Kubanischer Alltag

In den letzten Tagen unseres Aufenthaltes in Kuba führte eine Brigadistin ein Gespräch mit dem Musiker einer Band: "Wenn man Dich in Deinem Land fragt, was die Revolution bei uns verändert hat, dann sage ihnen: Vor der Revolution hatten von 6 Millionen Kubanern ungefähr 1 Million genug zu essen, Kleidung, die Möglichkeit einer ausreichenden Schulbildung, feste Wohnungen, medizinische Versorgung, gesicherte Arbeitsplätze. Heute, 14 Jahre später, hat jeder der inzwischen 8,5 Millionen Kubaner zu essen, Kleidung, gründliche medizinische Versorgung, gute Schulen und alles das, was vorher ein Privileg von wenigen war."

Diese Worte fassen treffend zusammen, was wir während unseres Aufenthaltes sehen und erfahren konnten. Die Informationen, die man über Kuba in unserer Presse bekommt, sind spärlich und zum großen Teil falsch. Immer wieder wird hier betont, in welches Chaos und in welche Armut die Revolution die kubanische Bevölkerung gestürzt habe, und immer wieder muß die Rationierung für die antikubanische Argumentation herhalten.

Rationierung

Es stimmt, daß es in Kuba Rationierung gibt. Bei vielen von uns, vor allem unter den Älteren weckt dieses Wort schlechte Erinnerungen. Die Gründe für die Kriegs- und Nachkriegsrationierung bei uns lassen sich jedoch kaum mit der kubanischen Situation vergleichen.

In Kuba waren vor der Revolution die Geschäfte mit Waren überfüllt nicht etwa, weil es zu viele gab, sondern aus dem einfachen Grund, daß nur ein kleiner Teil der Bevölkerung in der Lage war, überhaupt diese Waren zu kaufen. Der größte Teil war arm und konnte nicht einmal im Traum daran denken, ebenfalls in den Genuß dieser Waren zu kommen. - Wenn man will, war dieses System eine unsichtbare Rationierung, und zwar zugunsten der Reichen. Die Lage änderte sich, als nach der Revolution eine Umverteilung des Reichtums stattfand, aufgrund derer nun fast alle in der Lage waren das zu kaufen, was ihnen bis dahin vorenthalten war. Jetzt stellte sich natürlich heraus, daß die vorhandene Warenmenge für die gesamte Bevölkerung nicht ausreichte: Die Geschäfte waren in kürzester Zeit leer.

Ein anderer wichtiger Aspekt, der diese Versorgungssituation verschärfte, war die us-amerikanische Blockade und der daraus folgende Kapitalentzug. Kuba, das vorher den größten Teil seiner Importe aus den USA bezogen hatte, sollte auf diese Weise wirtschaftlich ruiniert werden, um eine "Rückeroberung" zu erleichtern. Daß dies nicht gelungen ist, ist vor allem der Hilfe der sozialistischen Länder zu verdanken, die Kuba mit Warenlieferungen und Krediten großzügig unterstützten. Rationierung bedeutet heute gerechte Verteilung von Wenigem für alle, damit jeder in Kuba genug zu essen, zu trinken, Kleidung u.a. bekommt. Verbunden damit sind die Bestrebungen, so schnell wie möglich selbst mehr zu produzieren, um dadurch die Rationierung nach und nach aufzuheben.

Aber auch diese Planung wurde manchmal durchkreuzt, und die Versorgungssituation verschlechterte sich für kurze Zeit wieder. Ein Beispiel ist der Wirbelsturm Flora, der 1963 über den ganzen Ostteil der Insel hinwegfegte, riesige Überschwemmungen verursachte, die Ernte vernichtete und Hunderttausende von Menschen obdachlos machte, anderes Beispiel war der Versuch, 1970 eine Zuckerrohrernte von 1o Millionen t einzubringen, mit der Kuba den großen Sprung aus der Unterentwicklung schaffen wollte. Kuba schaffte diesen Sprung nicht. Der Abzug von Arbeitskräften aus anderen Wirtschaftszweigen für die Ernte bewirkte aber, daß die gesamte Produktion zurückging und die Versorgung der Bevölkerung dadurch fast zusammenbrach.

Die Planung, die auf diese Erfahrung folgte, hatte das Ziel, nicht mehr zu versuchen, auf einmal einen großen Sprung in der wirtschaftlichen Entwicklung zu machen, sondern systematisch die für Kuba ertragreichsten Wirtschaftszweige, z.B. Zucker und Viehwirtschaft, aufzubauen. Mit den Erlösen sollte die weitere Entwicklung auf anderen Gebieten (z.B. Industrie) vorangetrieben werden. Diese Strategie hat in den letzten drei Jahren schon zu guten Erfolgen geführt. So beträgt das Ergebnis der "Zafra" 73/7%, der Zuckerrohrernte, bereits über 6 Mio. t Zucker, ohne daß dadurch die anderen Wirtschaftszweige leiden mußten. Die Rationen für die Bevölkerung konnten ständig erhöht werden, so daß eine ausreichende Ernährung gesichert ist.

In Kuba gibt es drei Arten von Gütern: Die rationierten, die halbrationierten und die freien Güter. Rolando, unser kubanischer Brigadeleiter, erklärte uns das System: Bei den rationierten Gütern handelt es sich meist um Lebensmittel, Fleisch, Reis, Kaffee und Brot, die auf sogenannten "libretas", Zuteilungshefte, ausgegeben werden, Die halbrationierten Güter umfassen Bekleidung, Genußmittel (z.B. Rum, Zigaretten, Bier) und teilweise auch Lebensmittel. Jeder Kubaner bekommt auf seiner "libreta" eine bestimmte Menge von Kleidern, Schuhen, Zigaretten oder Bier für einen geringen Betrag. Wenn er sich nun beispielsweise noch ein zusätzliches Paar Schuhe kaufen will, kann er jederzeit in einen Laden gehen, muß aber mehr dafür bezahlen als für die zugeteilte Ration. Bei unseren Spaziergängen durch La Habana konnten wir in den Schaufenstern der Geschäfte sehen, daß die rationierten Produkte mit einer Nummer, die frei verkäuflichen dagegen mit einem Schild "libre" (frei) gekennzeichnet waren.

Ein anderer Kubaner, der mit uns in der Brigade Nr. 6 arbeitete, erzählte uns, daß die halbrationierten und freien Waren für die kubanische Wirtschaft aber noch eine andere Bedeutung haben. Die Sachen, die man mit der "libreta" kaufen kann, sind sehr billig, und wenn jeder seine Ration erhalten hat, bleibt noch ein großer Teil seines Lohnes übrig. Früher hat diese überschüssige Kaufkraft einen großen Schwarzmarkt unterhalten. Man kaufte z.B. bei einem Kleinbauern zu überhöhten Preisen Lebensmittel ein, die man sonst nur auf Ration bekam, Zur Unterbindung dieses schwarzen Marktes wurden verschiedene Maßnahmen getroffen, die die Kaufkraft abschöpfen sollten. Diese Tatsache kann man am Beispiel der Zigaretten verdeutlichen. Die Ration beträgt zwei Schachteln & 20 Stück pro Woche, die nur 20 Centavos (6o Pfennige) kosten. Wenn ein starker Raucher mit dieser Ration nicht auskommt, kann er sich die Zigaretten frei kaufen, jetzt allerdings für ein bis zwei Pesos (drei bis sechs Mark). Dieselbe Funktion haben die hohen Preise in den Restaurants, für freies Bier und andere Produkte. Bei Eiern und Fleisch ist allerdings der Verbrauch eines jeden Kubaners heute schon doppelt so hoch wie der durchschnittliche eines anderen Lateinamerikaners.

Konsum, Konsumgewohnheiten

Die Eßgewohnheiten stellen in Kuba manchmal ein besonderes Problem dar. Das zeigt sich in der Zusammenstellung der Speisen, wo zuviel Kohlehydrate und Fette verwendet werden. Verbrauch von Fisch z.B. ist verhältnismäßig niedrig, obwohl Kuba reiche Fischvorkommen besitzt. Nach der Revolution baute man erstmals eine Fischereiflotte auf, um die Versorgung mit tierischem Eiweiß noch zu verbessern. Gegenüber einer Produktion von durchschnittlich 13.000 t jährlich vor 1959 hatte man 1969 bereits 80.000 t erreicht. Diese Steigerung beträgt jährlich ca. 20 %. In dieser Beziehung ist der Versuch geglückt; man hatte bei der Planung allerdings übersehen, daß die Kubaner ungern Fisch essen und die Fischproduktion nicht ihren Konsumgewohnheiten entsprach. Eine anfängliche Rationierung von Fisch war deshalb gar nicht notwendig. Heute laufen die Bemühungen darauf hinaus, die Essgewohnheiten zu ändern. Fisch kann man frei kaufen; er wird außerdem noch exportiert.

Schlangen vor den Restaurants

Wenn man nach Kuba kommt fällt einem auf, daß sich vor einigen Geschäften und Restaurants Schlangen bilden. Als wir das erste Mal nach La Habana fuhren und abends in eine Bar gehen wollten, um eine Bier zu trinken, fanden wir schon eine Schlange vor. Wir stellten uns an. Nach ungefähr 20 Minuten hatten wir den Eingang erreicht und bekamen vom Kellner einen Tisch angewiesen.

Diese Schlangen haben verschiedene Ursachen: Zum einen liegt es an der Tatsache, daß es immer noch zu wenig Restaurants gibt. Gleich nach der Revolution wurde ein Teil der Nachtclubs und Bars, in denen die nordamerikanischen Touristen ihre Dollars ließen, geschlossen. Da aber die Kubaner heute selbst das nötige Geld haben, um Restaurants und Bars aufzusuchen, trat auch hier wieder ein Engpaß auf, der durch die Organisationsstruktur der Restaurants noch verschärft wird.

Am Eingang steht in der Regel die Kasse, an der man zuerst bezahlt, was man essen und trinken will. Danach kann man das Restaurant betreten. Wenn nun der Kassierer weggeht, muß man solange warten, bis er wiederkommt, da kein anderer berechtigt ist zu kassieren. Die Besucher werden außerdem nur hereingelassen, wenn alle freigewordenen Tische abgeräumt und gereinigt sind. Das alles verlängert natürlich die Wartezeit, und folglich bilden sich die Schlangen vor den Restaurants. Aber dieses Problem ist den Kubanern durchaus bewußt, wie wir in Diskussionen mit ihnen feststellen konnten, und man versucht es zu lösen, indem man z.B. großflächige Restaurants mit Selbstbedienungsanlagen baut,

Hygiene

Ein großer Teil der Bevölkerung, vor allem auf dem Lande, lebte früher in menschenunwürdigen Verhältnissen. Die meisten Häuser, oder besser Hütten, hatten weder fließendes Wasser, noch ein WC. Ungekochtes Wasser zu trinken, war gefährlich, da es mit Bakterien verseucht war. Heute werden aus Wasserbehältern täglich Proben entnommen. So kommt es, daß man überall in Kuba Wasser trinken kann, was sonst in tropischen Ländern sehr riskant ist.

Während vor der Revolution noch 36 % der Landbevölkerung von Parasiten befallen war, 31 % an Malaria und 14 % an Tuberkulose litten, sind aufgrund der heutigen Hygiene und der medizinischen Betreuung diese Krankheiten fast verschwunden. Die Kinderlähmung konnte vollkommen ausgerottet werden. Die Kindersterblichkeitsrate ist die kleinste ganz Lateinamerikas und hat sich heute sogar dem Stand der entwickelten europäischen Länder angeglichen.

Alle diese Erfolge sind das Ergebnis außerordentlicher Anstrengungen der Revolutionsregierung auf dem Gesundheitssektor. Wenn man sich klar macht, daß es in einem technisch hochentwickeltem Land wie den USA keine gesetzliche Krankenversicherung gibt, daß dort das Sprichwort "wenn Du arm bist, mußt Du früher sterben"', noch immer bittere Wahrheit ist, so wird einem die Bedeutung der Tatsache klar, daß im kleinen unterentwickelten Kuba das gesamte Gesundheitswesen kostenlos ist.

In ganz Kuba gab es vor der Revolution auf dem Lande, wo die Hälfte der kubanischen Bevölkerung wohnte, nur ein einziges Krankenhaus. Heute gibt es bereits über fünfzig. Dazu erzählte uns ein Kubaner, daß man früher oft stunden- oder tagelang laufen oder getragen werden mußte, bevor man zu einem Arzt oder Krankenhaus kam. Wenn man Glück hatte, lebte man dann noch...

Verkehrsmittel

Ein verhältnismäßig großes Problem ist die Versorgung mit Transportfahrzeugen, denn Kuba hat keinerlei Bodenschätze, auf die man eine Industrie dieser Art aufbauen könnte. Auf diesem Gebiet ist es fast vollständig auf Importe angewiesen. Die vier größten Maschinenfabriken sind mit der Produktion von Maschinenersatzteilen für Landwirtschaft und Eisenbahn vollauf beschäftigt. Deshalb ist es Auch nicht verwunderlich, wenn wir auf den Straßen Kubas oft noch alte nordamerikanische Straßenkreuzer sahen. Einige von diesen Autos blieben Privatbesitz, andere wurden vom Staat übernommen und stammen von dem Teil der Bevölkerung, der nach der Revolution Kuba verließ. Diese Wagen wurden an die verschiedenen Massenorganisationen verteilt Jeder, der aufgrund seines Berufes sehr viel unterwegs ist und große Strecken zurücklegen muß, erhält einen. Sie werden dann so lange benutzt, bis sie regelrecht auseinanderfallen, und selbst dann versucht man noch mit Phantasie und Erfindungsgeist, sie wieder fit zu machen.

Für den Transport zur Arbeit und zurück werden von den Betrieben Lastwagen und Busse zur Verfügung gestellt, Das öffentliche Verkehrsnetz ist trotz seiner erheblichen Erweiterung noch immer unzureichend.

Reise nach Cuba - 1973