Warten auf Michelle

Michelle kommt näher. Die Stadt erwartet sie.

"Oh, Mann, das wird schlimmer werden als '44!" murmelt ein Alter an der Ecke Mercado und Cuatro Caminos. Aber keiner hört ihm zu. Die Leute sind in Eile, schwer beladen, für alles gewappnet und fest entschlossen auf jeden Fall zu überleben.


Die Linien von ETECSA (Telefongesellschaft) sind überlastet mit Warnanrufen, und den überbesorgten guten Ratschlägen von Familienangehörigen. Die öffentlichen Telefonzellen sind vollgestopft und von dort kann man an diesem Nachmittag noch weniger jemanden erreichen. In der Kneipe in Ayestarán besteht eine dicke Frau darauf, dass Papí nun endlich ein paar Latten besorgen soll, um die Fenster abzusichern. An diesem Telefongespräch hat die ganze Straße lebhaften Anteil.

Ein unheimlicher Verkehr überall. "So als ob Fidel bald käme, um hier eine Rede zu halten", sagt ein Veteran, der vom gegenüberliegenden Bürgersteig aus die bunte Menschenmenge betrachtet, die vorhat in der Filiale von der Cadena de Pan (der Brotladenkette) Barbarita in der Calzada im Stadtteil Cerro sich Reservebrot zu besorgen.

"Komm, wir können hier drüben warten, ich hab' schon meinen Platz in der Schlange fest, und ich bin ziemlich vorn!" erklärt eine Mulattin in Hausschuhen und mit Lockenwicklern.

Aber die "Plage" bricht über alle Sorten von Läden herein. Auch die Devisenläden entkommen dem Drang nicht, der von Wind und Wasser ausgelöst wird. Ein Typ mit einem zirkustauglichen Sonnenhut auf dem Kopf, lässt eine bissige Bemerkung vom Stapel, als er all die Leute dort warten sieht: "Und dann heißt es, die Leute hätten kein Moos!"

Hinter einer Säule in der Calle Monte flüster ein geheimnisvoller Dünner den Vorübergehenden zu: "Komm, kauf die deine Kerze für den Zyklon ..."

In der Neptuno, zwischen Industria und Amistad räumen die Bolldozer der Abräumbrigade die Trümmer weg von etwas, das einmal ein Haus war. Aus der Gruppe der Neugierigen, die herumstehen, ruft einer ihnen zu: "Immer dasselbe Warum räumen sie das Zeug nicht auch mal ohne Michelle weg?"

Auch die von der Gemeindeverwaltung werden argwöhnisch betrachtet. Es gibt noch so viele Orte mit potentiellen Flugkörpern, und es sind immer die gleichen: Kartons, Plastikeimer ohne Boden und was sonst noch alles weggeworfen wurde.

Eine anachronistische Leuchtanzeige, die irgendwann auf die Poliklinik Abel Santamaría hinwies, wackelt im ersten Wind. Und ein Nachbar lässt sie nicht aus den Augen, beobachtet jede ihrer Bewegungen.

Die Fensterscheiben der Stadt werden vor der bevorstehenden Bedrohung abgeschirmt. Auch einige Bewohner erscheinen in unerwarteter Verkleidung: Vom alten Regenmantel der Sorte "24 in der Sekunde" die den Geschmack der 80er wiedergaben zu den "Shaikas", jenen ungeheuren russischen Mützen für die tropischen Kaltfronten

Auf dem Markt EJT in der Tulipán werden von hinter der Theke Boniatos (Süßkartoffeln) für den Hurrikan angepriesen. Eine Frau schleppt Massen von Taschen im Namen von Michelle mit sich. Eine Nachbarin meint, ob sie denn auch schon genug Wasser auf Vorrat gesammelt hätte, um das alles zu kochen. Die Unterhaltung wird untermalt vom Gehämmer der Leute gegenüber, die Fenster absichern und dem Tum Tum Tum einer Diskothek auf vier Rädern.

In einer Bar an der Ecke der Calle Tejas bereiten sich einige auf ihre Art auf den Hurrikan vor. An der Tür meint einer, der ganz glücklich guckt, aber seine Zunge kaum noch gedreht bekommt, herausfordernd: "Soll die Bestie nur kommen. Ich bin bereit."

Und Antonio Bello, mit einem Riesenkuchen über seiner Schulter, wartet darauf, dass der Regen etwas nachlässt, um seinen Weg fortzusetzen. Er denkt an die Hochzeit seiner Tochter, die morgen stattfinden soll und zu der Michelle eigentlich nicht eingeladen war. Auch die Schwangere, die auf dem Fahrradtaxi sitzt und jeden Augenblick darauf wartet, dass es so weit ist, hat mit diesem Eindringling nicht gerechnet. Genauso wenig wie der Familienvater in der Calle Monte, der seine ganze Habe auf einen Umzugslastwagen geladen hat.

Andere beobachten den herabstürzenden Regen mit einer ernsten Stille. Vom Balkon eines abgestützten Gebäudes aus guckt eine Frau ins Ungewisse.

Aber die Stadt lässt sich durch die nicht vorhersagbaren Wassermengen nicht aus der Ruhe bringen. Das findet auch Puppy in Calle San Miguel zwischen Industria und Amistad. Dort kocht sie Wasser in einem Riesenkochtopf "um ein Schweinchen zu schlachten und Michelle bei mir zu Hause zu empfangen", lacht sie und lässt ihren Goldzahn sehen, "wo ich gut auf mich aufpassen werde aber immer auf dem Quivive, ob vielleicht irgendjemand Hilfe braucht."

CUBA LIBRE
Aus Juventud Rebelde, Dominical 4.11.2001
Übersetzung: Renate Fausten

CUBA LIBRE 1-2002