Cubanischer Sommer im Zeichen der Krise

Wer in diesem Sommer auf dem Flughafen Havanna eintraf, wurde gleich von mit Mundschutz bekleidetem Personal empfangen. Bevor man als Besucher auf die Cubaner losgelassen wurde, galt es erst einmal ein Papier auszufüllen, indem man bestätigte, dass man keinerlei Grippesymptome aufwies. Für alle Fälle bekam man noch ein Info ausgehändigt, wo man sich zu melden habe, falls doch noch...
Alles, was die nationale Gesundheit beeinträchtigen könnte, lässt die cubanischen Behörden sofort handeln. Schließlich hatte man schon mit Absicht aus den USA eingeschleppte Epidemien mit vielen Toten erleiden müssen. Wenn heute auch nur die geringste Wahrscheinlichkeit einer Endemie oder Epidemie sich anzeigt, wird nichts mehr dem Zufall überlassen. Besonders im feuchtheißen Sommer, und dieser Sommer war noch heißer als gewöhnlich, gedeihen alle Arten von Keimen besonders gut.

Auch während des Aufenthalts waren wir gut behütet.

Heere von jungen und älteren Leuten kamen an die Türen, um Fieber zu messen. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Mit 35,6 Grad war unsere Körpertemperatur niedriger als die Außentemperatur. Also kein Grund zur Besorgnis. Gerade am Frühstückstisch kündigte sich der "Fumigador" an. Damit konnten wir das Frühstück erst einmal vergessen, denn alle offen liegenden Lebensmittel mussten schnell in Sicherheit gebracht werden. Nach unserer Flucht auf die Dachterrasse konnte der Mann mit seiner "Bazooka" das Haus mit penetranten Dämpfen benebeln. Irgendwann verzog sich der Qualm und wir hatten eine Woche Ruhe. Am nächsten Tag war dann jemand vom Gesundheitsministerium vor unserer Tür. Er sah sich um, ob nicht irgendwo Wasser herumstand. Er leuchtet in den mit Wasser gefüllten Tank im Innenhof und gab zur Sicherheit einige Tropfen hinein. Das gleiche tat er mit dem Kondenswasser der Klimaanlage. Schließlich soll es keinem Ädes-Ägyptis-Ei gelingen, eine Larve entschlüpfen zu lassen. Die Äedis-Ägyptis-Moskitos sind es nämlich, die das nicht ungefährliche Dengue-Fieber verbreiten und denen Einhalt zu gebieten ist in jedem Sommer eine gigantische Aufgabe der Gesundheitsbehörde. Aber auch in diesem Sommer war sie wieder erfolgreich.

Welche Krise?

Die weltweite Krise scheint den Durchschnittscubaner nicht wirklich zu beunruhigen. "Welche Krise", pflegt unser Freund Abel zu sagen. Soll heißen, dass man sich in Cuba seit den 90er Jahren in einer gefühlten Dauerkrise befinde und eine Krise mehr oder weniger schon keinen mehr erschüttere.
Trotzdem ist sie allgegenwärtig. Jeder erfährt sie am Arbeitsplatz, beim Einkauf, beim Besuch von Kulturveranstaltungen . "Plan de Ahorro" Sparplan hieß diesen Sommer das meist gebrauchte Wort. Vor 13 Uhr durfte in keiner öffentlichen Institution die Klimaanlage angestellt werden. Da guckten einen um 11 Uhr die in Schweiß gebadeten Angestellten leidend an, denn ihr Arbeitsplatz, gut abgedichtet gegen Außenluft und abgedunkelt, weil ja eigentlich für Klimaanlagen eingerichtet, wurde zum Treibhaus. Aber auch nach 13 Uhr konnte man Pech haben, denn Läden mit viel Kühlgut verbrauchen so viel Energie, dass ihr Sparplan überhaupt keine Kühlung für Angestellte und Kunden vorsah.
Aber die Cubaner waren heilfroh, dass sie wenigstens in ihrem privaten Bereich keine Einschränkungen erfahren mussten. Sie konnten ihre Ferien ohne Sparplan genießen. In Fernsehspots wurde allerdings immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, nur die Energie zu nutzen, die man wirklich braucht.
Denn Fakt ist, wenn es nicht gelingt, im Staatssektor die erforderliche Menge an Energie zu sparen, können weniger Lebensmittel und Medikamente eingekauft werden.
Die Landwirtschaft hat die Aufgabe, die Importe zu senken und mehr selbst zu produzieren. Dafür wurde Kooperativen und einzelnen Bauern Land zur Verfügung gestellt. 100.000 Bauern haben Interesse gezeigt und inzwischen sind 38% des Brachlands vergeben und auf 20% wird bereits geerntet oder ist ausgesät. Aber noch ist die Lage instabil. Die Frage ist jetzt, ob es genügend Ressourcen gibt, die diese "neuen" Bauern überhaupt erst in die Lage versetzen, produzieren zu können. In den ersten drei Monaten gab es zwar viele Kartoffeln und Tomaten, aber dafür waren Schweinefleisch und Eier knapp. Anfang Juli hatte nur der Eier, der jemanden mit Hühnern kannte, Ende Juli waren plötzlich überall Eier. Die Kommerzialisierung der landwirtschaftlichen Produkte ist vom Landwirtschaftsministerium auf das Innenhandelsministerium übergegangen.

Die augenblickliche Krise erschwert es Cuba, an Kredite zu kommen und man rechnet damit, dass man wegen der dramatisch gefallenen Nickelpreise (33.000 Dollar 2007 15.000 Dollar 2009) und wegen geringerer Einnahmen im Tourismus 1 Milliarde Dollar weniger einnimmt. Es kommen zwar wieder mehr Touristen, aber sie geben weniger Geld aus. Auch bei Tabak und Langusten gab es Einbußen. Die 10 Milliarden Dollar Hurrikanschäden des letzten Jahres hat man auch nicht so einfach weggesteckt.

Seit 1962 erhält jeder in Cuba eine bestimmte Menge an Reis, Zucker, Bohnen, Kichererbsen, Öl, Eier, Fleisch, Zahnpasta und Seife. Untersuchungen zufolge decken diese Zuteilung auf "libreta" ungefähr 36% der Kalorien, die der Mensch braucht und das auch nur 12 Tage im Monat. Fleisch und Fisch reichen für ca.10 Tage und Öl für neun. Nicht mitgerechnet sind hier die Sonderzuteilungen für werdende und stillende Mütter und Kranke. Andere Sonderzuteilungen sind bereits der Krise zum Opfer gefallen.
Für diese "libreta" Zuteilungen wird nur ein symbolischer Preis verlangt. Ihr Geld geben die Cubaner aus, wenn sie sich den erforderlichen Rest ihrer Ernährung auf den Freien Bauernmärkten beschaffen müssen. Hier können sie zwar in Pesos einkaufen, aber die Preise sind nicht niedrig. Eine andere Option sind die Devisenläden. Dort geht man hin, wenn man etwas braucht, was es sonst nicht gibt oder wenn Öl und Seife nicht mehr reichen.
Orangen waren in diesem Jahr auf keinem Markt in Cuba zu bekommen. Neben dem Hurrikan hat die Orangenfäule die Plantagen heimgesucht und großen Schaden angerichtet. Ohne Orangen gibt es auch keinen Orangensaft und die Fabriken müssen sich ihren Rohstoff anderweitig teuer besorgen oder schließen.

Fabriken haben auch bereits geschlossen.

Die Reifenfabrik in San José de las Lajas nämlich, in der Provinz Havanna, musste schon vor einigen Monaten die Produktion einstellen, was heftig auf die Stimmung im Ort drückt. Die Arbeiter sind anderswo beschäftigt worden, aber jeder wartet darauf, dass wieder Rohstoff kommt und es weiter gehen kann. Der größte Teil der Rohstoffe, die dort benutzt werden, wird importiert, vor allem der Kautschuk. Durch die immer ansteigenden Kosten kam es zu Engpässen in der Lieferung. Wenn aber nicht bald die Produktion aufgenommen wird, kommt es zu Versorgungsschwierigkeiten mit Reifen.

Eisfabriken können nur mit halber Kraft produzieren, weil sie zuviel Energie verbrauchen. Wenn man an Energie sparen will, geht das nur, wenn man weniger Eis produziert. Das ist im Sommer natürlich besonders kritisch. Deshalb wird man den Energieverbrauch erst im September noch weiter herunterfahren und nur noch Milch, Yoghurt und Käse produzieren.
Druckereien haben Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Ersatzteilen mit hohen Zöllen aus dem Ausland. CubAlum war, wie man am Namen erkennen kann, einstmals eine Fabrik, die Aluminium verarbeitete. Jetzt stellt sie Verpackungen her, aber auch hier kommt es seit April wegen fehlender Grundstoffe zu Engpässen.

Es wurde niemand entlassen, aber trotzdem wird den Menschen in dieser Situation bewusst, dass auch ein gerechtes Sozialsystem nicht vor der Krise verschont.
Dass auch die Touristen weniger Geld haben und deswegen auch weniger von ihrem Geld in Cuba lassen können, zeigt sich daran, dass, obwohl 2% mehr als im Vorjahr kamen, alle zusammen 13,7% weniger ausgegeben haben. Auch hier hat das Personal im Tourismusbereich schon die Auswirkungen zu spüren bekommen.
Das größte Problem, das im Bereich dieser Krise über Cuba hereinbrechen kann und was die Wirtschaftsentwicklung bremsen wird, ist das Schrumpfen bei der Kreditvergabe. Cuba ist auf viele kurzfristige Kredite angewiesen, um seinen Handel durchzuführen und wenn es keine neuen aufnehmen kann, um die noch ausstehenden zu bezahlen, wird das die Möglichkeiten Ware zu importieren empfindlich einschränken. Wenn es international gesehen weniger Kredite gibt, kommt es zu einer Lawine von Zahlungsunfähigkeit und die Liquidität nimmt ab. Wenn in dieser komplizierten Lage der Handelspartner sich verschuldet oder bankrott geht, kann er dir nicht mehr viele Zahlungsmodalitäten anbieten. Das führt dazu, dass Fabriken schließen müssen, weil man einen Kredit nicht erneuern kann oder man nicht genügend Einnahmen hat, um Zahlungen bei Fälligkeiten zu begleichen.

Aber es gab auch gute Nachrichten.

Zur großen Überraschung der Betroffenen wurden trotz der angespannten Haushaltslage die Lehrergehälter erhöht. Zwischen 93 und 163 Pesos mehr im Monat erhalten ab 1. September alle 545.000 Lehrer und Beschäftigte im Bildungssektor. Allerdings ist jetzt für sie verpflichtend, 5% ihres Einkommens in die Sozialversicherung einzuzahlen, wie das alle Berufsgruppen betraf, die in letzter Zeit in den Genuss von beträchtlichen Lohnerhöhungen kamen. Das ist nur ein Teil einer Offensive im Bildungsbereich. Mit Besorgnis hatte man feststellen müssen, dass das Bildungsniveau der jungen Generation nachgelassen hatte. Eine Ursache sah man darin, dass fast die Hälfte des Lehrpersonals von 16-18 jährigen "Nothilfelehrern" gestellt werden. Diese Jugendlichen sind oft damit überfordert, das zu vermitteln, was von einem Lehrer erwartet wird. Aber viele ausgebildete Lehrer hatten ihren Beruf aufgegeben, da von ihnen viel Einsatz gegen wenig Lohn erwartet wurde. Da war es mit einer Arbeit im Tourismussektor oder im informellen Bereich eher möglich, über die Runden zu kommen.

Die Regierung war deshalb bestrebt, diese Lage zu verändern. Nun dürfen seit einiger Zeit Lehrerinnen, die bereits in Rente sind, wieder arbeiten. Ihre Rente können sie behalten und bekommen zusätzlich ihr Lehrergehalt. Da in Cuba Frauen mit 55 in Rente gehen konnten, ist da Potential vorhanden und 1704 Lehrer, die bereits in Rente waren, haben im neuen Schuljahr wieder ihre Arbeit aufgenommen. Trotzdem es fehlen noch über 8.000 Lehrer.
Für die zukünftigen Studenten brachte der Sommer eine nicht so angenehme Überraschung. Die staatliche Führung war entsetzt über deren geringe Kenntnisse über Cuba und seine Geschichte und über die mangelhafte Beherrschung der spanischen Grammatik und Orthographie, auch im akademischen Bereich. Deshalb gibt es jetzt wieder Aufnahmeprüfungen für das Studium an der Universität und zwar in den Fächern: Geschichte Cubas, Spanisch und Mathematik. Um zu bestehen muss man in jedem Fach mindestens 60 von möglichen 100 Punkten erreichen.
Wenn der Student dies nun geschafft hat, profitiert er von einem neuen Gesetz. Er darf jetzt eine Teilzeitarbeit annehmen und sich sein "Studentengehalt" aufbessern.
Aber nicht nur Studenten dürfen sozusagen einen Zweitjob annehmen. Auch die Arbeiter in den Betrieben dürfen jetzt offiziell mehrere Jobs haben. Ausgenommen von dieser Regel sind Funktionäre, Wissenschaftler, Professoren und alle, die im Gesundheitsbereich arbeiten.

Der cubanische Sommer war sehr heiß, man merkte deutlich den Klimawandel.
Fernsehprogramme gab es rund um die Uhr und das Konzert von Juanes war Gesprächsthema.
Daran zeigt sich, dass die Lage trotz drohender Wirtschaftskrise entspannt war. Keine Gefahr von Hungernden und Hungertoten wie in Guatemala, keine verzweifelten Arbeitslose wie anderswo. Und immer noch lebt und überlebt man unter den Bedingungen der Blockade, die in Zeichen der Weltwirtschaftskrise sowieso immer die armen Nationen am härtesten trifft. Als einziges Land der Welt aber muss Cuba sich nicht nur mit der Weltwirtschaftskrise auseinandersetzen, sondern es muss auch noch eine Wirtschafts- Handels- und Finanzblockade und die Nachwirkungen von drei Hurrikanen bewältigen. Eine übermenschliche Herausforderung.

Logo CUBA LIBRE Renate Fausten
Yailin Orta Rivera: Especialistas y funcionarios cubanos analizan como las isla puede enfrentar la crisis, Juventud Rebelde
Patricia Grogg: Vacaciones en tiempos de crisis, IPS

CUBA LIBRE 4-2009