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Mehr Schiffbrüchige als Seefahrer

Aus der Perspektive der Armen: Vor 50 Jahren erschien Eduardo Galeanos Großessay »Die offenen Adern Lateinamerikas«.

Eine Anklageschrift, deren Sätze mitunter wirken wie ein Schlag in die Magengrube. 1971 veröffentlichte der aus dem uruguayischen Montevideo stammende Journalist Eduardo Galeano mit gerade einmal 31 Jahren »Die offenen Adern Lateinamerikas«. Das bekannteste Werk des Autors, der sich später vor allem als Essayist und Schriftsteller einen Namen machen sollte, wurde in Lateinamerika rasch zu einem Klassiker. Die Zeit für eine tiefgründige Abrechnung mit fast 500 Jahren Kolonisierung war günstig: Sozialistische Bewegungen wie die Kubanische Revolution und eine aktive linke Intellektuellenszene auf dem Subkontinent verhalfen dem Buch zu Popularität. Seitdem hat das Werk wenig von seiner Relevanz eingebüßt, auch 50 Jahre danach gehört es weiter zur Pflichtlektüre für lateinamerikanische und ihnen nahestehende Linke.

»Die offenen Adern Lateinamerikas« erzählt »die Geschichte eines Kontinents« - so der Untertitel der deutschen Übersetzung , beginnend mit der gewaltsamen Kolonisierung durch Spanien ab 1492 bis zum Jahr seines Erscheinens. Um ein trockenes Geschichtsbuch handelt es sich indes nicht. Galeano hatte einen hehren Anspruch: die Überwindung der »formellen Geschichtsschreibung - leere Worte, mit denen in unserer Zeit die leeren Worte vergangener Zeiten aufgelesen werden«. Statt »Helden in Karnevalskostümen« aufzuzählen, »die lange und feierliche Sätze von sich geben, während sie auf den Schlachtfeldern sterben«, wird die Entwicklung der Produktivkräfte, Ausbeutungsverhältnisse und Abhängigkeiten vom Ausland - zunächst von Europa, später von den Vereinigten Staaten - analysiert. Ganz im Sinne der Dependenztheorie, die zur Zeit des Erscheinens des Buches in Lateinamerika Hochkonjunktur hatte, thematisiert der Verfasser die Beziehung zwischen den »reichen kapitalistischen Zentren« und den »armen und unterjochten Randgebieten«. »Unterentwicklung« wird verstanden nicht als »Phase der Entwicklung, sondern ihre Folge«.

Dabei ist Galeano nie neutral. »Die offenen Adern« erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Ausgebeuteten, der Armen und der Ausgegrenzten. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten (»Die Armut des Menschen als Ergebnis des Reichtums der Erde«) erscheinen die jeweils vorherrschenden Exportprodukte Lateinamerikas als die Protagonisten. Gold, Silber, Zucker, Kaffee, Erdöl und so weiter prägten ganze Regionen, stürzten Regierungen, setzten Statthalter ein, sorgten für unglaublichen Reichtum bei wenigen und massenhafte Verarmung bei den meisten. Warfen Landstriche nicht mehr genug Gewinn ab, wurden sie kompromisslos fallengelassen. Der zweite Teil (»Die Entwicklung ist eine Reise mit mehr Schiffbrüchigen als Seefahrern«) beleuchtet den Europäischen und US-amerikanischen Interventionismus und Protektionismus als Hindernis für eine eigenständige Entwicklung der Region.

Mit seinem anschaulichen, teils anekdotischen, oft poetischen Stil fesselt »Die offenen Adern». In seinem 1977 verfassten Vorwort »Sieben Jahre danach» verteidigte sich Galeano gegen Kritiker: »Ich weiß, dass manche es als Sakrileg ansehen, wenn ich in diesem Buch in einer Sprache über Wirtschaftspolitik schreibe, als handele es sich um einen Liebesroman oder ein Abenteuerbuch.« Aber: Eine »undurchdringliche Sprache« sei oftmals nicht gleichbedeutend mit Tiefe. »In manchen Fällen verbirgt sich nichts anderes dahinter als eine zur intellektuellen Tugend erhobene Unfähigkeit, sich mitzuteilen. Ich habe den Verdacht, dass die Langeweile auf diese Weise allzu oft dazu dient, die etablierte Ordnung aufrechtzuerhalten.« Das kann man Galeano durchaus nicht vorwerfen.

Die Leidtragenden der Ausbeutung sind indessen keineswegs nur Opfer der Verhältnisse, sondern als potentiell revolutionäre Akteure auch Motor einer möglichen Gesellschaftsveränderung. Das macht der Verfasser am Ende des Buchs unmissverständlich klar, wenn er schreibt, dass die »Ausgeplünderten, die Erniedrigten, die Verdammten () selbst die Aufgabe in ihrer Hand« haben. Auch, worin diese Aufgabe - eine »brennende Herausforderung für das Gewissen der Menschen« - besteht, wird nicht offengelassen: »Damit Lateinamerika neu geboren werden kann, wird es vonnöten sein, zunächst seine Herren, Land um Land, zu stürzen.«

1971 war Galeano optimistisch, was die Erfolgsaussichten dieses Kampfes anging. »Zeiten der Rebellion und des Wandels sind im Anzug«, heißt es hoffnungsvoll am Ende des Buches. Es kam jedoch zunächst anders, in vielen Ländern Lateinamerikas begann schon bald eine Phase der Reaktion. Wie viele andere linke Intellektuelle musste auch Galeano sein Heimatland aufgrund politischer Verfolgung verlassen. Nur zwei Jahre nach Veröffentlichung der »Offenen Adern« ging der noch junge Journalist von Montevideo nach Buenos Aires, nachdem er nach einem Staatsstreich von den neuen Machthabern verhaftet worden war. In der argentinischen Hauptstadt wurde er Chefredakteur der Zeitschrift Crisis. Als sich auch in Argentinien 1976 mit Jorge Videla die Rechte an die Macht putschte, floh Galeano ins Exil nach Spanien. Erst mit dem Ende der Diktatur in Uruguay 1985 kehrte er in sein Heimatland zurück.

2015 verstarb der Journalist und Schriftsteller. Nur wenige Jahre zuvor hatte »Die offenen Adern« neue Aufmerksamkeit bekommen, als Venezuelas damaliger Präsident Hugo Chávez seinem US-amerikanischen Amtskollegen Barack Obama medienwirksam ein Exemplar des Buches in die Hand drückte. Die Wochen darauf stand das Werk in mehreren Bestsellerlisten weit oben. Die Anekdote zeigt: Auch 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung lohnt die Lektüre von »Die offenen Adern«. Die von Galeano analysierten Abhängigkeiten Lateinamerikas bestehen weiterhin, noch immer lebt die Mehrheit der Bevölkerung auf dem Subkontinent unter menschenunwürdigen Bedingungen. »Die offenen Adern« hilft, die historische Entwicklung der Ausbeutung sowie ihre Dynamiken zu verstehen. Das ist heute notwendiger denn je. Denn, wie auch Galeano anmerkt: »Die erste Voraussetzung, die Wirklichkeit zu verändern«, besteht darin, »sie zu kennen«.

Eduardo Galeano: Die offenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Verlag Peter Hammer, Wuppertal 2009, 409 Seiten, 24,90 Euro.

Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba

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Frederic Schnatterer
junge Welt, 20.10.2021