Kuba ist nicht allein?
Von Renate Fausten

Nach zwei Wochen Familienbesuch in Deutschland kamen wir Sonntag wieder in Havanna an. Air Europa ist die einzige Flugverbindung, mit der man noch von Deutschland aus mit Zwischenlandung in Madrid Havanna erreichen kann. Das Flugzeug ist bis auf den letzten Platz besetzt und man muss der Fluglinie wirklich dankbar sein, dass sie sich immer wieder aufs Neue abmüht einen wechselnden Flugplatz in der Dominikanischen Republik zu finden, der sie für den Rückflug nach Europa mit Kerosin versorgt und uns so noch ein paar Touristen zuführt.

Die Fahrt vom Flughafen nach Hause war “spooky” wie meine Kinder sagen würden. Alles war wie ausgestorben, kaum ein Auto unterwegs und die Trostlosigkeit übertrug sich auch auf unsere Taxifahrerin, die ihre Verzweiflung über die Situation “unserer schönen Insel” zum Ausdruck brachte. Nachdem die Koffer mit Hilfe von Taschenlampen in unserer Wohnung gelandet waren, erfuhren wir, dass gerade das Nationale Stromnetz SEN zusammengebrochen war.

Die Suche nach Brot am nächsten Tag erwies sich als aussichtslos. Die Versorgung mit Brot auf Libreta hat anscheinend irgendwie funktioniert, aber aufgrund von Mehlmangel haben diese Brötchen nur noch die Größe von Tischtennisbällen. Auch über eine Woche später ist es uns noch nicht gelungen, Brot ausfindig zu machen. Als ich 1996 oder 1997 das erste Stück Brot auf der Straße liegen sah, dachte ich mir, dass der schlimmste Teil der Sonderperiode jetzt wohl vorbei ist. Jetzt würde ein Stück Brot keine Minute mehr auf dem Bürgersteig liegen. Es gab eine ganz tolle Bäckerei in unserer Nähe, die qualitativ hochwertiges Brot herstellte. Ein Mipyme, also ein privater Betrieb, der sich aber in die Gemeinde eingegliedert hatte und Altentagesstätten und Kinderfeste gratis mit seinen Backwaren beglückte. Er konnte unter diesen Bedingungen die Qualität nicht halten und musste den Laden schließen – auf bessere Zeiten wartend. Wir suchen weiter und ernähren uns inzwischen von Crackern.

In derselben Woche ist das Stromnetz dreimal zusammengebrochen. 50 Stunden ohne Strom, Kühlschränke haben ihren Sinn verloren. Was vom Essen übrig bleibt, muss sofort weggeworfen werden. Es gibt viele Leute mit Magen-Darm-Problemen, weil sie Lebensmittel zu sich genommen haben, die eigentlich schon verdorben waren.

Besonders katastrophal ist die Lage der Menschen, die in Hochhäusern wohnen und davon gibt es in Havanna eine ganze Menge. Junge und körperlich fitte Leute können 28 oder 30 Stockwerke z.B. im Focsa hochsteigen. Aber was machen die anderen? Ich kann nur hoffen, dass sich jemand um diese Menschen kümmert, denn selbst wenn der Strom mal stundenweise kommt, traut sich niemand den Aufzug zu benutzen. Besonders dramatisch ist die Tatsache, dass auch die Wasserversorgung vom Strom abhängt. Man wagt sich kaum vorzustellen, wie das ist, auch nur zwei Fünf Litertanks die ganzen Treppen hoch schleppen zu müssen. Wir mussten sie nur drei Treppen schleppen und hatten Hilfe und kamen trotzdem schon an unsere Grenzen.

Bei all dem ist es immer wieder faszinierend zu sehen, wie das Land trotz allem noch irgendwie funktioniert. Sicher sind viele Leute deprimiert, weil sie kein Ende der schwierigen Lage absehen können. Aber es singt und klingt weiter, Kulturveranstaltungen finden statt, sogar die Buchmesse versuchen sie irgendwie hinzukriegen, die Schulsportveranstaltungen, um die Kinder während der Ferien auch ohne Strom zu beschäftigen. Wer glaubt, alle würden sich in Verzweiflung die Haare raufen, liegt falsch, obwohl es natürlich Situationen gibt, in denen die Verzweiflung durchbricht. Auch bei uns an der Arbeitsstelle, wo wir ohne Strom bzw. mit dem bisschen Strom, den uns die Solaranage liefert, sieben verschiedene Zeitungen herausbringen mussten, hatte ich die Hoffnung längst aufgegeben. Die kubanische Leitung strahlte aber weiter Optimismus aus und wirklich, irgendwie mit etwas Verspätung, klappte dann doch noch alles.

Aber die Leute machen sich nichts vor. Sie wissen instinktiv, dass Kuba, trotz aller offiziellen Verlautbarungen der Regierung, sehr wohl allein ist. Das betrifft nicht die Solidaritätsbewegungen, von denen einige wirklich Übermenschliches leisten. Denen bringt man große Dankbarkeit entgegen. Aber man sieht sehr wohl, dass sie das Problem nicht lösen können. Denn sie können uns keine Tanker schicken, und alle die es könnten kneifen aus Angst. Wunderschöne Worte in der UNO Generalversammlung, die alle die Aufhebung insbesondere der Energieblockade fordern – aber es folgt nichts. Sie lassen uns alle verhungern und gucken zu. Für Angolas Unabhängigkeit und sein Recht auf seine Ölressourcen haben Tausende Kubaner ihr Leben gelassen. Außer mitfühlenden Worten für unsere dramatische Lage kommt von Angola nichts. Das würde hier niemand offiziell sagen, aber die Menschen merken es schon. Wichtige Ersatzteile für unser Kraftwerk lagern in einem Schiff in Frankreich. Die Reederei weigert sich, die bereits bezahlte Ware nach Kuba zu liefern. Der Führer der französischen Opposition fordert sie auf, die Ware zu liefern. Aber nichts passiert. Alle sind paralysiert wie das Kaninchen vor der Schlange. Keiner wagt es die USA herauszufordern. Wir fühlen uns sehr wohl allein gelassen von der Welt, der wir immer von dem Wenigen, das wir hatten, gegeben haben.

Das betrifft nicht die Solibewegung, obwohl auch sie sich überlegen sollte, was man noch tun könnte, um ein paar Mutige zu finden, die sich trauen, Risiken einzugehen.

Unterdessen harren wir hier aus.
Jeder Tag, den wir überleben, ist ein Sieg.

Havanna, 14. Juli 2026