Frankfurter Rundschau 24.08.2026, 15:39 Uhr
Von: Klaus Ehringfeld

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Statt auf eine Matratze legt dieser Kubaner sein müdes Haupt auf ein Laken unter freiem Himmel. © YAMIL LAGE

Seit einem halben Jahr blockieren die USA die Öllieferungen nach Kuba. Die Menschen leiden unter Stromausfällen von mitunter mehr als 20 Stunden täglich. Kühlschränke und Klimaanlagen funktionieren nicht und auch die Wirtschaft schrumpft massiv.

Wenn es Nacht wird in Havanna, beginnt vielerorts eine kurze Wanderung. Dann schultern die Menschen Matratzen, Kissen und Laken und suchen sich ihr Nachtlager auf den Dächern der Häuser, den Straßen und auch auf der Uferpromenade Malecón. Manche schleppen sogar ganze Betten auf den Bürgersteig.

Es ist der Versuch, einen einigermaßen erträglichen Schlafplatz zu finden, in diesem – auch im karibischen Kuba – außergewöhnlich heißen und schwülen Sommer. Havanna ist schlaflos, weil wegen der fehlenden Energie keine Klimaanlage läuft und nicht mal ein Ventilator die Schwüle in den Wohnungen lindert. „Nacht für Nacht nicht zu schlafen – dann bist du jeden Tag etwas kaputter“, sagt Mayumis Núñez mit tiefen Augenringen.

Mehr als ein halbes Jahr dauert der von den USA über die Insel verhängte Ölboykott jetzt. Epische Stromausfälle sind die Folge, wodurch die Insel in eine Art vollständigen Stillstand gefallen ist. Die Kühlschränke sind leer und nutzlos, die Lebensmittel knapp und teuer, der Nahverkehr steht still und der Müll modert in der karibischen Hitze auf den Straßen. Die Menschen sind ausgehungert und ausgepowert. Mitunter wirkt es so, als sei die Karibikrepublik im Belagerungszustand. Aber noch halten die an Entbehrungen gewöhnten Kubanerinnen und Kubaner durch.

Die Menschen leiden zwar sichtlich, aber sie tun auch das, was sie vielleicht am besten können: sich anpassen.

Sie tauschen ihre spritfressenden US-Oldtimer aus den 1950er Jahren gegen Elektromotorräder und Autorikschas aus China; sie halten Fernseher und Ventilatoren mit Lithiumbatterien am Laufen. Sie installieren Solaranlagen auf Dächern und manchmal auch auf Fahrzeugen. Frauen, die kein Gas zum Kochen haben, kochen mit Brennholz auf der Straße. Die ganz Findigen lernen im Netz, wie man aus Plastikmüll Benzin und Diesel selbst herstellen kann, und bauen daheim kleine provisorische Raffinerien, um Motorräder oder auch Traktoren zu betanken.


Politischem Druck bisher widerstanden


Fast sieben Jahrzehnte hat Kuba dem wirtschaftlichen Boykott und dem politischen Druck der USA widerstanden und improvisiert, um zu überleben. Nun stellt auch Donald Trump – wie viele US-Präsidenten vor ihm – fest, dass der Sturz der kubanischen Regierung nicht so einfach ist. Wenn man US-Außenminister Marco Rubio glaubt, dann wird das Aushungern und langsame ökonomische Erdrosseln Kubas noch lange so weitergehen.

„Geduld und Ausdauer“ sollten diejenigen haben, die an einem Wandel auf der Insel interessiert seien, sagte der kubanischstämmige Minister dem US-Portal „Axios“. Der Regimewechsel stehe nicht ganz oben auf der Washingtoner Agenda: „Ich bin zuversichtlich, dass sich Kuba spätestens am Ende der Amtszeit dieser US-Regierung auf dem Weg in eine andere Zukunft befindet.“ Damit relativierte Rubio die Aussagen seines Präsidenten, der seit Monaten prophezeit, Kuba stehe kurz vor dem Zusammenbruch. „Es wird einfach auseinanderfallen“, sagte Trump Anfang Januar, nachdem die USA die Kontrolle über Venezuelas Ölreserven übernommen hatten und Kuba damit die Lebensader kappten.

Dennoch verschlechtere sich die Lage exponentiell, sagt der Sozialdemokrat Manuel Cuesta Morúa, Vorsitzender des „Rates für demokratischen Wandel in Kuba“ (CTDC) mit Sitz in Havanna. „Die Geopolitisierung der kubanischen Wirtschaft durch die USA und die Sanktionen gegen die Führungsspitze wirken sich auf die Bevölkerung aus, vor allem auf diejenigen, die in dem schmalen Bereich zwischen Armut und Elend leben.“ Mittlerweile seien die Menschen verzweifelt – hauptsächlich in jenem Teil der Gesellschaft, der an eine schnelle Lösung geglaubt hat.

Für die Kuba-Expertin María José Espinosa vom Washingtoner Thinktank CEDA sind die Menschen auf der Insel unmittelbar von einem „humanitären Zusammenbruch“ bedroht. „Das Land befindet sich im Niedergang, und die US-Regierung sollte sich fragen, wie weit sie mit ihrer Druckkampagne gehen und was sie erreichen will, bevor der Schaden irreparabel wird.“

Bislang hat der Druck aus Washington die Regierung in Havanna nicht dazu bewegen können, die uneingeschränkte Kontrolle über das Land zu lockern. Weder wurden politische Gefangene freigelassen, was eine der wichtigsten politischen Forderungen ist. Noch gab es Gespräche über Verfassungsänderungen oder Veränderungen innerhalb des Machtzirkels.

Die kürzlich angekündigten 176 Reformen zur Liberalisierung der Wirtschaft konnten die USA nicht überzeugen. Das US-Außenministerium bezeichnete sie als „oberflächliche Nebelkerzen“.

Bruttoinlandsprodukt sinkt um 10,3 Prozent

Wie sehr die US-Strafaktionen die kubanische Wirtschaft treffen, hat gerade die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) berechnet. Demnach stürzt die Inselwirtschaft in diesem Jahr um 10,3 Prozent ab. Noch vor vier Monaten hatten die UN-Ökonomen den Absturz auf minus 6,5 Prozent prognostiziert. Auch im kommenden Jahr werde die Inselwirtschaft um 5,1 Prozent schrumpfen, sollten sich die Rahmenbedingungen nicht ändern.

Hauptursache für den massiven Einbruch sind die Stromausfälle von mitunter mehr als 20 Stunden täglich. Daraus entsteht ein Kreislauf, der sich kaum durchbrechen lässt: Ohne Strom stagniert die Produktion, ohne Produktion fehlen Devisen, ohne Devisen lassen sich weder Treibstoff noch Ersatzteile beschaffen, um die Erzeugung wieder in Gang bringen zu können. Verstärkt wird der Effekt durch den Einbruch im Tourismus, jahrelang wichtigste Devisenquelle Kubas: Im ersten Halbjahr 2026 kamen nach Angaben des Statistikamtes ONEI 387.591 internationale Besucher:innen auf die Insel, was knapp 61 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren.