Der Imperialismus hat seine Söldner betrogen

Aus der Diskussion mit den bei der gescheiterten Invasion gegen Kuba gefangengenommenen tausend Söldnern im Sportkolosseum 26. April 1961

Gefangener: Doktor Castro, ich möchte Ihnen den Beweggrund erklären, der uns veranlaßte, hierherzukommen. Es geschah um eines idealen Zweckes willen, für ein Ideal, von dem wir glaubten, daß es das reinste und edelste Ideal sei, das man haben könne. Ich persönlich kam hierher, um hauptsächlich für folgendes zu kämpfen: gegen den Kommunismus, für die Schaffung einer demokratischen Regierung im Land, für die Durchführung von Wahlen innerhalb von achtzehn Monaten und die Wiedereinführung der Verfassung von 1940, für das freie Unternehmertum und die Achtung der Rechte der Bürger. Mit diesen Idealen kamen wir also hierher, sowohl um zu kämpfen als auch um zu siegen. Da es das Schicksal wollte, daß wir verloren, müssen wir uns mit den Folgen abfinden. Doch bei den Idealen, die wir hatten, konnte uns das höchstens das Leben kosten; unsere Ideale aber werden nicht untergehen! Wenn unsere Invasion scheiterte, dann darum, weil mit dem Plan etwas schiefging, nicht aber weil wir etwa alle als Betrogene hierherkamen. Insbesondere wußte ich, als ich Kuba verließ, daß es hier hunderttausend Milizangehörige gab. Wir kamen hierher, weil das Recht auf unserer Seite war.

Das ist alles, vielen Dank.

Fidel Castro diskutiert mit Söldnern 1961

Fidel Castro diskutiert mit Söldnern.
Foto: Trabajadores


Dr. Castro: Hören Sie, Señor, ich weiß nicht, ob Sie die Meinung vieler von Ihnen gehört haben. Sie haben das Wort ergriffen und dabei Ihre Ansicht, die vielleicht auch noch die Ansicht einiger anderer sein mag, dargelegt.

Ich möchte Ihnen jedoch eine Frage stellen: Wissen Sie, daß Ihre Worte das ganze Volk hört, daß Sie auch außerhalb unserer Grenzen gehört werden?

Ich möchte Ihnen deshalb in aller Offenheit eine Frage stellen. Wir wollen offen miteinander reden. Glauben Sie, daß es in der Geschichte der Welt einen ähnlichen Fall gibt?

Gefangener: Was für einen Fall?

Dr. Castro: Glauben Sie, daß es in der Geschichte der Welt einen Fall wie diesen gibt? Daß Sie hier als Kriegsgefangener mit allen Ihren anderen Gefährten versammelt sind, daß man Ihnen bereits Kleidung gegeben hat, daß man sich um Sie gekümmert hat, nachdem Sie sich von Ihrer Mutlosigkeit erholt hatten, die, nachdem Sie sich gestellt hatten, anfänglich auf Grund falscher Vorstellungen vorhanden war. Viele von Ihnen haben bestätigt, daß sie glaubten, hingerichtet zu werden. Aber das stimmte dann nicht.

Ist es wahr oder nicht, daß ein großer Teil von Ihnen glaubte, hingerichtet zu werden? Sprechen Sie! (Rufe: "Ja!") Und trotzdem waren der Hunger und der Durst so groß, daß Sie sich stellten, nicht wahr? Aber Sie hatten eine falsche Vorstellung.

Ich will eine Frage an Sie alle richten, nicht an einen, denn wir sind hierhergekommen, um mit allen zu sprechen und damit alle sprechen. Ist es nicht so, daß sich viele Dinge, die Sie für wahr hielten, als genau umgekehrt herausgestellt haben? Antworten Sie auf diese Frage! (Rufe: "Ja!") Sie sind also der Meinung, Sie können diese Frage mit der gleichen Unbefangenheit beantworten, mit der Sie die anderen Worte begrüßten. Ich bin in diesem Falle hier Ihr Gegner, aber ein Gegner, der das Fernsehen hierher gebracht hat, damit Sie sprechen, damit Sie sagen, was Sie denken. Man gibt Ihnen hier alle Möglichkeiten, damit Sie Ihre Gedanken äußern, denn es hat ein Kampf stattgefunden, und der hat Menschenleben sowohl von Ihnen wie von uns gekostet. Das kubanische Volk soll aber wissen, warum dieses Blut vergossen wurde, ob es einen Grund dafür gab oder nicht, dieses Blut zu vergießen … Als wir Kriegsgefangene waren, wurden nicht nur unsere Kameraden ermordet und gefoltert, sondern nicht einmal ein Leutnant ließ sich herab, mit einem Gefangenen zu diskutieren. Aber weil wir Menschen aus dem Volk sind, Menschen, die die öffentliche Meinung vertreten, kamen wir ungeachtet unserer Rangordnung und unserer Funktionen hierher, um zu diskutieren ...

Fidel Castro - Diskussion mit Söldnern
Die Yankees haben niemals eine Revolution unterstützt; die USA-Regierung hat niemals eine Revolution im Interesse der Völker unterstützt, um die Völker von der Ausbeutung zu befreien. Wenn hier die Frage gestellt wurde, wie ich mich als Emigrant im Falle einer Aggression verhalten hätte, kann ich nur sagen: Ich hätte mich gefragt, wen die Yankees überhaupt unterstützt haben, warum sie im Kampf gegen Batista keine Hilfe geleistet haben; warum, als in unserem Land Jugendliche gefoltert wurden, als hier auf offener Straße Jugendliche ermordet wurden, als hier Bauern zu Hunderten umgebracht wurden, als hier an einem einzigen Nachmittag siebenundvierzig Bauern gleichzeitig ermordet wurden, warum sie damals, anstatt den revolutionären Kräften drüben Waffen zu geben, sie ihnen wegnahmen, warum sie, anstatt den revolutionären Kräften Hilfe zu leisten, Batista Flugzeuge und Waffen schickten. Als das kubanische Volk gegen die Batista-Diktatur kämpfte, leisteten die Yankees den revolutionären Kräften keinerlei Hilfe. Warum? Weil Batista, anstatt die Elektrizitätsgesellschaft zu nationalisieren und die Stromtarife zu senken, die Strom- und Telefontarife erhöhte, wie er überhaupt sämtliche Interessen der USA-Monopole in Kuba verteidigte. Und wenn sie damals schon nicht das kubanische Volk in seinem Kampf gegen Batista unterstützten, warum unterstützen sie eine konterrevolutionäre Bewegung in deren Kampf gegen eine Regierung, die die nordamerikanische Elektrizitätsgesellschaft nationalisiert hat, die die Telefongesellschaft und die Zuckerzentralen nationalisiert hat?


Warum liefern sie statt dessen den Kräften Flugzeuge, die diese Regierung bekämpfen? Warum versorgten sie diese Kräfte mit Panzerbüchsen, rückstoßfreien Geschützen, anderen Waffen und Millionen von Pesos? Das wurde keiner der revolutionären Gruppen angeboten, die damals gegen die Batista-Diktatur kämpften. Warum wird es dieser Bewegung angeboten? Warum wurden früher die Waffen der Regierung gesandt, die jene Interessen verteidigte, und werden heute Waffen geliefert, um den Kampf gegen die Regierung zu führen, die die von unserem Volk seit langem geforderten Gesetze verwirklicht hat?

Wenn Sie und alle anderen hierüber genügend nachgedacht hätten, dann wäre Ihnen vielleicht der Verdacht gekommen, daß die USA-Regierung Ihnen aus gutem Grund Waffen und andere Hilfsmittel zum Überfall auf unser Land gab.

Gefangener (Schwarzer): Als Doktor Castro hier hereinkam, war seine erste Frage, die er an mich richtete: "Na, und du, was hast du hier zu suchen?"

Ich möchte Doktor Castro sagen, daß mein Fall genauso liegt, wie der des Leutnants. Ich war Feldwebel in der Armee und wurde 1959 ehrenvoll verabschiedet; meine Militärpapiere wiesen nicht den geringsten Makel auf. Ich mußte aus Kuba fortgehen, weil mir keine Arbeitsmöglichkeiten geboten wurden, aus den Gründen, die Sie selbst darlegten.

Also geben Sie selbst zu, daß viele der ehemaligen Armeeangehörigen Kuba verlassen mußten, weil das Volk, wie Sie sagten, empört war über das was sich einige Militärs - aber nicht alle - zuschulden kommen ließen.

Ich weiß, daß Sie vielleicht auch deswegen fragen: "Und du, was hast du hier zu suchen?", weil Sie auf meine Hautfarbe anspielen wollen; denn seitdem ich in Gefangenschaft geriet, ist das fast immer einer der Vorwürfe gewesen, die man gegen mich erhoben hat. Gott sei Dank habe ich noch niemals Komplexe gehabt; während meines Soldatenlebens war ich acht Jahre lang bestrebt, durch Fleiß hochzukommen, und ich wurde Feldwebel in der Armee.

Es stimmt, daß es für den Schwarzen hier in Kuba innerhalb der sozialen Schichten gewisse Unterschiede gab, aber ich möchte auch sagen, daß ich in Kuba mit Weißen aufwuchs, und fast immer vertrug ich mich mit ihnen wie mit Brüdern.

Die Unterschiede, die es zwischen Weißen und Schwarzen in Kuba gab, waren ökonomische Unterschiede. Die sind, wie ich jetzt bei meiner Rückkehr nach Kuba festgestellt habe, beseitigt worden. Das ist alles, was ich sagen wollte.

Fidel Castro diskutiert mit Söldnern 1961

Fidel Castro diskutiert mit Söldnern.
Foto: Trabajadores


Dr. Castro: Glauben Sie, daß es in unserem Land Rassendiskriminierung gegeben hat oder nicht?

Gefangener: In gewissem Maße, ja.

Dr. Castro: Wir meinen nicht, daß es sie nur "in gewissem Maße" gegeben hat. War es Ihnen beispielsweise erlaubt, den Klub zu betreten, dem jener Herr angehörte, der vorhin hier sprach? War Ihnen das erlaubt? Ich möchte Ihnen eine Frage stellen (Dr. Castro wendet sich an den Gefangenen, mit dem er vorher gesprochen hatte): Welchem Klub gehörten Sie an?


Gefangener.: Dem Schwimmklub.

Dr. Castro: Dem Schwimmklub. Und es war einem Schwarzen erlaubt, diesen Klub zu betreten?

Gefangener: Nein.

Dr. Castro: Er durfte ihn also nicht betreten. Warum durfte er ihn nicht betreten?

Gefangener:...

Dr. Castro: Und warum haben Sie nicht dafür gekämpft, Señior, daß der Schwarze den gleichen Klub betreten durfte, dem Sie angehörten? Warum haben Sie nicht für das Recht dieses diskriminierten Menschen gekämpft, dafür, daß diese hassenswerte, aus der Zeit der Sklaverei stammende Diskriminierung verschwindet? Sie waren nicht fähig, die Waffe gegen diese Ungerechtigkeit zu erheben, und kommen jetzt her, um von "Idealen" zu sprechen und gegen eine Revolution zu kämpfen, die die soziale Gleichheit hergestellt und dem Schwarzen das Recht auf Bildung gegeben hat, das Recht auf Arbeit, das Recht, ein Seebad zu betreten und in einem freien Land heranzuwachsen, ohne daß man ihn haßt oder diskriminiert.

Nicht nur, daß ein Schwarzer nicht den Schwimmklub betreten durfte, dem jener junge Mann angehörte, der hierherkam, um für "Ideale" zu kämpfen. Konnte etwa ein Bauarbeiter diesen Klub besuchen? Was meinen Sie, konnte ein Bauarbeiter dem Schwimmklub angehören? Wieviel mußte man bezahlen, um dem Schwimmklub anzugehören?

Gefangener: Fünf Pesos.

Dr. Castro: Und obwohl es nur ein Klub mit einem Beitrag von fünf Pesos war, durften Schwarze ihn nicht betreten? Wie muß es dann erst bei den Klubs ausgesehen haben, wo man jeden Monat hundert Pesos zahlen mußte!

Das heißt, nicht einmal diesen Klub, der nicht zur Kategorie des Country Club, des Miramar - ich kenne mich mit diesen Klubs nicht besonders gut aus - gehörte, nicht einmal diesen Klub von fünf Pesos durfte erstens der Bauarbeiter, wenn er Schwarzer war, betreten; zweitens aber hatte überhaupt kein Arbeiter, hatten die Werktätigen, die einfachen Menschen des Volkes überhaupt nicht das Recht, einen solchen Klub zu betreten, um dort ihrem Vergnügen nachzugehen ...

Besaßen Sie ein Auto?

Gefangener: Nein.

Dr. Castro: Besaß auch Ihre Familie kein Auto?

Gefangener: Ja.

Dr. Castro: Sie besaß also ein Auto, und Sie fuhren mit dem Auto Ihrer Familie zum Klub. Besaßen Sie ein Auto? (Fidel Castro wendet sich an den gefangenen Schwarzen.)

Gefangener: Nein.

Dr. Castro: Konnten Sie den Schwimmklub besuchen? Gefangener: (Verneinende Geste.)

Dr. Castro: Sie durften also mit diesem Herrn gemeinsam gegen die Revolution kämpfen, aber mit ihm gemeinsam zum Strand baden gehen, das durften Sie nicht; jawohl, Sie durften gemeinsam in Playa Girón an Land gehen, um gegen die Revolution zu kämpfen, aber um sich zu erholen, konnten Sie dort nicht hingehen. Und dennoch kamen Sie mit jenem Herrn hierher, der sich niemals dafür eingesetzt hatte, daß Sie in jenem Klub baden durften, als ob Sie mit Ihrer Hautfarbe das Meerwasser färben könnten. Gefangener: Nun, ich bin nicht nach Kuba gekommen, damit ich am Strand baden oder nicht baden kann...

Dr. Castro: Haben Sie in der Schweinebucht gebadet?

Gefangener: Nein, ich landete mit dem Fallschirm.

Dr. Castro: Haben Sie nicht in den Sümpfen von Zapata ein Schlammbad genommen?

Gefangener:: Doch, ich war vier Tage lang in den Sümpfen.

Dr. Castro: Also des Bruttowertes. Mit anderen Worten, wenn hundert Zentner geerntet wurden ...

Gefangener: Waren 33 1/3 Prozent für den Grundbesitzer.

Dr. Castro: 33 1/3 Prozent gingen also an den Grundbesitzer. Darüber hinaus lieh dieser dem Teilpächter Geld.

Gefangener: Ja.

Dr. Castro: Wieviel verlangte der Grundbesitzer an Zinsen? Weißt du das?

Gefangener: Nun, das war verschieden; die einen verlangten mehr, die anderen weniger ...

Dr. Castro: Aber sie verlangten Zinsen?

Gefangener: Ja.

Dr. Castro: Verkauften sie außerdem an den Teilpächter Dünger?

Gefangener: Es gab Teilpächter, die ihn bei der BANFAIC kauften, andere wiederum beim Grundbesitzer.

Dr. Castro: Der Grundbesitzer verkaufte dem Teilpächter Dünger?

Gefangener: Ja.

Dr. Castro: Und das Saatgut verkaufte er ihm gleichfalls?

Gefangener: So ist es.

Dr. Castro: Ebenso kaufte er ihm ihm die Ernteerträge ab, nachdem er zuvor den dritten Teil in Abzug gebracht hatte?

Gefangener: Es gab viele Grundbesitzer, die die Ernteerträge abkauften, und andere waren … Sehen Sie ein Geschäft mit dem Grundbesitzer ...

Dr. Castro: Wußten Sie, daß die Bauern heute diesen dritten Teil nicht mehr zahlen brauchen?

Gefangener: Ja, ich weiß.

Dr. Castro: Sie wissen es also. Und sind Sie damit einverstanden?

Gefangener: Ich selbst, ja.

Dr. Castro: Du bist also damit einverstanden ...

Gefangener: Ja.

Dr. Castro: Und haben Sie jetzt gehört, daß wir …, daß sogar wir Minister bei der Zuckerrohrernte helfen müssen? Haben Sie das in Kuba schon einmal erlebt, daß ein Minister Zuckerrohr erntet?

Gefangener: Nein.

Dr. Castro: Und Ihr seid hergekommen, um eine Regierung zu stürzen, deren Minister Zuckerrohr ernten. Ist es nicht so? Nebenbei gesagt, um Herren an die Regierung zu bringen, die in ihrem Leben noch nicht ein einziges Mal Zuckerrohr geschnitten haben und auch sonst nie etwas für das Volk getan haben. Aber lassen wir das.

Warum muß alles hinaus auf die Zuckerrohrfelder? Sind die Arbeiter etwa in den Streik getreten? Wißt ihr, warum so viele bei der Ernte helfen müssen? Weil es auf Grund der Bodenreform keinen Landarbeiter ohne Beschäftigung mehr gibt. Was hat die Revolution getan? Sie hat sich zuerst um die gekümmert, die keine Arbeit hatten... Wißt ihr, daß hier vor dem Sieg der Revolution 30. 000 Arbeiter beim Bau beschäftigt waren und daß es heute 90.000 sind? Das ist einer der Gründe dafür, daß die Arbeitslosigkeit so außerordentlich stark abgenommen hat...

Die Revolutionäre Regierung hat einen Fonds für den Bau von Wohnungen, nicht nur für einen Teil der Bevölkerung, sondern für das ganze Volk geschaffen. Diesem Fonds fließen jährlich 70 Millionen Pesos zu.

Die Revolutionäre Regierung investiert in den Wohnungsbau diese 70 Millionen Pesos, außerdem einen Teil der im Haushaltsplan bereitgestellten Mittel für öffentliche Bauten und überdies noch 40 Millionen Pesos für den Bau von Landwohnungen, wie Sie sie gesehen haben. Sie haben sie doch gesehen, nicht wahr? Gefangener: In Playa Girón.

Dr. Castro: Und in Playa Larga ebenfalls, denn auch in Playa Larga werden Häuser gebaut. Das heißt, daß mit diesen 70 Millionen Pesos, die aus den die Grenze von 600 Pesos übersteigenden Einnahmen stammen, Wohnungen gebaut werden; denn es gab hier ungefähr 2.000 Familien ‚ deren Einnahmen über 600 Pesos hinausgingen. Über die 600 Pesos hinaus erzielten sie noch jährlich 70 Millionen Pesos.

Sind Sie der Meinung, daß der Erlaß dieses Gesetzes ungerecht ist? Wenn dies ungerecht ist, dann übernehmen wir die Verantwortung für diese Ungerechtigkeit. Ich kann es verstehen, daß die Hauseigentümer gegen die Revolution sind, aber das Volk - und dem Volk gilt unser Interesse - ist mit dieser revolutionären Maßnahme einverstanden.

Wäre es richtig, die Revolutionäre Regierung zu stürzen, die diese Maßnahmen durchgeführt hat und heute diese Mittel in den Bau von Wohnungen für das Volk investiert? Denn das Privatkapital konnte dieses Problem nicht lösen, weil es sich in zehn Jahren amortisieren mußte. Der Staat muß seine Investitionen nicht im Zeitraum von zehn Jahren amortisieren. Ebenso wie der Staat eine Landstraße baut - denn wer baut die Straßen, die Wasserleitungen, die Brücken? -, ebenso baut er also auch die Häuser. Und der Mieter braucht für die neuen Wohnungen nur den zehnten Teil von seinem Verdienst zu zahlen. Und in fünfzehn Jahren braucht niemand mehr Miete zu zahlen, da soviel Wohnungen gebaut werden, wie jedes Jahr erforderlich sind. Und so wie Mittel für den Bau von Straßen und Wasserleitungen ausgegeben werden, wird man zehn-, fünfzehn-, zwanzig- oder dreißigtausend Wohnungen jährlich bauen, und keiner wird Miete zahlen müssen. Das ist die Revolution.

Jetzt können Sie sich ein eigenes Urteil bilden. Wir sagen, daß wir eine sozialistische Ordnung haben. Ist sie schon voll und ganz sozialistisch? Nein. Es handelt sich zwar um eine Ordnung, die eine Reihe von sozialistischen Gesetzen erlassen hat, andererseits gibt es jedoch tatsächlich viele Einrichtungen, die nicht sozialistischen Typs sind. Zudem gibt es eine große Anzahl kleiner und mittlerer Gewerbetreibender, eine große Anzahl mittlerer Grundbesitzer und mittlerer Geschäftsleute, und schließlich gibt es eine große Anzahl Besitzer von Bratständen; denn die Revolutionäre Regierung hat die Bratstände nicht verstaatlicht.

Das sind die Maßnahmen, die die Revolutionäre Regierung verwirklicht hat.
v Gefangener: Doktor, erlauben Sie mir eine Frage?

Dr. Castro: Bitte. Aber wollen Sie mich verhören, oder wollen Sie dem Volk den Sachverhalt erklären?

Gefangener: Nein, Sie haben uns die Lage der Dinge erklärt.

Dr. Castro: Nun gut, ich erkläre sie Ihnen sehr gern, aber ich möchte, daß auch Sie das gleiche tun.

Gefangener: Eine Frage hinsichtlich der kleinen Eigentümer, von denen Sie sprachen: In welcher Weise hat sich die Wohnungsreform auf diese Hauseigentümer, diese kleinen Besitzer ausgewirkt?

Dr. Castro: Ich will Ihnen das erklären. Wenn es sich um einen Hauseigentümer handelt, der viele Wohnungen besitzt...

Gefangener: Ich meine den kleinen Hauseigentümer.

Dr. Castro: Die Hauseigentümer, deren Einnahmen unter 600 Pesos liegen, erhalten die Gesamtsumme.

Gefangener: Die Gesamtsumme?

Dr. Castro: Jawohl.

Gefangener: Man hatte uns nämlich einiges erzählt, was... die Propaganda, die man machte...

Dr Castro: Das Volk weiß, daß es an dem ist. Wenn Sie wollen, können Sie jemand aus dem Volke fragen, der hier anwesend ist.

Gefangener: Sie erklären es jetzt, und wir...

Dr. Castro: Ist jemand aus dem Volk hier anwesend, der Hauseigentümer ist? Keiner hier?.. . , Nein, nein ‚ich meine, der ein Haus vermietet hatte, denn bei vielen war es der Fall, daß sie ein Häuschen vermietet hatten, aber anderseits für sich selbst ein anderes Haus gemietet hatten und sich dadurch günstiger standen, weil ihr eigenes Haus besser war. Ist keiner hier, der ein Haus besaß?

(Ein Gefangener sagt etwas.)

Nein, ich sagte aus dem Publikum, nicht einer von Ihnen.

(Jemand aus dem Publikum sagt etwas.)

Sie haben ein Haus besessen? .. . Wieviel Miete verlangten Sie? (Die Antwort ist nicht zu verstehen.) Sie waren also Teileigentümer eines Hauses. Wie ist das Gesetz?... (Die Antwort ist nicht zu verstehen.) .... Zahlt man Ihnen? Wieviel monatlich? .. . Vierundzwanzig Pesos, nicht wahr? Es geht aber in vier Teile. Wie ziehen Sie die Mieten ein? ... (Die Antwort ist nicht zu verstehen.) ... Über die Bank... Haben Sie keine Schwierigkeiten, wenn der Mieter nicht zahlt?... (Verneinende Kopfbewegung.) Hier haben Sie die Antwort. Ich denke doch, Sie haben gemerkt, daß niemand Ihnen hier Lügen auftischt.

Gefangener: Doktor Castro, ich möchte nochmals auf die Frage zurückkommen, die einer von uns gestellt hat. Sie sagten, daß es eine sozialistische Ordnung sei, keine kommunistische, sondern eine sozialistische. Meines Erachtens ist auch das demokratische System, wenn es gut gehandhabt wird, zum Nutzen des Volkes. Warum hat die Revolution anstatt des Sozialismus nicht die gut angewandte Demokratie zur Grundlage genommen?

Dr. Castro: Und wer sagt Ihnen, daß die von den Yankees bezeichnete Demokratie Demokratie ist?

Gefangener: Ich meine nicht die, die von den Yankees so bezeichnet wird, sondern die echte, die wahre Demokratie.

Dr. Castro: Und wer sagt Ihnen, daß unsere Revolution nicht demokratisch ist? Allein schon die Tatsache, daß Sie hier mit dem Ministerpräsidenten der Revolutionären Regierung diskutieren ... Sagen Sie irgendeinem der Kubaner, die sich in den USA in Haft befinden, daß er mit Kennedy diskutieren soll; wir wollen doch mal sehen, ob Kennedy ihn empfängt, um mit ihm zu diskutieren...

Ein anderer Gefangener: Ich möchte eine Frage stellen: Wenn es dazu käme (zu einer neuen Invasion) ‚ würde uns dann das Volk an seiner Seite kämpfen lassen?

Dr. Castro: Das ist eine Frage, deren Beantwortung nicht ganz einfach ist.

Trotzdem ist es in jedem Falle wichtig, daß das Volk diese Haltung kennt, vorausgesetzt, daß sie ehrlich gemeint ist. (Rufe der Gefangenen: "Ja!") Es ist wichtig, daß das Volk davon erfährt, weil das Volk in unserem Land die größte Autorität ist. Alles geschieht mit Wissen und Einwilligung des Volkes. Auch unsere Ansichten erläutern wir dem Volk. Zuweilen gibt es Probleme, die nicht leicht zu erklären sind. Seien Sie sicher, daß eines dieser schwierig zu erklärenden Probleme Ihr Fall ist. Das Volk wird schwer begreifen – darüber mögen Sie sich im klaren sein -, daß keine allzu harten Maßnahmen und Strafen zur Anwendung kommen sollen.

Unter den Invasoren befanden sich solche Elemente wie Calvifio, wie Soler Puig und Konsorten; es waren nicht nur zwei, es war eine ganze Gruppe von Elementen, die sich in unserem Lande der Folterung, des Mordes und aller möglichen Willkürakte schuldig gemacht hatten. Das Volk gedenkt in tiefem Schmerz seiner Söhne und Töchter, die im Verlauf einer, wie es weiß, ungerechten Aggression gefallen sind. Es gibt viele Waisen und trauernde Mütter, und es gibt viele Betriebe und viele bewaffnete Einheiten, die Kameraden aus ihren Reihen verloren haben. Im Volk ist der Gedanke lebendig, daß diese Aggression von außen vorbereitet wurde; im Volk herrscht der Gedanke und die sich auf reale Tatsachen stützende Meinung, daß diese Aggression ein Piratenakt gegen unser Land war. Das ist die Einstellung des Volkes, und das ist keine Übertreibung, keine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Jeder von Ihnen, der daran zweifelt, kann sich davon überzeugen, daß die Haltung des Volkes von Empörung, von Erbitterung gekennzeichnet ist.

Eben das ist eines der Probleme, die dem Volk am schwierigsten zu erklären sind. Wissen Sie, was das Volk wünscht? Wissen Sie es? Sind Sie sicher, die Meinung des Volkes zu kennen? Gibt es darüber einen Zweifel bei Ihnen? Ich will einen Teil des Volkes, die hier anwesenden Milizangehörigen, fragen: Wie viele sind dort oben? Wie muß eurer Meinung nach die Strafe aussehen? (Die Milizangebörigen und das Publikum rufen: "An die Wand mit ihnen!") Das ist ihre Meinung. Es geht nicht darum, jemanden einzuschüchtern oder zu beeindrucken; nein, davon kann nicht die Rede sein. Wir sind nicht der Meinung, daß die Gefangenen hier unbedingt die Todesstrafe befürchten müssen; außerdem haben sich viele von Ihnen damit abgefunden. Somit ist dies eine Sache der seelischen Einstellung. Viele haben mir gegenüber geäußert, daß sie mit der Todesstrafe rechneten, daß sie es aber trotzdem vorgezogen hatten, durch die Hand eines anderen zu sterben anstatt den Tod durch Hunger und Durst zu erleiden oder Selbstmord begehen zu müssen.

Davon kann also nicht die Rede sein, ganz im Gegenteil: Wir denken nicht so darüber. Nicht immer stimmt unsere Denkweise voll und ganz mit dem Empfinden der Mehrheit der Massen überein. Und wissen Sie, was wir in diesem Falle tun? Wir sprechen mit dem Volk, wir erklären ihm die Lage der Dinge und versuchen, das Volk zu überzeugen.

Und um das zu verteidigen, sehen Sie... Das ist wahrer Ruhm. Ruhmreich, meine Herren, wird es niemals sein, wenn man ein kleines Land überfällt, und das unter dem Schutz der größten Kriegsflotte der Welt, mit Hilfe der größten Arsenale der imperialistischen Mächte, mit Hilfe von Millionensummen aus dem Schatzamt der USA! Heldenmut ist das, was unser Volk zeigt, wenn es Widerstand leistet, wenn es den Kampf aufnimmt, ohne daß jemandem die Hand zittert, wenn er den ersten USA-Fallschirmjäger abspringen sieht. Und von dem Augenblick an, da der erste in der Luft schwebt, werden Sie sehen, wie ein Volk kämpft; denn es werden nicht die zwanzig Mann sein, die hier den Kampf aufnahmen, die zwanzig Mann der waffenlosen Schar; es werden die besten Kampfeinheiten des Volkes sein, die besten von der Revolution aufgebotenen Kampfeinheiten.

Und dann wird die Welt sehen, was Heldentum ist, was es heißt, das Vaterland zu verteidigen, wird die Welt sehen, was es heißt, eine gerechte Sache zu verteidigen, und sie wird an der Seite des Volkes stehen, das gegenüber dem mächtigen Imperium im Norden bereit ist, den Kampf aufzunehmen, da es sich weder verkauft noch ergibt.

Hier habe ich eine Kabelnachricht über die Pläne der USA, die man lesen muß.

Was halten Sie davon? Es ist möglich, daß bei einigen der hier Anwesenden ein Hoffnungsschimmer geweckt wird, wenn von direkter Aggression die Rede ist. Natürlich bei den Reaktionären (die Gefangenen protestieren), das trifft nur auf die Reaktionäre zu, auf die Millionäre, die wissen, daß sie nicht hierhergekommen sind, um eine Verfassung zu verteidigen, sondern ihre Millionen; die nicht hierhergekommen sind, um die Freiheit schlechthin zu verteidigen, sondern ihre Freiheit, das Volk Hungers sterben zu lassen; die nicht hierhergekommen sind, um das Recht schlechthin zu verteidigen, sondern vielmehr nur ihre Privilegien auf Kosten der übergroßen Mehrheit des Volkes. Für sie, jawohl, für sie mag das ein Hoffnungsschimmer sein! Dem Gutgläubigen aber könnte jetzt die Einsicht kommen, daß er in einem unglücklichen Augenblick seines Lebens durch das Gift und durch die Lüge getäuscht wurde, vergiftet durch die ständige Ration, die tägliche Dosis von Lügen, von denen Sie einige aus eigener Erfahrung kennen. Man trichterte Ihnen eine ganze Reihe von Unsinnigkeiten und irrigen Vorstellungen ein und brachte Sie dann dazu, daß die meisten von Ihnen, als sie sich unseren Einheiten stellten, die Meinung vertraten, sie seien durch falsche Vorstellungen in diese ungünstige Lage getrieben und ins Unglück gestürzt worden, und daß sie sich als Opfer dieser Täuschung fühlten.

Was ist Ihre Meinung über die Aggressionspläne der USA gegen Kuba? Welche Haltung werden Sie einnehmen, wenn Kuba von den USA überfallen wird? (Rufe: "Wir werden kämpfen!") Ich weiß aber, daß es unter Ihnen welche gibt, die, sollten die Yankees kommen, sich ihnen eiligst anschließenwerden. (Rufe: "Nein!") Sie befinden sich unter Ihnen, ganz gewiß. Ich sage nicht alle, auch nicht die Mehrheit, aber ich weiß, daß sich unter Ihnen welche befinden, die sich mit diesem Gedanken tragen.

Sie sollen offen Ihre Meinung sagen. Wie wird Ihre Haltung sein, falls die USA-Regierung durch militärische Gewalt... .? (Rufe: "Wir kämpfen!" ); Es ist für uns oft nicht leicht, anständig zu handeln. Unsere Aufgabe ist nicht leicht, wenn wir des öfteren Standpunkte erläutern müssen, die im Widerspruch zum Empfinden der Massen des Volkes stehen. Des Volkes, das Sie als die unmittelbar Verantwortlichen betrachtet und in zweiter Linie erst die Hintermänner dieser Handlungen sieht. Wir sehen die Dinge anders. Wir begreifen, daß es unter Ihnen viele gibt, die aus dem einen oder anderen Grund in diese Situation hineingezogen worden sind, Menschen, die vielleicht unter anderen Umständen ein anderes Verhalten an den Tag gelegt hätten. Ja, ich bin selbst gewillt zuzugeben, daß sich unter Ihnen welche befinden, die in dem Glauben gehandelt haben, etwas Gutes und Richtiges zu tun, obgleich es heißt, daß der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist.

Wir sind nach gründlichem Überlegen zu dem Schluß gekommen, daß die standrechtliche Erschießung von elfhundert oder zwölfhundert Söldnern unseren Sieg schmälern würde; wir meinen, daß dies im Widerspruch zu unserer Denkweise stehen würde. Für uns ist die Todesstrafe nicht eine Frage der Prinzipien, sondern lediglich eine Waffe zur Verteidigung der Revolution, von der wir Gebrauch machen mußten, als es in unserem Land eine mächtige, mit Sabotage und anderen Verbrechen bestens vertraute ausländische Agentenzentrale gab, die Sprengladungen und Phosphorbrandsätze legte, um Fabriken zu zerstören, die dem Volk gehören, um Handelseinrichtungen zu zerstören, die Eigentum des Volkes sind; die hier Menschen einschleuste, die im Zerstören und Morden ausgebildet wurden, um uns, um den Mitgliedern der Regierung das Leben zu nehmen, um unseren Reichtum zu zerstören. Dagegen müssen wir die Revolution durch die Anwendung strenger Maßnahmen schützen; gegen die Handlungen einer ausländischen Macht, gegen diese Kräfte, die im Auftrage einer ausländischen Macht, dieser ausländischen Macht der Spionage, der Terrors und des Verbrechens, in unser Land kommen, sehen wir uns genötigt, Maßnahmen zum Schutz der Revolution zu ergreifen. Aus diesem Grund ist es notwendig, den Terroristen, den Saboteur, alle diese Kräfte, die zum Zwecke der Zerstörung von Werten, zum Zwecke des Mordens in unser Land eingeschleust werden, streng zu bestrafen. Denn wenn sie gegen uns einen Kampf auf Leben und Tod führen, dann sind wir gezwungen, gegen sie gleichfalls einen Kampf auf Leben und Tod zu führen.

Das ist jedoch lediglich eine Maßnahme zum Schutze der Revolution und nicht eine Frage der Prinzipien. Wir glauben nicht, daß es richtig wäre, massenhaft Todesurteile zu verhängen; wir meinen, daß dies unseren Sieg schmälern würde, daß dies den Feinden der Revolution nur dazu dienen würde, auch hieraus ihren Nutzen zu ziehen. Unser Volk ist nicht rachsüchtig. Jene, die ihre Kameraden unter den Schüssen der USA-Flugzeuge, unter den Maschinengewehrsalven der Yankees, unter dem Feuer der Mörser und Ihren Kugeln tot zu Boden sinken sahen, hätten Sie sonst nicht mit einer Feldflasche voll Wasser oder einem Teller Suppe empfangen, als Sie sich ihnen ergaben, sondern hätten Sie an Ort und Stelle ihren ganzen Haß und ihre ganze Rachsucht spüren lassen. Unser Volk ist nicht in diesem Geist der Rache und des Hasses erzogen. Und unser Verhalten richtet sich niemals nach dem, was man redet, was man im Ausland spricht. Wir wissen, daß die guten und richtigen Maßnahmen der Revolution in der Welt totgeschwiegen werden; wir wissen, daß die Zeitungen und Nachrichtenagenturen der USA nur die schändlichsten Verleumdungen gegen uns verbreiten. Daher ist es uns einerlei, was sie reden: Was wir auch tun mögen, sie werden stets im Dienste der Lüge stehen, sie werden auch fortan in gemeiner Weise Lügen über uns schreiben und verbreiten. Was wir tun ‚ist eine Frage unseres Bewußtseins, ist eine Frage unserer Moral, ist eine Frage unserer Prinzipien.

Und hier - obwohl Sie nun wissen, daß es der Wille des Volkes ist, alle Invasoren standrechtlich zu erschießen, und obwohl ich weiß, daß dieses Gefühl im Volke tief verwurzelt ist -, eben hier mache ich selbst den Anfang, unsere Ansicht darzulegen und dem Volk zu erläutern, daß dies eine Schmälerung unseres Sieges wäre, nachdem wir die Luftwaffe der Invasoren, nachdem wir die Panzer der Invasoren vernichtet haben, nachdem wir sie durch unseren Heldenmut und Patriotismus geschlagen haben, durch die Tapferkeit und Würde unserer Truppen, die dem Tod standhaft ins Auge blickten und zahlreiche tote Kameraden zurücklassen mußten, die sich für das Vaterland opferten. Sie zu erschießen wäre leicht; Sie zu erschießen, womit das ganze Volk einverstanden wäre, würde aber nur bedeuten, alle über einen Kamm zu scheren, würde bedeuten, daß der weniger Schuldige für ‚den zahlen müßte, der die größere Schuld auf sich geladen hat. Das hieße nichts weiter, als unseren Sieg zu schmälern.

Wir wenden hier unsere Zeit und Kraft auf, um mit Ihnen zu diskutieren. Wir können hierherkommen, um mit Ihnen zu diskutieren. Warum? Weil wir uns dessen, was wir tun, voll bewußt sind, weil wir uns dessen, was wir verteidigen, voll bewußt sind. Wir bilden uns nicht ein, Sie an diesem einen Abend überzeugen zu können, ganz und gar nicht, wichtig war aber, daß das Volk zuschaute und sich sein Urteil bildete...

Möglicherweise sehen Sie mich als Feind an, der hierhergekommen ist, um Ihnen im Interesse einer bestimmten Sache etwas zu erzählen. Die Wahrheit ist aber, daß mit dem Kampf, der geführt wurde, die Sache für uns nicht abgetan ist; uns interessieren die Anschauungen, uns ist daran gelegen, Ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, wie es im Verlauf aller dieser Tage der Fall war, in sachlichen und gründlichen Diskussionen zu erfahren, welche Fragen hier auch auf ideologischem Gebiet zur Debatte stehen.

Wir haben unsere Zeit und Kraft aufgewandt, um das alles zu erläutern und damit zu beginnen, dem Volk zu erklären, wie wir dieses Problem sehen, warum wir meinen, daß die Strafe nicht die sein darf, die die überwiegende Mehrheit des Volkes gegenwärtig wünscht, warum wir der Meinung sind, daß der großartige Sieg des Volkes nicht durch Exzesse oder durch die Anwendung übermäßig harter Maßnahmen gegen alle geschmälert werden darf.

Natürlich muß sich die Revolution gegen Invasoren schützen. Natürlich geht es nicht an, daß unser Land aller halben Jahre einer Welle von Invasoren ausgesetzt ist, daß nach vielen Opfern und viel Schmerz alles in einer liebenswürdigen Diskussion zwischen Ihnen und uns endet.

Möge das für die anderen eine Lehre sein; nicht weil wir die Invasionen fürchten, denn wir sagten Ihnen ja bereits, daß wir im Falle eines Angriffs bereit sind, uns zu verteidigen, nicht nur gegen eine kleine Gruppe, sondern gegen eine ganze Militärmacht, die unvergleichlich mehr Waffen und Truppen, dafür aber um so weniger Recht hätte...

Wir fürchten den Aggressor nicht; was wir indes zutiefst bedauern, ist, daß die Unvernunft und die Lüge zu diesen Fehleinschätzungen, zu diesen Todesopfern führen können. Ich erinnerte Sie daran, daß hier ein Herrchen aus dem aristokratischen Klub, der Sproß einer wohlhabenden Familie, nicht im geringsten den Tod Ihrer Kameraden bedauerte, die doch für seine Privilegien, für seine Millionen, für seine Ausbeutung in den Tod geschickt wurden. Es wollte alle diese Toten voll Stolz rühmen, die doch als Verbrecher starben, die für ein Unrecht ums Leben kamen. Denn es wird niemals gerechtfertigt sein, daß auch nur ein einziges Leben im Interesse der Verteidigung der Rassendiskriminierung, der Unbildung, des Betruges, der Lüge und der Ausbeutung der Menschen geopfert wird. Niemand wird je das Recht haben, dafür auch nur ein Leben zu opfern, seine egoistischen Privilegien auf dem Blut eines Menschen aufzubauen.

Wir sind Ihre Gegner, und doch bin ich sicher, daß wir die Todesopfer, die Sie gebracht haben, mehr bedauern als die meisten dieser privilegierten Nichtstuer, die sehr stolz und befriedigt darüber sind, daß für ihre Interessen kubanisches Blut vergossen wurde...

Sie kennen jetzt die Gefahren, die eine Aggression gegen unser Land mit sich bringt. Eine Aggression bringt unweigerlich die Gefahr eines Weltkrieges mit sich, denn die Welt hat unserem Land gegenüber spontan ihre Solidarität bekundet. In verschiedenen Hauptstädten Lateinamerikas, zum Beispiel in Mexiko, versammelten sich zweihunderttausend Menschen in einer Kundgebung zur Unterstützung der kubanischen Revolution. In Chile fand ein Generalstreik statt, desgleichen in Uruguay. Die einfachen Menschen, die Arbeiter, die Bauern, die Geistesschaffenden, die durch die Monopole am meisten ausgebeuteten Volksschichten in allen diesen Ländern treten für die kubanische Revolution ein, und die Welt wird sich im Falle einer Aggression gegen Kuba nicht gleichgültig verhalten. Denn diese Aggression würde nicht eine Frage von vierundzwanzig Stunden sein. Es ist möglich, daß die Generale des Pentagons, die sich schon einmal geirrt haben, wiederum glauben, Kuba innerhalb achtundvierzig Stunden einnehmen zu können. Doch da irren sie sich gewaltig. Kuba werden sie weder in achtundvierzig Stunden noch in achtundvierzig Tagen noch in achtundvierzig Monaten noch in achtundvierzig Jahren einnehmen können ; denn solange es auf unserem Boden noch einen anständigen Menschen und den Bruder oder den Sohn eines anständigen Menschen gibt, wird dieser gegen die ausländischen Eindringlinge, die unsere Fahne und unsere Heimaterde mit Füßen treten wollen, kämpfen.

Und dieser entschlossene Widerstand unsererseits wird zur Folge haben, daß sich die Welt mit uns solidarisiert, daß uns die Welt unterstützt, und sollte es unseligerweise zu einer solchen Aggression gegen unser Land kommen, würde dies den Selbstmord des Imperialismus, allerdings auf unsere Kosten, bedeuten.

Wir wissen, daß der Imperialismus von der Geschichte zum Abtreten verurteilt ist; wir wollen aber nicht, daß er auf Kosten von Tausenden, Zehntausenden, ja vielleicht Hunderttausenden von Kubanern Selbstmord begeht. Aber der Beweis, daß sie die Dinge nicht richtig einzuschätzen vermögen, daß sie Torheiten begehen, daß sie dünkelhaft sind, ist erbracht, und deshalb müssen wir immer mit diesen Gefahren rechnen. Verglichen mit einer direkten Aggression aber wäre, was sich jetzt zugetragen hat, nur eine Kleinigkeit.

Es geht uns weniger darum, indirekte Aggressionen wie die hinter uns liegende zu verhindern, sondern vielmehr darum, daß die Feinde unseres Vaterlandes selbst Überlegungen anstellen, damit jene, die eine Aggression gegen uns planen, wissen, wie man sie hier empfangen wird. Sie selbst sollten es denen sagen, die Ihnen die Waffen gaben, die Sie ausbildeten und die es Ihnen ermöglichten, hierherzukommen; Sie selbst sollten der Welt, Amerika und dem Volk der USA sagen, was Sie denken, sollten klar und unmißverständlich zum Ausdruck bringen, was Ihre Meinung im Falle einer Aggression der USA gegen unser Land ist, und Sie sollten es auch den anderen sagen, die das Glück hatten, nicht hierherzukommen, oder das Unglück, weil man schwerlich sagen kann, was schlimmer ist: weiterhin in diesem Inferno von Lügen und Verleumdungen zu leben oder am eigenen Leib diese Erfahrung gemacht zu haben, wenngleich damit auch verbunden war, eine Hölle von unmenschlichen Anstrengungen, Opfern und Entbehrungen, von Hunger und Durst durchzustehen. Aber Sie erhielten dadurch die Möglichkeit, die Wahrheit kennenzulernen, weil die Revolution sie Ihnen gab. Und ich möchte Ihnen nochmals sagen, daß früher in unserem Land - wie Sie selbst wissen - nicht einmal ein Leutnant der Armee sich herabließ, mit einem Gefangenen zu sprechen. Und hier diskutieren die Mitglieder der Regierung mit Ihnen auf gleicher Ebene.

Ich frage jene, die diese Yankee-Demokratie preisen, ob wohl einer von den Senatoren, von den Ministern oder den hochgestellten Demokraten der USA sich herablassen würde, mit einem Gefangenen zu diskutieren, ob sie sich wohl herablassen würden, mit einem einfachen Menschen aus dem Volk zu diskutieren, geschweige denn mit jemandem, der ihr Gefangener ist. Fragen Sie Herrn Kennedy, ob jene, die verfolgt werden, die wegen ihrer Anschauungen Opfer der Verfolgung sind, die Möglichkeit haben, mit ihm zu diskutieren.

Ich gebe nun Ihnen das Wort, damit Sie sich an die Amerikaner wenden und ihnen sagen, was Sie denken, wie Sie über Ihre Handlungsweise denken und wie Sie zu dem stehen, was Kennedy denkt. Uns rührt nicht, wieviel Mann sie herschicken; sie sollen wissen, daß bei uns auf jedes Gewehr drei kommen, die darauf warten, es entgegenzunehmen. Auf jedes zum Feuern bereite Gewehr kommen drei Menschen, die darum bitten ‚ es ihnen zu geben. Deshalb fehlt es uns nicht an Kämpfern. Aber es wäre bestimmt gut, und Sie würden in gewissem Maße dazu beitragen, daß Ihnen das Volk mehr Verständnis entgegenbringt, wenn Sie nach dem, was ich vorgetragen, was ich Ihnen erläutert habe, nach dem, was Sie nun wissen, der Regierung der USA sagten, was Sie von allen diesen Dingen halten.

Fidel Castro Ruz
Havanna 26. April 1961

Noticias de Hoy, 28. April 1961

Fotos: Trabajadores

Quelle: Fanal Kuba, Dietz Verlag Berlin 1963
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Karl Dietz Verlages Berlin