"Kuba im Herbst des Patriarchen"

Rezension des Buches von H.-J. Burchardt
"Kuba im Herbst des Patriarchen", erschienen 1999 im Schmetterling-Verlag, 29,80 DM

Der Bremer Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler hat mit seinen zweiten Kubabuch ein Werk vorgelegt in dem er diesmal besonders den politischen kulturellen und sozialen Entwicklungen auf der Insel nachgeht. Fakten- und thesenreich stellt er wirtschafts- sowie soziopolitische Hintergründe dar, welche auf der Insel die Politik des Landes bestimmen oder verändern könnten und zieht unter Zuhilfenahme diverser Quellen seine Schlüsse.


Dabei geht er besonders auf strukturelle, politische Maßnahmen und Gegebenheiten ein, die aufzeigen sollen, wohin sich Kuba bewegt und entwirft dabei selbst verschiedene Szenarien einer zukünftigen Entwicklung der Insel. Das Credo seiner sachlich-wissenschaftlich gehaltenen Analyse heißt: nur eine weitere Entstaatlichung des Wirtschaftssektors sowie eine Erhöhung und Erweiterung genossenschaftlicher und kleinbetrieblicher Unternehmungen samt flankierender Maßnahmenpakete könnten das zunehmende Auseinanderdriften der kubanischen Gesellschaft sowie ihres bewährten Sozialsystems vor einem "Sturz" retten helfen. Dazu bedürfte es laut Burchardt auch einer "Demokratisierung" in Staat, Betrieb und Gesellschaft und einer Reduzierung staatlicher Zentralplanung, die ineffektiv in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wirke.

Was hier nur kurz resümiert wird, stellt Burchardt in seinem Buch relativ umfangreich und beispielhaft dar und verwendet zur Unterstützung seiner Thesen neben Aussagen einiger internationaler Autoren auch verschiedene kubanische Ökonomen. Mehrmals erwähnt er darunter einen gewissen Julio Carranza, der auch in der 1996 auf Grund politischer Differenzen durch die PCC abgesetzten Vierteljahreszeitschrift "Cuadernos de Nuestra America" seine ökonomisch-politischen Vorstellungen vertreten hatte.

Dieser benennt als einen politisch-ökonomischen Fehler, wenn auch weiterhin eine "exzessive Reduzierung der Importe und der Produktion für den Binnenmarkt zur Reduzierung des Konsums führen kann ...". Um eben diese Erhöhung der Importe, das Anwachsen des Binnenmarktes und die Erhöhung des Konsums scheint es auch Burchardt zu gehen, der dafür so seine Modelle entwirft, welche Szenarien eines möglichen zukünftigen Kubas sein sollen. Dabei versucht er verschiedene Grundbedingungen auszuloten, angefangen von diversen Wirtschaftsdaten. Über Liquidität und Auslandsverschuldung, Produktionsbedingungen und Arbeitsmotivation, das Anwachsen der ökonomischen Ungleichheiten im Volk bis hin zum Einfluss ausländischer Konzerne auf die Wirtschaft und Moral des Landes.

Seine Kriterien dabei sind zwar nachvollziehbar jedoch gelegentlich etwas voreingenommen und ungerechtfertigt. So beklagt er einmal den hohen Geldumlauf und die seiner Meinung nach geringen Investitionen im Binnenlandsektor. Fakt ist jedoch die aktuelle Reduzierung des Geldumlaufes in Höhe von 2,3 Mrd. Peso, wodurch alleine 300 Millionen Peso an Lohnerhöhungen frei wurden. Zudem konnten 165.000 Arbeitsplätze auf Grund verbesserter Effizienz wieder neu besetzt werden.

Anderswo beschwört er eine mögliche Liquiditätskrise wegen der hohen Zinszahlungen (15%-20%) herauf, die das Land zur Kredittilgung zu zahlen hat. Kürzlich teilte Carlos Lage jedoch mit, dass sich Kuba wieder mehr Ansehen bei internationalen Finanzinstituten erwarb und sich daraus einige mittel- und langfristige Kredite zu vertretbaren Konditionen eröffneten.

Allerdings wirft Burchardt mit etlichen seiner Beobachtungen Fragen auf, die zweifelsohne für die zukünftige Entwicklung Kubas von entscheidender Relevanz sein dürften. So ist wohl auch die Rolle der demokratischen Partizipation besonders der jüngeren Generation zu sehen: Der überwiegende Bevölkerungsanteil Kubas ist nach der Revolution geboren und sucht dadurch nach Identität, eigenen Erfahrungen und Selbstbestätigung. Die Revolution müht sich, diese auch einzubinden, so ist z.B. auch im Nationalparlament mittlerweile ein ungleich höherer Prozentsatz junger Funktionäre in der Verantwortung als vergleichbar etwa im deutschen Bundestag. Burchardt beschreibt die Problematik aber auch von einer anderen Seite.

In Moa ist etwa seit 1994 der kanadische Konzern Sherrit in der Nickelproduktion tätig und erwirtschaftet dort reichlich Kapital. Hier ist, erscheint B., die Firma bedeutend mächtiger als die lokalen Behörden und es scheinen die ArbeiterInnen mittlerweile ein hohes Interesse an einer Beschäftigung bei der Firma zu besitzen, da ihnen diese in relativ kurzer Zeit hervorragende Bedingungen schuf und ihnen damit aufzeigte, wie schnell Lebensverbesserungen und andere Probleme (z.B. rasche und unkomplizierte Materialeinfuhr während staatliche Einfuhren ungleich längere und kompliziertere Wege gehen) nicht durch den Staat sondern durch den offenbaren Kapitalismus gelöst werden.

Dadurch verschärfen sich zumindest mittelfristig ideologische Widersprüche. Ähnlich, aber in ungleich umfangreicheren Ausmaßen zeigt sich die Situation für die quasi privilegierten kubanischen Beschäftigten im Tourismusbereich.

Die Schattenseite der ökonomisch differenzierten Einkommen sind 200.000 unbesetzte Arbeitsplätze alleine in der Landwirtschaft (Anfang 1998). Ist es eine Aufgabe des Staates, diese Ungleichgewichte auszuloten?! Zweifelsohne, jedoch die Wirtschaftspolitik Kuba als vergleichbar mit neoliberal regierten Ländern wie beispielsweise der Dominikanischen Republik zu präsentieren, wie es der Autor tut, vergleicht nicht Vergleichbares, leitet in die Irre und untergräbt die Situation Kubas. Es mag Bürokratismus und im vergleichsweise geringen Rahmen Bestechlichkeit geben (nachvollziehbar auf Grund der ökonomische schwierigen Situation), noch zählt aber, dass das kubanische Volk seine Souveränität und Autonomie soweit als möglich aufrecht erhält, wer hat diese schon im vollen Umfang im mittlerweile weltweiten Globalisierungsnetz?

Die Dominikanische Republik steht in dieser Frage jedenfalls wohl eher in der 3. Reihe. Ebenso wie Puerto Rico deren Einwohner unter US-Hoheit stehend, noch nicht einmal ihren Präsidenten wählen dürfen und denen auch andere Menschen- und bürgerliche Rechte vorenthalten bleiben.

Ein Indiz für die Beweglichkeit der kubanischen Revolution in Sachen Bürgerrechte ist das neue, weltweit einzigartige Gesetz, nach dem jeder Funktionär in öffentlichen Ämtern jederzeit durch eine WählerInnenmehrheit abgesetzt werden kann. Ein weiterer Schritt also zur Verbesserung demokratischer Strukturen innerhalb des kubanischen Staates, was auch einer der erklärten Anliegen Burchardts in seinem neuen Buch zu sein scheint und worin er allerdings noch Defizite sieht.

Ich empfehle die Lektüre trotz aller Unzulänglichkeiten und inhaltlichen Defizite, da es eine Fülle spannender Zukunftsfragen aufgreift und zu Reflexion und Widerspruch reizt.

CUBA LIBRE BO

CUBA LIBRE 1-2000