Können, Mut und Opferbereitschaft …

gegen Chikungunya, Oropuche und einen Hurrikan

Von Renate Fausten

Die kubanische Revolution wächst jeden Tag, und wir Kubaner müssen beweisen, dass wir jede Widrigkeit überwinden können, sagte der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel bei einem Besuch in den östlichen Gebieten Kubas, die sich vom verheerenden Hurrikan Melissa erholten.
Foto: acn
Ja, das Leben in Kuba stellt einen immer vor neue Herausforderungen. Die erste, die Krankheit mit dem klangvollen Namen Chikungunya, ist seit einiger Zeit das Hauptgesprächsthema hier. Man hat das Gefühl „Jeden erwischt es“ und inzwischen werden die Behörden hier in Havanna auch nervös. Es sind einfach zu viele. Die Krankheit wird durch Moskitos übertragen und das einzig Positive, das man über sie sagen kann ist, dass sie nicht tödlich ist, Auch Krankenhäuser haben nicht viel mehr Zulauf als gewöhnlich und es gibt auch kein Medikament dagegen. Zuerst hat man wohl zwei, drei Tage hohes Fieber, das man mit Wadenwickel auf ein erträgliches Maß bringt. Das verschwindet wieder, aber was anscheinend wirklich fies ist, sind schlimme Gelenkschmerzen am ganzen Körper, die man dann versuchen kann, mit Paracetamol o.ä. zu lindern. Sie sind so stark, dass man CUBA das Bett nicht verlassen kann, weil man sich kaum bewegen kann. Die Hände und Füße sind kaum zu gebrauchen, schwellen an und sind starr. Aber wie bei fast allen Viruserkrankungen, trifft es einige härter als andere. Manche sind nach einer Woche wieder auf dem Damm, andere kämpfen mehrere Wochen mit den Folgen. Bei uns im Betrieb fielen in unserer Abteilung von sechs Leuten nur vier aus, wovon eine wegen ihres kranken Kindes nicht kommen konnte. Die Layout-Abteilung schrumpfte von drei auf eine einzige Person. Von den dreien fiel eine zunächst aus, weil sie ihre kranken Eltern betreuen musste, jetzt aber selbst darniederliegt. Unsere Chefin versucht, obwohl sie selbst schwer betroffen ist, den Betrieb mit Voice Mail aufrechtzuerhalten, weil man am Anfang nicht schreiben und auch nur gequält sprechen kann.
Jetzt scheint es ihr aber etwas besser zu gehen. Es geistern natürlich auch Verschwörungstheorien durch die Welt. Bei der Menge an Betroffenen können nur die Yankees ihre Hände im Spiel gehabt haben. Wäre ja nicht das erste Mal...
Es kann aber auch daran liegen, dass keine Mittel zur Verfügung steh, um den Fokus auszuräuchern. Als vor zehn Jahren einige Leute an Dengue erkrankten, wurden die ganzen Straßen ausgeräuchert und wir mussten an einem Tag in der Woche zuhause bleiben, weil dann unsere Wohnung ausgeräuchert wurde und streng kontrolliert wurde, ob nicht irgendwo stehendes Wasser war. Wir mussten damals fast einmal eine Strafe zahlen, weil wir eine kleine Wasserlache auf dem Teller unter einer Pflanze übersehen hatten. Aber da wir „dumme“ Ausländer waren, drückte man ein Auge zu.
Jetzt aber hat man kein Geld für solche Aktionen. Manchmal hört man zwar noch die Bazookas und riecht und sieht etwas Qualm, aber das sind mehr Verzweiflungsakte. Wenn man Probleme hat, regelmäßig die Müllabfuhr zu gewährleisten und die Abwässer unter Kontrolle zu kriegen, ist der Kampf gegen die Moskitos ziemlich aussichtslos. Jeder versucht sich zu schützen und das funktioniert am besten mit einem Ventilator. Dafür wiederum braucht man Strom und den gibt es auch ganz oft eben nicht. Mückenschutzmittel mag auch irgendein Laden mal vorrätig haben, aber die könnten die meisten eh nicht bezahlen. Oropuche, das andere Virus, ist etwas seltener und keiner macht sich mehr die Mühe, sie zu unterscheiden. Die Folgen sind sowieso die gleichen.
Überflutung in der Provinz Guantánamo nach dem Durchzug von Hurrikan Melissa.
Foto: Periódico Venceremos / X
Im Dezember ist ja jetzt die Regenzeit vorbei und man darf hoffen,dass sich wenigstens das Problem allmählich von selber löst.
Dann kam zu allen unseren Schwierigkeiten auch noch Hurrikan Melissa hinzu. Da erstaunt es mich immer wieder, wie langgestreckt die Insel ist. Wir hier in Havanna haben absolut gar nichts davon mitbekommen, dass im Osten fast die Welt unterging. Wir konnten nur im Fernsehen die halsbrecherischen Rettungsunternehmen der kubanischen Revolutionären Streitkräfte verfolgen. Man hatte zwar Tausende evakuiert, aber manche Dinge kann man einfach nicht voraussehen. So hat der Fluss Cauto plötzlich sein Flussbett verändert und Häuser, die nie am Fluss lagen, standen plötzlich unter Wasser und die reißenden Fluten nahmen alles mit. Hubschrauber, Militärfahrzeuge, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt, durchkämmten die Wassermassen und holten systematisch alle – vom Säugling bis zum Greis – aus überfluteten Häusern, von Dächern und von Bäumen. Und niemand, kein einziger ist ums Leben gekommen. Aber das ist kein Wunder, das ist Können, Mut und Opferbereitschaft.
Wir hätten immer fast mit den Menschen mitgeweint, die alles verloren haben und mit leerem Blick auf das guckten, was einmal ihr Haus war. Nichts war mehr da, alle Erinnerungsstücke an ein Leben von den Fluten mitgerissen,
Man muss aber sagen, dass eine ungeheure Welle an Hilfsbereitschaft Kuba erreichte. Natürlich besonders Venezuela, dass Unmengen von allem schickte, Kolumbien, Mexiko, Saudi Arabien, Indien… aber auch die Kubaner selbst. Und das ist immer faszinierend, dass Menschen, die selbst wenig haben, davon noch etwas abgeben, weil sie mit ihren Landsleuten mitfühlen, denen es ganz schlecht geht. JointVenture-Unternehmen und auch die hier oft viel gescholtenen Mipymes – die KKMU in Deutsch - füllten ihre großen Lieferwagen und fuhren gegen Osten.
Tausende von Masten sind umgefallen und müssen ersetzt werden. Venezuela hat das Material und Fachleute geschickt. Zu meinem Erstaunen aber habe ich gesehen, dass Kuba in Pinar del Rio eine Fabrik betreibt, die beeindruckend effektiv Hunderte von Masten produziert, natürlich jetzt in Sonderschicht, damit alle möglichst schnell ans Stromnetz angeschlossen werden können. Also so lange wie im Ahrtal wird es bei uns nicht dauern.
Dies alles hat andere Probleme, die unseren Alltag beherrschen, etwas in den Hintergrund gedrängt, welche sind: Menschen ohne festen Wohnsitz, Emigration und Alterung der Bevölkerung – die letztendlich alle durch die schwierige wirtschaftliche Lage miteinander verknüpft sind.
Jedem, der Kuba besucht, wird auffallen, dass zunehmend mehr Leute, die offensichtlich ohne festen Wohnsitz sind, an Hauseingängen sitzen oder in Mülltonnen wühlen. Schicksale, die nichts mehr mit dem berühmten Caballero de Paris zu tun haben, dessen Statue man auf der Plaza San Francisco bewundern kann. Er hatte zwar auch keinen festen Wohnsitz, hat aber nie gebettelt. Die Besitzer von Restaurants haben ihm immer ein Essen offeriert, ganz einfach, weil er ein Original war, gebildet, mit dem man interessante Gespräche führen konnte. Er strahlte Würde aus. Das kann man über die Menschen, die heute ohne festen Wohnsitz durch Havanna laufen, nicht mehr behaupten. Früher gab es nur wenige, und es gab eine Systematik, sie schnell aufzufangen. Heute haben die meist Älteren – aber auch manchmal Jüngeren – keine Familie, die sie aufnimmt. Die niedrigen Einkommen, die Vernachlässigung durch die Familie und psychische Instabilität bringen sie dazu, das Notwendige im Müll zu suchen. Das alles entsteht aus einer Kette des unterlassenen Handelns und des Mangels. Ich muss zugeben, dass ein solcher im Müll wühlender Mann mich um Geld gebeten hat und ich es ihm nicht gegeben habe. Ich hätte es gehabt, aber suchen müssen. Es war stockduster und ich hatte Angst, dass er mir das Täschchen samt Handy wegreißen könnte. Hätte er höchstwahrscheinlich nicht gemacht und ich habe mich die ganze Nacht schlecht gefühlt. Natürlich wäre das nicht die Lösung des Problems gewesen, aber eine kurzfristige Erleichterung für den Betroffenen.
Wie konnte es in Kuba dazu kommen? Der Hauptgrund liegt darin, dass die Familie durch die Wirtschaftskrise, die das Land heimsucht, in ihren Kapazitäten geschwächt ist. Deswegen ist die Dynamik der Gewalt, der Ungleichheit und der Fragmentierung der Familien angestiegen. Die Migration und die Alterung der Bevölkerung haben ebenfalls dazu geführt, dass die traditionellen Netze der Unterstützung gerissen sind und bei bestimmten Sektoren von Menschen das Risiko besteht, herauszufallen.
Im November 2025 war wieder die alljährliche Abstimmung in der UNO zu Beendigung der Blockade gegen Kuba. Da bekommen wir immer beeindruckende Zahlen über die Verluste präsentiert, die Kuba dadurch jedes Jahr erleidet. Aber diese Zahlen haben keine Seele. Ich ärgere mich auch immer über den Satz, die Blockade hätte keinen Erfolg, sei gescheiterte Politik. Die Blockade zerstört ganz viel in der kubanischen Seele. Noch hat sie es nicht geschafft, das Gute, das die Revolution in all diesen Jahren in den Kubanern eingepflanzt hat, auszulöschen. Aber die Spuren der grausamen Unmenschlichkeit dieser Blockade, die Wunden, die sie in jedem Einzelnen hinterlässt, kann man nicht in Zahlen ausdrücken. Sie sind da und wie und ob man sie heilen kann, weiß ich auch nicht.
Um nochmal auf die Problematik der Menschen ohne festen Wohnsitz zurückzukommen. Bis September 2023 wurden laut Cubadebate 3.690 Personen identifiziert und für 75 % von ihnen konnte man irgendeine Form von Lösung finden.
Im letzten Jahr hat man die Zahl der Sozialarbeiter von ca. 7000 auf 17.000 erhöht, wobei immer noch 3.000 Bezirke nicht versorgt sind. Es gibt auch beeindruckende Projekte, wie das von Quisicuaba in San Antonio de los Banos, wo vielen dieser Menschen ein Leben in Würde zurückgegeben wird.
Das Chikungunyafieber sowie das Oropouche-Fieber sind mit Fieber und Gelenkbeschwerden einhergehende tropische Infektionskrankheiten, die durch Stechmücken übertragen werden. Bei den meisten Betroffenen ist der Krankheitsverlauf gutartig, bleibende Schäden und Todesfälle sind selten. Eine spezifische Behandlungsmöglichkeit existiert derzeit nicht.
Foto: gemeinfrei Foto: acn
Aber die Wurzeln des Problems gehen tiefer. Wenn ein Sozialarbeiter sich nur damit begnügt „zu helfen“ und nicht die Situation zu verändern und er dann noch von der Gemeinde und den Institutionen allein gelassen wird, ohne Unterstützung und Ressourcen, wird er kaum wirklich Ergebnisse erzielen. Die kubanische Gesellschaft hat neue wirtschaftliche Akteure, die eingebunden werden müssen, nicht als einen Akt der Nächstenliebe sondern aus ihrer gemeinsamen Verantwortung für die Gemeinde heraus. Das gilt auch für staatliche Unternehmen. Die zur Verfügung stehenden 1% des Gemeindehaushalts muss adäquat für alte Leute, alleinstehende Mütter und dysfunktionale Familien zur Verfügung stehen und eingesetzt werden, damit es erst gar nicht zu einem Phänomen kommt, das die kubanische Gesellschaft praktisch ausgerottet hatte. Sich mit den Armen dieser Erde zu identifizieren, im Martíschen Sinne, muss das Fundament dieser Gesellschaft bleiben. Es macht traurig zu sehen, dass der tägliche Kampf ums Überleben, der Zwang zusätzliche Beschäftigungen aufnehmen zu müssen, um die Familie über die Runden zu bringen, einen dazu bringt, in solchen Fällen lieber wegzugucken. Darunter leiden die „normalen“ Kubaner am meisten, denn das ist nicht die Gesellschaft, die sie sich vorgestellt und für die sie gekämpft haben. Es sollte keine Armen mehr geben, jeder sollte genug zu essen haben. Die Kranken sollten von hingebungsvollen Ärzten betreut und für jeden genügend Medikamente zu Verfügung stehen. Jeder sollte eine Arbeit haben, die der Familie selbst ein Wochenende in einem Strandhotel in Varadero ermöglichen würde, das wollte man erreichen und hatte man auch schon fast erreicht, als die sozialistischen Staaten, die Kuba vom Würgegriff des Nachbarn im Norden Erleichterung verschafften, von der Bildf läche verschwanden. Seitdem ist das Leben ein einziger Kampf geworden. All das, was man nie mehr wollte, gibt es wieder. Dieser zerstörte verlorene Traum ist das, was wirklich schmerzt. Er schmerzt vor allem dadurch, dass auch Werte verloren gingen. Das äußert sich in vielen Bereichen, am Verhalten der Menschen, das rücksichtsloser geworden ist, an der Musik und ihren Texten, an den sogenannten neuen Reichen, die damit prahlen und daraus eine Tugend machen und, und, und…
In Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ zeigt Brecht, dass um gut sein zu können, bestimmte materielle Bedingungen erfüllt sein müssen, sonst gehen die Werte verloren.
. Das alles sind die wirklichen Schäden der Blockade und das ist es auch, was die USA mit all ihrer Grausamkeit und all ihrem Hass von Anfang an für Kuba wollten. Die Seele, die Psyche der Menschen so zu zerstören, dass ihnen irgendwann alles egal ist und sie das Land leicht übernehmen könnten. Und sie haben Zeit, die Blockade wirkt… Aber noch gibt es genug Kubaner und Kubanerinnen, die dagegen ankämpfen. Ihnen ist es bewusst oder unbewusst klar, dass wenn Kuba fällt, so klein die Insel auch sein mag, dies katastrophale Auswirkungen für die linken Bewegungen, für den globalen Süden, für die Menschheit hätte. Wenn sie wirklich gefordert werden, sind fast alle zur Stelle und sie sind dann auch bereit, ihr zweitletztes Hemd für den Nachbarn in Not zu geben. Aber natürlich sagen sie sich nicht, wenn die Milch schon wieder teurer geworden ist, der Reis nicht rechtzeitig kommt oder wenn der Strom völlig unverhofft sich gerade in dem Augenblick verabschiedet, wenn sie ihren Kindern das Essen machen wollen, dass sie durchhalten müssen, weil sie die Menschheit retten müssen. Dann sind sie auch einfach nur wütend oder verzweifelt.
Also all die, die ihr noch an eine Welt voller Menschlichkeit glaubt, kämpft weiter mit uns. Lasst euch auch mal etwas Neues einfallen. Die Italiener wollen, wie unser Fernsehen vermeldet, für ein Kraftwerk sammeln. Das fand ich rührend. Aber ich fürchte, so lange können wir nicht warten. Vielleicht sollten sie mal mit Transformatoren anfangen. Die explodieren hier dauernd, weil sie immer aus Ersatzteilen von anderen zusammengebaut werden. Aber die Idee ist gut. Aber zündende Kampagnen, die den Tourismus ankurbeln, die uns zu Medikamenten verhelfen, die der Welt zeigen, wie der kleine David immer noch dem grausamen mächtigen Goliath widersteht… das wäre auch schon was.

Dengue, Oropouche und Chikungunya treffen auf geschwächtes Gesundheitssystem
Von Marion Leonhardt

Das Leben der Kubaner wird täglich durch die Auswirkungen der US-Blockade und Drohszenarien der USA beeinträchtigt. Man kann es ihnen also nicht verdenken, wenn einige von ihnen – verschwörungstheoretisch – die USA hinter den jüngsten Wellen von Dengue, Oropouche und Chikungunya vermuten. Übertragen werden die Virusinfektionen durch Stechmücken. Insbesondere Chikungunya („der gekrümmt Gehende“) lähmt die Insel nun gegen Jahresende. Fieber, sehr schmerzhafte Gliederschmerzen, Kopfschmerzen und Durchfall setzen die Menschen außer Gefecht.
Am 8. Oktober 2025 informierte Kubas nationaler Direktor für Epidemiologie, Dr. Francisco Durán García, dass Dengue in zwölf der 16 Provinzen Kubas und Chikungunya in acht Provinzen auftrat, während Oropouche nur in Einzelfällen nachgewiesen wurde. Von der Krise besonders betroffen: die Provinz Matanzas. Zusätzliche Betten wurden an der Universität für Medizinwissenschaften eingerichtet, um das Provinzkinderkrankenhaus zu entlasten. Zudem mobilisierte man 2500 Medizinstudenten.
Verschärft wurde die epidemiologische Situation durch klimatische Faktoren wie Hitze und Regen. Die in Kuba üblichen, eingeübten und erfolgreichen Maßnahmen zur Epidemie-Bekämpfung litten und leiden auch unter den Folgen der US-Blockade: Probleme bei der Müllabfuhr und der Wasserversorgung, die das Risiko einer Verbreitung der Überträger erhöhen. Und ebenso behinderte der Treibstoffmangel die notwendigen Sprühkampagnen gegen Mücken. Die Krankenhausinfrastruktur wird fragiler. Wer Kuba helfen will, sollte hier ansetzen.