Kein Einreisevisum von God‘s Own Country

Teilname an der UN-Generalversammlung verweigert

Von Andre Scheer

Der kubanische Sozialismus basiert seit seinem Sieg im Jahr 1959 auf einem grundlegenden symbolischen Pakt: der unauflösbaren Verbindung zwischen Revolution und Volk. Dabei handelt es sich nicht um ein abstraktes Konzept, sondern um eine konkrete Beziehung, die sich durch politisc he Kommunikation ausdrückt, festigt und täglich auf die Probe stellt. Es handelt sich nicht bloß um eine Propagandastrategie, sondern um die Lebensader des Projekts.
Das kubanische Modell der politischen Kommunikation entstand als Antwort auf eine historische Notwendigkeit: ein neues Bewusstsein zu schaffen, das jenem der Jahrhunderte der Kolonialherrschaft und des Neokolonialismus diametral gegenübersteht. Seine Wirksamkeit war jahrzehntelang unbestritten. Es gelang ihm, Parolen in Überzeugungen zu verwandeln, ein ganzes Volk für Alphabetisierungs- und Verteidigungskampagnen zu mobilisieren und ein starkes Gefühl der kollektiven Identität zu schaffen, ein „Wir” gegenüber einem „Sie”, verkörpert durch die Blockade und die Feindseligkeiten von außen. Seine Sprache war die der revolutionären Pädagogik: vertikal in ihrer Ausrichtung, aber horizontal in ihrem Bestreben, alle Bürger in den Rang politischer Subjekte zu erheben. Kommunikation war ein verbindendes Element.
Heute jedoch steht dieses Modell vor einer Zerreißprobe. Der Sozialismus, der den „neuen Menschen“ schaffen wollte, muss nun mit den realen Männern und Frauen kommunizieren, die im 21. Jahrhundert leben, mit ihren konkreten materiellen Entbehrungen, ihrem Zugang zu digitalen Spiegeln, die andere Welten abbilden, und ihrer Ermüdung gegenüber einem Diskurs, der sich zeitweise vom Alltag entfernt.
Eine wirksame politische Kommunikation für den kubanischen Sozialismus kann nicht mehr nur die getreue Übermittlung von Leitlinien sein. Das ist ihr Mindestmaß, ihre technische Funktion. Ihr Höchstmaß, ihre lebenswichtige Funktion, muss die ständige und ehrliche Übersetzung zwischen dem nationalen Projekt und der gelebten Erfahrung sein.
Denn Legitimität wird nicht mehr nur durch die epische Erzählung der Vergangenheit gewonnen, so heilig sie auch sein mag. Sie muss Tag für Tag gewonnen werden, durch eine glaubwürdige Erklärung der Gegenwart, durch eine Kommunikation, die sich nicht scheut, die Ursachen der Probleme beim Namen zu nennen, die Fehler mit derselben Vehemenz eingesteht, mit der sie Erfolge verkündet, und die nicht nur zum Widerstand aufruft, sondern zur intelligenten Mitgestaltung von Lösungen.
Außerdem bedeutet dies zu verstehen, dass das Symbol des „Volkes” pluralisiert wurde, ohne die Einheit aufzugeben, die uns bis hierher gebracht hat. Die Geschichte anderer ähnlicher Prozesse zeigt uns, dass ein Sozialismus, der nicht mit seinem eigenen Volk in den Dialog tritt, am Ende nur noch zu einem kleinen Chor von Überzeugten spricht, während draußen das Murmeln der Entfremdung wächst.
Jetzt mit einem komplexeren Szenario: Der Zugang zum Internet und zu digitalen sozialen Netzwerken, die das Monopol des Megaphons gebrochen haben. Jetzt empfängt das Volk die Botschaft nicht nur, sondern kommentiert sie und hinterfragt sie in Echtzeit in WhatsApp-Gruppen und auf Facebook-Profilen. Diese ständige Konversation zu ignorieren, ist ein historischer Fehler. Der Kampf der Ideen wird nicht mehr nur in Zeitungen und im Fernsehen ausgetragen, sondern auf jedem Handybildschirm.
Dort nicht präsent zu sein, ist keine Option. Der Sozialismus in seiner reinsten Form strebt danach, der organisierte Ausdruck der Volkssouveränität zu sein. Die Zukunft des Projekts wird nicht nur in der Makroökonomie oder Geopolitik entschieden. Sie wird zu einem großen Teil in diesem intimen und zugleich öffentlichen Bereich entschieden, in dem die Worte der Macht auf das Ohr und das Herz der Nation treffen. Die Wiederherstellung der Wirksamkeit der Kommunikation ist keine technische Frage von Public Relations. sondern eine politische Frage allerersten Ranges. Es gilt, sich daran zu erinnern, dass der Sozialismus, um lebensfähig zu sein, nicht nur ein System sein darf, das sich an das Volk wendet: In seinem Zentrum sollte der ständige Dialog mit der Bevölkerung stehen.

Übersetzung: Tobias Kriele