Buenos Días, Kuba

Landolf Scherzers Reise

Selten war ich so neugierig auf ein Buch wie auf dieses. Zufällig war ich im Internet auf einen Artikel einer Thüringer Tageszeitung gestoßen, der über den Besuch eines deutsch-kubanischen Paares bei Landolf Scherzer berichtete. Kennengelernt hatte der Schriftsteller das Paar während seiner Kubareise. Dort hatte Julie als Dolmetscherin für ihn fungiert. Erwähnt wurde auch, dass ein Buchprojekt über die Reise geplant sei. Das sollte dann noch etwas auf sich warten lassen, doch nun liegt es vor und meine Leseneugier konnte gestillt werden.


In dreizehn Episoden berichtet Scherzer von seinem sechswöchigen Aufenthalt: sprachmächtig, sehr detailreich und anschaulich. Er sucht Antworten auf die Fragen nach dem Wandel in Kuba und Kubas Zukunft. Sein Aufenthalt beginnt ungewollt und ungeplant zum Zeitpunkt eines großen Einschnitts in Kuba: am 25. November 2016 einen Tag vor Fidels Tod. Also erst einmal kein normaler kubanischer Alltag, sondern (emotionaler) Ausnahmezustand bei vielen. Aber gerade das gemeinsame erschüttert sein über den Tod Fidels, lässt Scherzer bei seinen Vermietern schnell zu einem "Familienmitglied" werden, er ist nicht der fremde Gast. Dazu trägt sicher Scherzers unvoreingenommene Neugier bei. Ein Verdienst des Buches ist es, dass es nicht die üblichen Vorurteile gegenüber Kuba bedient. Es ist kein touristischer Reisebericht über Salsa, Sonne und Rum. Scherzer lässt sehr wohl seine kubanischen Gesprächspartner zu Wort kommen, jene, die sich klar zu den Werten der Kubanischen Revolution bekennen, bei denen nicht der eigene Vorteil, das Materielle entscheidend ist. Ihnen ist es wichtig, auf der richtigen Seite zustehen und humane Werte zu leben in dem Bewusstsein, was ihnen die kubanische Gesellschaft an Sicherheit und Entwicklung ermöglicht hat. Manchmal sind es gerade diese Gesprächspartner, die Scherzer mit Fragen, die auf ein besseres materielles Leben abzielen, zum Widerspruch herausfordert. "Du willst über Kuba schreiben, aber denkst nur wie ein Europäer", entgegnet ihm Harlyn, der kleine Bruder von Julies Freund Jorge Luis sowie Sprinter und Nationalkader von Kuba. Der von ihm vorgebrachte Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen, verleidet das Lesevergnügen aber nicht. Was Scherzers Buch von vielen anderen Berichten über Kuba unterscheidet, ist der DDR-Hintergrund des Autors. Das verschafft ihm noch mal einen anderen Blickwinkel. Geschickt hat er auch seine Funktion als "Postbote", der allerlei Unterschiedliches vom 30.000 Euro- Scheck bis zu Stuhlkissen im Auftrag bei verschiedenen Menschen abliefern soll, genutzt, viele Facetten Kubas zu zeigen. Der Leser ist gespannt, wie er seine Mission erfüllt.

Landolf Scherzer:
Buenos días, Kuba Reise durch ein Land im Umbruch
367 Seiten mit 57 Abbildungen
Aufbau Verlag, 22,00

CUBA LIBRE Marion Leonhardt

CUBA LIBRE 4-2018