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Dokumente aus Kuba

Dokumente, Regierungserklärungen, Reden und Reflektionen, Erklärungen des kubanischen Außenministeriums, Veröffentlichungen der Nationalversammlung, Berichte der kubanischen Regierung sowie Beiträge Kubas vor den Vereinten Nationen.



"Wir haben schwierige Zeiten durchlebt und diese sind besonders schwierig, aber gemeinsam werden wir sie überwinden"

Miguel Mario Díaz-Canel Bermúdez, Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas und Präsident der Republik, vor der nationalen und internationalen Presse im Revolutionspalast am 5. Februar 2026, dem "Jahr des 100. Geburtstags des Comandante en Jefe Fidel Castro Ruz".


Arleen Rodríguez.- Ich begrüße alle Anwesenden.

Der Erste Sekretär des Zentralkomitees der Partei und Präsident der Republik, Compañero Miguel Díaz-Canel Bermúdez, hat auf Anfrage mehrerer Medien in den letzten Stunden beschlossen, einen Teil seines vollen Terminkalenders für die Beantwortung Ihrer Fragen zu verwenden.

Ich weiß nicht, Herr Präsident, ob Sie den Dialog eröffnen möchten.


Miguel M. Díaz-Canel: Ich möchte Ihnen allen noch einmal meine Grüße aussprechen und Ihnen für Ihr Interesse an diesem Treffen in dieser schwierigen Zeit für unser Land danken.

Wir wissen, dass die Bevölkerung über die aktuellen Ereignisse besorgt ist, insbesondere über die intensive Medienkampagne der Verleumdung, des Hasses und der psychologischen Kriegsführung, die derzeit geführt wird.

Dieses Treffen mit Ihnen gibt uns die Gelegenheit, Ihnen zu verschiedenen Themen unsere Prognosen zu erläutern, wie wir diese Situation so schnell wie möglich bewältigen wollen und vor allem, mit welcher Entschlossenheit, welchem Willen und welchem Engagement wir dabei vorgehen.

Arleen Rodríguez: Sie erwähnten bei Ihrer Ankunft, dass Sie gerade ein wichtiges Treffen hatten.

Miguel M. Díaz-Canel: Das bedeutete auch, dass wir Prioritäten festlegen mussten. Wir mussten im Politbüro, im Exekutivausschuss des Ministerrats und im Nationalen Verteidigungsrat eine Reihe von Analysen durchführen und hatten soeben eine Sitzung im Ministerrat, um einen Plan zu aktualisieren.

Im Ministerrat haben wir insbesondere die Regierungsrichtlinien zur Bewältigung der akuten Treibstoffknappheit besprochen. Sie werden genau verstehen, warum wir dieses Thema ansprechen.

Arleen Rodríguez: Ich übergebe nun das Wort an meine Kollegen.

Ich beginne mit Oliver Zamora, der ebenfalls um ein Gespräch über die Situation nach dem 3. Januar gebeten hat.

Oliver Zamora, Vertreter von RT, Russia Today.

Oliver Zamora: Guten Tag, Herr Präsident.

Miguel M. Díaz-Canel: Guten Tag, Oliver.

Oliver Zamora: Ich möchte Ihnen zwei Fragen stellen. Erstens zur Rhetorik des Zusammenbruchs, die seitens der US-Regierung, insbesondere ihres Präsidenten Donald Trump, an Bedeutung gewonnen hat und von den mit dieser Regierung verbundenen Medien nach den Ereignissen vom 3. Januar wiederholt wird.

Könnten Sie bitte etwas genauer auf das tatsächliche Ausmaß der Abhängigkeit zwischen den beiden Regierungen eingehen und erläutern, was nun in den bilateralen Beziehungen zwischen Kuba und Venezuela zu erwarten ist?

Und eine zweite Frage: die Welle der Solidarität, die Kuba erfahren hat. Könnte diese Solidarität, die sich bisher nur auf verbaler Ebene manifestiert, trotz der Drohungen der USA auch in der Praxis Gestalt annehmen?

Miguel M. Díaz-Canel: Okay, Oliver.

Ich denke, die Theorie des Zusammenbruchs und das Beharren darauf hängen eng mit der Theorie des gescheiterten Staates und einer ganzen Reihe von Konstrukten zusammen, die die US-Regierung zur Charakterisierung der kubanischen Situation verwendet hat.

Diese Theorie des Zusammenbruchs steht in engem Zusammenhang mit einer der Strömungen oder Richtungen, in denen die Regierung der Vereinigten Staaten die kubanische Revolution zu Fall bringen will.

Ich behaupte, es gibt zwei grundlegende Ansätze: die wirtschaftliche Strangulation, die auf das Mallory-Memorandum der 1960er-Jahre zurückgeht, und die militärische Aggression. Dies wird in einer kürzlich erfolgten Erklärung des US-Präsidenten treffend zusammengefasst. Er sagte im ersten Teil eines Satzes, man habe allen möglichen Druck auf Kuba ausgeübt und damit erkennt er an,dass es den  gescheiterten Staat gibt, sondern, dass es sich um einen Staat handelt, der erheblichem Widerstand und maximalem Druck standhalten musste – nicht von irgendjemandem, sondern von der führenden Weltmacht, die versucht, Kuba wirtschaftlich zu strangulieren. Eine Macht zudem mit einer imperialer Grundlage und dem hegemonialen Ziel der Herrschaft.

Auf der anderen Seite gibt es die militärische Aggression, wie der zweite Teil desselben Satzes besagt, dass es keine andere Möglichkeit geben würde, als das Territorium zu besetzen und zu zerstören.

Miguel Díaz-Canel

"Unsere Vision, was den Zusammenbruch angeht, liegt im Konzept des Widerstands, des kreativen Widerstands"
Foto: Estudios Revolución


Ich glaube, dass wir in unserer Geschichte, während der gesamten 67 Jahre der Revolution, mit dem Aufkommen der Blockade, diese Theorie der wirtschaftlichen Strangulation, dieses Ziel der wirtschaftlichen Strangulation in der Praxis erlebt haben. Ich sage immer, dass alle Generationen von Kubanern, von denen, die in den frühen Jahren der Revolution geboren wurden, bis zu den jüngsten – unseren Enkeln, unseren Kindern – unter einer Blockade, im Schatten dieser wirtschaftlichen Strangulierung, geboren wurden und gelebt haben. Wir waren immer mit Engpässen und komplexen Schwierigkeiten konfrontiert und mussten immer mit Wechselfällen, Zwängen und Belastungen zurechtkommen, denen sonst niemand auf der Welt ausgesetzt gewesen ist, und schon gar nicht über einen so langen Zeitraum. Und es gibt Beispiele dafür, was wir durchgemacht haben.



Der Punkt ist, ich glaube, dass die Idee des Zusammenbruchs - die in der Denkweise, in der imperialen Philosophie liegt, aber nicht in der Denkweise der Kubaner liegt – nicht allein mit dem Druck und den Absichten einer imperialen Regierung in Verbindung gebracht werden kann. Unsere Vorstellung vom Zusammenbruch schließt den Begriff des Widerstands ein, des kreativen Widerstands, der damit zu tun hat, die Ideen, an die wir glauben, die Überzeugungen, die wir vertreten, und mit der Überzeugung vom Sieg, an den wir ebenfalls glauben.

Ich bin kein Idealist; ich weiß, dass wir schwierige Zeiten durchleben werden, wir haben schon schwierige Zeiten durchlebt, diese sind besonders schwierig, aber wir werden sie gemeinsam überwinden, mit kreativem Widerstand, mit der Anstrengung und dem Talent aller Kubaner, der Mehrheit der kubanischen Männer und Frauen.

Die Beziehung zu Venezuela kann nicht als Abhängigkeitsverhältnis kategorisiert werden. Viele versuchen, sie als Abhängigkeitsverhältnis zwischen zwei Ländern zu betrachten, und beschränken sie dadurch, indem sie sie auf einen Austausch von Waren und Dienstleistungen reduzieren. Dies entspricht nicht der Realität unserer Beziehung zur Bolivarischen Revolution.

Seit Chávez die Bolivarische Revolution anführte, hat sich eine umfassende Partnerschaft entwickelt, die auf Solidarität und vor allem auf Integration und Komplementarität beruht: Wie können zwei befreundete Schwesternationen das jeweilige Potenzial für diese Integration und Komplementarität nutzen? Aus diesem Grund wurde vor über 25 Jahren das Umfassende Kooperationsabkommen zwischen Kuba und Venezuela geschlossen.

Und warum umfassend? Weil es viele Bereiche einschließt: Energie, Ernährungssouveränität, Bildung, Hochschulbildung, Alphabetisierung, Führungskräftetraining und Personalentwicklung. Es umfasst auch Industrie, Bergbau, Telekommunikation, Kulturaustausch und politischen Austausch. Und dies geht weit  über die Beziehungen zwischen Kuba und Venezuela hinaus.

Aus dieser Beziehung und diesem Abkommen heraus entstand vier Jahre später ALBA-TCP, das die Konzepte dieser Beziehung auf eine Gruppe von Ländern in Lateinamerika und der Karibik ausweitete.

In der Folge unterstützte ALBA-TCP auch Petrocaribe, eine Gruppe von Projekten mit Energieschwerpunkt, aber mit einem sozialen Fokus auf soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Chancengleichheit und das Wohl und die Entwicklung der Bevölkerung – nicht nur in Venezuela und Kuba, sondern in ganz Lateinamerika und der Karibik.

Darin liegt das Konzept der Integration, jene Integration, die Martí und Bolívar vorschwebte und die von Fidel und Chávez vorangetrieben wurde und der wir uns alle verpflichtet fühlen, da Tausende von Kubanern an Missionen im Rahmen dieses Abkommens, dieser Zusammenarbeit, teilgenommen haben.

Ich habe bereits mehrfach erklärt – und das ist, was ich wirklich empfinde, –, dass kein anderer regionaler Integrationsblock in so kurzer Zeit die sozialen Erfolge von ALBA-TCP erzielt hat, das aus der engen Beziehung zwischen Kuba und Venezuela hervorgegangen ist.

Erinnern wir uns an etwas wirklich Bedeutendes, ja, ich würde sogar sagen, etwas zutiefst Bewegendes: die Mission Milagros. Sie gab über 3,5 Millionen Lateinamerikanern, die aufgrund von Krankheiten erblindet waren, die mit anderen Ansätzen behandelt werden konnten – nicht mit kommerziellen oder profitorientierten, sondern mit dem Fokus auf sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit