Die Krokodilstränen der Heuchler

Mit Corona treten die seltsamen Bewertungsmaßstäbe ins Rampenlicht, mit denen uns die bürgerlichen Meinungsmacher in den Medien, in Politik und Wissenschaft beglücken wollen: Während die Pflegekräfte in den hiesigen Intensivstationen und Altenheimen, bislang kaum beachtet, in der Krise plötzlich als "systemrelevant" geadelt werden, läuft eine Kampagne gegen Kubas internationalistische Ärzte weiter, die für eine angebliche Diktatur unbezahlte "Sklavenarbeit" leisten müssen und denen ihr im Ausland verdientes Geld vorenthalten wird. Da gilt es, sich die Sachverhalte genauer anzuschauen.

Angesichts einer zunehmend alternden Gesellschaft sind qualifizierte Pflegekräfte in Deutschland immer noch Mangelware. Wie ist denn das möglich? Regelt nicht angeblich der alles selig machende Markt das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage? Doch statt durch bessere Bezahlung diese Tätigkeiten aufzuwerten und so mehr Menschen für diese Arbeit zu gewinnen, lösten die Pflege-Unternehmer und ihre politischen Helfershelfer das Problem dadurch, jede einzelne Pflegetätigkeit zeitlich knapp einzugrenzen und anhand dieser Vorgabe abzurechnen. Als Folge reduziert sich die menschliche Interaktion zwischen Pflegepersonal und den zu Betreuenden, ein ganz wichtiges Element betreuender Arbeit. Zumindest wird sie nicht mehr bezahlt, so dass der Arbeitsdruck auf die Pflegekräfte noch weiter zunimmt und sie die Zeit für persönliche Zuwendung unentgeltlich dranhängen müssen. Das Fließband Pflege wurde ganz einfach auf höhere Geschwindigkeit getaktet. Das erspart dem Kapitalisten die Ausbildung und Einstellung weiterer Arbeitskräfte. Notfalls kann er ja immer noch auf Migranten und Migrantinnen zurückgreifen, die ohne zu klagen bereit sind, zu Niedriglöhnen hier zu arbeiten, nachdem der deutsche Imperialismus dazu beigetragen hat, ihre Heimatländer in Schutt und Asche zu bomben. Die Fakten: 1,7 Millionen Pflegekräfte sind sozialversicherungspflichtig tätig. Der größere Teil ist weiblich. Drei Fünftel arbeiten nur in Teilzeit oder sind geringfügig beschäftigt. Im Vergleich zu anderen Branchen erhalten Pflegekräfte unterschiedlicher Qualifikation fast überall deutlich unterdurchschnittliche Entlohnung.

Doch warum soll denn überhaupt in unproduktive Bereiche mehr investiert werden? Die pflegebedürftigen Alten und Schwerkranken sind nach kapitalistischer Logik aufgebraucht und zur Profiterzeugung nicht mehr nutzbar und das Idealbild des Neoliberalismus ist schließlich der omnipotente, vor Testosteron strotzende, in seiner Freizeit Manager-Boxen betreibende unternehmerische Neandertaler.

Heuchler dominieren Politik und öffentliche Meinung, die ihre Verachtung und ihren Hass für die am Boden Liegenden und für diejenigen, welche eine weitere Enthumanisierung der kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr hinnehmen, nur mühsam verbergen können. Geht es jedoch um Kuba, werden sie von ganz anderen Emotionen übermannt. Die Kontingente der "weißen Kittel", Kubas exzellent ausgebildete Ärztinnen und Ärzte, die medizinische Hilfe in Ländern leisten, wo großer Bedarf vorhanden ist, haben diese Höflinge des Ellenbogenkapitalismus völlig unvorbereitet auf dem falschen Fuß erwischt. Das passt überhaupt nicht in ihr Weltbild. Verzweifelt suchen sie in ihrer kranken Vorstellungswelt nach Argumenten und pressen Krokodilstränen heraus über die "Ausbeutung" dieser Menschen, deren humanistische Grundhaltung sie selbstredend nicht einmal im Ansatz begreifen. Die Fakten: Kubas Ärzte im Ausland sind ausnahmslos Freiwillige, niemand wird für einen Einsatz zwangsverpflichtet. Sie erhalten über ihre normale Bezahlung hinaus Zuschläge, auch in Devisen, um in ihren Gastgeberländern gut zurecht zu kommen. Wahr ist, dass ein Teil der Einnahmen, die der kubanische Staat von Ländern erhält, die zu Gegenleistungen wirtschaftlich imstande sind, in die Organisierung dieser Einsätze und in das kubanische Gesundheitswesen fließt, welches diese Missionen ermöglicht. Doch dabei geht es nicht vorrangig um Geld. In Kuba dient das Gesundheitswesen den Menschen und nicht der Bereicherung von Pharmakonzernen, Privatkliniken oder Einzelnen. Aus ihrer Berufung ein einträgliches Geschäft zu machen, diese Vorstellung ist den allermeisten der kubanischen Fachkräfte völlig fremd.

Dr. Sara Parelló graduierte 1953 als Ärztin in Havanna. Sie gehörte zu denen, die nach der Revolution in Kuba blieben. 1963 war sie Mitglied der ersten Ärztebrigade, welche von Kuba in ein befreundetes Land, nach Algerien, geschickt wurde. Über die Veränderungen, welche die Mission bei ihr und ihren Kollegen auslöste, sagte sie 40 Jahre später: "Sie ließ uns Ärzte in menschlicher Hinsicht reifen. Sie ermöglichte uns, die Rolle zu verstehen, die Ärzte wirklich haben sollten, denn die Mehrheit von uns war im Kapitalismus ausgebildet worden, mit Lehrinhalten und Konzepten, die weit entfernt waren von denen, welche die Revolution propagierte." Kubas Ärztinnen und Ärzte sind intelligente und gebildete Menschen, welche westliche Hypokriten und deren "Fürsprache" überhaupt nicht benötigen. International gibt es Bestrebungen, Kubas medizinische Solidarität für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Dem schließen wir uns an.

CUBA LIBRE Wolfgang Mix

CUBA LIBRE 3-2020