Ches Afrikanische Wege

Als Che Guevara Cuba 1965 verließ, ergingen sich die politischen Kreise unter dem Einfluß der USA in allerhand Mutmaßungen. Spekulationen rankten sich von seiner Notlage, weil er in Ungnade gefallen sei, bis hin zu seiner physischen Vernichtung und eine breite Skala vorstellbarer Phantasien wurde nacheinander präsentiert.

Für die CubanerInnen bedeutete Che's Verschwinden einen tiefgreifenden Anlaß zur Besorgnis. Ich erinnere mich, daß Luis Baez und ich, während eines denkwürdigen Arbeitseinsatzes bei der Zuckerrohr-Ernte, Fidel, der damals Premierminister war, in unserer Eigenschaft als Journalisten befragten. Aber wir erhielten keine Antwort.

Im Oktober desselben Jahres verlas Fidel öffentlich den dramatischen Abschiedsbrief von Che um die Legendenbildung einzudämmen. Sie hörte jedoch nicht auf, bis zu Che's zweitem Schreiben: Der Botschaft an die Trikontinental-Konferenz, in der er dazu aufrief, "ein, zwei, viele Vietnams" zu schaffen.

Erst viele Jahre später wurde bekannt, daß Comandante Guevara, nachdem er Cuba verlassen hatte, im Kongo kämpfte und beizutragen versuchte, das politische und humanitäre Vermächtnis von Patrice Lumumba zu erhalten.

Die 8. Internationale Buchmesse in Havanna war vor kurzem der angemessene Rahmen zur Vorstellung des Werkes "Wege des Che", geschrieben von Comandante Jorge Serguera Riveri, Papito, herausgegeben von Plaza y Valdez in Mexico. Fernando Valdés selbst kam zusammen mit dem Arzt Raúl Rojas Soriano nach Havanna um an der Präsentation teilzunehmen.

Das Buch beinhaltet Darstellung und Analyse einer Fülle von Erfahrungen in einem Stil, der brilliantes Können zeigt.

Der Autor, der einen Studienabschluß in Rechtswissenschaft, Philosophie und Ingenieurswissenschaft besitzt und die Fakten genauestens kennt, mischt in dem Buch Anekdoten und Humor mit philosophischer Einschätzung und der theoretischen Abhandlung politischer, sozialer und ökonomischer Fragen unserer Zeit, die die Ereignisse, wie sie sich in Algerien, in Afrika, in der Dritten Welt abgespielt haben, bedingten und beeinflußten. Auf die gleiche anschauliche Weise analysiert er Themen wie die chinesisch-sowjetischen Widersprüche, die Ost-West-Konfrontation oder positive Neutralität und verfolgt sie zurück bis zu ihren historischen Ursprüngen. Oder er läßt seiner Wissenschaftlichkeit freien Lauf, indem er Thesen infrage stellt mit den Argumenten gelehrter Theoretiker, gewürzt mit seinen eigenen Ansichten.

Es ließe sich in der Welt wohl kaum ein anderer Botschafter finden, der vom Präsidenten des Landes, in dem er akkreditiert ist, Papito genannt wird. Der Spitznahme ist Teil seines Charakters, so wie jener Sinn für Humor, der sich manchmal in ungewöhnlicher Weise zeigt: So erzählt er etwa von dem Maschinengewehrangriff eines feindlichen Flugzeugs, während er mit Che auf Maultieren durch die Sierra Maestra ritt. Er warf sich zum Schutz auf die Erde, während Che weiterritt, als sei nichts geschehen. Als Serguera ihn 100 m weiter wieder einholte, sagte Guevara kühl zu ihm: "Du bist zu Boden gegangen, Feigling."

Was da algerische anitkolonialistische Problem angeht, so zitiert Papito ausführlich aus Alfred Webers "Kulturgeschichte", um die Stelle zu untersuchen. "Webers Zitat, obwohl brilliant, ist polemisch. Die Vorstellung ist im Bereich der westlichen Kultur angesiedelt Konsequenz aus der Situation des Westens als Kultur für sich, die innerhalb eines historischen Entwurfes der Epoche dominierend ist und deren bekanntester Exponent Oswald Spengler war, mit seinem "Untergang des Abendlandes". Toynbee hätte es der Kollision der Zivilisationen im Raum zugeschrieben

Weber hat recht, wenn er von Krise spricht, seine Darstellung wird schief, wenn diese in allgemeiner Form als Problem der Kultur darstellt. Am schlimmsten ist es, wenn der Gedanke der kulturellen Hierarchie des Westens untergeordnet bleibt."

Auf diese Weise verknüpft Serguera relevante Themen hinsichtlich der komplexen Problematik, die der antikoloniale Kampf für die französische Linke darstellte. "Die Vorstellung von der Isolierung Frankreichs weckte dreierlei Ängste: Die Dekolonisierung Algeriens könnte den USA und England Gelegenheit zum Eindringen geben; der sowjetische Einfluß könnte sic gefährlicherweise in Nordafrika etablieren und die Autorität und das ansehen Nassers könnten sich verstärken und es könnte gelingen, Bedingungen zu schaffen für eine politische Union und Integration in ganz Nordafrika

Algerien reif unter der französischen Bevölkerung einen allgemeinen Schulterschluß mit der Regierung hervor, was natürlich eine Fortsetzung der Konfrontation bedeutete oder die Ausweitung zu einer Konfrontation zwischen der algerischen und der französischen Nation."

Dies ist einer der Gründe nicht der einzige für das Zögern der Französischen Kommunistischen Partei, den Kampf des algerischen Volkes aktiv zu unterstützen.

Für mich ist es eines der größten Verdienste des Buches, daß es aufklärt über die gemeinsame Rolle, die Cuba, Che und Fidel in Afrika gespielt haben. Serguera verweist auf die Puffer-Staaten und charakterisiert so auch den Kongo (Leopoldville) wo Che Guevara aktiv war aufgrund seiner Nähe zu Südafrika, Namibia, Angola und Brazzaville (Französisch-Kongo). Seit jener Zeit, übernahm Cuba eine mehr oder wenige direkte Rolle im der Unterstützung des Kampfes in jedem dieser Länder. Ihre schrittweise Befreiung hat nach Ablauf von 32 Jahren zu dem Triumph von Lumumbas Erben im Kongo geführt.

Che hat das Ziel, das er sich gesetzt hatte, erreicht. Um es mit den Worten Sergueras zu sagen: "Erstens; antiimperialistische Guerillabewegungen in Lateinamerika zu verstärken und zu entwickeln. Und zweitens: das interne Verteidigungssystem durch offensive internationale Aktionen zu stärken, die den USA klarmachen würden, daß wir "einen Präriebrand entfachen könnten", wie es Raúl Castro ausdrückte. Meiner Meinung nach ist dies die Grundidee des Buches, denn der Autor reflektiert auf tiefgründige Weise das politische Schachspiel der legendären 60er Jahre. Daher lautet der ursprüngliche Titel auch: Die Afrikanische Verteidigung: Algerische Variante.

CUBA LIBRE a.d.span. MS
Gabriel Molina
Granma Internacional, englische Ausgabe

CUBA LIBRE 2-1998