Diego y Fidel

Diego Maradona und Fidel Castro

Diego Maradona und Fidel Castro im Oktober 2005 in Havanna.
Foto: Ismael Francisco


Ein Buch über Diego Maradona,
sein Fußballleben und sein Verhältnis zu Kuba.



Glenn Jäger durchstreift das Leben des argentinischen Ballkünstlers mit seinen Titeln und Triumphen. Er fragt nach den Verhältnissen, die ihn prägten, ebenso wie nach der politischen Haltung, die er bezog. "Villa Fiorito" das Armenviertel, aus dem er stammte, verteidigte Maradona gleichermaßen wie Kuba, ein Land, dem er eine Therapie verdankte und das für ihn ein Zeichen der Unabhängigkeit war. Ein Auszug:






"Ich würde gern ein Kuba ohne Blockade sehen, mal schauen, was passiert", hatte Diego Maradona einst erklärt. Mit Fidel Castro eint ihn nicht nur der Todestag vom 25. November. Zu deren beachtlichsten gemeinsamen Auftritten gehört jener in einer argentinischen Fernsehsendung von Ende 2005. Zur Erinnerung daran veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des PapyRossa Verlags einen Auszug aus dem kürzlich erschienenen Buch "Diego Maradona In den Farben des Südens". Er stammt aus dem Kapitel "...die Türen Kubas geöffnet: Maradonas Therapie auf Kuba und die Begegnung mit Fidel Castro".

Moderator Maradona: "La Noche del 10" mit Gästen von Pelé bis Fidel

2005 wird Fidel Castro zu den Gästen gehören, die Maradona in "La Noche del 10" (Die Nacht der 10) empfängt. Die Show lief vom 15. August bis zum 7. November in 13 Folgen auf Canal 13, einem der größten argentinischen Sender.

Illustre Gäste

Zum Kreis der Gäste zählten zahlreiche Fußballer wie Ronaldo, Zinedine Zidane, Gabriel Batistuta, Diego Simeone oder der damals 18-jährige Lionel Messi. Die Tennisspielerin Gabriela Sabatini gab sich ebenso die Ehre wie die Boxer Mike Tyson und Roberto Durán. Aus der Musikwelt waren die argentinische Sängerin Mercedes Sosa sowie die Weltstars Julio Iglesias und Robbie Williams vertreten. Neben lokalen Filmgrößen waren auch die italienische Schauspielerin Maria Grazia Cucinotta ("Der Postmann") oder Emir Kusturica zugegen, der zu der Zeit mit und über Maradona einen Film drehte. Was die Folge mit Fidel mache, fragte der serbische Regisseur. "Nächste Woche", entgegnete Diego.

Den Auftakt machte mit Peleé ein ganz besonderer Gast. Es wurde eine Mischung aus Eintracht und Sticheleien, offenbar im Sinne der Show. Der Brasilianer fragte nach dem Inhalt einer damaligen Trinkflasche, der Argentinier wollte wissen, wie es mit Pelés "undurchsichtigen Beziehungen zu FIFA-Präsident Joaao Havelange" (Alabarces 2014: 201) aussehe. Und wie es denn um seinen Sohn stehe. Mit Blick auf dessen einschlägige Erfahrungen lobte Pelé sein Gegenüber als großes Beispiel für jemanden, der es schaffte, von Drogen loszukommen. (vgl. Burns 2010: 255) Unter großem Applaus tauschten sie live signierte Trikots mit der Nummer 10 aus. Gut gelaunt köpften sie fast eine Minute lang einen Ball hin und her, am Ende eine herzliche Umarmung. (...) Die Sendung war Show durch und durch. Publikum, Effekte, Tanzeinlagen: ein großer kommerzieller Kanal, der sich auf Telenovelas und Reality-TV verstand, zog die gängigen Register, die Einschaltquoten waren beachtlich. (...)

"Diego y Fidel" auf Canal 13

Die Folge mit Fidel Castro erscheint als derart großer Kontrast zu den übrigen Teilen der Sendung, dass sie sich kaum als Bestandteil der Serie begreifen lässt. Doch der Kubaner ist unter der vollständigen Besetzungsliste aufgelistet (imdb.com, Episode 1.12), und am Anfang der Ausgabe ist auch der Schriftzug "La noche del 10" zu sehen, während das Logo von Canal 13 eingeblendet bleibt.

Gedreht wurde exklusiv auf Kuba, die Ausgabe firmiert unter "Diego y Fidel - el encuentro" ("Die Begegnung", Videolink: kubakunde.de). Diego betritt im Che-Guevara-Shirt einen einfachen Raum, eine Umarmung, und die beiden nehmen jeweils auf einem Sessel Platz, spartanisches Ambiente, ein großes Bild mit Bergen im Hintergrund. Der Auftakt verläuft wie unter alten Bekannten: "Ich habe auf dich gewartet, seit dein Besuch angekündigt wurde", so Castro. "ch hätte nie geglaubt, dass du mal selber Interviews machen würdest." Sie wären ja "immer im Kontakt" geblieben, eine "gute Beziehung", seit "dem ersten Mal, als du herkamst, mit deinen - damals noch so kleinen - Kindern". Und nun habe er ihm den Freund seiner Tochter vorgestellt. "Tja, Comandante, aber was will man machen, er ist ein guter Junge." Und was für einen Schwiegervater dieser doch habe. Galant wird zu dem übergeleitet, was man in "Argentinien wissen will". Auf Kuba würden sie auch, erinnerte Castro, medizinisches Personal nach Argentinien schicken, etwa nach La Matanza, eine Millionenstadt im Ballungsraum von Buenos Aires. Zudem bildeten sie "argentinische Ärzte auf Kuba aus". Diego erkundigt sich nach der "Operación Milagro", einem Abkommen zwischen Kuba und Venezuela zur Behandlung von Augenkrankheiten.

Eingeblendet werden zudem historische Filmaufnahmen von Castro-Reden ebenso wie von antikubanischen Anschlägen. So dreht sich das Gespräch eine Zeitlang um den in Miami (USA) geachteten Luis Posada Carriles, einen "Anti-Castro-Kämpfer und ehemaligen CIA-Agenten" (New York Times, 23.5.2018). Bekannter noch als dessen Teilnahme an der Invasion in der Schweinebucht (1961) sind ihm zugeschriebene Terroranschläge. Dazu zählte 1976 jener auf ein Flugzeug der Linie "Cubana de Aviación", bei dem 73 Menschen umkamen, "darunter eine gesamte kubanische Jugendsportmannschaft" (amerika21, 29.5.2018). Im "La Noche"-Gespräch fiel auch der Name von Orlando Bosch Ávila, einem "der Köpfe" (Huhn 2008: 13) bei der Planung des Anschlags. Man sprach zudem über die Miami Five, fünf Kubaner, die in den USA unter dem Vorwurf der Spionage zu langen Haftstrafen verurteilt waren, weil sie versucht haben sollen, Pläne zu derlei Anschlägen im Vorfeld aufzuklären. Die Sendung kam einer kleinen Geschichtsstunde gleich, indem Castro unter anderem an die erwähnte Operacioón Cóndor aus der Zeit der Militärdiktaturen in Chile, Argentinien und anderswo erinnerte. Und er warnte Diego davor, wie schnell man in Lateinamerika zu einem "Subversiven" erklärt werden könne. Doch blieb man obenauf: Auch wenn versucht werde, Lateinamerika zu "balkanisieren", so lasse sich dem mit der Einheit des Kontinents begegnen.

Von diesem Ziel war die Sendung getragen, und sie war ein regelrechter Clou: Der "Comandante" spricht ausgiebig im argentinischen Fernsehen, und das zur besten Sendezeit auf einem der führenden Kanäle. Wenn sich Maradona dereinst als "kubanischer Soldat" bezeichnen sollte, dann war dies sein Bravourstück. Um im militärischen Jargon zu bleiben: die Sendung glich dem Streich des Trojanischen Pferdes. Die Folge von "La noche del 10" ist zudem in einer Reihe mit einem weiteren Ereignis zu sehen: Wenige Wochen später sollte US-Präsident Bush, der in der Sendung auch nicht verschont wurde, nach Argentinien kommen. Bei den Protesten, zu denen auch "Diego y Fidel" aufrufen, wird Maradona in der ersten Reihe stehen. ()

Diego Maradona Seine Haltung, die in dem Gespräch auf Canal 13 zum Ausdruck kam, hatte die gezeigte Vorgeschichte in den 1980er und 90er Jahren, als Maradonas Freundschaft zu Kuba und zu Fidel, was kaum voneinander zu trennen ist, ihren Anfang nahm. Und schon früh hatte sich die Sache herumgesprochen. Symptomatisch dafür ist die Anekdote von dem Freundschaftsspiel Deutschland Argentinien (1:2) Anfang Dezember 1993 in den USA, genauer: in Miami. Wegen eines gebrochenen Knochens hatte Diego es verpasst, doch er hätte "auf jeden Fall gern gespielt": "Wegen Deutschland? Ach was! Nein, weil ein paar kubanische Castro-Gegner gesagt hatten, wenn ich in Miami einen Fuß auf den Boden setzen würde, würden sie mich umbringen, bloß weil ich ein Freund von Comandante Fidel Castro war. Ich hätte sie mir gerne aus der Nähe betrachtet, von Angesicht zu Angesicht, aber das ist mir entgangen."

Glenn Jäger
Diego Maradona.
In den Farben des Südens

Mit einem Beitrag von André Scheer
PapyRossa Verlag
263 Seiten, 16,90 Euro


Veranstaltungshinweis:

"Diego y Fidel"
Mit Glenn Jäger und André Scheer


Do., 25. November 2021, 18.30 Uhr, MedienGalerie ver.di, Dudenstr. 10, Berlin

Veranstalter: FG BRD-Kuba (RG Berlin-Brandenburg), Medienpartner: junge Welt


CUBA LIBRE

CUBA LIBRE 4-2021