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Assata Shakur – Ein Gespräch in Havanna / Cuba

Assata Shakur, wurde am 16.7.47 in den USA geboren, sie ist eine Frau aus dem Schwarzen Widerstand in den USA, ehemaliges Mitglied der Black Panther Party (BPP) und der Black Liberation Army (BLA), sie lebt seit 1984 auf Cuba.


Assata Shakur
Am 2.5.1973 wurde sie in New Jersey während einer seit 1971 laufenden Staatsschutz- und Geheimdienstkampagne, mit dem Ziel sie zu kriminalisieren, bei einer angeblichen Verkehrskontrolle von amerikanischen Polizisten durch mehrere Schüsse schwer verletzt und verhaftet. Bei dieser Staatsschutzaktion wurde ihr Genosse Zayd Maik Shakur erschossen.
Assata wurde 1977 wegen Beihilfe zum Mord an einem Polizeibeamten, Mordversuch und schwerer Körperverletzung an einem anderen Polizisten verurteilt.
Am 2.11.79 wurde sie von Genoss/inn/en aus dem Clinton Frauengefängnis in New Jersey befreit und ging 1984 nach Cuba ins Exil.
Während ihres Aufenthaltes auf Cuba besuchte sie dort 3 Jahre die Parteihochschule. Sie arbeitet im Kultur- und Literaturbereich an der Universität Habana.
Momentan schreibt sie an einem neuen Buch über die Thesen Malcom X und ihre Bedeutung für die schwarze Bewegung heute.

Assata Shakur – Ein Gespräch in Havanna / Cuba
Agipa-Press, Bremen, 1992
ISBN-Nr. 3-926529-02-8

Gespräch mit Assata Shakur am 15.09.91 in Havanna, Kuba


Was sind Deine Lebensumstände jetzt; hat sich Dein Leben verändert und wenn was hat sich verändert? Wie beschreibst Du Dein jetziges Leben?

Als ich zuerst nach Kuba kam war, natürlich alles ganz anders. Es hat sich einiges verändert, viele Dinge waren schwieriger viele Dinge aber auch einfacher; das meiste war aber einfach ganz ganz anders. Der Hauptunterschied bestand darin, daß ich auf Kuba als politischer Flüchtling war:

Was z.B. anders war, war die Wohnungssituation, die auf Kuba ziemlich schwierig ist. So mußte ich lange warten, bis ich nach Jahren schließlich eine Wohnung bekommen habe. Gleichzeitig sind durch die steigende Zahl von Touristen und die damit verbundenen und die damit verbundenen Kürzungen sowie durch die Krise in Osteuropa, speziell in der Sowjetunion, die Lebensumstände für alle sehr viel schwieriger geworden.

Damals war die Situation so, daß die Hotels, die Dienstleistungen und viele Güter für die Kubaner selbst da waren, es gab einfach noch nicht diese Tourismuswelle wie seit einigen Jahren. Dadurch, daß Kuba keine andere Wahl hatte, als die Touristenzahlen zu erhöhen um auf diesem Wege Devisen ins Land zu holen, verschlechterte sich die Lage für die KubanerInnen immer mehr. Viele der bisher für sie existierenden Leistungen, die sie nutzten, waren plötzlich den Ausländern vorbehalten und für die Kubaner unerschwinglich, also eine ganz andere Situation als in den ersten Jahren nach der Revolution. Gleichzeitig waren damit immer größere Opfer für die kubanische Bevölkerung verbunden, welche immer weitere Kürzungen hinnehmen muß, weil viele Güter an die Touristen gehen und ohne Devisen nicht mehr erhältlich sind. Diese Kürzungen werden täglich akuter.

Einen maßgeblichen Anteil an dieser Verschärfung haben Verträge, die Kuba mit z.B. osteuropäischen Staaten besonders der DDR hatte – im Falle der DDR werden diese Verträge seit der Maueröffnung nicht mehr erfüllt, und auch die Regierung der BRD macht keinerlei Anstrengungen, sich um die Erfüllung einmal geschlossener Verträge zu bemühen.

Die Verträge mit der DDR waren vorwiegend Handelsverträge. Da die DDR einer der am höchsten entwickelten RGW-Länder war und es faktisch einen kompletten Lieferstop gibt, fehlt es jetzt auf Kuba an vielen Artikeln. Seht viele Leistungen und Waren fehlen ersatzlos.

Ich würde sagen, daß die jetzige Phase auf Kuba die schwierigste ist die es jemals gegeben hat, obwohl Kuba hat mehr als 30 Jahre dem Imperialismus widerstanden – und das sehr gut überstanden – obwohl Kuba über diese ganze Zeit hinweg von den imperialistischen Ländern angegriffen wurde. Weil es dies überlebte, ist die Situation im Moment die, daß alle osteuropäischen Freunde Kubas verschwunden sind und die Situation in der UdSSR macht die Lage für Kuba noch schwieriger.

Die Menschen auf Kuba sind sehr besorgt und fragen sich was passieren wird. Sie sind einerseits zuversichtlich, daß sie überleben werden, andererseits ist die Frage, dann nicht, ob, sondern wie sie dieses anstellen sollten. Die Menschen sehen momentan keinen Weg aus dieser Krise.

Es stellt sich die Frage, wie ein kleines Land wie Kuba der ganzen Auslandspolitik mit ihrem reaktionären Wesen, wie so ein Land allein dem reaktionären Weltfirma widerstehen soll. Das ist natürlich wahnsinnige schwierig und die Leute wissen nicht, wie sie diesen ganzen Einflüssen trotzen sollen, außer es entwickelt sich insgesamt eine starke 3.-Welt-Bewegung.

Sollte dies nicht der Fall sein fürchten die Menschen eine extreme Lebensverschlechterung auf Jahre hinaus.

Auch für mich persönlich ist es im Moment die schwierigste Zeit seit meiner Ankunft. Ich glaube es ist die schwierigste und schmerzvollste Zeit für das kubanische Volk. Die ist nicht nur deshalb so, weil die Kubaner natürlich anfangen sich über die Kürzungen zu beschweren, sondern weil die Leute ganz konkrete Angst haben und nicht wissen, wie sie gegen einen Imperialismus kämpfen sollen, der im Augenblick wieder so große Teile der Erde vereinnahmt und dessen Kraft so enorm zu sein scheint. Die Angst der Menschen erklärt sich aus den "nicht wissen, wie" sie einer solchen Kraft entgegentreten sollen.

Ich denke, daß ich es als Ausländerin auf Kuba noch immer leichter habe, als die meisten KubanerInnen. Ich habe durch den Verkauf meiner Bücher Eines, und das sind Dollars. Und wer Dollars hat, hat es immer noch viel leichter, als jemand der Pesos hat. So ist es mir möglich in Diplomatenläden und Touristenläden Dinge einzukaufen, die die KubanerInnen auf der Straße nicht einkaufen können.

Die Regierung versucht natürlich vehement, einen Weg zu finden die Blockade zu durchbrechen und den Menschen eine größere Auswahl an Konsumgütern garantieren zu können.

Sie befindet sich dabei aber in einer extrem schwierigen Lage. Es ist eine Situation zwischen zwei Felsen: zum einen ist da der Imperialismus, der immer noch sehr real existiert, zum anderen sind da die Abmachungen mit den ehemaligen-realsozialistischen Ländern die natürlich im Moment in keiner Weise im Kampf gegen den Imperialismus helfen. Sämtliche Übereinkünfte bleiben unerfüllt, weil die sozialistischen Ländern quasi nicht mehr existieren. Es ist also von dieser Seite aus keinerlei Unterstützung mehr da.

So kommt es, daß die Menschen aus den Großstädten wie Havanna oder Santiago de Cuba ziemlich verärgert sind, weil sie mitkriegen, daß plötzlich Touristen alle die Sachen genießen können die sie selbst bis vor kurzem noch hatten und die sie sich jetzt in keiner Weise mehr leisten können. Hierin unterscheiden sich die Großstädter wesentlich von der Landbevölkerung, was natürlich vor allem daher rührt, daß der Lebensstandard und die Lebensführung immer sehr verschieden waren. Das Leben auf dem Land, in kleinen Dörfern, ist ja in keiner Weise mit Nachtclubs und Bars verbunden und die Landbevölkerung ist in sofern nicht so stark betroffen von der neuen Politik, die im Grunde genommen ja darauf abzielt die Tourismusindustrie weiter auszubauen.

Ich denke, daß die Leute auf Kuba im Moment wieder verstärkt über die Frage der Selbstbestimmung nachdenken also wie Kuba sich alleine versorgen kann – gerade in ökonomischer Hinsicht – und wie Kuba den größten Nutzen aus den Ressourcen ziehen kann, die es selber zu bieten hat. Es gilt die Frage zu beantworten, wie die Revolution überleben und wie sie das Volk befriedigen kann. Das größte Problem hierbei ist, und das bemerken die KubanerInnen sehr wohl, daß sich die Welt im Laufe der Jahre immer fester zusammengeschlossen hat. Es ist ein integriertes Wirtschaftssystem entstanden, daß es immer schwieriger macht, alleine zu existieren.

Es wird immer zwingender, Kontakte zu haben oder aufzubauen, ohne innerhalb der existierenden Wirtschaftsblöcke ein Überleben kaum noch möglich ist. Immer schwieriger wird die Lage durch das neuorganisierte europäische Wirtschaftssystem.

Daneben existiert der Block aus USA und Kanada. Obwohl sehr klar von den Kubanern definiert wird, daß sie nie wieder in eine wirtschaftliche Abhängigkeit wie vor der Revolution geraten wollen sehen sie ganz dringend die Notwendigkeit, sich zu organisieren und zu anderen Staaten Kontakte herzustellen, z.B. in Lateinamerika, den karibischen Staaten und vielleicht sogar zu Staaten in Zentralamerika.

Das Problem, besonders mit den Zentralamerikanischen Staaten ist, daß die wirtschaftliche Situation in den meisten Staaten noch schlechter ist als auf Kuba und teilweise Menschen vor Hunger sterben. Diese Staaten werden von neo-kolonialistischen Herrschern geführt, die in keiner Weise ihrem Volk dienen, sondern alles daran setzen, ihr Volk weiter in Abhängigkeit zu belassen.

Es sind befremdliche Zeiten. Sowohl auf Kuba, als auch in den lateinamerikanischen Ländern überlegen die Menschen wieder wie ihre weitere Strategie aussehen soll, die gesamten linken Parteien Lateinamerikas sind dabei ihre Strategie neu zu bestimmen, so, wie es bisher ging, geht’s nicht weiter und auch Kuba muß seine Strategie überdenken. Ich meine, daß im Vorfeld des anstehenden 4. Parteikongresses eine gewisse Spannung in den Straßen herrscht die Menschen diskutieren viel miteinander und die Hauptfrage, die sich natürlich allen stellt ist: was wird passieren? Ich denke, daß das Ergebnis des 4. Parteitages ein ganz entscheidender Faktor dafür sein wird, wie es mit der Revolution weitergehen wird. Es wird sich hier entscheiden. Ob sie so oder so überleben wird.

Kannst Du noch einmal Stellung zu Deiner persönlichen Situation und im besonderen zu Deiner Situation als Frau auf Kuba nehmen?

Das Leben auf Kuba stellt sich natürlich ganz anders dar, als es in den USA war: Es gibt hier ganz andere Probleme; mit den Bussen, mit den Lebensmitteln und in unzähligen Bereichen des Alltags. Dies ist aber für mich, die ich aus den USA komme und dort aus den Black Communities besser einzuordnen und zu übertragen. Es fällt mir leichter die Probleme in Relation zu setzen. Die Probleme auf Kuba sind sehr ernst, aber man/frau kann versuchen damit umzugehen.

In den Black Communities z.B. in Harlem, so hat eine Untersuchung des Newsweek Magazine ergeben hat ein farbiger Mann weniger Chancen das Alter von 40 Jahren zu erreichen, als ein Mann in Bangladesh. 25% der farbigen Männer aus Harlem sind im Gefängnis oder unter behördlicher Aufsicht. So schwierig die Lage auf Kuba auch ist, es gibt bisher keine Massenarbeitslosigkeit und nicht diese brutale sinnlose Alltagsgewalt, die in den USA die Städte regiert. Das Leben wird anders, als z.B. in den USA nicht von Gewalt bestimmt. Derzeit ist die Todesursache Nr. 1 für farbige Amerikaner Totschlag oder Mord. Ich kenne beide Seiten sowohl das Leben in den Black Communities, als auch das Leben auf Kuba, und so meine ich, daß ich besser mit Unzulänglichkeiten umgehen und auf viele Sachen gelassener reagieren kann.

Es fällt mir leichter auf bestimmte Dinge lange zu warten und etwas das ich verwirklichen will bzw. gerne verwirklicht sehe in die Zukunft zu setzen, weil ich keine Illusion darüber habe, wie das Leben in den sogenannten entwickelten kapitalistischen Ländern aussehen kann.

Vor nicht langer Zeit besuchte mich meine Mutter. Als sie mitkriegte, wie sich eine Nachbarin von mir beschwerte, daß sie in zwei Apotheken mußte um ein Medikament zu bekommen, sagte sie: Mensch du hast doch Glück, stell dir mal vor, wenn du bei uns (USA) in ein öffentliches Krankenhaus mußt, kannst du in der Notfallaufnahme 20 Stunden warten. Was meinst du was das für ein Abenteuer ist in New York ein Medikament aus der Apotheke holen zu wollen. Hier ist es dagegen so, wenn man/frau zum Arzt oder ins Krankenhaus muß, wird jede(r) kostenlos behandelt und es geht relativ zügig. Wenn mal Medikamente in einer Aoptheke nicht vorrätig sind, muß man/frau eventuell noch zu einer anderen, aber das ist eine Sache von ungefähr einer Stunde und nicht vergleichbar mit 20 Stunden in der Notaufnahme warten zu müssen."

Die Menschen hier sind nach wie vor nicht aggressiv oder neidisch, sie fühlen sich durch Ausländer nicht belästigt. Ich habe das Gefühl, daß ich den KubanerInnen sagen kann, daß ich hier im politischen Exil bin, ohne daß die Menschen Angst haben, ich würde ihnen etwas wegnehmen oder wegessen. Ich empfinde die Leute auf Kuba nach wie vor als sehr freundlich und freigiebig. Trotz der ganzen Kürzungen hat sich noch kein Neidgefühl breitgemacht, Türen und Fenster bleiben nachts immer noch unverschlossen und ich lebe nach wie vor sehr gerne und sehr entspannt auf Kuba.

Nun aber noch einmal auf die Frauenfrage zurück. Die Frauen haben ohne Zweifel große Fortschritte gemacht, besonders was die Arbeit angeht. Heute arbeiten in fast allen Bereichen Frauen und sie arbeiten sichtbarer und effizienter als Männer: An den Universitäten z.B. wurden die Levels gesenkt, damit die männlichen Studenten die gleichen Chancen haben, weil sich erwiesen hat daß Frauen die besseren arbeiten schreiben und in Streßsituationen präsenter sind. Die kubanische Regierung hat viel unternommen um gleiche Bedingungen für beide Geschlechter zu schaffen. So sagt sie, Frauen die arbeiten, ganz Grundlegende Unterstützung zu, z.B. Kindergartenplätze und Hilfe bei der Bewältigung entstehender Probleme, was jedoch an Grenzen stößt, Kuba ist nach wie vor ein extrem machistisches Land, ja sogar "das Land des Machismo" schlechthin.

Im täglichen Leben ist die Teilung von Verantwortung im häuslichen Bereich und in der Kindererziehung jedoch blanke Theorie. Die Männer sind immer noch lange nicht in der Verantwortung, die als wünschenswert vorausgesetzt wird und im Parteiprogramm verankert ist.

Meiner Meinung nach ist die männliche Beteiligung in diesen Bereichen bisher das absolute Minimum, obwohl die Teilung dieser Bereiche im sogenannten Revolutionsgesetz durch das sogenannte Familiengesetz genau geregelt ist und Frauen und Männern gleiche Rechte zusichert bzw. abverlangt. Bis heute jedoch existiert diese Regelung mehr auf dem Papier statt im Alltag und nach wie vor gibt es erhebliche Vorurteile Frauen gegenüber; die zwar verbal nicht geäußert werden aber ganz besonders im Arbeitsbereich zutage treten.

In einer Rede auf dem 3. Parteitag hat Fidel ausdrücklich betont, wie wichtig es sei, daß der Anteil der Frauen und auch der Farbigen an der tatsächlichen Bevölkerung genauer repräsentiert werde, sowohl in der Arbeitswelt als auch im öffentlichen Leben. Das heißt auch in der politischen Führung oder in der Führung von Betrieben müßten sich die tatsächlichen Zahlenverhältnisse dieser Bevölkerungsgruppen prozentual genauer widerspiegeln.

Die Fortschritte in diesem Bereich sind sehr langsam und noch lange sind die Ansprüche nicht Wirklichkeit und die Idee des Machismo ist nach wie vor sehr aktiv und lebendig.

Was ist das Verhältnis unter den Frauen? Gibt es solidarische Frauenfreundschaften oder ist die Familienidee nach wie vor vorherrschend? Gibt es eine Frauenbewegung wie in den USA?

Das Familienleben steht natürlich unbestritten an erster Stelle, ebenso wie der Familiencodex z.T. Ziemlich streng ist, Gleichzeitig gibt es aber eine große Solidarität zwischen den Frauen, eine praktische Freundschaft in vielen kleinen Alltagsdingen. So ist z.B. selbstverständlich, daß die direkten Nachbarinnen an meine Tür klopfen und Bescheid sagen, wenn plötzlich Kartoffeln auf dem Markt sind. Wenn es nach langer Zeit wieder Tomaten gibt, bringt garantiert eine Tomaten für die andere mit. Sie geht davon aus daß man sie bestimmt gerne haben möchte und diese Tomaten werden dann auch nicht weiterverkauft, sondern gerne gegeben. Braucht jemand Gas, bringt jemand es mit.

Ich meine dies ist eine solide Solidarität, die zwischen den Frauen zu Hause und am Arbeitsplatz besteht. Das Bewußtsein über Frauenfragen ist in Kuba nicht so groß wie in den USA (über die BRD weiß ich nichts). Es gibt keine große, vor allem keine militante Frauenbewegung, wie es sie ja mittlerweile in fast allen industrialisierten Ländern gibt und ich bin anfangs in Kuba, regelrecht geschockt gewesen. Vor allem über den Stil der in der FMC (Cubanische Frauenorganisation) herrschte.

Die FMC ist in keiner Weise militant, sie ist sehr friedfertig und er große Unterschied zu der Frauenbewegung in den USA ist, daß die Frauen in den USA sehr viel direkter an den Kämpfen beteiligt sind, sie sind mehr Teil der gesamten politischen Auseinandersetzung und stärker verbunden mit dem Kampf um Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen.

Die geschieht aber auf eine sehr viel aggressivere Art, als das beim FMC der Fall ist. Der FMC geht sehr viel langsamer, sehr viel leiser vor; aber die Stoßrichtung scheint mir doch dieselbe. Innerhalb des FMC gab es z.B. eine Auseinandersetzung wegen einer in Kuba bestehenden Regelung nach der jede(r) der/die im Krankenhaus liegt, das Recht hat, eine Familienangehörige bei sich im Zimmer zu haben, die teilweise auch pflegerische Aufgaben übernehmen kann. Diese Aufgabe wird traditionsgemäß von Frauen der Familie übernommen. Einige Frauen im FMC habe sich dagegen gewehrt, daß das gleiche Recht auch von männlichen Familienangehörigen in Anspruch genommen werden kann, weil sie schlicht keine Männer in den Krankenzimmern haben wollten in denen jeweils 2-4 Kranke liegen. Viele Krankenhäuser haben diese Gleichbehandlungsentscheidung sowieso von sich aus boykottiert und nicht eingehalten.

Bei dieser Art Problemen darf nicht vergessen werden daß in Kuba, bevor große Schritte in Emanzipation gemacht wurden, erst einmal ganz andere Fragen zu klären waren.

So war es z.B. nötig, daß Männer erst einmal grundsätzlich verstehen und akzeptieren daß ihre oder überhaupt Frauen arbeiten gehen. Die Frauen mußten mit ganz anderen Bedingungen umgehen, bevor sie über wirkliche Gleichberechtigung reden konnten.

Die kubanischen Frauen haben diesen Prozess immer als "Stück-für-Stück-Prozess" bezeichnet, der sich dadurch natürlich grundsätzlich von dem unterscheidet, was in den westlichen kapitalistischen Ländern besteht.

Ich würde s so bezeichnen, daß dort eine weibliche Arbeitsmacht existiert die nicht durch eine Bewußtseinsbildung oder revolutionäre Ansprüche zustande gekommen ist, sondern ganz banal durch ökonomische Notwendigkeit.

Auf Kuba gibt es bisher keine Frauencafés und lesbische Organisationen oder diese ganzen Kategorien, die im kapitalistischen Westen einigermaßen akzeptiert sind. Für Kuba selbst gibt es in dieser Frage nur den "step by step – bit by bit – Kurs" und keinesfalls diesen "Crash"Kurs wie in den kapitalistischen Ländern, wo er auch unter dort herrschenden Bedingungen zwangsläufig ist.

Wenn ich mich an Straßenkämpfe im Zusammenhang mit der Verschärfung der Abtreibungsgesetze in den USA erinnere, so ist dies für Kuba undenkbar, weil es hier einfach nicht solche restriktiven Abtreibungsgesetze gibt. Die Grundbedeutung und die Notwendigkeit eines solchen Kampfes sind verschieden. Im Grunde genommen ist die Gleichbehandlung der Frauen auf Kuba einigermaßen gesichert, es gibt wirklich nicht diese gravierenden Unterschiede im öffentlichen Leben und im Arbeitsbereich, selbst wenn es zugegebenermaßen im häuslichen Bereich noch starken Sexismus, Rollenverteilung und Machismo gibt.

Die Entwicklung hier ist noch nicht so, wie sie sein sollte und es ist nach wie vor sehr schwierig, diesen Privatbereich in den Griff zu bekommen.

Kannst Du uns darstellen, ob es Deiner Meinung nach auf Kuba Rassismus gibt und wenn in welcher Form er auftritt und ob es Zeichen einer farbigen Selbstorganisation gibt?

Ich meine, es ist Romantismus zu glauben, daß innerhalb von dreißig Jahren Kampf ein Staat, der auf dem Sklavenhaltersystem begründet und aufgebaut war, den Rassismus beseitigt haben könnte.

Genauso romantisch ist es zu glauben, daß Rassismus innerhalb von 30 Jahren beseitigt sei oder Klassenzugehörigkeit bzw. Klassendenken.

Dieses Klassendenken ist nach wie vor vorhanden, ein Bewußtsein und Auftreten, das schlichtweg als bourgeois zu bezeichnen ist. Es ist einfach unrealistisch zu glauben, daß sich so etwas grundlegendes wie Rassismus oder Klassendenken schnell beseitigen läßt, sowie Ideen überhaupt sich nicht über Nacht ausradieren lassen. Gerade der Rassismus, der auf Kuba eine lange, lange Tradition hat, würde ganz bestimmt nicht von einem auf den anderen Moment verschwinden, das sind meine Erfahrungen. Andererseits meine ich, daß der Rassismus von Regierungsseite ganz klar bekämpft wird. Daß die Regierung zu diesem Thema sehr klar Position bezogen und sich verhalten hat. Nicht nur auf Kuba, sondern weltweit z.B. in den afrikanischen Staaten (Mosambik).

Es gibt aber trotzdem auf Kuba noch einige Angewohnheiten, die geändert werden müßten. Das Bewußtsein für Rassismus müßte noch seht viel größer werden. Ich meine aber auch, daß dies geschieht. Ich habe im Juni an einer Konferenz auf Kuba teilgenommen, deren Thema Rasse – Klasse und Geschlecht war und das hierin beeindruckendste, fand ich, war, wie wenig defensiv die RednerInnen an das Thema herangingen, ganz anders als es sonst bei RednerInnen aus sozialistischen Ländern der Fall ist. Es wird ja häufig von sozialistischen Ländern auf internationalen Kongressen der Versuch gemacht über den Anspruch, den diese Länder zu bestimmten Themen formulieren tatsächlich existierende Probleme in genau diesen Bereichen unter den Teppich zu kehren. D.h. über eine verbale öffentliche Verurteilung von z.b. Sexismus, Rassismus usw. und den Hinweis darauf, daß dagegen gekämpft wird, die im Land doch tatsächlich auftretenden Probleme zu verbergen und so Schönfärberei zu betreiben, die beste Seite nach vorn kehren und die schmutzige Unterwäsche verbergen. Ich sehe aber die Tendenz, daß dies in Kuba allmählich aufhört und die Diskussion ehrlicher wird. Die Menschen sind wesentlich bereiter über Rasse und Rassismus zu reden und sich auseinanderzusetzen. Man muß aber auch sehen, daß Rassismus der auf Kuba zu Tage tritt, nicht der Rassismus ist, den man/frau gemeinhin unter Rassismus versteht.

Es ist bis heute so, daß es keine rassistischen Organisationen gibt, kein Ku Klux Klan, keine Rassenunruhen auf der Straße und ich habe den Eindruck, daß die KubanerInnen generell bereiter sind mit den auftretenden Problemen ehrlicher umzugehen, sie genauer zu untersuchen und zu hinterfragen woher dieses Verhalten kommt. Zum einen ist so etwas durch die weiße Dominanz begründet zum anderen auf einen Eurozentrismus, über den die Menschen in Kuba viel reden, vor allem dort wo er sich auf den Marxismus-Leninismus bezieht oder auf ästhetische Werte oder kulturelle Eigenarten.

Raúl Castro hat auf einem Treffen, daß zum 4. Parteitag aufrief, noch einmal eine ganz eindeutige Rede gehalten, die speziell auf die Notwendigkeit einging, sich stärker als bisher gegen Rassismus in allen Formen einzusetzen, egal wie festgesetzt er wäre. Er hat sich in dieser Rede ganz speziell auf Farbige und Frauen bezogen und noch einmal betont, daß jede Form von rassistischen Vorurteilen absolut zu bekämpfen ist. Diese Haltung schlägt sich auch im Parteiprogramm nieder.

Die neue Offenheit, die ich beobachtet habe, bezieht sich nicht so sehr auf die Kubaner der Straße, dort wurde seit jeher offen über alles geredet, sondern mehr auf die Parteispitze, in Führungspositionen, Leute mit organisatorischen Aufgaben. Besonders möchte ich noch einmal betonen, daß es sich hierbei nicht um eine interne Offenheit handelt, sondern daß sich diese neue Ehrlichkeit auch in internationalen Zusammenhängen niederschlägt.

Eine Änderung des Stils ist aber auch nötig gewesen. Bisher hat es bei allen offiziellen Stellungnahmen immer nur ein generelles Lob für die Kubanische Sache gegeben, ohne jegliche kritische Durchleuchtung. Jetzt ist also in der Parteiführung und auf der Straße ein Konsens und ein Bedürfnis nach einer grundlegenden Stiländerung da, weil es mittlerweile allen klar sein müßte, daß der bisherige Stil der sozialistischen Bewegung überhaupt nicht gut getan hat. Bisher befanden wir uns in einem Verteidigungsstil, in dem Sinne, daß aus einer defensiven Position heraus ständig der Versuch gemacht wurde, alles in den Himmel zu loben. Dies ist ein grundsätzlicher Stil von kommunistischen Regierungen, die an der Macht sind und von Linksparteien generell.

Egal wie schwierig ein neuer Weg der Auseinandersetzung auch ist, so wird er sich auf lange Sicht wahrscheinlich als die bessere Lösung erweisen und um einiges hilfreicher sein, als das alte Führungsgelaber, das bisher vorherrschte.

Aber zurück zur Rassismusfrage; einige Freunde von mir und ich meinen, daß dieses Problem eine weitaus größere Aufmerksamkeit braucht als bisher: Kommen wir noch einmal auf den Begriff des Eurozentrismus zurück. Bisher sind die Prämissen mit denen gearbeitet wurde eurozentristische gewesen, d.h. Aufgebaut und angelehnt an europäische Bedingungen und Vorgaben. In vielen Fällen ist es nicht so gewesen, daß falsche Ideen korrigiert wurden, wie es der Marxismus-Leninismus sehr wohl getan hat, z.B. die Unterschiede zwischen Europa und Afrika genauer zu untersuchen, sondern man/frau hat jahrelang versucht die Differenzen auf ein Minimum zu drücken und so zu tun, als ob alles gleich wäre und so versucht das europäische historische Modell auf den Rest der Welt zu übertragen. Dies sei verbunden mit einem europäischen Weg des Denkens und der Tendenz, dabei immer europäische Denker, Helden und Führer zu bevorzugen und so fast vergessen, daß es diese Leute sehr wohl auch in Afrika Asien und Lateinamerika gab und gibt.

Es gibt aber eine Tendenz, daß sich die Leute wieder mehr mit diesen Ländern beschäftigen, ihre Geschichte studieren und dabei realisieren daß es auch dort sehr wohl denkende Menschen gibt. Sie haben nicht nur große Beiträge zum revolutionären Kampf geleistet, sondern auch in intellektueller Hinsicht, also in Bezug auf und als Hilfe zur weltweiten revolutionären Wissenschaft. Diese Tatsache wird bisher weitgehend ignoriert und heruntergespielt.

Es ist sogar so, daß in Büchern der UdSSR sowie aus anderen sozialistischen Ländern die intellektuelle Schaffenskraft aus der 3. Welt so behandelt wird, als sei sie gleich Null.

Man/Frau kann selbst in sowjetischen Lexika des Progress Verlages, egal ob es das politische, philosophische oder wissenschaftliche ist, die Namen der dort erwähnten Leute aus der 3. Welt regelrecht suchen, ihr Anteil ist dort kaum existent. Diese europäische Bevorzugung ist wirklich überwältigend, so steht z.b. in einem philosophischen Lexikon zwar Herber Marcuse drin, Mao Tse Tung wird dort aber völlig ausgelassen. Wie so etwas im 20. Jahrhundert noch möglich ist, ist mir unbegreiflich. Gleichzeitig treffe ich aber so viele -weiße- Menschen, die sagen: naja wir sind nun einmal an die Spitze gekommen.

Sie sind nicht bereit, die Geschichte nocheinmal zu rekapitulieren, obwohl es ja nun keineswegs so ist, daß der Großteil der Geschichte in Europa stattgefunden hat. Ein ganzer Teil davon hat parallel dazu in Afrika, Lateinamerika und Asien stattgefunden und dem soll doch endlich mal Rechnung getragen werden. Diese Geschichte muß studiert und die jetzige Philosophie angezweifelt werden. Da gibt es ein Buch aus der UdSSR das im letzten Jahr in englischer Sprache veröffentlicht wurde und das Mittelalter behandelt. In diesem Buch taucht Afrika nicht einmal auf. Es hat, folgt man/frau der sowjetischen Geschichtsschreibung während des gesamten Mittelalters kein Afrika gegeben. Wie kann man/frau so etwas machen.

Die Menschen in der 3. Welt denken, daß ein Zusammenhang, eine Verbindung zwischen Eurozentrismus und Rassismus besteht. Gerade dadurch, daß in den heutigen Medien Länder wie die USA, Frankreich und Großbritannien die dominierende Rolle spielen und die Masse dieser Medien beherrschen, festigt sich erneut eine Vormachtstellung der weißen Länder.

Millionen Menschen aus der 3. Welt beziehen ihren Geschichtsunterricht aus US-Filmen, die eine völlig phantastische Geschichtsschreibung haben, aufgebaut auf Lügen. Egal, ob es Afrika betrifft oder die Farbigen in den USA, die Geschichte ist so gestaltet worden, um ein internationales imperialistisches System aufrechtzuerhalten. Um die rassistische ideologische Anmaßung zu wahren, die der Leim, die Grundlage ist, um die imperialistische Ausbeutung der 3. Welt zu rechtfertigen. Es gibt eine Masse Energie in diesem sogenannten 3. Teil der Welt, die meint, daß die Menschen anfangen müssen, dieser wachsenden imperialistischen Bewegung, dieser fiktiven High Tech Ideologie, etwas entgegenzusetzen, es eine 3. Welt Bewegung geben müßte, die die ideologische Kraft von Menschen aus der 3. Welt (an)erkennt und sich mit Fragen wie Internationalismus und Nationalismus beschäftigt, ohne den Nationalismus zu verleugnen und dies als zwei Teile eines Ganzen betrachtet.

Gibt es auf Kuba Überlegungen zu einer Schwarzen Bewegung gegen Rassismus?

Ich glaube nicht. Die meisten KubanerInnen mit denen ich gesprochen habe oder die zu diesem Thema sprechen, sind der Auffassung, daß Rassismus eine Sache ist mit der weiße und farbige KubanerInnen umgehen müssen. Die Geschichte Kubas ist so, daß Weiße und Farbige gemeinsam kämpfen und daher plädieren die meisten dafür, auf Partei oder Gewerkschaftsebene oder mit der Frauenorganisation hierfür zu kämpfen. Der Kampf jedoch keine separate farbige Bewegung haben soll.

Einige Dinge, die ich gemacht habe, haben zum Ziel gehabt, das Bewußtsein der KubanerInnen über Rassismus zu erweitern. Es gab z.B. 1991 eine Konferenz zu Malcolm X in Havanna an der Leute aus der Schwarzen Befreiungsbewegung in den USA und KubanerInnen teilnahmen. Dort ging es um den Einfluß von Malcolm X und um die Notwendigkeit den Rassismus als Phänomen zu untersuchen, sowie diese Untersuchungen zu vertiefen und auszuweiten.

Aber noch mal zurück zum Rassismus. Meiner Ansicht nach gibt es aus der Sicht der KubanerInnen keinen institutionalisierten Rassismus in Kuba. Es gibt auch keine rassistischen Organisationen oder offen rassistisches Handeln. Aber im Bewußtsein muß sich noch vieles ändern. Dort hat es noch keinen Fortschritt nach vorn gegeben. Früher dachten die Leute, daß mit einer Gesetzesänderung alles getan ist. Heute wissen sie, daß das nicht genug ist, sondern daß sich etwas in ihrem Bewußtsein ändern muß.

Ich bin in der Rassismusfrage absolut radikal, sozusagen eine Hardleinerin die sich nie zufrieden gibt. Es ist ein langer mühsamer Weg.

Ich komme ja aus den USA und das ist ein rassistisches Land. Ich kann die Situation und die Lösungsmöglichkeiten, die ich sehe, nicht auf Kuba übertragen. Die Geschichte Kubas und der USA unterscheiden sich. Es gab kaum Farbige, die Eigentum hatten oder kleine Geschäfte und es gab kaum Student/inn/en. Diese Situation hat die Revolution vorgefunden. Inzwischen gibt es viel mehr Farbige Universitätsabsolvent/inn/en, viel mehr Farbige in höheren Positionen des zivilen und militärischen Lebens, überall, aber dennoch eben nicht genug. Es muß da noch viel mehr getan werden und dann ist da noch die Frage des "black pride". Es müßte stärkere Impulse geben um den Rassismus zu zerstören. Die Initiative dazu muß von den Farbigen kommen die hier Leben.

Denn die Avantgarde im Kampf gegen den Rassismus müssen seine Opfer sein, genauso wie die Avantgarde im Kampf gegen den Sexismus, die Frauen sein müssen.

Je klarer den Farbigen ist, wie der Rassismus zerstört werden kann, desto schneller wird das auch passieren. Die ersten Jahre nach der Revolution brachte für die Farbigen eine Vielzahl von Verbesserungen, so daß viele von ihnen schon dachten der Rassismus sei abgeschafft.

Als 1959 die kubanische Revolution siegte, gab es die Black-Power-Bewegung in der Karibik, den USA und Afrika noch nicht. Sie entstand erst in den 60er Jahren. Die Farbigen in Kuba profitierten von dem neuen Gedankengut und den Veröffentlichungen, die Ausdruck der Bewegung waren, kaum. Erst jetzt, zum Teil wegen der Beziehungen zu Angola, etnsteht bei vielen farbrigen KubanerInnen ein neues Bewußtsein, der Gedanke "black is beautiful". Dieser Prozeß ist im Moment in Gang.

Wenn man/frau über die politische Realität Kubas redet und über kubanische Problemlösungen, muß bedacht werden, daß Kuba augenblicklich von allen Seiten angegriffen wird. Bei der Lösung von Konflikten legen die KubanerInnen großen Wert auf Einigkeit, auf eine gemeinsame Lösung. Ich glaube, das ist für sie ihre größte Stärke. Es gibt natürlich viele Probleme in dieser Gesellschaft. Es fehlt an sehr Vielem. Auch wenn du Erklärungen dafür hast ist der Mangel dadurch ja noch nicht behoben.

Natürlich gibt es Korruption und das ist ein Kernproblem, wenn man/frau eine ausbeutungsfreie Gesellschaft aufbauen will. Die Gesellschaften der sozialistischen Länder waren durchsetzt von extremer Korruption. Aus vielen Gründen nicht nur wegen der Warenknappheit haben viele Leute an der Korruption teilgehabt. Auch in Kuba gibt es Korruption und wer die Korruption will, der findet auch gute Möglichkeiten. Es gibt Leute, die die "periodo especial" zu ihrem eigenen Vorteil nutzen wollen: z.b. arbeitet jemand in einer Seifenfabrik, er sieht, daß Seife knapp ist und um Geld zu machen schafft er von 4 produzierten Stücken 2 auf die Seite. Die verkauft er dann statt für 20 Centavos für 20 Pesos.

Diese kapitalistische Mentalität, die an Profit und Korruption orientiert ist gibt es auch im Sozialismus noch. Ein Problem der sozialistischen Staaten in den letzten Jahren war das Überhandnehmen dieser profitorientierten, eigennützigen Mentalität.

Wer eine sozialistische Gesellschaftsordnung will, muß meiner Meinung nach die Mechanismen des Sozialismus neu überdenken, um die Korruption möglichst begrenzt zu halten. Ich denke, daß diese kleine Geschäftemacherei für diejenigen, die diese Mentalität haben ein Ventil ist um bestimmte Konsumbedürfnisse zu befriedigen.

Frage zur Drogenproblematik auf Kuba?

Das Drogenproblem ist auf Kuba nach meinem Eindruck sehr gering. In meiner Nachbarschaft gibt es z.B. nicht so etwas wie in New York, wo du an jeder Ecke Leute siehst die auf Droge sind und du die Drogenproblematik auf Schritt und Tritt mitbekommst. Ich bin damit aufgewachsen. Fast alle meine FreundInnen rauchen Marihuana. Wenn ich das in Kuba erzähle sind alle ganz schockiert.

Der Drogenkonsum ist hier meine Einschätzung nach minimal. Vielleicht ist das zynisch, aber ich glaube, daß die Drogenangebote an Touristen auf der Straße meist fingiert sind. Die Leute wollen nur das Geld und abhauen. Vielleicht irre ich mich auch, zumindest was Kokain angeht glaube ich läuft da nicht viel.

Meine Tochter ist 17, ich habe gerade diesen Sommer mit ihr darüber gesprochen, als sie hier war. Sie hat mir von den sogenannten "Freakiers" erzählt. Ihrer Meinung nach beschränkt sich der Drogenkonsum auf Alkohol und Tablettenmixturen. Sie ist keineswegs naiv, sie hat etliche jahre hier gelebt und hat Freunde hier. Hauptsächlich handelt es sich wohl um Mixturen aus Alkohol, Betäubungsmitteln und Schlaftabletten. Das ist auch mein Eindruck. Das kann sich natürlich im Laufe der Zeit verändert haben, aber ich denke so etwa sieht der Drogenkonsum in Kuba aus.

Der Zusammenbruch der sozialistischen Länder hat Verwirrung und Enttäuschung bei den Leuten ausgelöst. 1959/60 wurde geträumt, daß 1990 99% der kubanischen Probleme gelöst seien. Viele Leute, nicht alle, stellen alles in Frage, was vorher Gültigkeit für sie hatte, den Sozialismus, wo die Fehler wo die Stärken liegen.

Aber ein klarer politischer Gedanke bei den KubanerInnen ist, daß sie keine Sklaven, kein Spielball der US-Regierung sein wollen. Die Leute hier haben eine sehr klare, antiimperialistische Haltung.

Natürlich üben viele Leute Kritik und es gibt Probleme, doch man/frau ist sich darüber im klaren, daß eine Alternative zu dem, was hier heute Stand ist, genau durchdacht werden muß. Man/frau braucht nur nach Haiti, Jamaica, Panama oder Granada zu gucken. Die KubanerInnen wissen, was in der Welt so los ist, sie sind keineswegs naiv oder desinformiert, wie in anderen Ländern. Sie haben einen realistischeren Blick als die Menschen in den ehemals sozialistischen Ländern, die dachten mit Änderung des Systems würden sie schnell einen hohen Lebensstandard wie Schweden, die USA oder England erreichen. Ich denke die KubanerInnen machen sich keinerlei Illusionen.

Wie sind deine Kontakte in die USA, nimmst du noch in irgendeiner Art und Weise an den Geschehnissen dort teil?

Ich habe nicht sehr viel Besuch aus den USA, aber ich versuche über die Leute, die kommen am Ball zu bleiben. Hier besonders in Bezug auf die Afrikaner in den USA und was die sozialen Bewegungen angeht und ich versuche mir darüber klar zu werden, wie die objektiven Bedingungen in den USA sind.

Wie siehst du die Bedingungen in den USA?

Es gibt einen generellen Rechtsruck, die Linke befindet sich in einem Desaster und ist verwirrt. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Es gibt 3 5 Millionen Obdachlose und trotz aller Propaganda aus dem rechten Flügel, eine Gruppe Menschen, die nicht mehr glücklich ist mit dem wie es ist. Das sind nicht viele aber es gibt sie. Sie sind eine Minderheit und völlig desorganisiert und ungefähr 50 Jahre zurück, sie scheinen noch im Jahre 1917 zu leben und zu glauben, daß ein Flugblatt "Arbeiter der Welt vereinigt Euch", ausreicht um Leute zu organisieren. Viele Linke haben bisher weder Fernsehen, Video oder Radio für sich entdeckt.

So befinden wir uns in einer Situation, in der die Masse in der Realität lebt während die Linke die Geschehnisse von einem anderen Planeten aus zu analysieren scheint.

Der linke Teil des Black Liberation Movement ist ein bißchen organisierter, aber in dieser kompletten Verwirrung, die herrscht, muß es besser werden. Bessere Analysen müssen gemacht, bessere Organisations- und Mobilisierungsformen müssen gefunden werden, um zu überleben und endlich effizienter zu sein.

Ein Teil dessen, was passiert, kommt daher, daß unsere Bewegung seit Jahren aus verschiedenen Gründen stagniert, die zum Teil damit zu tun haben, daß versucht wurde, ein Modell der sowjetischen Realität in den USA aufzubauen, was natürlich verrückt ist.

Wie siehst du die Geschichte der Black Liberation Army (BLA)? Was war deine Situation in der Bewegung und was glaubst du woran ist sie gescheitert ist?

Ich bin in den 60er Jahren, die sehr wichtig waren und in denen in den USA sehr viel los war, politische Aktivistin geworden. Zuerst in der Bürgerrechtsbewegung, um die tatsächlich existierende Apartheid im Süden der USA zu beseitigen. Die Farbigen hier durften keine öffentlichen Räume betreten, nicht wählen, keine öffentlichen Ämter bekleiden, fast nirgends arbeiten. Es herrschte Apartheid.

Das Ziel der frühen Bürgerrechtsbewegung, die Situation, besonders im Süden zu beenden und als sich alles immer weiter nach Norden ausdehnte, bekam sie einen anderen Charakter und wurde zum Black Power Movement. Das BPM ging davon aus, daß Rassismus nicht nur im Süden existiert, sondern daß das gesamte amerikanische System rassistisch ist.

Die Situation in den Black Communities ist ständigem Terror ausgesetzt, nicht so sehr durch den Ku-Klux-Klan, als vielmehr durch eine rassistische Polizei. Das Leben der Farbigen wird durch und durch von den feindlich gesonnenen Institutionen gemaßregelt. In New York bin ich mit der Black Liberation Movement / BLM und der Anti-Kriegs-Bewegung in Berührung gekommen – es war die Zeit des Vietnamkrieges- , und viele Menschen waren der Meinung, dieser Krieg sei unmoralisch und dürfe nicht geführt werden.

Und während wir den Krieg beobachteten und ihn bekämpften, wurde vielen von uns klar was Imperialismus ist, Das war auch der Punkt, an dem ich endgültig ein Bewußtsein darüber entwickelte, das es Imperialismus gibt und was er ist.

Es gibt natürlich nicht nur einen Grund für das Scheitern der Black Panther Party / BPP. Ein wichtiger Punkt war die Repression durch die US-Regierung.

Hier hauptsächlich das COINTELPRO, das Counter Intelligence Program, das Ende der 60er Jahre speziell dazu eingeführt wurde, alle militanten Elemente des BLM zu zerstören und die BPP zum Hauptangriffsziel hatte. Leute aus allen Teilen des BLM wurden zu Unrecht vieler Verbrechen beschuldigt und ins Gefängnis geworfen. Einige wurden umgebracht, andere regelrecht verrückt gemacht, sie wurden als Agenten bezichtigt und Mißtrauen untereinander gesät. Das Ausmaß der Repression war sehr viel schlimmer, als wir erwartet hatten und ich glaube keine/r von uns war auf diese Härte und die Grenzen, die von staatlicher Seite aus dabei überschritten wurde, vorbereitet. Die Existenz des COINTELPRO wurde dann ja aufgedeckt und Punkt für Punkt veröffentlicht, so daß das ganze einen anderen Namen kriegen mußte. Das Programm an sich gibt es heute noch und ist ausgefeilt worden. Heute ist alles ein bißchen "legaler".

Die Repression war aber nur ein Teil. Ein anderer Punkt war die Unreife unserer Bewegung.

1965 haben die Menschen gerade angefangen zu kapieren, um was es beim Imperialismus geht. Es war so wahnsinnig viel los, es gab das Black Panther Movement ( BPM, das regelrecht explodierte. So wuchsen die Bewegungen, ohne eine genauere Strategie, eine Ideologie und eine Taktik zu haben.

Alles lief mehr über den Bauch, ohne direkte politische Linie.

Es kam eine Zeit in der die meisten militanten Sektoren des BLM übereinkamen, daß, wolle man/frau eine Art Sozialismus haben und solle die Bewegung erfolgreich sein, es nicht nur eine Rassen- sondern auch eine Klassenanalyse geben müsse. Die nationale Frage wurde eine der dringendsten Fragen, die sich unserer Bewegung stellte, also: wohin geht unsere Befreiung? Welche Form wird diese Befreiung haben? Sind wir eine Nation, sollen wir uns für unabhängig erklären? Sollen wir für eine eigene Nation oder für die Integrierung in einem sozialistischen Amerika kämpfen? Das war in den 70ern eine Schlüsselfrage.

So gab es damals eine Situation, in der jede linke afroamerikanische Gruppierung des Sozialismus, Marx, Engels, Mao usw. usf. Studierte, anstatt sich darüber bewußt zu werden, daß man/frau in einer bestimmten Phase unserer Geschichte angelangt war, in der gemeinschaftlich die Notwendigkeit erkannt würde, für den Sozialismus zu kämpfen. Und an Stelle eines vereinigenden Faktors wurde es ein trennender.

Es gab damals international ganz klar eine Trennung der Bewegungen. Der Maoismus war auf seinem Höhepunkt, die meisten kommunistischen Parteien hatten sich mitten durchgeteilt und die Situation in den USA war noch viel komplexer. Es gab fast 80 verschiedene Organisationen und alles was es damals gab, war noch x.mal gesplittert.

Und es gab diese neuen, farbigen Bewegungen, die sich überlegen welchen Weg man/frau in diesem ganzen Wahnsinn gehen sollte. So sind viele Gruppierungen aller möglichen Schattierungen in den 70er Jahre gegründet worden, weil man/frau nicht in der Lage war, die gemeinsamen, konkreten Punkte in den Vordergrund zu stellen und sich auf die Einigung der Bewegung zu konzentrieren.

Da kämpfte der Maoist gegen den Nationalrevolutionär, oder die Leute, die der sozialistische Linie folgten. Es war ein einziges Chaos. Dazu kam ein Problem, daß sich vielleicht 4-5 Jahre hinzog. Die Leute wurden dahingehend einer Gehirnwäsche unterzogen, daß sie dachten, tatsächlich würde alles doch schon viel besser laufen. In den frühen 70ern mußte die Regierung einige (soziale) Zugeständnisse machen und den Leuten einige Krumen hinschmeißen und so hatten viele den Eindruck, es habe sich etwas geändert. Es waren mehr Farbige im TV zu sehen, nicht als HauptdarstellerInnen, aber in Werbespots und in den wenigen Farbigen-Shows.

Diejenigen, die im Interesse der Menschen sprachen wurden ersetzt durch solche, die nur Chaos fabrizieren aber auf der Lohnliste der US-Regierung stehend, von dieser auch unterstützt und hofiert werden.

Ich glaube gerade in diesem Moment sind die Bedingungen für die afrikanischen Comunities wie für alle 3. Welt-Menschen in den USA besonders schlimm und die Bewegung spaltet sich immer mehr. Es gibt wohl Leute die kämpfen, aber ohne eine ideologische Richtung, die besser ist als die aus den 60er Jahren, werden wir nicht sehr weit kommen.

Ich denke also, daß eine Hauptursache unseres Kampfes im Moment die um einige ideologische Schlüsselfragen sein muß. Wir müssen mit unserer Realität umgehen, anstatt weiterhin Mustern zu folgen, die alle ein wenig futuristisch sind.

Gleichzeitig müssen wir die vorhandenen Möglichkeiten z.B. die Medien besser nutzen, müssen kreativer und lebendiger werden, anstatt die Leute so entsetzlich zu langweilen, bloß weil wir politisch sind. Wir haben kein Recht die Menschen im Namen der Politik und der Veränderung zu Tode zu langweilen. Wir müssen sensibler werden. Ich glaube nicht, daß wir die gesamte Menschheit zum Studium des "Kapitals" überreden und ihnen vormachen können, das würde nun den großen Umschwung bringen. Wir müssen realistischer, weniger elitär, humanistischer werden, und ganz bestimmt einen neuen Stil entwickeln, der sich weentlich deutlicher auf die 3. Welt bezieht.

Ich glaube heutzutage gibt es wieder mehr Menschen, die sich ihres kulturellen Ursprungs erinnern und damit politisch arbeiten. Es gibt ja z.B. diese Rap-Gruppen, die die Leute über ihre Stücke politisieren.

Das ist erst ein Anfang, aber wir müssen mehr darauf achten, daß die Ideologie der arbeitenden Menschen ihren Lebensstil widerspiegelt. Wenn ich mit jemandem reden will, dann muß ich seine/ihre Sprache sprechen, sonst ist das Respektlosigkeit.

Wie hat sich der Golfkrieg und der damit scheinbar verbundene Aufschwung der USA auf die Repression dort ausgewirkt?

Bei Kriegsausbruch gab es eine beträchtliche Widerstandsbewegung dagegen, natürlich hauptsächlich in den größeren Städten wie New York und San Francisco. In den kleineren Städten paßierte nicht viel. Die Qualität dieser Antikriegsbewegung war ziemlich schizophren. Einerseits erklärten die Leute, sie seien gegen den Krieg, andererseits waren sie für die US-Regierung, oder auch: sie sind dafür die Truppen zu unterstützen, aber nicht so lange sie im Irak sind. Es kam zu dem Punkt, wo die Demonstranten nicht mehr wußten wofür und wogegen sie waren. Und es wurde nie ganz klar, abgesehen von einigen wenigen Demonstrationen, daß es gegen den Imperialismus ging. Die ganze US-Propaganda hat meiner Meinung nach dazu geführt, daß sogar die am weitesten links stehenden Menschen sich nicht mehr getraut haben konsequent gegen den Krieg einzutreten. Die Lage wurde dadurch nicht gerade besser, daß die Situation im Irak und mit dem verrückten Führer dort so verworren war. Letztlich hat diese Konfusion sogar der US-Regierung in ihrer Argumentation geholfen.

Eine ganz klare Bemühung war es diesen Krieg, für ein Neuinstallation dieses rechten "RaRaRa"-Yankee Gefühls (I'm an american !!!) zu nutzen, das sich überall wieder breitmachte und durch die US-Propaganda natürlich heftig mitangefeuert wurde.

Aus den Medien bekam man/frau z.b. den Eindruck, daß das gesamte amerikanische Volk wieder die berühmten "yellow ribbens" (gelbe Bänder) um ihre Autos, Häuser, Bäume usw. binden würde. Die gelben Bänder symbolisieren seit langer Zeit ein Einverständnis mit der amerikanischen Kriegsbeteiligung und eine Unterstützung der US-Linie und der amerikanischen Truppen. Einem Freund ist es passiert, daß er abends nach Hause gekommen ist und so ein gelbes Band bei ihm im Baum vor dem Haus hing. Er hat es abgemacht und morgens hing es wie von Zauberhand ein Neues da. Er machts wieder ab und als er von der Arbeit kommt erwischt er jemanden der gerade ein drittes Band an seinen Baum hängt. Und er sagt: Stop, ich will so ein gelbes Band nicht. Aber der Mann im Baum sagt, das müßte sein und das hätte jeder. Der Freund besteht darauf, daß er so etwas in seinem Baum nicht haben will und das wäre seine Entscheidung. Woraufhin der andere erklärt, dieser Baum gehöre der ganzen Nachbarschaft und das Veteranenkomitee hätte nun mal beschlossen, daß die gelben Bänder überall hängen sollen und sie hätten sehr wohl das Recht, dies auch gegen jemandes Willen durchzusetzen.

Es ist fast zu einer Schlägerei gekommen und der Freund beschloß, es nicht wegen des Krieges zu einem Kampf kommen u lassen. So gab es eine Untersuchung in der Nachbarschaft, während der festgestellt wurde, daß dieser Baum sehr wohl der Nachbarschaft gehöre, und daß diese daher auch das Recht hätte überall yellow ribbons aufzuhängen …

Es ist also zu wirklich krankhaften Auswüchsen gekommen und derartiges ist natürlich nicht nur in diesem einen Fall passiert. Aber es wurde immer so getan, daß alle, aber wirklich alle Amerikaner diese gelben Bänder heraushängen würden.

Insgesamt hatte die US-Regierung während des Krieges wieder einmal die Gelegenheit, sich der Weltöffentlichkeit als internationale Polizei zu präsentieren, und mit einem echten Kriegsgewinn dazu. Sie standen als Gewinner da mit Hilfe ihrer Kriegsmaschinerie und ihrer High-Tech-Waffen.

Die Linke hat damals gelitten und leidet noch heute. Der Krieg war nicht so lang. Die Medien haben es geschafft, einen Krieg zu zelebrieren in dem nach Schätzungen ca. 100.000 Menschen umgebracht worden sind. Und es ist nicht gelungen, einen echten Aufruhr gegen die offen stattfindende Gewalt auszulösen. Es ist noch nicht einmal ein ernsthafter Präzedenzfall für zukünftige US-Aktivitäten geschaffen worden. Es gibt doch ein erschreckendes Bild davon, wie desensibilisiert wir schon alle gegenüber Gewalt sind und uns sogar damit abspeisen lassen, daß die Regierung bisher keine genauen Zahlen nennen mußte, sondern sich hinter langen Erfolgsmeldungen verschanzen konnte. In diesen Zeiten der Yankee- und Europaeuphorie ist die Frage der 3. Welt in Vergessenheit geraten.

Der Rassismus ist soweit institutionalisiert, daß Menschen es mittlerweile akzeptieren, daß 3. Welt Bewohner wie die Fliegen sterben und unerwähnt bleiben, wie in der Kriegsberichterstattung geschehen.

Europäische ArbeiterInnen tragen eine Mitschuld an der Ausbeutung der 3. Welt, in dem sie zunehmend die Privilegien der reichen Klasse auch für sich fordern, ohne dabei zu berücksichtigen, woher der Reichtum genau kommt; nämlich aus Staaten, die dafür bis heute rücksichtslos ausgeraubt werden.

Im Osten Deutschlands stellen die Menschen diese Ansprüche auch. Sie wollen leben wie die Westdeutschen, ohne zu berücksichtigen, worauf deren Reichtum beruht. Die Menschen sind so desensibilisiert, daß sie nicht mehr merken, daß der ganze Luxus auf dem elend vieler Staaten aufgebaut ist, wo es an Essen, an Ärzten, an Schulen, an Jobs und allem fehlt. Die USA, BRD, England, Frankreich usw. feiern demokratische Siege, ohne jemals zu erwähnen, daß die Demokratien von denen sie reden nicht das Recht auf all das enthalten, was den Menschen fehlt. Die Demokratien die jetzt z.B. in Lateinamerika gefeiert werden sind nichts anderes als Kosmetik, die Menschen haben genauso wenig Rechte wie vorher.

Wir haben eine Situation, in der z.B. Freiheit für Ungarn sich so auswirkte, daß sofort Beziehungen zu Südafrika aufgenommen wurden. Da fragt man/frau sich doch, was für ein Bewußtsein solche Menschen haben. Die selbe undifferenzierte Haltung menschlichen Leidens gegenüber kann man/frau z.B. in den USA sehen.

Es gibt mehr Menschen in den USA, die sich um den Fortbestand des Nashorns in Afrika kümmern, als es Farbige in den USA gibt. Das kommt daher, daß der Humanismus bis zu einem gewissen Grad immer vom politischen Kampf getrennt wurde, in dem Sinne, daß z.b. die Leute die meinetwegen für Sri Lanka, Lateinamerika, Afrika oder sonstwo gesammelt haben, fast nur noch aus rechten oder kirchlichen Kreisen kamen, aber nicht oder kaum von Links.

Das wurde meistens bürgerlich-liberalen Organisationen überlassen. Und jetzt gehen die Hühner nach Hause, um sich alle wieder auf der Stange niederzulassen, weil diese Organisationen gerade erklärt haben, daß es unmodern geworden sei sein/ihr Geld der 3. Welt zu geben. Dieses Jahr haben gerade die Kurden es mal geschafft, ein bißchen von dem wenigen zu ergattern, das noch gespendet wird. Von Jahr zu Jahr wird das Spendenaufkommen geringer, obwohl es nach wie vor in vielen Ländern Probleme wie Hunger, Cholera usw. usf. gibt.

In Brasilien läuft mittlerweile Polizei herum und ermordet Obdachlose und vor allem Kinder, deretwegen niemand irgendwo protestiert. Dies ist angeblich eine Demokratie. Das ist aber eine, wie in den meisten 3-Welt-Ländern, die nach langen Jahren der Diktatur; noch weitgehend vom Militär beeinflußt ist. Verbunden damit ist, daß den Staatsorganen eine fast grenzenlose Handlungsfreiheit zugestanden wird, aus angst man/frau könne sonst, angesichts der vielen ungelösten Probleme in diesen Ländern, wieder in eine offene Militärdiktatur zurückfallen. In der westlichen Welt hat sich eine Form der Demokratie entwickelt, wo es nur noch darum geht, wer den besten Werbespot macht, wer das meiste Geld für eine Kampagne (Wahlkampagne) gibt. Es wird also auch ein Riesengeschäft mit der Scheindemokratie gemacht, wobei die armen Leute so gut wie keine Chance haben, ihre Interessenvertretung zu bekommen. Diese Ausgrenzung geht quasi bis zur Gehirnwäsche, wobei die Uniformiertheit über das Vorenthalten von Informationen, über internationale Vorgänge dazu führt, daß diese Menschen nicht in der Lage sind, diese Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Da die Welt also in einem ziemlich fertigen Zustand ist, ist es für keinen revolutionären Prozeß mehr genug einfach nur zu "gelingen".

In den 60er Jahren dachten ja einige Leute, daß nach mehreren solchen Erfolgen wie die Anti-Vietnam-Bewegung sich die Revolution wie ein Steppenbrand ausbreiten würde. Aber einer der Fehler, die damals gemacht wurden, war die Unterschätzung des imperialistischen Systems, seine Macht und seinen Einfluß weltweit.

Ein Ergebnis des Golfkrieges, das zwar nicht lauf formuliert, aber in den Köpfen der Menschen festgesetzt ist, ist daß die großen, die mächtigen Staaten ein Recht auf militärische Intervention haben. Kleine, arme Staaten aber nicht. Als die UdSSR in Litauen einmarschiert ist, konnte Bush nichts dagegen sagen. Nicht weil es keine ideologischen Differenzen gegeben hätte, sondern weil es in den neuen Rahmen passte. Die USA haben nicht an einem einzigen Punkt protestiert. Nun wo sich immer klarer herausstellt, daß die UdSSR nicht länger die große ideologische Bedrohung ist, lautet die gemeinsame Richtung "Wir gegen die 3. Welt". Es wird ein neues Gesetz geschrieben, daß den Großmächten alle Möglichkeiten und Rechte (wie internationaler Gerichtshof, Vetos in der UNO-Vollversammlung usw.) zugesteht und den kleinen Ländern nichts mehr.

Der Imperialismus hat in meinen Augen eine neue Ebene erreicht. Ich denke, uns allen würde eine neue Analyse gut tun. Lenin hat zu seinen Lebzeiten eine sehr gute Analyse für ein aufsteigendes System erstellt, aber jetzt haben wir Umstände und Widersprüche auf einem ganz anderen Level und die von uns, die die Welt gerne ändern möchten, müssen eine tiefgreifende Analyse des Begriffs Imperialismus und was die "arbeitende Klasse" ist, machen. Früher waren wir mit dem Begriff ArbeiterIn sehr großzügig ein(e) ArbeiterIn war ein(e) ArbeiterIn. Aber eine weiße ArbeiterIn in Südafrika ist natürlich etwas anderes als eine farbige ArbeiterIn.

Das sind zwei verschiedene ArbeiterInnen. Ein(e) europäische ist eine andere als in Bangladesh, Bolivien oder El Salvador.

Es ist fast schon unmoralisch zu sagen man/frau kämpfe für die Rechte der ArbeiterInnen, ohne die Situation in der Welt und die Unterschiede innerhalb dieser Klasse zu beherzigen.

Was aktuell passiert muß viel genauer untersucht werden. Und es müssen viel mehr klare Positionen gegen die heute stattfindende Ausbeutung bezogen werden. Wer heute AntiimperialistIn sein will, muß sich damit beschäftigen was in der Welt vor sich geht. Das untersuchen und eindeutigere Aussagen zu der herrschenden Ausbeutung machen. Ich denke einer der Gründe, daß in so vielen osteuropäischen Staaten, neben ewigen Widersprüchen, Korruption und Repression, dieser ideologische Bankrott zustande kommen konnte, war, daß das Bewußtsein der Menschen zwar mit der Zeit durch und durch antiimperialistisch geworden war, es gab Schulungen und Studiengänge, aber es fehlte ein aktives Leben dieser haltung, ein Wissen über Antiimperialismus und es gab keinen wie auch immer gearteten Aufruhr darüber, daß Menschen verhungerten. Das hat dazu geführt, daß es eine neue Form von ArbeiterInnen gab, die sich immer nur als Opfer sahen: aller westlichen Errungenschaften wie Jeans beraubt und Opfer eines durch und durch korrupten und in vielen Teilen repressiven Staates. Eines der Schlüsseldinge, die man/frau im Moment bei der Veränderung in Beziehung auf Rassismus, und dieser Kampf tobt ja in allen diesen Ländern, beobachten kann, ist das Fehlen jeder Betroffenheit für Menschen, die unter schlechten Bedingungen leben müssen.

Assata Shakur:
Interview in Havanna, Cuba

Hrsg. Von Teilnehmerinnen der Brigade José Martí
1.-3- Tsd. Bremen, Agipa-Press, 1992
ISBN 3-926529-o7-5