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Nachrichten aus und über Kuba

Nachrichten, Berichte, Reportagen zu aktuellen Entwicklungen, Hintergründen und Ereignissen in Kuba, internationale Beziehungen und der Solidarität mit Kuba.


»Unvergängliches revolutionäres Beispiel«

Über Tamara Bunke, Che Guevara und deren Weg nach Bolivien. Ein Gespräch mit Ulises Estrada Lescaille..

Ulises Estrada Lescaille

Ulises Estrada Lescaille, geboren 1934 in Santiago de Cuba, Tanias Ausbilder und Verlobter
Foto: junge Welt


In welcher Beziehung standen Sie zu Tamara Bunke?

Ich hatte zu Haydée Tamara Bunke Bíder, weltweit bekannt als Tania la Guerrillera, auf der persönlichen und auf der politischen Ebene eine sehr enge Beziehung. Während ihres Aufenthalts in Kuba Anfang der sechziger Jahre war ich ihr Ausbilder. Zwei Jahre lang verband uns eine starke Liebesbeziehung. Vor der Abreise zu Tanias internationalistischer Mission in Bolivien war uns klar, daß wir nach ihrer Rückkehr zusammenleben und gemeinsam die Kinder haben wollten, von denen sie immer geträumt hatte. Außer ein paar wenigen Vertrauten sowie ihren Eltern und ihrem Bruder wußte damals aber niemand von unserer Liebe.


Wie und in welchem Kontext haben Sie Tamara kennengelernt?

Ich habe Tamara 1963 zu einem Zeitpunkt kennengelernt, als die revolutionäre Situation in Lateinamerika starken Aufwind hatte. In vielen Ländern fanden Guerillakämpfe statt. Wegen des eskalierenden Krieges in Vietnam nahmen die Spannungen in der Welt zu. In Kuba hatten wir den Kampf gegen die Armut und für die Verteidigung der Revolution aufgenommen. Vor dem Hintergrund der aktuellen revolutionären Initiativen entwickelten wir aber auch eine starke internationalistische Linie.

Wie entstand Tamara Bunkes enge Beziehung zu Kuba?

Tamara war mit ihren Eltern nach der Niederlage des deutschen Faschismus aus dem argentinischen Exil in die DDR gezogen und nahm dort aktiv teil am politischen Leben. Im April 1961 kam sie das erste Mal als Dolmetscherin nach Kuba. Da war es gerade einmal vier Wochen her, daß US-Söldner die Invasion in der Schweinebucht versucht hatten.


BEI DER GUERILLA

Aus dem Tagebuch Che Guevaras


1.Januar 1967: Ich präzisierte die Reise von Tania nach Argentinien ...

2. Januar: Man verbrachte den Morgen mit Chiffrieren des Briefes. Die Leute (Sánchez, Coco und Tania) gingen am Nachmittag weg, als die Rede von Fidel zu Ende war. Dieser bezog sich auf uns mit Worten, die uns noch mehr verpflichten,wenn dies noch möglich ist ...

21. Januar: Ich erhielt eine Notiz von Tania, in der sie ihre Abreise mitteilt ...

21. März: Tania stellte die Kontakte her, und die Leute kamen. Aber, wie sie sagt, hat man sie bis hierher in ihrem Jeep fahren lassen, und sie dachte, nur einen Tag zu bleiben, aber die Sache komplizierte sich.

27. März: Alles scheint darauf hinzuweisen, daß Tania identifiziert wurde, wodurch zwei Jahre guter und geduldiger Arbeit verlorengehen.

16. April: Die Vorhut ging um 6.15 Uhr los, wir um 7.15 Uhr. Wir liefen gut bis zum Río Ikira, aber Tania und Alejandro blieben zurück; als man ihnen die Temperatur maß, hatte Tania über 39 Grad und Alejandro 38. Das Zurückbleiben hindert uns, entsprechend dem Programm zu marschieren ...

2. September: Das Radio brachte eine unangenehme Nachricht über die Vernichtung einer Gruppe von zehn Männern unter Führung eines Kubaners namens Joaquin im Gebiet von Camiri.

7. September: Radio La Cruz del Sur meldete das Auffinden der Leiche der Guerillera Tania am Ufer des Rio Grande. Das ist eine Nachricht, die nicht den geringsten Anschein der Wahrheit hat ...

8. September: Der Rundfunk brachte die Nachricht, daß Barrientos (Boliviens Präsident - d. Red.) zur Beerdigung der sterblichen Reste der Guerillera Tania anwesend war, der man ein »christliches Begräbnis« gab.

Aus: Ernesto Che Guevara, »Bolivianisches Tagebuch«, München 1968

Wie lernten sie Che Guevara kennen?

Ernesto »Che« Guevara hatte mit Fidel Castro schon vor dem Sieg in der Sierra Maestra vereinbart, daß er die Insel nach dem Sieg der kubanischen Revolution wieder verlassen kann, um den Befreiungskampf in Lateinamerika fortzuführen. Er wollte den Kampf bis in sein Heimatland Argentinien tragen, und bat Comandante Manuel Piñero, eine Argentinierin ausfindig zu machen. Diese sollte dafür ausgebildet werden, den Kampf der Landguerilla aus den Städten zu unterstützen. Che hatte Tamara Bunke anläßlich eines DDR-Besuches in seiner Funktion als Direktor der Kubanischen Nationalbank kennengelernt und sie später als Dolmetscherin für deutsche Delegationen in Kuba wiedergetroffen. Er schlug sie deshalb als mögliche Kandidatin für den Auslandseinsatz vor. Sie war voller revolutionärem Elan und bereit dazu, und so bildeten wir sie ab März 1963 vor ihrem Einsatz in Bolivien ein Jahr lang aus.

In welcher Funktion arbeitete Comandante Piñeiro?

Damals war innerhalb des kubanischen Geheimdienstes die »Abteilung für Spezialoperationen« MOE (Sección M/Operaciones Especiales) gegründet worden, der ich angehörte. MOE widmete sich ausschließlich der Unterstützung revolutionärer Bewegungen in Lateinamerika und Afrika. Diese Abteilung machte keine klassische Geheimdienstarbeit im Sinne von Aufklärung oder Spionage, sondern sie war nur dazu da, revolutionäre Bestrebungen in anderen Ländern zu unterstützen.

Das heißt, der Vorwurf, Tamara Bunke sei eine Spionin gewesen, trifft nicht zu?

Nein, das betone ich ausdrücklich: Tamara hat weder für den kubanischen noch für andere Geheimdienste gearbeitet, sondern war ausschließlich im Rahmen internationalistischer Solidarität tätig. Die Abteilung MOE war nur deshalb innerhalb des Geheimdienstes angesiedelt worden, weil man konspirative Methoden erlernen und entwickeln mußte, wenn man erfolgreich illegale revolutionäre Arbeit leisten wollte. Das alles habe ich in meinem Buch, das ich im Mai und Juni dieses Jahres auf vielen Veranstaltungen in 16 deutschen Städten vorgestellt habe, ausführlich dargelegt.

Wenn Sie jetzt vierzig Jahre zurückblicken, welche Gedanken und Gefühle verbinden sie noch mit Tamara Bunke?

Ich bin ihr auf immer dankbar für ihr unvergängliches revolutionäres Beispiel und für die großartige Freundschaft und die unendliche Liebe, die sie mir seit unserer ersten Begegnung in Havanna entgegenbrachte.




Ulises Estrada: TANIA – Undercover mit Che Guevara in Boliven, Bremen 2007, 280 S., 20.00 Euro (erhältlich über den jW-Shop)

Interview: Jürgen Heiser
junge Welt, 31.08.2007