Quedate en casa Bleib zu Hause

Kuba im Kampf gegen Blockade und Coronavirus.

Medizinpersonal auf Kuba
Auch Medizinpersonal auf Kuba gilt: "Wir können nicht zu Hause bleiben"
Foto: #YomeQuedoenCasa


Als am 11. März 2020 mit den italienischen Touristen in Trinidad die ersten Fälle von COVID-19 in Kuba auftraten, war das Land bereits bestens gewappnet. Der Plan zur Vorbeugung und Kontrolle war schon lange zuvor ausgearbeitet und wartete in der Schublade.

Gut eine Woche später war dann die Zahl der Infi zierten auf 21 angestiegen. Bei all diesen Fällen handelte es sich um Touristen oder um Kubaner, die aus dem Ausland zurückgekehrt waren und deren Kontaktpersonen.

Am 20. März informierte Präsident Díaz-Canel in der Fernsehsendung Mesa Redonda die Bevölkerung über die geplanten drastischen Maßnahmen.

Eine der Maßnahmen betraf den Tourismus, den Bereich, der dem Land die höchsten Einnahmen brachte, eine Säule der kubanischen Wirtschaft. So viele Hotels entstanden in den letzten Jahren, einige am Prado gerade eingeweiht und ein anderes am Malecón, das in halbfertigen Zustand zurückbleibt und nur ein Kran, der traurig in den Himmel ragt, lässt darauf hoffen, dass die Bautätigkeit irgendwann einmal weitergehen wird.

Am Wochenende des 14./15. März waren noch 24.000 Touristen in den Hotels im berühmten Badeort Varadero. Am 24. März schlossen alle ausnahmslos und die Hotelzone wurde zur Geisterstadt. Was das für das Land bedeutet, kann sich jeder lebhaft vorstellen.

Privatleute, die Zimmer vermieten, haben jetzt natürlich keine Einkünfte mehr, aber sie müssen auch keine Steuern mehr zahlen. Das gleiche gilt für die Betreiber von Einrichtungen der Gastronomie, die, wenn sie sich entscheiden, mit eingeschränkter Kapazität weiterlaufen, auch nur die Hälfte der Steuern bezahlen müssen.

Die Touristen, die aus welchen Gründen auch immer, das Land bis dahin nicht verlassen hatten, wurden in bestimmte Hotels in Havanna gebracht und durften diese nicht mehr verlassen. Logischerweise durften ab dem 24. März dann auch keine Touristen mehr einreisen.

Es wäre für diese auch nicht attraktiv, denn sämtliche Restaurants, Clubs, Kinos etc. sind geschlossen und alle öffentlichen Veranstaltungen abgesagt. Restaurants sind nur in Betrieb, um eine beschränkte Auswahl von Menüs für den Verkauf außer Haus bereit zu haben. Man gibt seine Tupper-Dosen am Fenster ab, sagt, was man von dem Speiseplan gerne hätte, bezahlt und wartet vor dem Restaurant, bis einem die dann gefüllten Tupper-Dosen wieder ausgehändigt werden.

Die Kubaner, die ins Land einreisen, müssen 14 Tage in Quarantäne. Man hat auch für diese die Zahl der Gepäckstücke auf eines plus ein Stück Handgepäck reduziert, so dass der Anreiz für Einkäufe ins benachbarte Ausland weggefallen ist.

Seit Ende März trägt auch jeder einen Mund- und Nasenschutz. Dafür hat man hier das schöne Wort Nasobuco kreiert und es gibt sie in Hülle und Fülle und in allen Farben und Variationen. Der Kubanische Frauenverband hat alle mobilisiert, die eine Nähmaschine ihr Eigen nennen, bringt ihnen Stoffe und holt die fertigen Nasobucos wieder ab. Aber es gibt auch Leute, die sie einfach so herstellen und verteilen, einfach nur, weil sie ihren Beitrag leisten möchten. Auch über 100 Fabriken haben die Produktion umgestellt. Eins ist aber allen Nasobucos gemein - es gibt sie gratis.

Wie überall auf der Welt gilt auch hier Abstand halten und wenn es irgend geht zuhause bleiben. Quedate en casa - bleib zu Hause ist zur Zeit der Spruch.

Die Bevölkerung wird weiterhin durch den Präsidenten und die Minister über die Entwicklung im Land informiert. Das alles geschieht unaufgeregt , wohl durchdacht und nicht improvisiert. Allerdings kann Präsident Díaz-Canel sehr ungehalten werden, wenn sich immer noch zu viele Leute ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, sich zu einem Schwätzchen auf den Straßen aufhalten. Wenn eine neue Maßnahme durchgeführt wird, erklärt man, warum dies notwendig wurde. Jeden Vormittag gibt es Videokonferenzen, in denen sich die Regierung mit den Gouverneuren der Provinzen kurzschließt. In Havanna gibt es die meisten Infizierten, allerdings, wenn man es im Verhältnis zur Bevölkerungszahl betrachtet, steht seltsamerweise die Insel der Jugend an erster Stelle.

Medizinische Versorgung

Kuba ist eine Insel und das ist wahrscheinlich unter anderem einer der Gründe, warum man sich seinem Nächsten näher fühlt als auf einem Kontinent. Wenn ein größeres Unglück geschieht, erfahren wir hier Name, Herkunft und je nachdem noch vieles mehr und es entsteht eine nationale Betroffenheit.

Mit dem Coronavirus ist es ähnlich. Wir lernen hier zwar die Patienten nicht mit Namen kennen. Aber jeden Tag um 11 Uhr erscheint der Leiter der Epidemiologischen Abteilung des Gesundheitsministeriums, Dr. Duran, auf dem Bildschirm und gibt uns einen Überblick über die neuesten Entwicklungen, was den Coronavirus angeht. Wir erfahren, wie viele Tests gemacht wurden, wie viel neue Fälle es gibt, wo sie herkommen, wie viele Kontaktpersonen es gibt, wie es ihnen geht etc. Den Verlauf der schweren und kritischen Fälle (immer so um insgesamt 10 Personen) verfolgen wir intensiv und wenn Patienten sterben, wird Angehörigen und Freunden das Beileid ausgesprochen.

Jede Provinz ist entsprechend ausgerüstet, um an COVID-19 Erkrankte zu behandeln. Auch wurden genügend Räumlichkeiten bereitgestellt für Quarantäne für verdächtige Fälle. Ende April gab es rund 3.000 auf COVID-19 positiv Getestete im Krankenhaus, über 6.000 waren in häuslicher Quarantäne und wurden vom Familienarzt überwacht.

Die Älteren sollen auch hier möglichst nicht aus dem Haus und der Frauenverband und die CDR organisieren für die allein lebenden oder kranken älteren Leute einen Dienst, der ihnen regelmäßig Nahrungsmittel und Medikamente vorbeibringt.

Medizinstudenten gehen von Haus zu Haus und fragen, ob alle gesund sind. Der Familienarzt bringt den Älteren Tropfen vorbei, die das Immunsystem stimulieren.

Trotz der auch während dieser Pandemie weiter verstärkten Blockade kann Kuba all seine Patienten mit allen Medikamenten versorgen, die sich bei dieser Krankheit als wirkungsvoll erwiesen haben.

Die Ärzte und das Pflegepersonal sind durch Schutzanzüge, spezielle Überschuhe und Brillen geschützt. In Kolumbien beispielsweise müssen die Ärzte mit minimalstem Schutz die Patienten behandeln. Als sie daraufhin die Arbeit verweigerten, wurden sie von der Regierung unter Berufung auf den hippokratischen Eid dazu gezwungen. Eine junge Ärztin sagte aufgebracht vor der Kamera: "Der Eid besagt, dass ich verpflichtet bin, Patienten zu heilen, aber nicht, dass ich Selbstmord begehen muss." Solche Situationen sind hier undenkbar, denn nicht nur dem Leben der Patienten, sondern auch dem des Pflegepersonals wird höchste Priorität eingeräumt.

Nun ist es einfach so, dass die Kubaner, die oft im Alltag manchmal etwas lässig sind, in Krisensituationen zur Hochform auflaufen. Die letzten 60 Jahre waren von immer neuen Herausforderungen und Bedrohungen geprägt und eine Krise fordert immer den ganzen Mann und die ganze Frau. So melden sich Laboranten, Reinigungs- und Küchenpersonal mit großer Begeisterung freiwillig, um in Krankenhäusern und Quarantäneeinrichtungen ihren Dienst zu versehen. Das bedeutet für diese genau wie für Ärzte und Pflegepersonal dass sie vierzehn Tage am Stück arbeiten müssen, die Einrichtung nicht verlassen dürfen, um anschließend 14 Tage in Quarantäne zu bleiben, um danach eine Woche ihre Familie wiederzusehen, bevor alles von neuem losgeht.

Quedate en casa

Auch in Kuba versucht man das mit dem Homeoffice. Ich weiß nicht wirklich, in wie weit es funktioniert. Architekten sollen ganz gut zuhause arbeiten können und es reicht angeblich, wenn sie einmal in der Woche ins Büro kommen.

Seit der öffentliche Nahverkehr eingestellt ist, können sowieso nur die ihren Arbeitsplatz erreichen, die über ein eigenes Transportmittel verfügen oder von einem Fahrzeug des Betriebes abgeholt werden - mit entsprechendem Abstand zwischen den Sitzen versteht sich.

Denjenigen, die wegen der derzeitigen Situation nicht arbeiten können, wird einen Monat lang das volle Gehalt gezahlt. In den folgenden Monaten erhalten sie dann, wenn sie nicht von Zuhause aus arbeiten können, 60 Prozent ihres Lohnes.

CUBA LIBRE Renate Fausten

CUBA LIBRE 3-2020