich manchmal fragt, wie die Cubaner es schaffen, aber irgendwie findet man dann doch eine Stereoanlage von Sony, einen Fernseher und eine Waschmaschine von Miele im Haus herumstehen. Nach der kurzen Pause allerdings machten wir uns sogleich auf den Weg. Umgeben von malerischen Landschaften zierten vor allem Königspalmen und kleine Dörfer das Bild am Straßenrand, dazwischen anstatt Verkehrsschildern immer wieder der Schriftzug »ˇViva la Revolution!«. Dass die Revolution auf schlecht beschilderten und löchrigen Straßen selbst in das hinterwäldlerischste Bergdorf vorgedrungen ist, merkt man allerdings nicht zuletzt daran, dass man auch bei einer Ansammlung von 20 kleinen Hütten, überall Stromversorgung, eine Schule sowie eine kleine Ärztestation sieht. Manchmal ist sogar dort noch eine Bibliothek anzutreffen. Die Schulen haben ebenso alle Internetanschluss, da seit einigen Jahren das Thema »PC und Internet« ab der ersten Klasse auf dem Lehrplan steht. Dass das ebenso für eine kleine Dorfschule gilt, davon konnte ich mich selbst überzeugen, als ich mich freundlicherweise in einer solchen einmal umsehen durfte. Neben Bänken, Stühlen, Tafel und jeder Menge Bücher, standen zwei PC’s in dem Klassenzimmer. Lazaro konnte mir bestätigen, dass das in Cuba eher die Regel als die Ausnahme ist.

Nachdem wir unsere Reise nach Pinar del Rio mit dem Besuch eines Tabakbauern abgeschlossen hatten, machten wir uns Tags darauf auf ins nahe gelegene Matanzas. Dort traf ich auf meinen Freund Yosvany, den ich letztes Jahr in Deutschland kennen lernte, als er über die Situation in Cuba referierte. Er ist Mitglied des Parlaments von Matanzas und dort für die Auslandskontakte seiner Provinz zuständig. Eigentlich ist er jedoch Arzt und hat einen Doktor in Epidemiologie. Bei den letzten Wahlen wurde er mit 98% der Stimmen ins Parlament gewählt. Weil er so jung ist, und trotz seiner dunklen Hautfarbe, denn in Rassismus sei in Cuba kein Thema, meint er. Nachmittags kommt er mich mit seinem Dienstwagen, einem 20 Jahre alten »Lada Nova«, einer 60-PS »Luxuskarosse« wie sie auch viele Arbeiter besitzen, besuchen. Soviel also zum Parteibonzentum. Wir erzählten ihm lange von unseren bisherigen Erlebnissen, wie man uns schon ein paar mal hinters Licht geführt hat um ein paar CUC abzustauben und wie uns die Naturlandschaften an der Küste gefallen haben. Da Yosvany sehr gut Englisch kann, fiel mir das Gespräch nicht schwer. Natürlich erfragte ich auch einige politische Informationen. Als die drei größten Probleme in seiner Provinz, aber auch im ganzen Land, sah Yosvany die schlechte wirtschaftliche Lage, die Korrpution und die interne Administration. »Wir haben kein sehr großes Problem mit der Korruption, aber es ist ein Problem und es ist notwendig, etwas dagegen zu unternehmen.« sagt Yosvany und sieht dabei auch bisher erreichtes: »In der Sonderperiode kamen eine Reihe von Schwierigkeiten auf uns zu, viele davon dauern bis heute an. Jedoch können wir das Transportproblem für viele Provinzen als gelöst betrachten. Auch beim Wohnungsbau machen wir Fortschritte. Aber was wir in der Zukunft brauchen ist vor allem eines: Mehr Entwicklung.«

So nannte er auch die nächsten Ziele der Regierung: »In den nächsten Jahren haben wir einige große Dinge zu meistern: Wir müssen die Wirtschaft stärken, uns dabei aber gleichzeitig vor dem Kapitalismus verteidigen, den Sozialismus wahren und erhalten. Außerdem werden wir weiterhin alles versuchen, die 5 cubanischen Agenten zu befreien, die zu Unrecht in den USA nun seit über 10 Jahren festgehalten werden.« Ich sagte ihm: »Das hört sich ja schön an, den Sozialismus verteidigen, aber wie wollt ihr das anstellen?«. Er entgegnete mir sovuerän: »Zuerst ist es wichtig, die Bildung und das Gesundheitssystem zu verteidigen, indem wir diesen beiden Einrichtungen weiterhin einen hohen Stellenwert beimessen. Desweiteren werden wir in Zukunft höhere Investitionen in Kultur, Sport und die Wirtschaftsentwicklung der volkseigenen Betriebe zur Überwindung der Sonderperiode tätigen. Wir werden dabei keine Privatisierungen zulassen. Wir sind nicht China und wir sind nicht Vietnam. Hier wird die Revolution verteidigt, hier bleiben wir beim Sozialismus, denn das ist unser Land, und 90 Prozent der Cubaner stehen fest zum Sozialismus und zu ihrer nationalen Souveränität die nur durch diesen gewährleistet werden kann.«

Logo CUBA LIBRE Marcel Kunzmann

CUBA LIBRE 4-2009

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