Spekulanten horten Äpfel

In Kuba wird nach Berichten über private Bereicherung debattiert.

Der kubanische Journalist Iroel Sánchez hat mit einem Artikel über Lebensmittelspekulanten in den vergangenen Tagen Hunderte von Leserzuschriften in verschiedenen Medien des Landes ausgelöst. Der von Sánchez aufgedeckte Vorfall hat auch eine Debatte über das Verhältnis von privatem Sektor und staatlicher Kontrolle in Handel und Wirtschaft neu belebt. Am 7. September beobachtete der in Havanna lebende Filmemacher Hans-Peter Weymar in dem Einkaufszentrum »La Puntilla« im Stadtteil Miramar eine für ihn zunächst unerklärliche Aktion: »Ich habe mich gewundert, mit welcher Hektik da reihenweise Apfelkartons in Autos geladen wurden«, schrieb er an Bekannte in Deutschland.

Einen Tag später lüftete Sánchez in seinem Blog »La Pupila Insomne« das Geheimnis in einem Artikel unter dem titel »Überfall in La Puntilla«. Eine Gruppe junger Leute, von denen viele T-Shirts mit US-Flagge trugen, hatten 150 Kartons mit Äpfeln in eine Transporter der staatlichen Handelskette »CIMEX« verladen, die auch das Einkaufszentrum »La Puntilla« betreibt, berichtete Sánchez. Überwacht und geleitet wurde die Aktion von dem Führer einer schwarzen Luxuslimousine mit privatem Kennzeichen. Auf Nachfrage des Journalisten, warum das Geschäft den Gesamtbestand von 15.000 Äpfeln an einen einzigen Privatkunden verkaufe und diesem für den Transport auch noch ein staatseigenes Fahrzeug zur Verfügung stelle, antworteten die Verkäufer: »Wir können leider nichts dagegen machen.«

Das in Kuba meistgelesene Onlineportal Cubadebate und die auflagenstärkste Parteizeitung Granma griffen das Thema auf. Innerhalb weniger Tage schlugen die Berichte hohe Wellen. Viele Leser beklagen, dass Äpfel in den Straßen von Havanna und anderer Städte von Wiederverkäufern zu deutlich höheren Preisen als in den Supermärkten verkauft werden, wo diese und andere Produkte nicht erhältlich seien. Eine Kommentatoren unterstellten eine »Komplizenschaft« zwischen den Angestellten staatlicher Geschäfte und Schwarzmarkthändlern, verlangten eine Untersuchung, stärkere Kontrollen und Sanktionen, da das Horten und die Spekulation mit Lebensmitteln und anderen Waren zum Zwecke der privaten Bereicherung nach dem kubanischen Gesetz bei Strafe verboten sei.

Tatsächlich ergaben die Untersuchungen gravierende Gesetzesverstöße. Die verantwortlichen Chefs und Mitarbeiter des Einkaufszentrums wurden entlassen, gegen die Spekulanten wird ermittelt. Die Medien berichteten ausführlich. Am 11. September räumte Granma ein, dass der Vorfall in Miramar nur »die Spitze des Eisbergs« sei, und forderte die Leser auf, jeden Gesetzesverstoß zur anzeige zu bringen. Dies läge sowohl im Interesse der Konsumenten als auch der 34.000 überwiegend korrekten Mitarbeiter des Staatsunternehmens »Cimex«, das landesweit 1.600 Geschäfte betreibt.

Das Protal Cubadebate hatte erst am 23. Juni über ähnliche Vorfälle in vier Läden für Baumaterialien in Havannas Stadtteil »La Lisa« berichtet, die zur Verhaftung einer Gruppe von 36 Verkäufern und Spekulanten geführt hatte. Die Bereicherung auf Kosten der Kunden und der Bevölkerung sei ein grober Verstoß gegen die in Kuba geltenden moralischen und ethischen Prinzipien, kommentierte der Autor.

Die im westlichen Ausland als »unabhängig« bezeichneten Contra-Medien schlugen sich dagegen auf die Seite der Täter. Die Onlinezeitung 14ymedio der Bloggerin Yoani Sánchez bezeichnete Iroel Sánchez als »offiziellen Journalisten«, das US-finanzierte Onlineportal Diario de Cuba in Madrid diffamierte ihn als »Sprecher der Regimes« und Systemgegnerin Martha Beatríz Roque spottete per Twitter: »Was ih am meisten störte, waren die T-Shirts mit US-Flagge.« Mit dem Beitrag in seinem Blog habe Iroel Sánchez »provoziert, dass die Regierung Maßnahmen ergriff«, kritisierte 14ymedio am 18. September.

Die berichte führten vor dem Hintergrund der laufenden Debatte über eine neue Verfassung auch zu Kontroversen zwischen Anhängern der Kubanischen Revolution. Der Liedermacher Silvio Rodríguez warf Iroel Sánchez in seinem Blog »Segunda Cita« vor, die Positionen einer »Sekte« zu vertreten, die sich dem Wandel in Kuba entgegenstelle. Anlass dafür waren offenbar Kommentare von Lesern, die eine stärkere Regulierung des privaten Sektors in der zukünftigen Verfassung forderten.

Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba

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Volker Hermsdorf
Junge Welt, 04.10.2018