Attac-Lateinamerikakongress in Mannheim 31.10 2.11.2008

Mit mehr als 500 Teilnehmern ein großer Erfolg

Vor zwei Jahren erst hat sich im Anschluss an die Attac-Sommerakademie in Karlsruhe die Attac-AG Lateinamerika gebildet. Damals war das Thema Lateinamerika eines unter vielen. Beim Kongress in Mannheim stand es im Mittelpunkt, und es fiel wirklich schwer, unter den zahlreichen Foren, Seminaren, Workshops und Kulturangeboten auszuwählen und sich für ein Thema zu entscheiden.

Das Auftaktpodium "Asambleas Constituyentes Revolution durch Verfassung" bot bereits einen spannenden Einblick in die neuen Entwicklungen in Lateinamerika, in die Diskussionen über Wirtschaftsformen, Eigentumsfragen und partizipative Demokratie.

Mit Horacio Sevilla Borja (Botschafter Ecuadors in Deutschland), Regina Viotto (Juristin, Uni Bielefeld) und einer Vertreterin der verfassungsgebenden Versammlung in Bolivien war das Podium kompetent besetzt, die Beiträge ergänzten sich hervorragend. Der angestrebte Ausbau des "sozialen Eigentums" in Ecuador, Venezuela und Bolivien warf gleich Fragen auf nach der Effizienz der Arbeit, nach moralischen oder materiellen Anreizen, nach den Kriterien für eine gerechte Verteilung der erzielten Überschüsse.

Wie soll das soziale Eigentum organisiert werden? Sollen die Kommunen (Gemeinderäte) darüber bestimmen? Wie soll die Mitbestimmung der Arbeitenden gestaltet werden? Welche Macht- und Einflussmöglichkeiten bleiben der zentralen Regierung mit ihren Institutionen?

Regina Viotto wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Artikel 14 und 15 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland eine Sozialisierung von Grund und Boden, Naturschätzen und Produktionsmitteln zulassen, auch wenn der Vertrag von Lissabon (Ersatz für die gescheiterte EU-Verfassung) die EU-Staaten auf die freie Marktwirtschaft einschwören will.

Dem Begriff des "bienestar", des Wohlstands im umfassenden Sinne als Kennzeichen einer neuen solidarischen Wirtschaftsweise im Interesse aller Menschen und der Erhaltung der Natur und ihrer Ressourcen, stand der Begriff der "cultura del miedo" (der Angstkultur) gegenüber, die das gesellschaftliche Leben in den alten Industrieländern beeinträchtigt.

Am Samstag im Forum "Soziales Eigentum", betonte Dario Machado, Professor an der Universität Havanna, den Verlust an Menschlichkeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem der Wert des Menschen oft nur noch an dem Wert der Dinge gemessen wird, die er besitzt. Konsumismus als Ersatzbefriedigung für ein verlorenes Miteinander-Leben verschärft die zerstörerischen Auswirkungen des Kapitalismus, der den gnadenlosen Konkurrenzkampf als Mittel zum Fortschritt propagiert.

Es bleibt allerdings fraglich, ob die an unsere Konsumangebote gewöhnten Menschen bereit wären, ein bescheidenes Leben zu führen und im sinne von "fair trade" gerechte Preise für die Importe aus Lateinamerika und Afrika zu zahlen. Manuel Campos von der IG Metall Deutschland konnte nur auffordern, in die Gewerkschaft einzutreten, um sich auch dort für nachhaltiges und solidarisches Wirtschaften einzusetzen.

Die überwiegend jungen TeilnehmerInnen wollten oft genau wissen, wie der neue Sozialismus Lateinamerikas aussehen wird. Doch zur zukünftigen Entwicklung in Lateinamerika konnte niemand Prognosen stellen und viele Fragen blieben offen, zu denen als Antwort der Satz des Dichters Antonio Machado zitiert wurde "se hace camino al andar". Man findet den Weg beim Gehen. Na dann: Adelante!

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