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Washingtons Geheimoperation »ZunZuneo«

Ein Twitter-ähnliches Netzwerk sollte den Regimewechsel auf Kuba befördern.

Junge Kubaner waren von 2009 bis 2012 Zielscheibe einer USA-Geheimoperation zur Destabilisierung des Inselstaates.

Es sollte eine Entwicklung der besonderen Art werden: Junge Kubaner sollten über den Twitter-ähnlichen Dienst »ZunZuneo« zu Massenprotesten im Stil des »Arabischen Frühlings« angeregt werden. Anfang April bestätigte das Weiße Haus, dass die Entwicklungsbehörde USAID hinter dem sozialen Netzwerk stand, bei dem sich 40 000 Kubaner registriert hatten. Weil die Mittel versiegten, wurde der Dienst vor zwei Jahren aber wieder eingestellt. »ZunZuneo«, benannt nach dem Geräusch, das die »zunzune« (Kolibris) mit ihren Flügelschlägen verursachen, war eine Plattform zum Austausch kurzer Textnachrichten. Sie machte sich das Bedürfnis junger Kubaner nach einem Zugang zum Internet zunutze.

Junge Leute mögen es nicht besonders, wenn sie zur Teilnahme an den Kundgebungen zum 1. Mai oder an anderen Demonstrationen aufgefordert werden«, erläuterte der 29-jährige kubanische Journalist Antonio Rodríguez, der in die USA ausgewandert ist. Das habe aber nicht nur mit der Abneigung zu tun, sich von anderen Vorschriften machen zu lassen, sondern auch mit dem täglichen Überlebenskampf.

Wie der 32-jährige Miguel Castro berichtete, der sich als Selbstständiger durchschlägt, sind Kubaner im Alter von 25 Jahren Kinder der Wirtschaftskrise, die durch den Zusammenbruch des wichtigsten kubanischen Handelspartners, der Sowjetunion, 1991 ausgelöst wurde. »Diese jungen Leute unterscheiden sich von der Generation, die die Revolution von 1959 miterlebte. Sie haben nicht die Erfahrung gemacht, dass sich die Regierung auf ihre Realitäten und Bedürfnisse einstellt.«

Aus einer Untersuchung des Zentrums für psychologische und soziologische Forschung geht hervor, dass für Universitätsstudenten sozio-politische Fragen nach wie vor eine große Rolle spielen. Doch Kubanern mit einem geringeren Bildungsstand sei eine politische Partizipation nicht mehr wichtig, heißt es.

Für die jungen Kubaner war ein Projekt wie »ZunZuneo« reizvoll, erläuterte der Lateinamerika-Experte Peter Kornbluh vom »National Security Archive« mit Sitz in Washington. Das Archiv sammelt und veröffentlicht nicht mehr der Geheimhaltung unterliegende US-amerikanische Dokumente. Kornbluh zufolge habe Kubas junge Generation kaum noch Bezug zur kubanischen Revolution, weil sie deren Vorteile nie gesehen habe. »Ihr Interesse gilt vor allem den neuen Medien und der modernen Welt.«

Dass inzwischen mehr Kubaner die sozialen Netzwerke nutzen können, ist vor allem auf die Eröffnung von 145 Internetcafés zurückzuführen. Die Kunden können sich dort mit dem weltweiten Web verbinden lassen und den internationalen oder den nationalen E-Mail-Service in Anspruch nehmen - je nachdem, was sie zu zahlen bereit sind. Und seit März ist es Handynutzern möglich, ihre E-Mails über »domain@nauta.cu« abzurufen. In dem karibischen Inselstaat waren bis Mitte März bereits zwei Millionen der 11,2 Millionen Einwohner im Besitz eines Handys. Deutlich weniger - 1,27 Millionen - sind an das Festnetz angeschlossen.

»ZunZuneo« wurde mit 1,6 Millionen US-Dollar finanziert, die aus einem Fonds stammten, der nach außen als Finanzierungsquelle für ein nicht näher genanntes USAID-Projekt in Pakistan ausgegeben wurde. Den Kubanern, die sich zum Twittern auf der Plattform einfanden, war nicht bewusst, dass hinter dem Netzwerk eine USA-Behörde stand, die wiederum dem Washingtoner Innenministerium untersteht, und dass die gesammelten Informationen politischen Zielen dienten.

»Das war die moderne Version einer verdeckten CIA-Propagandaoperation mit den klassischen Zutaten wie Briefkastenfirmen, dunklen Finanzierungskanälen, multinationalen Akteuren mit Unternehmen in London, Spanien sowie Managua und geheimen Bankkonten«, unterstreicht Kornbluh. Der Sprecher des Weißen Hauses Jay Carney hat abgestritten, dass es sich bei der Aktion um eine verdeckte Operation handelte. »Eine glatte Lüge«, wie Kornbluh betont. »Es scheint so, als sei die USAID eine neue CIA. Dies gilt besonders für das USAID-Büro für Übergangsinitiativen, eine nebulöse, geheimnisumwitterte Institution, die offensichtlich Geheimpläne verfolgt, um einen Regimewechsel auf Kuba zu erreichen.«

Die Enthüllungen sind das Ergebnis einer Untersuchung, die die Nachrichtenagentur AP veröffentlicht hat und die in Kuba für Empörung sorgte. Laut AP sollte im Rahmen des Programms zunächst eine Fangemeinde von 200 000 Kubanern aufgebaut werden. Danach sollten politische Botschaften in die Textnachrichten einfließen, die zunächst zu Flashmobs und dann zu Massenprotesten nach dem Vorbild des »Arabischen Frühlings« aufstacheln würden. Wie Josefina Vidal, Leiterin der Abteilung für nordamerikanische Angelegenheiten im kubanischen Außenministerium, vor Korrespondenten erklärte, zeige das »ZunZuneo«-Programm wieder einmal, dass die USA ihre Pläne, Kuba zu unterwandern, nicht aufgegeben hätten.

Wie Peter Kornbluh berichtete, erhält USAID jedes Jahr satte 20 Millionen Dollar für sein »Kuba-Demokratieprojekt« und sucht nach Wegen, die Gelder »kreativ« auszugeben. »Das Projekt war zwar kreativ, ist aber am Ende ebenso kläglich gescheitert wie das Alan-Gross-Projekt«, meinte Kornbluh in Anspielung auf den USAID-Partner, der in Kuba wegen Verschwörung eine 15-jährige Haftstrafe absitzen muss. »In der Rückschau mag diese Operation billig erscheinen«, so Kornbluh. »Doch wird sie nicht dazu beitragen, dass sich die Beziehungen zwischen Washington und Havanna verbessern.« IPS/nd

Neues Deutschalnd

Patricia Grogg, Havanna
Neues Deutschland, 14.04.2014