Ein Leuchtturm wird 60 oder 150?

Kurz vor Silvester 1958 ließ der korrupte Diktator Fulgencia Batista seine Geldkoffer in einen Privatjet räumen und verließ Kuba in Richtung der damals despotisch regierten Dominikanischen Republik. Damit wurde der Weg frei für das Ereignis, welches wir heute in Deutschland als die Kubanische Revolution kennen und welches für gewöhnlich auf den 1. Januar 1959 datiert wird.

Mit der Datierung von Revolutionen ist es ja so eine Sache. Wir haben das Bedürfnis, einen Tag zu benennen, ein Ereignis einzugrenzen, welches wir mit dem Umsturz identifizieren wie im Fall der Novemberrevolution die Ausrufung der sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht. Eine solche Vereinfachung ist notwendig, denn wie würden wir uns sonst an ein Ereignis wie den 60. Jahrestag der Kubanischen Revolution erinnern können? Problematisch ist eine solche datumsmäßige Festlegung immer, sie es aber vor allem aber im Fall der Kubanischen Revolution. Die Kubanische Geschichtsschreibung zum Beispiel setzt den Beginn derselben auf den 10. Oktober 1868 an, dem Tag des Beginns des ersten Unabhängigkeitskrieges. Wir hätten demnach im Jahr 2018 den 150. Jahrestag der Kubanischen Revolution gefeiert, und (fast) keiner hat es hierzulande gemerkt.

Movimiento 26 de Julio
Movimiento 26 de Julio ist der Name der von Fidel Castro geführten Organisation während der kubanischen Revolution
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In jedem Falle ist die Kubanische Revolution ein Prozess, der sich in ständiger Entwicklung befindet. Nimmt man den so genannten Schrei von Yara im Jahr 1868 als Ausgangspunkt an, also die Ansprache des Großgrundbesitzers Carlos Manuel de Céspedes an seine Sklaven und Untergebenen, so verblüfft die Verbindung von patriotischen, sozialen und (modern ausgedrückt) antirassistischen Elementen in dieser Bewegung. Ebenso unerwartet ist die hohe internationale Beteiligung in der patriotischen kubanischen Bewegung im 19. Jahrhundert, in der übrigens auch Deutsche eine aktive Rolle spielten. Nachdem die zahlenmäßig überlegenen spanischen Kolonialherren vertrieben waren, galt es, die Werte der Revolution die kubanische Nation mühsam gegen den neokolonialen Einfluss der USA und die damit einhergehende Korrumpierung der Eliten in endlosen politischen Stellungskämpfen zu verteidigen. Erst mit der Machtübernahme durch die Rebellen im Jahr 1959 konnten die von Céspedes formulierten und später von José Martí ausgearbeiteten Inhalte erstmals als revolutionäre Politik ausgestaltet werden.

Auch nach dem Jahr 1959 durchlief der kubanische Revolution verschiedene Etappen. Die ersten programmatischen Erklärungen definierten die Agrar- und die Bildungsreform als die Achsen einer nationalen und demokratischen Umwälzung. Viele der Revolutionäre waren Katholiken, bürgerlich denkend und zum Teil sogar Antikommunisten. In den prägenden ersten zwei Jahren der Revolution war vom Sozialismus nicht die Rede. 1961 dann die Erklärung des sozialistischen Charakters der Revolution durch Fidel Castro, inmitten des Angriff s auf die Schweinebucht durch Konterrevolutionäre aus den USA. Ende der 1960er Jahre, wenn man so will, die internationalistische Revolution, in den 1990ern, nach dem Ende des Weltsozialismus, die Spezialperiode als neue Revolutionsetappe, dann die energetische Revolution, die biotechnologische Revolution. Im zurückliegenden Jahrfünft hat sich Kuba der Aktualisierung seines sozio-ökonomischen Modells verschrieben. Kurzum, die Kubanische Revolution hat viele Facetten und sich vermutlich gerade deshalb immer wieder gegen den imperialistischen Druck verteidigen und aufrichten können.

Che Guevara

Die Geschichte ist allgegenwärtig
Foto: Wagner T. Cassimiro "Aranha" /flickr/CC BY 2.0

Strassenszene

aber hier ist die Zukunft!
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Das sollten wir zu bedenken geben, wenn in unserer Gegenwart jemand laut spekuliert, wie lange Kuba wohl noch so bleiben möge, wie es ist. So, als sei das Ende der Revolution in ihrer inneren Widersprüchlichkeit oder ihrer äußeren Bedrohtheit angelegt. Das Erstaunliche, ja Bewundernswerte ist, dass Kuba seit sechs Jahrzehnten unter genau diesen Bedingungen durchgehalten, ja, sich weiterentwickelt hat. Was geht, wenn nichts geht? Dies scheint das Motto der kubanischen Revolutionäre. Und dass offensichtlich viel geht, selbst wenn nichts geht, erfahren wir seitdem immer wieder aus Kuba. Die kleine Insel hat der Welt viel beigebracht in erster Linie die Einsicht, dass es sich lohnt, durchzuhalten. Diese spezielle kubanische Agitation erfolgt nicht durch den erhobenen Zeigefinger, Traktate oder Pamphlete. Kuba wird zum Beispiel, indem es durch ein Vorbild überzeugt: Ein humanistisches, ökologisches, inklusives Vorbild, um nur diese Aspekte zu nennen, das auf der ganzen Welt verstanden wird und Energien freisetzt, Impulse liefert und vor allem den Völkern des Südens und ihren Regierungen Mut macht, um ihre Emanzipation zu kämpfen.

Sei der 1. Januar nun der Jahrestag des offiziellen Beginns der Kubanischen Revolution oder nicht: Er ist ein denkwürdiger Anlass, um zu feiern. Kuba ist und bleibt auch nach sechzig Jahren ein Leuchtturm mit enormer Ausstrahlungskraft, dessen Leuchtfeuer auch in weit entfernten Gebieten Lichter zu entzünden vermag, die einen hoffnungsvollen Vorschein auf eine Welt geben, in der Sklaverei, Rassismus, Chauvinismus, Ausbeutung und Unterdrückung keine Schatten mehr werfen können.

CUBA LIBRE Tobias Kriele

CUBA LIBRE 1-2019