Der globale Norden muss sich ändern!
Seit 2023 gibt die unabhängige Presseorganisation „Neue Presse“ in der Schweiz die Zeitschrift „Der Neue Norden“ heraus. Wir befragten Natalie Benelli, die unter anderem auch in der Kuba-Soli aktiv ist, zu dem Projekt.
Cuba Libre: Wer sind deine Mitstreiterinnen und Mitstreiter? Was sind eure Hauptthemen? Welche Rolle spielt Lateinamerika dabei?
Natalie Benelli: Ich habe Neue Presse 2022 gegründet, um Werktätigen und wirtschaftlich, sozial und politisch entrechteten Menschen, die von der MainstreamPresse ignoriert oder verzerrt dargestellt werden, eine Stimme zu geben. Neue Presse ist ein Zusammenschluss von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Unser Ziel ist, eine unabhängige, ehrenamtlich geführte Presse aufzubauen, die den Interessen der grossen Mehrheit der Menschen in der Schweiz und auf der ganzen Welt dient. Dafür haben wir die Zeitschrift „Der Neue Norden“ lanciert.
„Der Neue Norden“ berichtet über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in der Schweiz und weltweit und beleuchtet die Beziehungen zwischen dem Globalen Norden und den Ländern des Globalen Südens. Mein Engagement in der Solidaritätsbewegung mit progressiven Ländern wie Kuba, Venezuela und Nicaragua gab mir Einblick in die zerstörerischen Auswirkungen der Wirtschaftskriege, die von den industriell hoch entwickelten Ländern des Globalen Nordens gegen die Länder des Globalen Südens geführt werden. Wir beleuchten die schändliche Rolle der Mainstream-Medien bei der Verbreitung negativer Propaganda gegen Länder, die sich der ungerechten Aussen-, Finanz- und Handelspolitik des Nordens entgegenstellen und für nationale Souveränität und Selbstbestimmung kämpfen.
Cuba Libre: Warum braucht es eine weitere Zeitschrift? Was unterscheidet euch von bürgerlichen Medien?
Natalie Benelli: Über Armutsbetroffene, Sozialhilfebeziehende und Beziehende von Renten der Invalidenversicherung wird in den Mainstream-Medien zwar manchmal berichtet, aber oft wirft die Berichterstattung den Opfern vor, selbst an ihrer Situation schuld zu sein oder das System der sozialen Sicherung auszunutzen. Über Einzelschicksale wird berichtet, ohne dass die strukturellen Gründe für Armut und Erwerbslosigkeit genannt werden. Auch wird nichts darüber gesagt, wie wir die Dinge ändern können, um Armut zu beenden und allen Menschen den Zugang zu qualitativ guter Bildung und Gesundheitsversorgung zu garantieren, wie das die Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung vorsieht. Die Kämpfe der arbeitenden Bevölkerung für ein würdiges Leben für alle werden ignoriert oder es wird negativ darüber berichtet.
Im Gegensatz zu den Konzernmedien sind wir unabhängig, denn wir nehmen keine Gelder an, die an staatliche oder private Finanzinteressen gebunden sind. Wir sind mit unserer Berichterstattung alleine den Werktätigen und wirtschaftlich, sozial und politisch entrechteten Menschen verpflichtet und keinen Geldgebern, die mit Medienkonzernen Profite machen wollen. Wir berichten aus der Sicht der direkt Betroffenen über ihre Lebens- und Arbeitsrealität. Das ist auch der Grund, wieso Neue Presse rein ehrenamtlich geführt wird. Viele Medienschaffende können bei ihrer Arbeit die journalistische Berufsethik nicht mehr befolgen, weil sie auf eine Arbeitsstelle angewiesen sind und so berichten müssen, wie es die Eigentümer und CEOs der Medien vorgeben.
Cuba Libre: Es ist schwer, Gegenöffentlichkeit herzustellen und mit den Mainstream-Medien zu konkurrieren. Wie dringt ihr mit euren Themen durch, gerade auch vor dem Hintergrund, dass viele Menschen heutzutage sich in ihrer „Informationsblase“ eingerichtet haben?
Natalie Benelli: Unser Ziel ist nicht, mit den Mainstream-Medien zu konkurrieren. Wir schreiben nicht gegen die Mainstream-Medien an. Wir stehen für eine faktenbasierte Berichterstattung ein, die von der Realität der Menschen ausgeht und für sie relevant ist. Es geht bei Neue Presse nicht einfach darum, eine Zeitschrift herauszugeben. Der Neue Norden ist ein Werkzeug, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und mehr Freiwillige für den Aufbau einer unabhängigen Presse zu rekrutieren. Wir machen Öffentlichkeitsarbeit wie Haustürgespräche in einkommensschwachen Wohnvierteln und Infostände und erfahren dabei, wie die Lebens- und Arbeitsrealität der Menschen aussieht. Wir organisieren Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zusammen und bauen eine Organisation auf, die durch die Verankerung in der Bevölkerung grösser und stärker wird.
Cuba Libre: Wie sichert ihr die Herausgabe eurer Zeitschrift ab? Habt ihr Unterstützung bei der Finanzierung der Zeitschrift?
Natalie Benelli: DNN erhält sich vollständig selbst. Da wir alle ehrenamtlich tätig sind, fallen keine Gemeinkosten an. Text, Design und Fotografie werden von Freiwilligen gemacht. Die Kosten für Papier und Druck werden von Druckereien, deren Inhaber die Mission von Neue Presse teilen und die Publikation nach Kräften unterstützen, gespendet oder reduziert. Die Mittel für Dinge, die wir nicht durch Spenden finanzieren können, stammen aus Abonnements, Spenden von Privatpersonen und Ladenbesitzern für Anzeigen in der Publikation, die damit ihre Unterstützung zeigen, oder zu den laufenden Projekten von Neue Presse beitragen. Die Personen, die unser Anliegen teilen, unterstützen uns so, wie sie es können. Eine Möglichkeit besteht darin, sich an verschiedenen Aspekten der Publikation zu beteiligen. Auf diese Art bauen wir die Mitarbeit von Freiwilligen und die Unterstützung aus der Bevölkerung stetig aus.
Cuba Libre: Wo liegt der Fokus eurer nächsten Ausgabe?
Natalie Benelli: Die nächste Ausgabe von Der Neue Norden ist für Dezember 2025 geplant. Es gibt einen Bericht über die Forderung der Studierendenverbände in der Schweiz nach bezahlbarer Bildung für alle. Zum Globale Süden wird es ein Interview mit der kubanischen Botschafterin in der Schweiz geben, einen Bericht über Selbstverwaltungsprojekte in Venezuela und ein Interview mit der UNO-Sonderberichterstatterin über die negativen Auswirkungen einseitiger Zwangsmassnahmen auf die Menschenrechte.
Die Fragen stellte Marion Leonhardt
Weitere Informationen über Neue Presse und die Zeitschrift Der Neue Norden gibt es telefonisch unter +41 32 517 81 81 oder per Mail an neuepresse@gmx.ch
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