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Bolivien: Ein Tiroler auf den Spuren von Che
Kritische Anmerkung zu "Der Pfad des Kriegers"


Wer kennt schon Michael Nothdurfter? Bisher ist der Mann, der 1961 in Bozen geboren wurde und 1990 in La Paz als politischer Aktivist erschossen Wurde, nur wenig bekannt. Ob der Film mit dem verträglichen Titel "Pfad des Kriegers", der von einem ehemaligen Freund und Studienkollegen gedreht wurde, dem Mann gerecht wird, ist fraglich. Positiv ist zu vermerken, dass er immerhin dazu beiträgt, Michael Nothdurfter im deutschsprachigen Raum einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Der Film hält sich sehr häufig im scheinbar idyllischen Tirol auf. Die bigotte Mutter von Nothdurfter wird immer wieder gezeigt, obwohl ihr zum späteren Weg ihres Sohnes die Worte fehlen. Nur dass er ein waghalsiger und wilder Schifahrer war, erwähnt sie immer wieder. Doch nach seiner Schulzeit zog es den jungen Michael Nothdurfter in die Welt.

Er studierte in London Theologie und engagierte sich in den frühen 80ern in der Lateinamerika-Solidaritätsbewegung. Das war für einen jungen Gläubigen damals kein ungewöhnlicher Weg, wie auch im film gezeigt wird. In Nicaragua siegten die Sandinisten, die nicht nur an ihrer Basis sondern auch in ihrer Führung mehr Christen als Marxisten hatten. Im Film wird gezeigt, wie der damalige Kulturminister und Christ Ernesto Cardenal ausdrücklich erklärte, dass ein Christ für die Sache der Befreiung auch die Waffen in die Hand nehmen könne.

Der engagierte Christ Nothdurfter gehörte als Mitglied einer Arbeitsbrigade aus Europa zu den ZuhörerInnen. Es werden auch Bilder von von Guatemala und El Salvador gezeigt, wo ChristInnen zu den Triebkräften einer Option für die Armen und Unterdrückten gehörten. Sie wurden von den US-gestützten Militärregimes genauso gefoltert und ermordet, wie KommunistInnen, SozialistInnen und GewerkschafterInnen.

Im Film wird der Mord an dem sozialkritischen Erzbischof Romero von El Salvador und das nachfolgende Massaker bei seiner Beerdigung gezeigt. Der Autor dieser Zeilen erlebte damals als Gast auf dem Festival des politischen Liedes in Ostberlin, wie eine lateinamerikanische Gruppe als Memoria auf Romero ein Lied anstimmte, dessen Refrain bald alle ZuhörerInnen, auch die Atheisten mitsangen: "Was ist denn Nächstenliebe anderes als Revolution?"

Das ist das Klima, in dem Nothdurfter als Theologe nach Bolivien zog. Er wohnte zunächst in einem herrschaftlichen Kloster, unterstütze aber die Armen des Landes. In den Briefen an seine Freunde und Angehörigen, die im Film verlesen werden, betonte er immer wieder, dass er hier seine Erfüllung gefunden hat.

Doch bald stieß er an die Grenzen des linkschristlichen Engagements. Das muss für den Mann eine einschneidende Zäsur gewesen sein, von der wir aber nur aus den spärlichen Zeilen einiges erfahren. Er verließ das Kloster, um ganz bei den Armen zu leben, und gab das Theologiestudium auf. Stattdessen schrieb er sich an der Universität von La Paz an der Soziologie-Fakultät ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich schon mit Schriften von Marx, Lenin sowie lateinamerikanischen Linken vertraut gemacht.

Denunziation statt Aufklärung

An diesem Punkt kippt der Film, was wohl die politische Haltung des Filmemachers deutlich macht. Konnte er für das linkschristliche Engagement von Nothdurfter noch Verständnis aufbringen, so fehlt ihm für dessen Hinwendung zu marxistischen Theorien jede Empathie. Für den Bruder von Michael Nothdurfter beginnt damit alles Übel und ähnlich scheint auch der Filmemacher zu denken.

Hier denunziert der Film im Nachhinein Michael Nothdurfter. Der Höhepunkt ist eine Sequenz, wo Ausschnitte aus der berühmten Rede von Che Guevara mit dem Titel "Schafft ein, zwei, viele Vietnams" eingespielt werden und dazu Bilder von den islamistischen Anschlägen auf U-Bahnen in London und Madrid und der Anschlag vom 11. September 2001 in den USA gezeigt werde.

Wie politisch begrifsslos muss jemand sein, um das revolutionäre Anliegen eines Che Guevara, das in der Folge von Stadtguerillagruppen in aller Welt aufgenommen wurde, mit reaktionärem islamistischem Terror auf eine Stufe zu stellen.?

Dabei hätte der Film genügend Stoff für interessante Fragen gehabt. Wieso kamen die Aufbruchsversuche der späten 70er Jahre und frühen 80er Jahre an ihre Grenzen? Wieso gab es mehr als 20 Jahre nach dem tos von Che Guevara in Bolivien wieder politische Organisationen, die sich auf ihn beriefen? Stehen die heutigen Linksregierungen in Lateinamerika in dieser Tradition?

Dies Frage hätte sich schon deshalb gestellt, weil im Film ein heutiger Minister der Linksregierung von Bolivien interviewt wurde, der damals gemeinsam mit Nothdurfter in der außerparlamentarischen Linken aktiv war und sich zu dieser Tätigkeit bis heute bekennt.

Auch das Gespräch mit einem ehemaligen Aktivisten der peruanischen linken Bewegung Tupac Amaru (MRTA) in dem Film ist interessant. Er berichtet, wie sich die linke Gruppe über Landesgrenzen hinweg, für ihren Kampf vorbereitet hat. Dabei hatte die politische Aufklärung bei ihnen Priorität. Die militanten Aktionen gegen US-Einrichtungen in Bolivien hatten propagandistischen Charakter. Man wollte sich bei den Massen bekannt machen.

Die Entführung des Coca-Cola-Repräsentanten in bolivien sollte der Geldbeschaffung dienen. Doch die Regierung hatte gemeinsam mit der Familie des Mannes längst beschlossen, dass die Geisel mit den Entführern sterben soll. Dieser Plan konnte am 5. Dezember 1990 nicht vollständig ausgeführt werden. Nur die erste Gruppe der AktivistInnen, darunter Michael Nothdurfter und die Geisel wurde sofort von Scharfschützen liquidiert. Sie waren bei ihrer Erschießung nicht bewaffnet.

Amnesty sprach hinterher von extralegalen Erschießungen. Weil danach schon Journalisten eingetroffen waren, überlebte die andere Gruppe. Sie wurde aber gefoltert und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. 18 Jahre später sind alle wieder frei.
Sie arbeiten heute an der sozialen Befreiung in Bolivien mit.

Vielleicht wird in dieser Arbeit auch das Erbe von Michael Nothdurfter am besten gewahrt. Im Film wird gezeigt, wie noch heute nicht nur seine ehemaligen GenossInnen, sondern einfache Leute aus den Barrios, seiner Gedenken. "Michael vive, Michael lebt" heißt es auf den Schärpen, die sie bei ihren Umzügen tragen. Ein Gedanke, dem man sich als nicht-religiöser Mensch im Sinne von Walter Benjamin nähern könnte.

Die soziale Revolution wird nicht nur die Lebenden befreien, sondern alle Menschen, die gekämpft haben- Im deutschsprachigen Raum sollten wir uns den Film ansehen, um überhaupt mit dem Leben von Nothdurfter vertraut zu werden. Es ist zu hoffen, dass es irgendwann auch Filme geben wird, die ihm auch politisch gerecht werden.

2008: Der Pfad des Kriegers.
Buch und Regie: Andreas Pichler

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CUBA LIBRE 3-2009