Fidel zum 90.

Hans Modrow

Hans Modrow, Foto: Gabriele Senft


Fidel Castro wird 90 Jahre. Die Zahl der Gratulanten wird lang sein und die, die sich fürchten sollten, auf einer solchen Liste zu sein, könnten auf der falschen Seite des Verlaufs der Geschichte vorkommen.

Die Zahl der Bücher von oder über Fidel Castro ist gewiss nicht geringer als seine Lebensjahre. Diese Betrachtung soll daher weder eine Lebensbeschreibung noch eine Würdigung sein. Erzählen möchte ich, was Kuba als Insel der Hoffnung und der Revolution für mich und viele meiner Generation bedeutet und welchen Platz Fidel darin immer einnahm und bis heute einnimmt.

Der 26. Juli war 1970 Anlass für meinen ersten Besuch auf Kuba. Für mich ein unvergessliches Erlebnis. Der Ursprung dieses Tages als geschichtliches Ereignis 1953 mit dem Überfall auf die Moncada-Kaserne in Santiago, hatte uns in Europa damals nicht erreicht. Was auch für die Gründung der Bewegung des 26. Juli am 12. Juni 1955 galt. Wirkliche Signale erreichten uns 1958 mit den Kämpfen und dann hörten wir etwas von einer Karawane der Freiheit mit der Fidel Castro von Santiago nach Havanna zog und dort am 8. Januar vor Hunderttausenden eine Rede hielt.

Fidel Castro in Chile

1971, Fidel Castro in Chile, Foto: gemeinfrei

Im Juli 1970 sind es mehr als eine Million Menschen, die sich auf dem Platz der Revolution versammeln, um Fidel Castro zu hören und wie die Aussagen in seiner Rede bekunden auch über ihn und die Führung des Landes mit zu entscheiden. Das Ergebnis der Zuckerrohrernte war auf 10 Millionen Tonnen ausgerichtet. Fidel und alle Spitzenfunktionäre hatten selbst Zuckerrohr geschlagen, aber das Ziel war bei weitem nicht erreicht. Nun stellte er den breiten Massen des Volkes die Vertrauensfrage: Wollt ihr mit uns und sollen wir als Führung mit euch den Revolutionsprozess weitergehen? Solch ein Ton war für mich neu und die Art der Zustimmung zum Comandante en Jefe ein wichtiges Erlebnis. Heute wissen wir mehr. Fidel Castro hatte es sich nicht leicht gemacht, aber anderen auch nicht.


Für die Führung in der Sowjetunion, und das galt auch für die DDR, waren die jungen Rebellen ausgezogen, um die Macht des Kapitals zu brechen und sich dem USA-Imperialismus entgegenzustellen. Das schien gut und unterstützenswert. Wie viel Vertrauen dazu gehört, wo eine eigene Bewegung von Rebellen noch ohne tiefe Verbundenheit mit der doch existierenden KP abläuft, doch noch etwas Reife braucht. Diese Reife entwickelte Fidel mit seinen engsten Vertrauten und das Vertrauen zu ihm wuchs mit der Schärfe der Ereignisse. Von der Aggression der USA in der Schweinebucht, über die Kuba-Krise zwischen der Sowjetunion und den USA, bis zur Gründung der KP Kubas am 3. Oktober 1965 und der Wahl Fidel Castros als 1. Sekretär. Für unsere Betrachtungen war nun etwas entscheidend Wichtiges geschehen. Der sozialistische Charakter der Revolution war schon 1961 verkündet und nach der Gründung der KP mit Fidel Castro an der Spitze sollte sie ihn führen.

In den Beziehungen zwischen Kuba, der Sowjetunion und den sozialistischen Ländern in Europa gab es nicht immer nur Sonnenschein. Der Eigensinn von Fidel Castro und sein Blick auf Entwicklungen war stets konstruktiv, aber auch kritisch. Nicht mit einfacher Distanz, sondern auch mit Abwägungen; stets mit einer Selbstprüfung für Kuba. Manche Ähnlichkeiten in der Entwicklung der Gesellschaft führten jedoch nicht wie z. B. in der DDR zur Übernahme der Züge des sowjetischen Modells.

Fidel Castro in der DDR

1972, Besuch in der DDR, Foto: Bundesarchiv,
Bild 183-LO0614-040 / CC-BY-SA 3.0


Schon 1970 machte Fidel Castro eine Reise durch zehn Länder in Afrika und Osteuropa. Die DDR war die achte Station und den Abschluss bildete die Sowjetunion. Es gab Freude und Jubel beim Zusammentreffen mit der Bevölkerung, aber es brauchte zwei Jahre für einen Gegenbesuch Erich Honeckers. Da mussten Brücken gebaut werden, damit Missverständnisse ausgeräumt und eine freundschaftliche Begegnung in Kuba möglich war.

Meine erste persönliche Begegnung mit Fidel war 1993. Etwas mit Scham verbunden, denn die Belastungen für Kuba aus DDR-Zeiten hatten wir 1989/1990 nicht geklärt und die BRD-Regierung war nach dem 3. Oktober 1990 bei aller Distanz zur DDR und ihrer Geschichte natürlich dabei, die Schulden einzutreiben. Als wir uns im Jahre 1993 eine halbe Nacht zu einem Gespräch trafen, nun der Präsident Kubas mit dem Abgeordneten des Deutschen Bundestages, waren Geschichte und Zukunft unser Thema. Die Perestroika in der Sowjetunion, wie ich sie nun sah und die kritische Haltung, die Fidel Castro wohl schon immer dazu hatte, erbrachte eine volle Übereinstimmung.

Fidel vor dem Denkmal für José Martí

Fidel vor dem Denkmal für José Martí in Havanna, Foto: Ricardo Stuckert / Agencia Brasil


Trotz der schweren Zeit der Spezialperiode blieben Elemente des Optimismus und unser Versprechen, weiter im Sinne der Worte Che Guevara zu handeln. "Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker" blieb bestehen und Cuba Si und die Netzwerke für Kuba haben sie bis zum heutigen Tag eingehalten.

Die Solidarität Kubas konnte ich als Mitglied des Europäischen Parlaments mit nachhaltiger Wirkung durch Fidel Castro im Jahre 2001 erleben. Das Forum Sao Paulo wollte sein Treffen in Guatemala veranstalten, aber die notwendigen Bedingungen waren nicht erreichbar. Kuba übernahm die Durchführung des Treffens und Fidel Castro setzte Achtungszeichen für die weitere Entwicklung in Lateinamerika und gab dem Forum Sao Paulo weitere Impulse für sein Wirken. Für die Fraktion der Linken im Europäischen Parlament sprach als Leiter der Delegation Francis Wurtz und ich wurde gebeten, als ein alter Freund Kubas zu sprechen. Die persönlichen Worte von Fidel Castro zu meiner Rede haben mir danach gut getan und begleiten mich bis heute in den Bemühungen um Solidarität für Lateinamerika.

Fidel wird 90 und Raúl, sein Bruder, hat auf dem VII. Parteitag der KP Kubas eine Analyse vorgetragen und Orientierung für die weitere Entwicklung in Kuba gegeben. Da klang schon vieles wie ein Vermächtnis und die Fortsetzung des Weges, den Fidel mit den jungen Rebellen begonnen hatte.

2005, Kundgebung zum 1. Mai

2005, Kundgebung zum 1. Mai, Foto: Vandrad, Wikimedia, CC BY-SA 3.0


Für den kubanischen Sozialismus gelten die sozialen Standards in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Kultur, Sport und Sozialversicherung für neoliberale Formen gibt es keinen Platz. Schwächen wie niedrige Einkommen, nicht ausreichende Renten, doppelte Währung und fehlende Organisation und Disziplin in der Arbeit gilt es abzubauen und zu überwinden.

Das Erbe von José Marti gilt weiter, die Lehren des Marxismus und auch die mit Fidel Castro verbundenen Erfahrungen und Erkenntnisse gehören zum Werk der Revolution, das Kuba fortsetzen wird. Dieser Weg wird nicht leichter, er wird den Mut, die Kraft und das Festhalten aller Generationen, besonders aber der Jugend, an der Revolution fordern.

Fidel Castro seien noch viele Jahre vergönnt und seine manchmal ganz leisen Töne der Nachdenklichkeit sollten weiterhin nicht ungehört verklingen.


CUBA LIBRE Hans Modrow

CUBA LIBRE 3-2016