Falschmeldungen Unterschlagungen Manipulationen

Von Volker Hermsdorf

CUBA LIBRE will in dieser Rubrik aufzeigen, was die Konzernmedien verschweigen, Falschmeldungen enthüllen und Manipulationen aufdecken.

Im vergangenen Dezember kaperten US-Militärs in internationalen Gewässern den Öltanker „Skipper“ und entführten ihn in den Hafen von Houston (Texas). Das mit rund 1,9 Millionen Barrel venezolanischem Rohöl im Wert von rund 120 Millionen US-Dollar beladene Schiff war auf dem Weg nach Kuba, das derzeit unter einer der schwersten wirtschaftlichen und energetischen Krisen seit Jahrzehnten leidet. Die USA würden das für Industrie, Landwirtschaft und Stromerzeugung der Insel bestimmte Öl behalten, erklärte US-Präsident Donald Trump – sichtlich zufrieden, zwei Fliegen mit einer Klappe getroffen zu haben. Der Piratenakt sollte sowohl Venezuela als auch Kuba treffen und in beiden Ländern einen von Washington angestrebten Regime-Change vorantreiben.
Der dreiste Raub stellt eine weitere Eskalation der mörderischen Politik dar, mit der die USA seit über 60 Jahren versuchen, die sozialistische Inselrepublik wirtschaftlich zu strangulieren. Während deshalb im Oktober 165 Staaten in der UN-Generalversammlung die völkerrechtswidrige US-Blockade als Hauptursache der ökonomischen Probleme bezeichneten, verbreiten westliche Medien ein Narrativ, das die verheerenden Folgen der Sanktionen relativieren soll. Als Kronzeugen treten angeblich „unabhängige“ Ökonomen auf.

Die Opfer-Täter-Umkehr
Kurz vor der UN-Abstimmung veröffentlichte die spanische Agentur EFE zwei nahezu identische Beiträge, in denen acht – so EFE – „unabhängige Ökonomen des Landes“ erklären: „Die US-Blockade gegen Kuba belastet dessen Wirtschaft und bremst ihr Potenzial, ist aber nicht die grundlegende Ursache der schweren Krise.“ Die mit den Behauptung der US-Regierung identische und seit Jahren von diesen angeblich „unabhängigen“ Stichwortgebern verbreitete Botschaft ist unmissverständlich. „Die Mehrheit der befragten Fachleute hebt als erste Ursache der schweren kubanischen Krise das eigene politisch-ökonomische System der Insel hervor“, fast EFE deren Aussagen zusammen.
Einer von ihnen, der 2016 – wegen Kooperation mit US-Stellen – entlassene ehemalige Leiter des „Studienzentrums der Kubanischen Ökonomie“ an der UniversiCUBA tät Havanna, Omar Everleny Pérez, leugnet zwar nicht die Auswirkungen der Blockade, forderte aber statt deren sofortige Beendigung vor allem Kubas Regierung auf, „die hyperzentralisierte Planwirtschaft zu beenden“ und „keine Angst vor dem Markt zu haben“. Sein Kollege Pedro Monreal wurde deutlich und erklärte, dass das Land sich „nicht innerhalb des Systemrahmens erholen kann“. Miguel Alejandro Hayes, ein Autor von Contra-Medien wie „Periodismo de Barrio“ und „El Toque“ fordert ebenfalls den Regime-Change, indem er erklärt: „Die einzige wirtschaftliche Lösung, die die kubanische Regierung hat, um den Zusammenbruch zu verhindern, besteht darin, einen wirtschaftlichen und politischen Übergang zu schaffen“. Pavel Vidal, ein ehemaliger Ökonom der kubanischen Zentralbank, der mittlerweile als Professor an der Universität Javeriana, einer elitären Jesuiten-Kaderschmiede in Cali lehrt, schlägt in dieselbe Kerbe. Auch der bei US-Medien beliebte „Experte“ betreibt eine Opfer-Täter-Umkehr. Ohne „tiefgreifende Reform des unglaubwürdigen Wirtschaftsmodells“ habe Kuba „keine Chance“, unkt er.

Vom Kommentator zum Akteur
Bei ungebetenen Ratschlägen beläßt Vidal es nicht. In dem – von westlichen Stiftungen und Regierungen finanzierten – Onlineportal „El Toque“ überwacht er die tägliche Veröffentlichung eines angeblich „repräsentativen Wechselkurs“ des informellen Marktes. Wirtschaftsexperten werfen den Betreibern vor, damit gezielt einen zusätzlichen Preisdruck zu erzeugen. Premierminister Manuel Marrero bezeichnete die veröffentlichten Kurse als „Ergebnis grober Manipulation“. Eine in der Fachzeitschrift „Computational Economics“ veröffentlichte Analyse bestätigte große Unstimmigkeiten: Die verwendete Datenbasis entspreche nicht den wissenschaftlichen Kriterien und weise extreme Verzerrungen auf. Laut kubanischer Zentralbank besteht das Ziel darin, die wirtschaftliche Lage bewusst zu destabilisieren. Der kubanische TV-Journalist Humberto López enthüllte zudem, dass das Portal über ein Geflecht aus Tarnfirmen finanziert wird – darunter das dem El-Toque-Chef José Jasán Nieves zugeordnete Unternehmen „Media Plus Experience“.
Nach den kritischen Berichten wies Vidal die Vorwürfe in einem Beitrag für „El Toque“ als Teil einer „Kampagne“ zurück, mit der die kubanische Regierung, von „multiplen Krisen ablenken“ wolle. Auch in diesem Beitrag ignorierte er den entscheidenden Einfluss der US-Blockade, die wie ein fast nicht existentes Phänomen kaum erwähnt wird. Schützenhilfe erhielt Vidal dabei auch von dem in Madrid publizierten Contra-Portal „Diario de Cuba“, das die Manipulationen der Kurse mit der Schlagzeile zu legitimieren versuchte : „Der wahre Feind des Castro-Regimes ist nicht ‚El Toque‘, sondern der Markt“.