Scheinriesen

Schon mal von der Mercator-Projektion gehört? Damit wird die Darstellungsform der Weltkarte bezeichnet, die wir heute als normal erachten. Dabei wird die kugelförmige Welt auf einen gedachten Zylinder projiziert und das Ergebnis als flache Landkarte abgerollt. Im Jahr 1569, in dem der Belgier Gerhard Mercator diese Darstellungsform zum ersten Mal wählte, stellte sie einen ungeheuren Fortschritt dar. Sie hat allerdings einen verfälschenden Effekt: Länder in der Nähe des Äquators wirken auf ihr viel kleiner, als sie in Wirklichkeit sind, während die äquatorfernen Gebiete als Scheinriesen auftauchen. Kurzum: Auf den gängigen Landkarten erscheinen zum Beispiel die Länder Europas in unwirklicher Ausdehnung, beispielsweise im Vergleich zu den mittelamerikanischen Staaten. Dadurch wurde die Mercator-Karte zum Symbol der europäischen Brille, durch welche die eigenen Angelegenheiten ungleich viel größer und wichtiger scheinen als die des Globalen Südens.

Denn trotz aller Einbußen im Lebensstandard gibt es für den durchschnittlichen Europäer im Kontrast zu den Ländern des Südens einige Selbstverständlichkeiten: Die Erfahrung eines Lebens inmitten der gesellschaftlichen Produktion von Reichtum, ein Gefühl der Sicherheit und die (vermeintliche) Selbstverständlichkeit eines stabilen sozialen Gefüges gehören dazu. Dadurch tut sich der Europäer schwer, von der eigenen Lebenswelt abweichende Realitäten zu begreifen. Den meisten ist es fast unmöglich, die allgegenwärtige Bedrohung der eigenen Existenz nachzuvollziehen, welche in den Ländern des Globalen Südens für die Masse der Personen eine Grunderfahrung darstellt. Und zwar nicht erst seit gestern, sondern, was den amerikanischen Doppelkontinent angeht, seit einem halben Jahrtausend. Die einigermaßen aufgeklärte europäische Perspektive vermag vielleicht noch das Leid erfassen, welches 500 Jahre Kolonialismus über die dem Kolonialjoch unterworfenen Weltgegenden gebracht haben; dass sie andererseits selbst aus dieser Herrschaftsgeschichte entstanden ist, fällt ihr dagegen ungleich schwerer zu verinnerlichen. Eurozentrismus führt eben auch zu einer schweren Behinderung der Auffassungsgabe.

Eso es revolucion
Uns aus eigener Kraft zu emanzipieren, das ist Revolution.
Foto: privat


Das europäische Selbstverständnis definiert sich über das, was die Länder des Südens seiner Meinung nach (noch) nicht haben: Ein Leben nach Regeln, Wissenschaft und Technik, Arbeitsteilung, Effizienz, kurzum: Zivilisation. Da die "unterentwickelten" Länder Erfahrungen, die in ihrer Reinform von den Europäern für sich in Anspruch genommen werden, wie "Demokratie", "Rechtsstaatlichkeit", "Zivilgesellschaft" und "Aushandlungsprozessen", noch nicht selbst haben machen können, sind sie – so der skeptische europäische Blick – auch kaum in der Lage, ihre eigenen Entwicklungsstand einzuschätzen. Zur Bewertung der "Entwicklungsfortschritte" der ehemaligen Kolonien sind nach dieser Logik in erster Linie Europäer in der Lage. Merke: Eurozentrismus macht die Betroffenen anfällig für Einfältigkeit.

Diese spezielle europäische Perspektive richtet sich auch auf die Kubanische Revolution. Natürlich existieren dabei unterschiedliche Grundhaltungen. Es gibt sicherlich eine "pro-atlantische" Vorstellung, wonach die gegen den von der natürlichen Führungsmacht USA eingesetzten Fulgencio Batista durchgeführte Revolution an sich abzulehnen ist. Tatsächlich handelt es sich bei dieser plumpen Ablehnung der Revolution aber um eine absolute Außenseiterposition. Diese Position, wonach die Kubanische Revolution von Anfang an "falsch" war, existiert heute nur noch in Miami und seinen Filialen. Sie ist nur insofern von Belang, als dass sich alle anderen Haltungen gegenüber der Kubanischen Revolution von ihr abgrenzen und für sich eine "moderate" Kritik in Anspruch nehmen.

Insbesondere unter Europäern überwiegt eine Haltung, welche der Revolution in ihren unkonventionellen Anfängen Sympathien entgegenbringt, ihr dann aber attestiert, zu einem bestimmten Zeitpunkt "umgekippt" zu sein. Dieser Moment der Abweichung vom rechten Weg wird dabei unterschiedlich datiert: Mit den verhängten Todesurteilen gegen die Mörder der Batista-Diktatur direkt nach der Revolution, mit der außenpolitischen Orientierung auf die Sowjetunion, mit der Orientierung auf wirtschaftliche Großprojekte, mit der Einführung privatwirtschaftlicher Elemente und so weiter. Entscheidend ist aber nicht das jeweilige Datum, sondern die Auffassung, wonach die eigentlich gut gemeinte Sache der Revolution an einer Ecke falsch abgebogen ist und nun einer Kurskorrektur bedarf. Kurskorrekturen tun sicherlich not; die kubanische Staatspolitik der letzten Jahre besteht im Wesentlichen aus der Behebung von Fehlern und der Anpassung von nicht mehr zeitgemäßen Strategien.

Wenn sich aber ausgerechnet die Europäer in der Position sehen, Kuba Ratschläge geben zu können, dann stellen sie sich in Gegensatz zu einem der Grundprinzipien der kubanischen Revolution. Wie das gemeint ist? Eine Kubanerin sagte einmal zu mir: „Die guten Sachen, die mittelmäßigen Sachen und die schlechten Sachen machen wir alle selbst. Für das Recht, Fehler machen zu können, haben wir die Revolution gemacht." Der typische europäische Blick auf Kuba stellt (gewollt oder ungewollt) genau dieses Recht in Frage. Das gilt auch für selbst erklärte kubasolidarische Positionen, welche an die sozialistische Insel jene Kriterien und Kategorien anlegen, mit denen Europäerinnen und Europäer versuchen, ihre eigene politische Realität zu erfassen. Nun sind diese Kategorien in der Regel in dem Maße abstrakt, wie die fortschrittlichen Kräfte in Europa davon entfernt sind, reale gesellschaftliche Machtverhältnisse ins Wanken zu bringen. Leider sind die europäischen linken Parteien und Bewegungen es nun einmal derzeit bei sich zu Hause eher gewohnt, gesellschaftliche Veränderungen zu kommentieren, als sie auszulösen. Folglich werden politische Positionen in Ermangelung eines vorhandenen Praxis-Prüfsteins tendenziell nach ihrem verbalen Eindruck bewertet und weniger nach ihrem möglichen Beitrag, die Welt zu ändern.

Die empfundene Machtlosigkeit, mit der man den eigenen Verhältnissen ausgeliefert ist, hat viele europäische Linke dazu bewogen, ihre Hoffnungen auf die Länder des Südens zu richten und sich auf Solidaritätskampagnen mit den dortigen Aufbauprozessen zu konzentrieren. Insbesondere seit den 1990er Jahren steht das sozialistische Kuba im Fokus von Solidaritätsarbeit in Europa. Das ist natürlich gut so und hatte zwischenzeitlich eine enorme symbolische Bedeutung für die Insel, die sich in einer Sonderperiode befand. Zugleich handelte es sich halt um eine typisch europäische Ausdrucksform der Solidarität, in der der Wunsch, die schmerzhaft erlebten eigenen Niederlagen hinter sich zu lassen, auf Kuba projiziert wurde. Dabei zeigt sich, wie schwer es ist, anderen gegenüber solidarisch zu sein, wenn man seine eigenen Kämpfe nicht erfolgreich zu bestreiten vermag.

Natürlich ist Kuba weder willens noch in der Lage, die speziellen Bedürfnisse der europäischen Linken abzudecken. Und es gibt so viele Erwartungen:

Kuba soll seinen unter Che Guevara begonnenen Weg, Bewusstsein und Überzeugung vor finanzielle Anreize zu stellen, fortsetzen;

Der Sozialismus soll nicht dieselben Fehler begehen, die bei uns gemacht wurden und wahlweise härter oder einfühlsamer auf diejenigen reagieren, die sich von ihm abwenden.

Die Revolution hat an der reinen Lehre festzuhalten und lieber in Schönheit zu sterben, als sich mit dem kapitalistischen Weltmarkt an einen Tisch zu setzen;

Die kubanische Regierung soll endlich einsehen, dass nur marktwirtschaftliche Elemente und vor allem ausländische Investitionen die Produktivkräfte zu "entfesseln" vermögen;

Kuba soll Werbung für den Sozialismus machen (wobei uns unter den potentiellen Sozialismus-"Kunden", seien wir doch ehrlich, Europäer vorschweben).

Kuba soll uns mitreißen, uns Hoffnung geben, zu Tränen rühren, uns für unsere Solidarität danken, uns emotional aufrichten.

Kurzum: Kuba soll so bleiben, wie es ist, und zugleich unseren Erwartungen entsprechen.

Man sieht schon, diese Haltung gegenüber Kuba kommt mit einem ganzen Rucksack an Erwartungen daher. Was aber, wenn der Weg des revolutionären Kuba von diesen Reißbrett-Erwartungen abweicht? Was, wenn die klassischen Ziele wie Unabhängigkeit, Souveränität und Wohlstand stärker als die Fixpunkte der kubanischen Befreiungsbewegung hervor und dafür die europakompatiblen romantischen Anknüpfungspunkte der Revolution zurücktreten? Dann muss man sich möglicherweise Sorgen machen. Gibt es ein Gegenmittel? Sicherlich. Besteht dies darin, von den Kubanerinnen und Kubanern Orientierungen für unsere Solidaritätsarbeit zu erwarten? Sicherlich nicht.

Die europäische Solidarität mit Kuba kann sich dann von eurozentristischen Vorstellungen lösen, wenn sie sich von den Verzerrungen befreit, kraft derer die europäischen Probleme und Fragestellungen größer erscheinen als jene der Länder des Südens. Die Solidarität mit Kuba muss immer etwas mit dem tatkräftigen Unterfangen zu tun haben, die Verhältnisse in der eigenen Lebenswelt grundsätzlich zu verändern. Die Maßnahmen der Kubanischen Revolution kann letzten Endes nur kritisch nachvollziehen, wer selbst in einer feindseligen Umwelt um jeden Quadratzentimeter an Gegenmacht kämpft. Tut man das nicht, und das dürfte auf fast alle von uns zutreffen, sollte man sich der Verzerrtheit der eigenen Bewertung bewusst sein. Zum Ziel kommen kann man dann trotzdem – eben wie beim Beispiel der Mercator-Landkarte.

CUBA LIBRE Tobias Kriele

CUBA LIBRE 4-2022