Wer trägt die Kosten?

Kuba, Corona und die Kollateralschäden des Kapitalismus.

In dieser Zeit der Corona-Pandemie steht das sozialistische Kuba, wie wir es kennen und verteidigen, stärker im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit als sonst: Ein kleines Land, mit begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten, das seinen eigenen Weg seit über 60 Jahren trotz aller Anfeindungen weiter geht. Mit unerschütterlichen humanistischen Prinzipien und einer beispiellosen internationalistischen Haltung, die von seinen Menschen verinnerlicht wurde.

Als der Ausbruch der Viruserkrankung in China bekannt wurde, bot Kuba sofort seine Unterstützung an. Das kubanische Medikament Interferon Alfa 2b, ursprünglich zur Krebsbehandlung eingesetzt, hatte auch bei der Abschwächung von Vireninfektionen Erfolge gezeigt. Umgehend wurde in China selbst eine Großproduktion eingeleitet, die neben anderen konsequenten Maßnahmen einen Beitrag dazu leistete, dass das Land das Problem unerwartet schnell in den Griff bekam.

Ein europäisches Kreuzfahrtschiff, das Infizierte an Bord hatte, kreuzte ziellos in der Karibik, da ihm alle Häfen eine Anlandung verweigerten. Als Kuba um Hilfe gebeten wurde, ließ es die "MS Braemar" sofort in seinem Hafen Mariel anlegen. Die Passagiere wurden an Land medizinisch betreut und gut versorgt in ihre Heimatländer ausgeflogen. Deren Dankbarkeit mussten die Kuba-Verleumder in den westlichen Medien wohl oder übel zur Kenntnis nehmen. Ebenso, dass Kuba die Präsenz medizinischen Personals im Ausland sofort ausweitete. Das Land leistet bereits seit Jahrzehnten medizinische Hilfe in armen und unterversorgten Teilen der Welt. Jetzt wurden Ärztebrigaden speziell zur Corona-Bekämpfung aufgestellt und in mehreren Dutzend Ländern aktiv, darunter in Andorra und besonders in dem von der Krankheit schwer betroffenen Italien.

Kuba reicht in der Krise seine Hand zur Hilfe. Es bietet der Welt in dieser Situation das Wertvollste, worüber es verfügt: seine humanistisch und im internationalistischen Geist gebildeten Menschen, ihr Fachwissen und ihre Hilfsbereitschaft. Das Land selbst verfügt über ein hervorragendes Gesundheitswesen, das auf höchstem Standard arbeiten und forschen kann, auch wenn die materielle Knappheit sowie die zynische US-Blockade am Fehlen einfacher Materialien oft sichtbar werden. Die insgesamt jedoch hervorragende Versorgung seiner Bevölkerung ist völlig kostenlos und kommt allen gleichermaßen zugute. Der Schwerpunkt auf Prävention und ein enger persönlicher und menschlicher Kontakt zwischen Bevölkerung und medizinischen Einrichtungen sind besonders erwähnenswert. In Kuba kommen auf 1.000 Bewohner acht Ärztinnen oder Ärzte, in Deutschland sind es nur vier. Doch die Behandlungskosten pro Patient liegen dort bei einem Bruchteil derer in den kapitalistischen Industrieländern.

Auch Kuba wird von der Krankheit nicht verschont. Wenn beispielsweise beengte Wohnverhältnisse oder Käuferschlangen vor Geschäften unter materieller Knappheit und den Auswirkungen der Wirtschaftsblockade einer Verbreitung des Virus potentiell förderlich sind, so ist dennoch eine eher positive Prognose der weiteren Entwicklung angezeigt. Die manchen asiatischen Kulturen eigene stärkere soziale Distanz und Bereitschaft zur Unterordnung gegenüber Autoritäten, die dort zur Bewältigung der Corona-Krise beigetragen haben, entsprechen nicht unbedingt der kubanischen Mentalität. Doch die Menschen stehen in der Not zusammen, sie sind gebildet und verfügen über eine Regierung, die dem Allgemeinwohl und nichts anderem verpflichtet ist. Alles Mögliche und Notwendige, um die gesundheitlichen Bedrohungen zu beenden, wird höchste Priorität haben und getan werden. In Kuba zählt an erster Stelle nur der Mensch, er steht auch an zweiter Stelle und das Geld kommt danach noch lange nicht.

Die Krise bei uns

Karl Marx, der die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Wirtschaft in sachlicher Wissenschaftlichkeit aufschlüsselte, griff zur Veranschaulichung immer wieder auch zu drastischen Bildern und Vergleichen. So in seinem vielzitierten Satz, in dem er das Kapital bei dessen Geburt als "von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend" ausmachte. Auch wenn er Kapitalisten und Grundeigentümer vorrangig als "Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen", oder als "personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital", also als von den Verhältnissen Gesteuerte charakterisierte, so benannte er doch ihren "absoluten Bereicherungstrieb", die "rastlose Bewegung des Gewinnens", ihre "leidenschaftliche Jagd auf den Wert".

Diese Triebhaftigkeit wird unter der Ausnahmesituation der Corona-Krise auch in Deutschland überdeutlich. Seit Beginn der viel zu spät ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung meldeten sich einzelne marktradikale Politiker und mit vermeintlich wissenschaftlicher Kompetenz daherkommende Institutionen oder Stiftungen zu Wort, diese Regelungen bald zu beenden und um nach einem Fahrplan "der Rückkehr zur Normalität" zu rufen. Besonders beschämend ist dabei die Rolle der öffentlichen Fernsehprogramme, die diese Kampagne von Anfang an angeheizt und vorangetrieben haben, obwohl nach Umfragen eine große Mehrheit der Menschen die Einschränkungen befürwortete. Die vorrangige Aufgabe dieser Medien, als Dienstleister zur Gehirnwäsche im Sinne von Kapitalinteressen, wurde überdeutlich. Die dort die Nachrichteninhalte Bestimmenden sind sich wohl nicht mehr bewusst, dass ihre Gehälter und ihr Status auch von den Menschen finanziert werden, die auf Intensivstationen in elender Einsamkeit mit dem Tod konfrontiert sind sowie von deren verzweifelten Freunden und Angehörigen. Man kann somit Politikern wie Merkel oder selbst Söder, welche diesbezüglich Augenmaß und Vernunft bewahren und danach handeln, den Respekt nicht verweigern. Auch wenn Misstrauen und Wachsamkeit in dieser Gesellschaft notwendig sind: Die Pandemie zu verharmlosen, sie als bewusst gesteuerte Strategie eines dunklen Staates zu deuten oder von weiterer "Faschisierung" zu faseln zeigt, besonders unter Einfluss der digitalen Parallelwelten, den erschreckenden Niedergang politischer Urteilsfähigkeit in manchen linken Köpfen.

Die Propagandisten des wirtschaftlichen Neoliberalismus predigen in ihrem maßlosen Drang nach Bereicherung u.a. den Rückzug des Staates und die Privatisierung öffentlicher Daseinsvorsorge. Sie reden von "Eigenverantwortung", die eine inhumane Klassifizierung in "Verlierer" und "Leistungsträger" nach sich zieht und betreiben eine Vergötterung des Marktes. Das Virus traf in den von dieser Ideologie durchseuchten westlichen Gesellschaften auf ein kaputt gespartes, auf Profiterzielung ausgerichtetes Gesundheitswesen. Die dort aufopferungsvoll die Stellung haltenden Pflegekräfte sind völlig unterbezahlt und müssen sich durch die inszenierten Balkonaktionen, in denen sie von meist besser Betuchten beklatscht und zu "Helden" erklärt werden, restlos gedemütigt fühlen. In einigen Ländern mehr als in anderen, doch überall fehlten neben Personal genug Kapazitäten zur Behandlung von Schwerkranken und selbst Schutzkleidung.

Auch Atemmasken, die z.B. in China und anderen asiatischen Ländern schon bei Grippewellen im Einsatz sind und bei der Bekämpfung von Corona sofort eine wichtige Rolle spielten, gab es hier nicht. Sie wurden bei uns erstmal als unwirksam heruntergespielt, bevor nach sechs Wochen ein zaghafter Kurswechsel erfolgte. In Deutschland im Zuge der kapitalistischen Globalisierung nicht selbst produziert, konnten sie in der Krise kaum importiert werden, da sie weltweit stark nachgefragt wurden. Im Notstand ist sich jedes kapitalistische Land, ja jede Region selbst am wichtigsten, auch wenn sich Russland und China solidarisch zeigten. Doch die Verlogenheit des Mythos vom Markt oder in diesem Falle vom Weltmarkt als seligmachender Instanz trat selten so drastisch zutage. Dass die privaten Pharma-Konzerne in wenig profitablen Bereichen die Forschung und Neuentwicklung von Medikamenten weitgehend eingestellt haben und dass das deutsche Gesundheitswesen von Medikamentenimporten aus Indien und China abhängig ist, rundet das Bild ab.

In Brennpunkten der Krise wie im Elsass, wo ein völliges Chaos ausbrach, wurden über 80 Jahre alte Patienten aus Mangel an Beatmungsgeräten gleich mit Opiaten eingeschläfert. Das Kapital geht, besonders unter marktliberalen Doktrinen, auch über Leichen und nimmt diese als "Kollateralschäden" in Kauf. Ein erster Reflex mancher Politiker war es, nach Mobilisierung ihrer Armeen zu rufen, wo jeder normale Mensch eher einen Arzt für zweckmäßig erachten würde. Da kann es nicht verwundern, dass unter den Vorzeichen von übersteigertem Individualismus und zerstörtem Vertrauen in den Staat und in die Gemeinschaft Klopapier gehamstert wird oder in den USA private Waffenkäufe Hochkonjunktur haben. Die langfristigen Konsequenzen sind weltweit überhaupt noch nicht absehbar. Viele arme Länder stehen erst am Anfang der Krise. In Deutschland wird bald eine Debatte darüber losgetreten werden, wer die Kosten tragen soll. Es bedarf keiner großen Phantasie, um schon jetzt zu wissen, dass dies nicht die Reichen sein werden.

Unsere Aufgabe muss es sein, den schändlichen Lügen gegenüber Kuba sowie der kriminellen US-Blockade, die auch gerade jetzt in der Corona-Krise schwere Auswirkungen hat, entgegenzuarbeiten. Die Blockaden und Sanktionen der USA, die auch die Verweigerung medizinischer Güter einschließen, sind Ausdruck von Hass, Rachsucht und Menschenverachtung eines auf totalen Eigennutz programmierten Systems. Eines Systems, dessen bizarre Führungsgestalten der personifizierte Ausdruck des Niedergangs sind, in dem es sich befindet. Statt sich um die hart betroffene eigene Bevölkerung zu kümmern, nutzen die USA die Situation, um mit Verschärfung der Blockade gegen Kuba und Venezuela einen Zusammenbruch dieser Länder herbeizuführen. Begleitet wird das durch eine üble Medienkampagne, welche den bewussten und ausschlie▀lich freiwilligen Dienst der kubanischen Medizinkräfte als ihre "Versklavung" verunglimpft. Mehr noch: Diebstahl und Umlenkung medizinischen Materials, Versuch der Bestechung von Forschungsfirmen und der Einstellung eigener Zahlungen an die Weltgesundheitsorganisation offenbaren einen totalen moralischen Bankrott. In dieser Situation hat die deutsche Solidaritätsbewegung eine Spendenaktion ins Leben gerufen, die dem Gesundheitswesen Kubas zugute kommt. Bereits weit über 100.000 Euro wurden in wenigen Wochen nach Kuba überwiesen, Container mit Bettwäsche und medizinischem Material werden gepackt. Der eigentliche Wert dieser Kampagne liegt vorrangig darin, den Menschen der Insel zu demonstrieren, wie viel sie und ihr Vorbild für uns bedeuten. Wer sich trotz oder gerade wegen aller eigenen derzeitigen Probleme beteiligen möchte und kann, ist herzlich willkommen.

CUBA LIBRE Wolfgang Mix

CUBA LIBRE 3-2020