Beitrag zum 9. Vortragszyklus unter dem Titel "Die Organisationen der Revolution" an der Volksuniversität Havanna, 1. Dezember 1961.
Eigentlich hätte ich gern über etwas mehr Zeit verfügt, um gründlicher über die Einheitspartei der Sozialistischen Revolution zu sprechen, denn diese Frage ist von größter Wichtigkeit für die Revolution. Ich werde mich daher auf einige Grundgedanken konzentrieren.
Die Einheitspartei der Revolution ist eine Notwendigkeit, und zwar in erster Linie deshalb, weil man eine Revolution nicht durchführen und vor allem nicht vorwärtsbringen kann ohne eine starke und disziplinierte revolutionäre Organisation.
Diese Notwendigkeit tritt immer deutlicher zutage, je mehr der revolutionäre Prozeß fortschreitet, einen festen Kurs einschlägt und sich vor immer schwierigere Aufgaben gestellt sieht.
Immer schon sagte man mit Recht, es sei leichter, die Macht zu erobern als sie aufrechtzuerhalten, als zu regieren.
Das ist eine große Wahrheit. Die Aufgaben einer revolutionären Bewegung im Kampf um die Macht verdoppeln und verdreifachen sich nach dem Sieg. Es wurde auch gesagt, und man kann es in einigen Büchern nachlesen, die Festigung der Macht sei um so leichter, je mühsamer sie zu erobern war, wogegen die Aufrechterhaltung einer ohne große Mühe errungenen revolutionären Macht viel schwieriger sei. Da wir schon bei einer Überprüfung aller Bücher sind, die wir gelesen und in denen wir studiert haben, sagen wir es doch gleich, daß wir alle in einer Umwelt gelebt haben, die uns oft zwang, Dummheiten und unwichtiges Zeug zu studieren.
Die einzige in dieser Behauptung enthaltene Wahrheit ist die, daß im Kampf um die Macht die Kader geformt werden, die später das Land regieren sollen. Je mehr sich der Kampf um die Macht in die Länge zieht, desto größer wird zweifellos die Anzahl der Menschen sein, die durch diesen Kampf befähigt werden, später die weiteren Aufgaben zu übernehmen ...
Man kann keinesfalls behaupten, daß wir keine erfahrenen Männer hätten. Es ist unbestreitbar, daß der politische Kampf eine Reihe wertvoller Kräfte für unser gesellschaftliches Leben hervorgebracht hat, eine Reihe revolutionärer, fähiger Kräfte. Dann aber gelangt die Revolution an die Macht. Welche Voraussetzungen bringt sie mit? Ist sie organisiert, diszipliniert und für die Aufgaben einer Regierung vollkommen gerüstet? Sind alle revolutionären Kräfte des Landes schon organisch in die revolutionäre Bewegung eingegliedert? Nein!
Es kann nur eine revolutionäre Bewegung geben, nicht zwei, drei oder vier, denn die revolutionäre Bewegung kann eben nur eine einzige sein, sonst läuft es schließlich auf Revolution oder Konterrevolution hinaus. Eine revolutionäre Bewegung kann mehr oder weniger begrenzt sein. Mit einer Revolution kann man bis zu einer gewissen Grenze bestimmte revolutionäre Aufgaben erfüllen, die unbestreitbar revolutionär sind. Bleibt die Bewegung aber bei dieser Grenze stehen, so hört sie auf, eine revolutionäre Bewegung zu sein. Es kann mehr oder weniger radikale Bewegungen geben, aber es kann nicht zwei, drei oder vier revolutionäre Bewegungen geben. Das wäre absurd, und außerdem sind das Erfindungen der Konterrevolution.
Tatsache ist aber, daß die Revolution nicht mit einer Organisation, die alle revolutionären Kräfte vereint hatte, an die Macht gelangte. Es gab verschiedene revolutionäre Organisationen, und diese verkörperten verschiedene revolutionäre Kräfte. Für das gemeinsame Ziel, das alle Organisationen, revolutionäre und nicht revolutionäre, vereinte - denn gegen die Tyrannei Batistas gab es auch Kräfte, die gegen Batista waren, ohne als revolutionär bezeichnet werden zu können -, setzten sich auch Politiker ein, die einfach deshalb gegen Batista waren, weil er an der Macht war und nicht sie. Es gab Politiker der herrschenden Klasse, der gleichen Klasse, die durch Batista in der Regierung vertreten wurde, die nur auf einen Personenwechsel aus waren...
Wie setzten sich die revolutionären Kräfte zusammen? Wer waren sie, und wer waren in erster Linie die gesellschaftlichen Kräfte der Revolution? Es waren die Arbeiter, die Bauern, die Studenten und mehr oder weniger breite Schichten des Kleinbürgertums. Das waren die Kräfte, die man als revolutionär bezeichnen konnte, die Kräfte, deren Interessen einfach: den Interessen des Imperialismus und der Großbourgeoisie, der Finanz-, Handels- und Industriekapitäne, gegenüberstanden. Kleine Grundbesitzer, kleine Geschäftsleute, das ganze Kleinbürgertum also, sowie Kreise der Intelligenz, der Studenten, der Bauernschaft und der Arbeiter, das waren die revolutionären Kräfte...
Von welchen Organisationen wurden diese Kräfte vertreten? Welche Organisation war die Vertreterin der Arbeiterklasse, der fortschrittlichsten und am meisten entwickelten Teile der Arbeiterklasse, der Industriearbeiter und der Landarbeiter? Wir dürfen nicht von der ganzen Klasse sprechen, denn in ihr gab es Kreise mit kleinbürgerlicher Denkweise, vor allem die Kreise mit höherem Einkommen, wobei nicht geleugnet werden kann, daß auch das Kleinbürgertum gegen Batista war.
Die Sozialistische Volkspartei vertrat die fortschrittlichsten Angehörigen der Arbeiterklasse, sowohl auf dem Lande als auch in der Stadt. Sie hatte aber auch einige Anhänger unter den Bauern, denn in der Sierra Maestra trafen wir unter den Kleinbauern etliche Mitglieder der Sozialistischen Volkspartei. Hauptsächlich aber vertrat diese Partei die Arbeiterklasse.
Die Bewegung des 26. Juli vertrat in erster Linie die Bauern, das heißt die ganze Bauernbewegung, die sich um die Rebellenarmee organisiert hatte, Die Bewegung des 26. Juli umfaßte vielerlei Menschen, auch aus der Arbeiterklasse, die in keiner Partei waren, oder solche, die einer kleinbürgerlichen oder einer anderen politischen Partei angehört hatten, rechtschaffene Menschen. Diese Bewegung vereinigte auch Angehörige der freien Berufe, Geistesschaffende, Jugendliche, Studenten, Teile des Kleinbürgertums sowie die fortschrittlichsten und revolutionärsten Angehörigen des Mittelstandes. Man kann behaupten, daß diese Kräfte die Bewegung des 26. Juli darstellten.
Das Revolutionäre Direktorium des 13. März vertrat mehr oder weniger die gleichen Kreise, hauptsächlich aber Studentenkreise, zu denen José Antonio Echeverría, Faure Chomón und weitere Genossen gehörten. Das Revolutionäre Direktorium des 13. März entstand unter der Studentenschaft, machte aber auch seinen Einfluß bei den Arbeitern, der Intelligenz und den Bauern geltend.
Die revolutionären Kräfte der Gesellschaft wurden also durch drei Organisationen vertreten. Darüber dürften wir uns nach allem, was wir auf dem Gebiet der Politik und der revolutionären Theorie gelernt haben, einig sein, nicht wahr?
Im Prozeß der revolutionären Entwicklung reiften die Bedingungen heran, die eine Zusammenfassung der revolutionären Kräfte, so wie sie heute besteht, die diese organische Einheit der Kräfte der Revolution möglich machten. Das heißt, diese Einheit wurde zwangsläufig durch die revolutionäre Entwicklung geschmiedet.
Was bedeutet die Organisierung dieser Partei, dieser Organisation? Was bedeutet die Vereinigung all dieser revolutionären Kräfte? Was bedeutet die Einheit dieser drei Organisationen? Was bedeutet sie, auf den einfachsten Nenner gebracht, für das ganze Volk und für die Revolution? Sie bedeutet, daß alle revolutionären Kräfte der Gesellschaft sich in einer einzigen revolutionären Organisation vereinigen, das heißt die Arbeiterklasse, die Bauernschaft, die Studenten, die revolutionären Schichten des Kleinbürgertums und die Intelligenz, die einzigen Klassen oder Schichten der Gesellschaft also, die durch ihren Klassencharakter und ihrer Stellung in der Gesellschaft berufen sind, revolutionär zu sein.
All diese Kräfte, die in drei Organisationen aktiv waren, verschmelzen zu einer einzigen Organisation, unter einer einzigen revolutionären Leitung. Was bedeutet das? Das bedeutet ganz einfach eine außerordentliche Stärkung der Revolution.
Vom ersten Augenblick an, seit dem Beginn der Revolution, gingen diese Kräfte, unter Überwindung anfänglicher Meinungsverschiedenheiten und Reibungen, den gleichen Weg, aber immer noch als getrennte Organisationen. Mit mehr oder weniger Diskussionen, mit mehr oder weniger regem Meinungsaustausch, verlief jene erste Etappe der Revolution.
Mit anderen Worten, die Revolution erfährt eine außerordentliche Stärkung, wenn die revolutionären Schichten des Volkes, die revolutionären Klassen mit ihren Organisationen, sich zu einer einzigen Organisation zusammenschließen. Das beweisen die Tatsachen.
Betrachten wir zum Beispiel, welche Kräfte die Revolution unterstützen. Es sind weder die Großgrundbesitzer, noch die Herren der Zuckerzentralen, noch die großen Bankiers, Kaufleute und Industriellen. Diese Menschen sind es nicht, es sei denn, daß einer einmal die Revolution unterstützen mag, denn Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt ja Philanthropen, rechtschaffene Leute, die sich für die Revolution begeistern und - ausnahmsweise – über ihre eigenen Interessen hinauswachsen.
Da ist zunächst die Arbeiterklasse. Wer begleitete Manuel Ascunce auf seinem letzten Weg? Im Grunde genommen war es die gesamte Bevölkerung.
Wer aber stellte den Hauptanteil an dieser Kundgebung? Es waren ganz einfach die Arbeiter. Wer bildet das Gros der Nationalen Revolutionären Milizen? Die Arbeiter. Wer kämpfte und fiel bei Playa Girón, um die Söldner und Invasoren zurückzuschlagen? In der Hauptsache le es die mutigen Bataillone der Hauptstadt, auch Einheiten von Matanzas und Cienfueoos die gleichfalls mutig kämpften. Die meisten waren Arbeiter.
Das heißt, die Arbeiterklasse ist die grundlegende Kraft und das Rückrat der Revolution.
Wer unterstützte nun die Revolution im Bündnis mit der Arbeiterklasse? Hier müssen wir einige Unterschiede machen. Da sind auf der einen Seite die Landarbeiter der Zuckerlatifundien, die heute in landwirtschaftlichen Genossenschaften arbeiten, ehemals, als Landarbeiter, aber der Arbeiterklasse angehörten und auch als solche eingeschätzt werden müssen. Auf der anderen Seite haben wir die Bauern, die Bauern der Sierra Maestra, die Bauern des Gebiets von Baracoa, die Bauern von Escambray....
Fraglos steht der Kleinbauer, der arme Bauer, der kleine Landwirt, diese breite Bevölkerungsschicht, entschlossen auf der Seite der Revolution obwohl gerade in der Bauernschaft das Analphabetentum am weitesten verbreitet war und die Bauern weder die politische Erfahrung noch die politischen Voraussetzungen hatten wie die Arbeiterbewegung, wie das Proletariat Diese Schicht steht auf der Seite der Revolution.
Auch die Studentenschaft steht auf der Seite der Revolution. Welch besseren Beweis wollen wir als die zehntausend Studenten, die den Brigaden der Alphabetisatoren angehörten? . Die Intelligenz, in ihrer übergroßen Mehrheit, steht auf der Seite der Revolution. Zur Revolution steht auch eine breite Schicht des nationalen Kleinbürgertums. Das kann niemand bestreiten.
Ich glaube, unser Volk versteht diese Dinge sehr gut, denn sie sind augenscheinlich. Wenn das Volk einen Kongreß mit zehntausend Arbeiterdelegierten, die Massenkundgebungen, die Hunderttausende Milizionäre sieht, wird es gewahr, daß die Arbeiterklasse zur Revolution steht. Wenn es hunderttausend Alphabetisatoren lehren sieht, weiß es, daß die Studenten zur Revolution stehen. Die Bauernkundgebungen und die Zehntausende Bauernmilizionäre beweisen ihm, daß die Bauern zur Revolution stehen. Das gleiche gilt für die Wissenschaftler und die rechtschaffenen Angehörigen der technischen Intelligenz. Das beweisen die Tatsachen.
Und dies ist eben der Sinn der Vereinigung, nämlich, daß die Anstrengungen aller revolutionären Kreise der Gesellschaft in einer einzigen revolutionären Organisation wirken.
Doch nun kommt eine andere Frage. Wieviel Revolutionen sollten die drei verschiedenen Organisationen durchführen? Das heißt, diese Organisationen, die die revolutionären Schichten der Gesellschaft repräsentierten. Sollten sie drei Revolutionen durchführen oder sich auf eine Revolution beschränken?
Ich denke, daß dies ein wichtiger Punkt ist. Wenn man über die Einheitspartei der Revolution spricht, ist es vor allem notwendig, daß das Volk die geschichtlichen Wurzeln der revolutionären Entwicklung und der Vereinigung der Organisationen versteht. Jedermann soll gewahr werden, daß es Standpunkte und Einstellungen gibt, die völlig utopisch, trügerisch, idealistisch und falsch sind.
Wir erinnern uns an das Verhör der gefangenen Söldner, in dem einer von diesen Leuten von einer dritten Position und derartigen Albernheiten mehr sprach.
Vor allem muß ich eines sagen: Mit der Revolution selbst sammeln wir eine Menge Erfahrungen. Mit der Revolution revolutionieren wir uns selber. Durch sie werden wir täglich revolutionärer. Gab es eine Zeit, in der wir keine Revolutionäre waren? Ja, es gab eine Zeit, in der ich nichts von einem Revolutionär an mir hatte. Aber war ich vielleicht ein Reaktionär, ein Dieb, oder war ich bestechlich? Nein, nichts dergleichen. Es gab eine Zeit, in der ich politisch als vollkommener Analphabet gelten konnte, eine Folge meiner Klassenherkunft.
Wußte ich vor zwanzig Jahren mehr von der Revolution als Marinello, Carlos Rafael Rodriguez oder Blas Roca? Nein. Vor zwanzig Jahren verstanden viele von uns nichts von der Revolution, unter anderem, weil viele von uns vor zwanzig Jahren ...., ich glaube, mein Bruder Raúl hatte vor zwanzig Jahren gerade lesen und schreiben gelernt; wir waren noch Kinder.
Aber unter uns, das heißt, unter denjenigen, die einer anderen sozialen Schicht angehörten als der Arbeiterklasse, gab es auch viele, die keine Kinder mehr waren, und ich bin mir dessen sehr bewußt. Ich bin mir auch bewußt, wie sehr die Klassenherkunft die Denkweise eines jeden von uns beeinflußt haben muß. Hand in Hand damit geht aber auch das Bewußtsein, daß ich mir ein klares und aufrichtiges revolutionäres Denken aneignen muß, das frei ist von allen Vorurteilen, die nicht mit dem Gewissen und dem Willen der Menschen übereinstimmen. Viele von uns also waren selbst noch als beginnende Studenten politische Analphabeten. Ich war noch ein politischer Analphabet, als ich die Schule beendete, ja sogar noch als Student.
Soll ich mich dieses Eingeständnisses schämen? Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin stolz zu wissen, daß ich, obwohl ich als Student noch nichts von Politik und Revolution verstand, heute einiges verstehe. Das beweist, daß ich Fortschritte gemacht habe.
Ihr sollt nicht denken, daß ich von mir spreche, weil es sich um mich handelt. Ich spreche nur von dem Fall, der mir am besten bekannt ist und aus dem wir vielleicht etwas lernen können. Da wir heute die angenehme Überraschung haben, die Schüler der Schule für Revolutionäre Instruktion unter uns begrüßen zu können, benutze ich diese Gelegenheit zu einigen Ausführungen, die nützlich sein können. Es wird viele andere ähnliche Fälle geben.
Welche ist die revolutionärste Klasse? Ohne Zweifel die Arbeiterklasse. Warum? Weil ihre Stellung in der Gesellschaft sie dazu macht. Welche ist demgegenüber die reaktionärste Klasse? Die Klasse der Besitzenden, denn ihre gesellschaftliche Stellung als Ausbeuterklasse bildet ihre reaktionäre Mentalität und ihr Denken.
Es gibt jedoch innerhalb der Revolution viele Fälle von revolutionären Genossen, die nicht aus der Arbeiterklasse kommen. Was geschah in einigen Ländern, wo kleinbürgerliche Schichten stark in der Arbeiterbewegung vertreten waren? Sie prägten der Arbeiterbewegung kleinbürgerliches Denken auf. Das ist vorgekommen, und wir müssen darum kämpfen, daß es bei uns nicht geschieht. Wir müssen also in der revolutionären Erziehung größte Anstrengungen machen. Weshalb? Damit sich nicht durch das Vorhandensein breiter Mittelschichten die Denkweise einer schwankenden Klasse einschleicht, einer Klasse, die keine Disziplin kennt, die leicht verzweifelt und eine ganze Reihe von schlechten Eigenschaften hat, die ich mir nicht ausgedacht habe, sondern die seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in der Geschichte der revolutionären Bewegungen bekannt sind.
Soll das nun aber heißen, daß diese Schicht keine guten Revolutionäre hervorbringen kann? Keineswegs, aus ihr können großartige Revolutionäre hervorgehen. Sogar die großen Theoretiker der Revolution kamen aus diesen Schichten. Warum gerade aus diesen Schichten? Weil sie die Möglichkeit hatten, Schulen und Universitäten zu besuchen.
Ein englischer Textilarbeiter, der nur einige Klassen der Grundschule besucht hat, der weder Geschichte noch Soziologie, der weder die Gesetze der Natur noch der Physik studieren konnte, wäre nicht imstande gewesen, eine revolutionäre Theorie auszuarbeiten, so sehr ihn auch die Ausbeutung dazu treiben mochte, sich zu einer revolutionären Idee zu bekennen, und so logisch das auch für seine Klasse war.
Der ausgebeutete Arbeiter hatte keinen Zutritt zur Universität, die eben nur Angehörige der Mittelschichten aufnahm. Viele Theoretiker, die größten Theoretiker, entstammen gerade diesen Schichten, weil sie Zutritt zu den Hochschulen hatten. Deshalb waren sie in der Lage, die revolutionäre Theorie auszuarbeiten. So wie die Gesetze der Natur durch die Wissenschaftler erforscht wurden, so erforschten die Wissenschaftler auch die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft, der Geschichte. Andere erforschten die Entwicklungsgesetze der Natur, andere wieder die chemischen und physikalischen Gesetze. Sicher waren das talentierte, geniale Männer, die wirklich große Charaktere sein konnten. Man kann ohne weiteres sagen, daß der Entdecker eines physikalischen Naturgesetzes ein großes Genie sein kann, aber man kann nicht immer behaupten, daß er deshalb auch ein großes, menschliches Gefühl mitbringt.
Hingegen besteht kein Zweifel daran, daß der Intellektuelle, das Genie, das sich der Befreiung der Arbeiterklasse widmete, ein Mensch war, der stärker als alles andere die Leiden der Arbeiterklasse, die Ausbeutung empfand. Die Entdecker der Entwicklungsgesetze der Gesellschaft, nämlich Marx, Engels und Lenin, begnügten sich nicht damit, diese Gesetze zu erforschen, sie widmeten sich auch der Organisierung der Arbeiterbewegung, der Organisierung und Entwicklung der revolutionären Bewegung.
Es soll volle Klarheit darüber herrschen, daß wir besonderen Nachdruck auf die Erziehung der Arbeiterklasse legen müssen, auf die weitere politische Entwicklung der fortgeschrittensten Teile der Arbeiterklasse. Wir müssen größten Wert darauf legen, die politische Erziehung der Arbeiterklasse auf das höchste Niveau zu heben. Das revolutionäre Bewußtsein der Bauern und der revolutionären Schichten des Mittelstandes, der Studenten und aller revolutionären Kreise des Landes müssen wir weiterhin festigen und die Basis der revolutionären Bewegung soweit wie möglich vergrößern.
Was hat uns denn zu Revolutionären gemacht? Wir wurden Revolutionäre, erstens, weil wir uns dazu berufen fühlten, denn meistens ist es so, daß derjenige, der nicht aus einer revolutionären Gesellschaftsschicht stammt, auch kein Revolutionär ist. Zweitens - ich könnte es in einem Wort ausdrücken - einfach aus Anstand. Es gibt Menschen, wenn die an eine Sache glauben, dann glauben sie daran. Und wenn sie an eine andere glauben, dann glauben sie aus ehrlicher Überzeugung an eine andere, und wenn sie glauben, eine Wahrheit gefunden zu haben, dann halten sie daran fest.
Ich bin nicht hierher gekommen, um eine Autobiographie zu geben. Ich will auch nicht weiter analysieren, wie ich zum Revolutionär geworden bin. Wenn ich einmal Zeit habe - vorläufig sieht es nicht so aus -, kann ich etwas darüber schreiben. Eines jedoch kann ich sagen, daß ich, wie viele andere auch, beharrlich daran festhielt, sooft ich etwas entdeckt hatte. Meine ersten Kontakte auf der Universität... ., schon bei der bürgerlichen politischen Ökonomie erinnere ich mich, daß ich immer in Widersprüche geriet, die einige revolutionäre Gedanken in mir erweckten.
Später natürlich, wie das so auf der Universität ist, bekamen wir die ersten Verbindungen mit dem "Kommunistischen Manifest", mit den Werken von Marx, Engels und Lenin. Dies war ein bedeutender Abschnitt, und ich muß ehrlich gestehen, daß vieles, was wir in der Revolution getan haben, ganz und gar nicht von uns erfunden worden ist.
Nach Absolvierung der Universität war ich tatsächlich schon stark beeinflußt, ohne daß ich damit sagen will, daß ich Marxist-Leninist war, nein, ganz und gar nicht. Wahrscheinlich hatte ich eine gehörige Portion kleinbürgerlicher Vorurteile und eine ganze Reihe von Vorstellungen, die ich heute glücklicherweise nicht mehr habe. Vielleicht wäre ich sogar ohne diese Vorurteile gar nicht imstande gewesen, das zur Revolution beizusteuern, was geschehen ist...
Eines ist unbestritten — ich werde darüber später noch sprechen: Diese Ideen hatten schon stark unser revolutionäres Denken geformt, ohne daß wir sagen könnten, daß wir schon fertige Revolutionäre waren. Selbst heute können wir noch nicht ehrlich behaupten, daß wir fertige Revolutionäre sind, denn wir merken an uns selbst, daß die Liebe zur Revolution und ihren Aufgaben, daß unsere Leidenschaft für die Revolution von Tag zu Tag wächst ebenso wie unsere Einstellung zu allen Problemen. Wir könnten uns heute vielleicht für vollkommene Revolutionäre halten und nach fünf Jahren entdecken, daß wir tatsächlich noch sehr wenig wußten.
Ich denke, daß wir alle noch viel lernen müssen. Bin ich nun ein überzeugter Revolutionär? Ja, das kann ich behaupten. Des öfteren schon wurde ich gefragt, ob ich beim Angriff auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953 schon so gedacht habe wie heute, worauf ich antwortete: Ich dachte ganz ähnlich wie heute. Das ist die Wahrheit.
Wer das liest, was wir bei jener Gelegenheit äußerten, wird merken, daß viele grundlegende Dinge der Revolution schon im Programm von Moncada enthalten waren...
Unser revolutionäres Denken war also in seinen allgemeinen Zügen schon damals geformt. Trotzdem waren wir noch keine vollkommenen Revolutionäre. Als wir an die Macht kamen, waren wir weit revolutionärer als damals. Wir sind überzeugte Revolutionäre, und ich sage in aller Aufrichtigkeit, was zu sagen ist, denn ich denke, daß diese Aussprachen nicht den Charakter theoretischer Darlegungen annehmen sollen. Es gibt etwas, das mehr hilft, das politische Denken des Volkes zu entwickeln, nämlich mit aller Offenheit, Klarheit und Aufrichtigkeit zu sprechen.
Ich halte mich heute für revolutionärer, als ich es am 1. Januar (1959) war, aber ich dachte am 1. Januar schon so wie heute.
Habe ich aber schon gründlich die ganze politische Philosophie der Revolution, die ganze Geschichte studiert? Nein, das habe ich noch nicht. Ein überzeugter Revolutionär bin ich, das ist klar, und ich habe auch die Absicht - die wir alle haben sollten - zu lernen. Als ich neulich einige Bücher über das Kapital heraussuchte, entdeckte ich, daß ich in meiner Studienzeit "Das Kapital" bis zu der Seite 370 gelesen hatte; soweit war ich gekommen. Ich habe mir vorgenommen, "Das Kapital" von Karl Marx weiter zu studieren, sobald ich Zeit haben werde.
In meiner Studienzeit hatte ich das "Kommunistische Manifest" und die ausgewählten Werke von Marx, Engels und Lenin gelesen, und es ist sehr interessant, diese Bücher heute wieder zu lesen. Also schön: Glaube ich an den Marxismus? Unbedingt glaube ich an den Marxismus! Glaubte ich am 1. Januar daran? Ja, ich glaubte daran! Glaubte ich am 26. Juli daran? Ja, auch da! Verstand ich ihn damals so, wie ich ihn heute, nach zehnjährigem Kampf, verstehe? Nein, ich verstand ihn nicht so wie heute. Es ist sogar ein großer Unterschied, wie ich ihn damals verstand und wie ich ihn heute begreife. Hatte ich Vorurteile? Ja, am 26. Juli hatte ich Vorurteile. Konnte ich mich am 26. Juli einen vollkommenen Revolutionär nennen? Nein, das konnte ich nicht. War ich am 1. Januar ein vollkommener Revolutionär? Nein, ich konnte mich als fast vollkommenen Revolutionär bezeichnen. Bin ich heute ein vollkommener Revolutionär? Das würde bedeuten, daß ich zufrieden wäre mit dem, was ich weiß, und ich bin natürlich nicht zufrieden. Hege ich irgendwelche Zweifel in bezug auf den Marxismus, und meine ich vielleicht, daß irgendwelche Auslegungen irrig sein könnten und revidiert werden sollten? Nein, ich habe nicht den geringsten Zweifel.
Genau das Gegenteil ist der Fall. Je mehr Erfahrungen wir im Leben sammeln, je mehr wir kennenlernen, was Imperialismus ist - nicht nur den Worten nach, sondern am Fleisch und Blut unseres Volkes -, je mehr wir diesem Imperialismus die Stirn bieten müssen, je mehr wir die imperialistische Politik erkennen, in Südvietnam, in Kongo, in Algerien, in Korea, überall in der Welt, je mehr wir die blutigen Klauen des Imperialismus sehen, die erbärmliche Ausbeutung, die Willkür und die Verbrechen gegen die Menschheit, desto mehr werden wir schon rein gefühlsmäßig zu Marxisten, und desto mehr erkennen und entdecken wir dann auch alle Wahrheiten, die in der Lehre des Marxismus enthalten sind. Je mehr wir in der revolutionären Wirklichkeit, im Klassenkampf stehen und sehen, was die Realität des Klassenkampfes in einer Revolution bedeutet, desto mehr überzeugen wir uns von der durch Marx und Engels niedergeschriebenen Wahrheit und von der wahrhaft genialen Auslegung des wissenschaftlichen Sozialismus durch Lenin.
Je mehr wir mit den Erfahrungen von heute in diesen Büchern lesen, desto mehr überzeugen wir uns von ihrer genialen Voraussicht, von ihrem Scharfsinn.
Es gibt aber noch etwas, das besser als all unsere Worte erläutern kann warum der Marxismus in der Geschichte bahnbrechend war. Man braucht nur die Biographie von Marx zu lesen, ein Buch, das jeder lesen sollte, sobald es der Verlag der Nationaldruckerei herausgebracht hat, die Karl-Marx-Biographie von Mehring...
Das Werk von Marx ist wissenschaftlich, durch und durch wissenschaftlich. Er beschrieb die Dinge nicht so, wie er sie sich wünschte, sondern so, wie er sie sah und wie sie sich als Folge der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ergeben mußten. Er studierte die Geschichte und die Ökonomie und zog daraus seine Schlußfolgerungen. Tatsache ist, daß sich das Werk von Marx selbst den Weg bahnte. Das Werk selbst, die in ihm enthaltenen Wahrheiten, waren so überlegen und so unerschütterlich, sie hatten gegenüber den Arbeiten aller anderen sozialistischen Autoren eine so feste Grundlage, daß sie den Arbeitern verständlich sein mußten. Denn Marx schrieb für die Arbeiter und wußte, daß sie sein Werk eines Tages verstehen mußten. Er glaubte unbedingt daran, daß dieses revolutionäre Werk, diese wissenschaftliche Interpretation der Wahrheit, eines Tages zum vorherrschenden Gedankengut der Arbeiter überall in der Welt werden mußte...
Man muß über das Leben von Marx lesen, um gewahr zu werden, wie infam er verleumdet wurde. Natürlich, von dem Augenblick an, da Marx eine große Wahrheit entdeckt hatte und diese Wahrheit die Ereignisse zu beeinflussen begann, begannen auch alle Schreiberlinge der Reaktion und der Ausbeuter mit der Hetze gegen ihn. Trotz alledem brach sich der wissenschaftliche Sozialismus, der Marxismus, Bahn und wurde zur revolutionären Theorie der Arbeiterbewegung.
Es gab schon eine Arbeiterbewegung, und sie war auch schon revolutionär; das sah und verstand Marx ganz klar. Und die ersten, die Marxisten wurden, die sich seine Theorie aneigneten, waren die Arbeiter, die Arbeiterbewegung in ganz Europa. Die fortgeschrittensten, die intelligentesten Gruppen machten sich den Marxismus zu eigen, bis er allmählich zur Theorie der Arbeiterklasse überhaupt wurde.
Es genügte aber nicht, daß die europäische Arbeiterbewegung eine Theorie hatte. Diese Theorie mußte interpretiert werden, und nun folgte eine Reihe von Etappen, in denen versucht wurde, die Gedanken von Marx durch die bürgerliche Ideologie und durch den Einfluß nichtrevolutionären Denkens zu entstellen. Was ist das große Verdienst Lenins? Es besteht einfach darin, daß er die Gedanken von Marx aufgriff und gegen alle Verfälschungen, gegen Revisionismus und Abweichungen verteidigte. Mit der Theorie ausgerüstet bildete er eine Partei und kämpfte in ihr gegen alle kleinbürgerlichen, nichtrevolutionären Strömungen. Er überwand diese Strömungen und eroberte, auf die revolutionäre Theorie gestützt, die revolutionäre Macht. Lenin erwarb sich das außerordentliche Verdienst, die Lehre von Marx richtig interpretiert, sie in die Praxis gesetzt und unter den neuen Bedingungen einer revolutionären Partei, die die Macht besitzt, weiterentwickelt zu haben. Das ist das große historische Verdienst Lenins als Theoretiker und revolutionärer Führer.
Der Marxismus entwickelte sich weiter. Heute muß man die Berichte von Chruschtschow an den XXI. Parteitag studieren, die eine ganze politische Abhandlung darstellen und sich mit einer völlig neuen Aufgabe beschäftigen, dem Aufbau des Kommunismus ...
Der Sozialismus ist für die Menschheit nicht mehr neu. Der Sozialismus ist eine Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit zeigt sich in Zahlen, in den Statistiken der Sowjetunion, in vergleichenden Zahlen zwischen dem Rußland von 1913 und der Sowjetunion von heute. Sie zeigt sich in der Entwicklung und dem Wachstum der Produktion, in dem radikalen Umschwung auf allen Gebieten im Leben des sowjetischen Volkes und in den Grundlagen, über die die Sowjetunion heute für ihre Weiterentwicklung verfügt. Man könnte sagen, die ersten Fünfjahrespläne der Sowjetunion waren Versuche, die Menschen begannen erst, die Wirtschaftsplanung zu erlernen und Erfahrungen zu sammeln. An der Verwirklichung seines heutigen Programms, mit seiner Perspektive für zwanzig Jahre, arbeitet das Sowjetvolk schon mit großer Erfahrung und Sicherheit. Niemand kann daran zweifeln, daß der vorgezeichnete Plan auch eingehalten wird, denn hinter ihm stehen Menschen, die auf eine vierzigjährige Erfahrung in der Leitung der Wirtschaft, in der Planwirtschaft und beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft zurückblicken können. Und die Zahlen beweisen eindeutig den Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus und den Imperialismus.
Das heißt, Sozialist sein, eine sozialistische Gesellschaftsordnung aufbauen, ist heute viel leichter als zu der Zeit, da noch kein sozialistischer Staat in der Welt existierte und es noch keinerlei Erfahrung im Leben und in der Wirklichkeit gab, aus der man lernen und damit die Richtigkeit der Theorie beweisen konnte.
Der Weg des Sozialismus ist nun schon bekannt. Das heißt nicht, daß die Umstände in allen Ländern dieselben sind, daß der Sozialismus überall in gleicher Weise aufgebaut werden muß und daß man alles genau nachahmen muß. Nein! Jedes Land hat seine Eigentümlichkeiten, und eben diesen Besonderheiten müssen das Programm, die Methoden und die Taktik eines jeden Landes angepaßt werden. Auch wir müssen das tun.
Es gibt aber eine Reihe allgemeingültiger Erfahrungen von außerordentlichem Wert — genau wie in der Medizin, in der Astronomie oder in der Physik —, deren Richtigkeit schon durch die Geschichte bestätigt wurde. Wir haben den Vorteil, all diese Erfahrungen beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft nutzen zu können.
Das sagt sich nun ziemlich leichthin. Trotzdem ergaben sich einige Schwierigkeiten, denn von der Theorie zur Wirklichkeit ist ein weiter Weg. Man kann leicht sagen, in der Sowjetunion wurde die sozialistische Gesellschaftsordnung errichtet. Aber wie groß waren die Opfer, die für den Aufbau dieser sozialistischen Gesellschaft gebracht werden mußten. Auch viele Fehler wurden in der ersten Zeit begangen. Lenin selbst legte größten Wert darauf, einige der grundlegenden Fehler zu erklären...
Und heute? Niemand wird sich erkühnen, den außergewöhnlichen technischen, kulturellen und wissenschaftlichen Fortschritt der Sowjetunion zu bestreiten. Es wäre absurd und verblendet, nicht sehen zu wollen, daß die Sowjetunion auf wissenschaftlichem Gebiet alle kapitalistischen Länder überholt hat. Auf kulturellem Gebiet genügt der Hinweis, daß zum Beispiel dreimal mehr Ingenieure in der Sowjetunion studieren als in den Vereinigten Staaten. Im Wohnungsbau steht die Sowjetunion heute an erster Stelle in der Welt. Die Sowjetunion hat auch die geringste Kindersterblichkeit, und die durchschnittliche Lebensdauer ist ständig im Wachsen begriffen.
Eines ist also völlig klar: Die historische Wirklichkeit hat voll und ganz die Richtigkeit der marxistisch-leninistischen Lehre bewiesen und bestätigt. Der Sozialismus treibt die Entwicklung der Gesellschaft unvergleichlich schneller voran als der Kapitalismus. Die Vereinigten Staaten haben einen Wachstumsrhythmus von 2,3 bis 2,5 Prozent im Jahr, die Sowjetunion dagegen von 10 bis 11 Prozent, soviel ich weiß. Demzufolge wird die Sowjetunion im Verlauf von nur zwanzig Jahren die Gesamtproduktion, also die Pro-Kopf-Produktion der Vereinigten Staaten bei weitem eingeholt und überholt haben.
Können die Vereinigten Staaten dieser Konkurrenz ausweichen? Können sie mit den sozialistischen Ländern konkurrieren? Auf keinen Fall! Es sei denn, sie würden dem Kapitalismus entsagen, verzichten auf das Privateigentum an Produktionsmitteln, an Zirkulationsmitteln des Finanzkapitals, an Grundbesitz und Transportmitteln. Es sei denn, sie würden eine sozialistische Regierungsform annehmen ...
Heute ist es für unser Volk relativ einfach, diese Dinge zu verstehen. Und außerdem erleben wir das kapitalistische System heute in seiner höchsten Etappe, im Imperialismus - das heißt Kolonialherrschaft, Ausbeutung aller Völker, Hunger und Elend. Wo gibt es heute Kolonialkriege? In den Kolonien Portugals und Frankreichs. Wo herrschen Diskriminierung, Verfolgung, Hunger, Elend, Unbildung usw.? In den Kolonien, in den durch den Imperialismus ausgebeuteten Ländern...
Jeder, der sich unvoreingenommen in der Welt umsieht, wird entdecken, daß gerade die Kapitalisten und Imperialisten die Welt im schlimmsten Elend, im größten Rückstand halten, daß sie einfach das Unglück der Menschheit sind.
Aber wir brauchen uns dazu nicht einmal in der Welt umzuschauen; es genügt, wenn wir wissen, was hier geschah, und das ist in wenigen Worten gesagt. Ich habe mich bei diesen Betrachtungen etwas länger aufgehalten, aber nur, um zu folgender Schlußfolgerung zu gelangen: Als die Revolution zur Macht kam, gab es zwei Möglichkeiten, entweder die bestehende Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten, oder vorwärtszuschreiten; entweder im Bereich der verbrecherischen Politik des Imperialismus in Amerika, Asien und Afrika zu verbleiben, im Bereich der Politik Francos, Adenauers, Tschiang Kai-scheks, aller Militärdiktaturen und auch der französischen Kolonialherrschaft in Algerien, oder eine Politik zu betreiben, die unser Land auf den Platz stellt, auf den es gehört, nämlich an die Seite der ausgebeuteten und unterdrückten Völker...
Mit anderen Worten, die Revolution hatte nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten — Verrat oder Revolution. Wie sollte sie sich entscheiden, im Gedenken an die Männer, die für unsere Revolution starben, im Gedenken an unsere im Kampf gefallenen Genossen und an all die Revolutionäre, die in der Vergangenheit fielen, die noch nicht an die Revolution von heute dachten, sondern an Martí?...
An sie alle, die kämpften und fielen, müssen wir denken. Wofür kämpften sie? Vielleicht damit die Elektrizitätsgesellschaft weiterhin eine Gesellschaft der Yankees bleiben sollte? Oder damit 18.000 Caballerias der Atlántica del Golfo weiterhin ausländischer Besitz blieben? Damit unsere Bauern weiterhin ohne Land, in Hunger und Elend dahinvegetierten? Damit die Banken auch in Zukunft ausländisches Eigentum blieben? Damit aus unserem Land jährlich aufs neue Hunderte Millionen Dollar herausgesaugt würden? Damit wir weiterhin eine Million Analphabeten in unserem Land hätten? Damit die Bauern nach wie vor keine Schulen und keine Krankenhäuser, keine anständigen Wohnungen hätten? Damit unser Volk weiter so leben sollte, fünfzig Jahre nachdem es angeblich seine Unabhängigkeit errungen hatte?
Ich sage das hier natürlich nicht zu den Revolutionären, denn wahrscheinlich ist es schon nicht mehr nötig, mit ihnen darüber zu sprechen. Sprechen muß man zu den Gefühllosen, zu den Gleichgültigen und Unklaren, zu jenen, die nicht verstehen, warum dieses und weshalb jenes.
Deshalb frage ich noch einmal, haben all die Menschen dafür ihr Leben gelassen, daß die Großgrundbesitzer Herr über Tausende Caballerias Land bleiben sollten? Nein, jedermann wird das verstehen. Jeder wird verstehen, daß die Führer der Revolution Verräter gewesen wären, wenn sie dafür eine Revolution durchgeführt, so viele junge Menschen zum Kampf gerufen und so viel Leben geopfert hätten. Für so wenig Ruhm lohnte es sich nicht, daß auch nur ein einziger Kubaner sein Leben opferte; dafür lohnte es sich nicht, eine Waffe zu erheben. Wenn unser Volk zu den Waffen griff, kämpfte und das erduldete, was es zu erdulden hatte, dann mußte es schon für sehr viel mehr als das sein.
Wir mußten die antiimperialistische und sozialistische Revolution durchführen. Schön. Die antiimperialistische und sozialistische Revolution konnte nur eine einzige sein, weil es eben nicht mehr als eine Revolution gibt...
Und was sollte das für ein Sozialismus sein? Der utopische Sozialismus? Nein, für uns.gab es einfach nichts anderes als den wissenschaftlichen Sozialismus, Darum habe ich euch heute mit aller Aufrichtigkeit gesagt, daß wir an den Marxismus-Leninismus glauben, daß wir ihn für die richtigste und wissenschaftlichste Theorie, für die einzige revolutionäre Theorie überhaupt halten. Ich wiederhole es hier mit der größten Befriedigung und mit der größten Zuversicht: Ich bin Marxist-Leninist und werde es bis zum Ende meiner Tage bleiben...
Hatte ich Vorurteile? Ich denke, es ist gut, darüber zu sprechen. Hatte ich Vorurteile in bezug auf die Kommunisten? Ja. Wurde ich durch die imperialistische und reaktionäre Propaganda irgendwann einmal gegen die Kommunisten beeinflußt? Ja. Was dachte ich über die Kommunisten? Hielt ich sie für Räuber? Nein, niemals. Immer hielt ich die Kommunisten - auf der Universität und überall - für anständige, ehrliche Menschen. Gut, dies ist aber kein besonderes Verdienst, denn fast jeder erkennt das an. Hielt ich sie für Sektierer? Ja. Welche Meinung hatte ich von den Kommunisten? Ich bin fest davon überzeugt, daß die Vorstellung, die ich von den Kommunisten hatte - nicht vom Marxismus, sondern von der Kommunistischen Partei -, wie bei vielen Menschen ein Produkt der Propaganda war, der Vorurteile, die man uns von Kind auf in der Schule, an der Universität, im Film und überall eingeprägt hatte. Halte ich es für möglich, daß sie sich irren können? Ja, ich halte es für möglich, daß sie sich irren können, daß sich Marx, Engels und Lenin irren konnten, und sie selbst waren die ersten, die zugaben, daß sie sich irren konnten, denn sie hielten sich nicht für unfehlbar.
Meine Meinung über die Genossen der Kommunistischen Partei? Es ist die Meinung, die sie wirklich verdienen. Wenn wir bedenken, daß sie lange Zeit unbekannt waren, zur Seite geschoben, angegriffen und ausgeschlossen, daß man sie in keinen irgendwie gearteten Ausschuß mit hineinnehmen wollte, weil man sie für eine Art "Pest" hielt, daß man sich weigerte, ihre Erklärungen in der Presse zu veröffentlichen, so müssen wir anerkennen, daß es ein großes Verdienst, ein sehr großes Verdienst war, Kommunist zu sein. Heute nicht so sehr, wir übernehmen es aber, ein Verdienst daraus zu machen: Wir sorgen dafür!
Es war ein großes Verdienst, in jener Zeit Kommunist zu sein. Ein Verdienst ist es, Kommunist gewesen zu sein unter der Verfolgung, als alle Türen verschlossen waren, alle Druckereien, alle Zeitungen, alle Möglichkeiten. Das müssen wir aussprechen.
Ja, es gehörte mehr dazu als heute, denn heute herrschen andere Voraussetzungen. Darum sagte ich auch, daß wir alle Anstrengungen machen müssen, um in des Wortes voller Bedeutung Marxisten zu sein, die, auf alles vorbereitet sind.
Ich will euch sagen, daß ich auch Vorurteile gegen die Sozialistische Volkspartei hatte, die hauptsächlich aus den Kämpfen herrührten. Das gebe ich mit aller notwendigen Ehrlichkeit zu. Ich will den Sozialisten nichts vorwerfen, und ich sage das heute, wo wir uns zusammengeschlossen haben und alle zusammen Genossen und Sozialisten sind.
Zu Beginn des revolutionären Prozesses gab es hin und wieder Reibungen, die wahrscheinlich durch verschiedene Auffassungen in einigen Dingen verursacht wurden, vor allem aber dadurch, daß wir nicht miteinander diskutierten....
Die Revolution kann heute auf die Kader aller revolutionären Organisationen rechnen. Einen äußerst wichtigen Beitrag leistete die Sozialistische Volkspartei mit ihren alten Kadern, die von der Partei im Geiste des Sozialismus erzogen wurden. Der Anteil des Revolutionären Direktoriums besteht in, jungen Kadern. Die Bewegung des 26. Juli konnte auch keine langjährigen, politisch erzogenen Kader beisteuern, wohl aber viele junge, begeisterte, zu Revolutionären berufene Menschen, die ihre ganze, im Kampf um die Eroberung der Macht erworbene Erfahrung zur Verfügung stellen konnten. Wir alle haben also auf die eine oder andere Art unseren Beitrag geleistet und vertreten die Kräfte, auf die es ankommt.
Diese Kräfte waren dazu berufen, sich in einer einzigen Organisation zu vereinigen. So entstanden die Vereinigten Revolutionären Organisationen (ORD). Das war nicht leicht, und es war auch ein langer Prozeß, aber die Organisationen vereinigten sich am Ende.
Sektiererische Erscheinungen verschwanden, wie auch die Ausschließlichkeitsansprüche immer mehr verschwinden. In dem Maße, da Menschen nicht mehr ausgeschlossen werden, weil sie Sozialisten sind, verschwinden natürlich auch das Sektierertum und ähnliche Erscheinungen ...
Wir haben ein sozialistisches Staatswesen. Wie unterscheidet es sich doch von all dem, was über den Sozialismus verbreitet wurde. Seine Grundlage ist so breit, daß all jene, die Probleme mit der Revolution hatten, wie zum Beispiel der reaktionäre Klerus, diese nicht durch das Verschulden der Sozialisten hatten. Es wurden weder Kirchen geschlossen, noch wurden religiöse Gefühle verboten und verfolgt. Ganz im Gegenteil, denn wir wissen, daß die Religion bei einem Teil der Bevölkerung eine Rolle spielt. Die revolutionäre Macht soll diese Gefühle achten, sie hat sie auch geachtet und ist ihnen in jeder Hinsicht entgegengekommen. Es waren die anderen, die dem revolutionären Regime den Krieg erklärten, indem sie das Gerücht verbreiteten, die Kinder würden der elterlichen Gewalt entzogen. Die Wirklichkeit hat aber unserem Volk gezeigt, wer die Kinder der elterlichen Gewalt entzog. Wer war es denn? Die Banditen, die Jugendliche ermorden, die konterrevolutionären Verbrecher, die einen sechzehnjährigen Jungen ermordeten, weil er die Menschen Lesen und Schreiben lehrte. Seiner Mutter entzogen sie für immer die elterliche Gewalt, die Liebe, die Wärme und die Hoffnung, ihren Sohn jemals wieder nach Hause kommen zu sehen...
Wir wissen, daß es der ausbeuterische Kapitalismus war, der die Kinder der elterlichen Gewalt entzog, der die jungen Bäuerinnen von den Feldern holte, um sie als Dienstmädchen arbeiten zu lassen und später auf den Weg der Prostitution zu führen. Es war der Kapitalismus, der den Töchtern der Arbeiter und Bauern dieses Schicksal bereitete. Der Sozialismus mußte erst kommen, um mit dem Analphabetentum Schluß zu machen und eine Million Kubaner Lesen und Schreiben zu lehren. Der Sozialismus schafft die Prostitution ab und läßt die ehemaligen Prostituierten etwas lernen. Er läßt die Hausangestellten Stenographie und Schreibmaschine lernen, schafft die Arbeitslosigkeit ab und schickt Lehrer bis in die letzten Winkel des Landes. Der Sozialismus ist es, der kämpft und das Leben einsetzt, um das Vaterland vor den Klauen des Imperialismus zu schützen, er ist es, der Krankenhäuser und Straßen baut, Arbeiter- und Jugendzirkel organisiert, Kindergärten und Krippen schafft und ein kulturelles Leben entwickelt. Das alles hat er unserem Volk gegeben...
Bei aller Macht, die der Sozialismus hat, wird er diese niemals mißbrauchen. Ruhig und bewußt kämpft er darum, alle Fehler zu überwinden, seienes radikale Erscheinungen oder Sektierertum, seien es Mißbrauch oder Ungerechtigkeit. Gerade darin besteht doch der Sozialismus, den Marx und Engels begründeten, für den Lenin und alle Revolutionäre kämpften: für ein besseres und glücklicheres Leben, für die Freiheit der Völker, damit die Herrschaft der ausbeutenden Klassen über die Arbeiter durch eine Demokratie der Arbeiter abgelöst werde. Der marxistische Ausdruck dafür lautet: Diktatur des Proletariats.
Die Diktatur des Proletariats bedeutet aber nicht Folterung, Mord oder Verbrechen. Nein! So war die Diktatur der Bourgeoisie. Sie ist tatsächlich gleichbedeutend mit Folter, Mord, Diebstahl, Ungerechtigkeit und Willkür. Unter Herrschaft des Proletariats versteht man einfach, daß die Arbeiterklasse die Macht übernimmt und damit eine neue Epoche der Geschichte einleitet, daß sie diese Macht den anderen Klassen gegenüber anwendet, die sie während der ganzen Etappe des sozialistischen Aufbaus bekämpfen muß. Der beste Beweis für den Haß der entmachteten Klasse ist der ermordete Junge. Dieser Mord ist der deutlichste Ausdruck von Haß und Sadismus. Er ist einfach der Ausdruck des Klassenkampfes der entmachteten Klasse, die danach trachtet, ihre Herrschaft wiederherzustellen. Daher dieser Haß, der, wie Marti sagte, geifernd aus dem Leibe des Menschen kommt. Wie sehr das doch auf diesen Fall paßt, denn nur der geifernde Haß aus dem Leibe der Ausbeuterklasse kann solche Verbrechen hervorbringen, wie es an diesem Jungen begangen wurde.
Die Diktatur der Arbeiterklasse bedeutet weder Folter noch Verbrechen noch Willkür, denn der Sozialismus bekämpft solche Erscheinungen und hat nichts mit ihnen gemein. Er bekämpft jedes Unrecht und berichtigt es. Er bekämpft das Verbrechen und wird niemals Folter, Niederträchtigkeit oder irgendwelche Schändlichkeiten dulden. Über eines aber sollen sich die Feinde der Arbeiterklasse klar sein, die Feinde der Bauern und Studenten, die Feinde des Sozialismus und der nationalen Unabhängigkeit, wir werden es ihnen nicht leicht machen, wir werden sie nicht auf Rosen betten. Wir werden den Feinden antworten, und sie werden die harte Hand der Revolution, die harte Hand des Proletariats und des Volkes spüren...
Ich denke, der ganze Verlauf der Ereignisse erklärt, weshalb sich die revolutionären Kräfte als Vereinigte Revolutionäre Organisationen zusammenfanden und weshalb die Revolution den Kurs auf den Sozialismus einschlug. Da wird man vielleicht Carlos Rafael die Schuld dafür geben, aber ein Marxist käme natürlich nie auf die Idee, Carlos Rafael für die sozialistische Revolution verantwortlich zu machen. Es ist klar, daß die Nichtmarxisten, die Utopisten, die Schwätzer - denn diese Leute wissen sowieso nicht mehr, was sie faseln - der Sozialistischen Volkspartei, den sozialistischen Führern die Schuld geben, aber das zeigt einfach nur ihren Mangel an politischer Erziehung und revolutionärer Schulung. Nein, wir alle haben zu dieser Einheit beigetragen. Wir sind stolz darauf und kämpfen alle miteinander um die Schaffung einer starken, festen und disziplinierten politischen Organisation, als Vorhut der Arbeiterklasse und der kubanischen Revolution.
Wie gehen wir dabei vor? So, wie es die traditionellen Parteien machen? Rufen wir jedermann dazu auf und öffnen wir Tür und Tor, damit jeder in die Partei eintreten kann? Nein. Wie machten es bürgerliche Parteien, die an der Macht waren? Sie öffneten die Tore sperrangelweit, riefen jedermann auf, und unversehens hatte irgendeine Partei, die an die Macht gekommen war, sofort eine Million Mitglieder.
Als wir noch unerfahren waren und nichts von Politik verstanden, lasen wir in den Zeitungen: Die Kommunistische Partei der Sowjetunion hat nicht mehr als fünf Millionen Mitglieder, bei einer Bevölkerung von zweihundert Millionen. Damit wollte der Kapitalismus und Imperialismus beweisen, daß die Partei nur eine winzige Minderheit sei. Natürlich wollten sie, daß wir eine revolutionäre marxistische Partei durch die gleiche Brille betrachten wie eine bürgerliche Partei. Bei einer bürgerlichen Partei heißt es: je mehr, je besser. Eine solche Partei hat aber keine Ideologie, sie ist ein Sammelsurium von Einzelpersonen; ein ganzer Haufen Politikaster verteidigt die Interessen seiner Klasse, und je mehr Leute dabei sind, desto mehr Pöstchen gibt es unddesto mehr Lärm wird gemacht. Sie kümmern sich in keiner Weise darum, was die Mitglieder ihrer Partei denken. Sorgfältig suchen diese Leute zu verbergen, daß die revolutionäre marxistische Partei eine Vorhut ist, eine Partei, die im Kampf führt und nur die Besten in ihre Reihen aufnimmt. Sie verschweigen, daß die Partei in der Sowjetunion Dutzende von Millionen Mitglieder hätte haben können, wenn sie eine Werbekampagne gemacht hätte. Die führende Partei leitet und arbeitet durch die Massenorganisationen. Sie sind die Instrumente zur Leitung der revolutionären Arbeit und bilden die Grundlage der revolutionären Arbeit. Eine revolutionäre Partei ist eine ausgewählte Partei, die anleitet und hauptsächlich durch die Massenorganisationen wirksam wird, durch die Gewerkschaften, die Jugend- und Frauenorganisation, die Komitees zum Schutz der Revolution - letztere eine Erfindung der kubanischen Revolution und eine großartige Massenorganisation. Die Bauernvereinigungen, die Genossenschaften und Volksgüter haben sich inzwischen den Gewerkschaften angeschlossen. Das heißt also, durch diese Massenorganisationen leitet und lenkt die Partei.
Für die politische Organisation der kubanischen Revolution wird daher vor allem die Auslese, die Qualität maßgeblich sein. Nicht die Quantität wird in der Organisation zählen, sondern die Qualität.
Da es sich bei uns um eine Vereinigung von verschiedenen revolutionären Organisationen handelt, war es nur natürlich, daß wir in dieser ersten Etappe noch keinen übermäßig strengen Maßstab anlegen konnten, denn eine der Aufgaben des Zusammenschlusses dieser revolutionären Kräfte besteht ja gerade darin, die revolutionären Kader zu schulen. Das heißt, daß in dieser ersten Etappe der Vereinigung keine so hohen Anforderungen gestellt werden können, wie es in der Zukunft der Fall sein wird, denn es gilt ja, die Genossen und Kader der bisherigen Organisationen zusammenzuschließen, die sich meist noch im Prozeß der Schulung, der Verbesserung ihrer Arbeit und der Vorbereitung auf die neuen Aufgaben befinden.
Die Organisation wird in bezug auf die Mitgliederzahl verhältnismäßig begrenzt sein. Das bedeutet nicht, daß sie klein sein wird, aber sie wird auch nicht zu groß sein, denn wir werden an die Mitglieder der politischen Organisation der Revolution hohe Ansprüche stellen. Diese Ansprüche werden immer mehr steigen, und noch höhere Anforderungen werden dann an ein Mitglied der Einheitspartei der Sozialistischen Revolution gestellt werden. Das bedeutet strenge Auswahl; aber es ist besser, die Auswahl vor dem Eintritt vorzunehmen, als späterhin wieder auszuschließen, darüber besteht kein Zweifel.
Wir kennen außerdem die Begeisterung und den revolutionären Geist des Volkes und wissen, daß die zu bildende Partei die besten Voraussetzungen hat, die Besten und Positivsten für die Partei zu gewinnen. Darauf kommt es an, daß den Besten des Volkes, den Besten aus den Massenorganisationen die Ehre zuteil wird, Mitglied der Einheitspartei der Sozialistischen Revolution zu werden...
Wir müssen uns bemühen, unsere Einheit so breit und tief wie möglich zu gestalten, auf der Grundlage der einen Sache, die für uns alle gilt. In der ersten Zeit sagte mancher: Ich war in der Sierra. Und er machte alle Menschen verrückt mit seinem: Ich war in der Sierra. Nebenbei gesagt gab es darunter viele, die nie in der Sierra waren. Jetzt gibt es außerdem Leute, die sagen: Ich bin schon seit fünfzehn Jahren Kommunist. Und dabei haben sie nie im Leben etwas von einem Kommunisten an sich gehabt. Sowohl dieses "Ich war in der Sierra" als auch das "Ich bin schon seit fünfzehn Jahren Kommunist" müssen wir ganz entschieden aus unserem Wortschatz streichen, denn es paßt nicht zu einem wirklichen Revolutionär.
Welche Verdienste es auch sein mögen, Genossen, die ein jeder hat, es gibt ein noch größeres Verdienst, und zwar das, was noch vor uns liegt. Wäre es gerecht, einem Milizionär zu sagen: Du bist ein Emporkömmling? Wie war doch das Gerücht, die Parole, die von der Reaktion verbreitet wurde? Den Milizionär gegen den Soldaten der Rebellenarmee auszuspielen, Mißtrauen unter ihnen zu säen...
Und was ist mit Playa Girón? War das etwa kein historischer Kampf, der ruhmreich in die Geschichte eingehen wird als der große Sieg des revolutionären kubanischen Volkes über den Imperialismus? Wer fiel und starb dort? Haben wir nicht voll Ehrfurcht das Haupt zu entblößen vor den Helden, die dort fielen, auch wenn sie nicht in der Sierra waren, auch wenn sie nicht schon fünfzehn Jahre lang Kommunisten waren oder eine Bombe gelegt hatten? Welches ist nun das größere Verdienst? ....
Wer weiß, welche Schlachten wir noch zu bestehen haben werden, welche Kämpfe noch vor uns stehen? Warum wollen wir glauben, daß das Verdienst in dem besteht, was wir früher getan haben? Warum nicht daran denken, daß das Verdienst in dem liegt, was wir von jetzt an gemeinsam tun? Hätten wir es doch von Anfang an gemeinsam tun können! Hätten wir doch schon vom 1. Januar an gemeinsam gehen können! Hätten wir doch schon immer gemeinsam handeln können, wie die Bolschewiki, die im Jahre 1917 die Revolution zum Siege führten!
Begeistern wir uns ehrlich für die vor uns stehenden Aufgaben, so ehrlich und offen, wie wir heute hier gesprochen haben, denn ein Revolutionär muß in erster Linie offen und ehrlich sein. Dies gilt auch für die Geschichte, die wir alle gemeinsam schreiben werden, heute die Vereinigten Revolutionären Organisationen und morgen die Einheitspartei der Sozialistischen Revolution Kubas. An dieser Geschichte und an den vor uns stehenden Aufgaben müssen wir uns begeistern.
Wer kann in die Einheitspartei der Sozialistischen Revolution aufgenommen werden? Jeder rechtschaffene Kubaner, jeder revolutionäre Kubaner. Wird es Privilegien oder Vetternwirtschaft geben? Nein, keinesfalls. Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes gibt es eine revolutionäre Macht, bei der weder freundschaftliche Beziehungen noch Protektion oder Vetternwirtschaft entscheidend sind, sondern das Verdienst. Welch schöne Zukunft hat unser Land heute, welche Perspektive!
Was wird die revolutionäre Einheitspartei vor allem sein? Sie wird eine Schule für Revolutionäre sein. In der Partei lernt man, Revolutionär zu sein. Deshalb wurde auf die Schulung so besonderer Nachdruck gelegt. Die Partei hat sich offiziell noch nicht als solche konstituiert, noch hat der Gründungsparteitag nicht stattgefunden, aber er wird stattfinden. Wann? Es eilt nicht, er wird schon stattfinden. Wichtig ist aber, daß der Zusammenschluß an der Basis schon weit fortgeschritten ist und daß diese revolutionäre Organisation der Vorhut de facto schon existiert. Hunderte von Parteischulen arbeiten bereits, und über zehntausend Bürger stehen in den Lehrgängen für revolutionären Unterricht, schulen sich oder bilden sich weiter...
Wir haben den Massen etwas zu geben. Viele materiellen Dinge mögen uns fehlen, aber wir haben etwas anderes im Überfluß, nämlich eine wissenschaftliche revolutionäre Lehre, die alle angeht. Wir können die Massen politisch erziehen, sie lehren und ihnen die revolutionäre Theorie vermitteln. Dafür haben wir die Schulen, dafür haben wir die Druckereien, um das Volk zu lehren...
Unser Programm? Es wird ein marxistisch-leninistisches Programm sein, gemäß den konkreten objektiven Bedingungen unseres Landes. Das heißt, wir wenden in unserem Programm die grundlegenden Prinzipien des Marxismus-Leninismus auf unsere Situation an. Dies ist und soll kein Geheimnis sein. Und unser Volk ist damit einverstanden: die Arbeiterklasse, die Bauernschaft, die anständigen Intellektuellen, die Jugend, alle anständigen Bürger unseres Landes...
Nun ist wohl auch noch etwas über die kollektive Leitung zu sagen. Während eines ganzen Zeitabschnitts war die revolutionäre Leitung durch nur eine Person vertreten. Das heißt nicht, daß hier ein Führerprinzip oder Willkür herrschte, nichts von alledem. Längere Zeit hindurch aber wurden Beschlüsse praktisch nur kraft des in den Ministerpräsidenten der Revolutionären Regierung gesetzten Vertrauens gefaßt. So kamen die wichtigsten Beschlüsse zustande.
Ich sagte schon und wiederhole es nachdrücklich, daß ich das für falsch halte. Ich habe mir deshalb keine Vorwürfe zu machen, denn es war einfach die Folge des revolutionären Prozesses. Schön. Wie denken wir aber darüber? Wir denken, daß es ganz einfach ein Fehler war. Es gab sogar eine Zeitlang Sorgen über die Frage, was geschehen könnte, wenn man einen Führer des Lebens beraubte, wenn die Revolution ihre Führung verlöre? Warum das alles? Wir mußten so schnell wie möglich aus dieser Situation herauskommen. Vor allem mußte die Leitung einer revolutionären Partei gebildet werden.
Ein solches Instrument ist die beste und einzig gültige Garantie für die Weiterführung der Macht und der revolutionären Linie. Ich glaube aufrichtig, daß von allen politischen Systemen, die der Mensch im Lauf der Geschichte, im Lauf seiner Pilgerfahrt durch die Geschichte ersonnen hat, das System der Staatsmacht unter Führung einer revolutionären demokratischen Partei mit kollektiver Leitung das beste ist...
Nach dem Tod unseres Genossen Camilo Cienfuegos entstand der Ausspruch: Im Volk gibt es viele Camilos. Keiner zweifelt daran. Camilo wäre nicht Camilo geworden ohne die Revolution, ohne die Gelegenheit zu kämpfen. Gebt einem Jungen die Gelegenheit zu kämpfen, und ihr werdet sehen, daß er ein Camilo ist, der Schlachten gewinnt und Heldentaten vollbringt!
Wie Camilo gibt es viele im Volk - sagten wir damals, und was für einen Heerführer gilt, das gilt auch für alle anderen verantwortlichen Menschen. Im Volk gibt es Tausende, Zehntausende, Hunderttausende wertvoller, fähiger Menschen. Gebt ihnen Gelegenheit, sich zu bilden, zu lernen, zu leiten und zu arbeiten! Gebt ihnen die Gelegenheit, und ihr werdet sehen, wie aus dem Volk nicht nur großartige Sportler, Heerführer und Studenten hervorgehen werden, sondern ebensogut hervorragende politische Führer und Kader, hervorragende Schriftsteller und Minister! Gewöhnen wir uns daran, im Einklang mit unserer Zeit und unserer Revolution im Volk die große Kraft, die hervorragenden Eigenschaften, die große Weisheit und die großen Verdienste zu sehen, zu wissen, daß dieses Volk über große Reserven verfügt, daß dieses Volk nicht scheitern kann! Ein Mensch kann scheitern, denn er ist eine Einzelperson. Ein Volk kann nicht scheitern, denn es sind Tausende, es sind Hunderttausende Gehirne, Hunderttausende potentielle Führer.
Welche Rolle muß die Partei dieses revolutionären Volkes spielen? Diese Partei muß die große Triebkraft der Verdienste, der revolutionären Berufung und der revolutionären Weisheit sein. Diese Partei muß immer über den Einzelpersonen stehen, denn sie umfaßt den Wert nicht nur eines Gehirns, sondern Hunderttausender Gehirne, den Wert nicht nur eines Heldentums, sondern das Heldentum aller, den Wert nicht nur eines aufopferungsvollen Geistes, sondern die Opferbereitschaft Hunderttausender Bürger, ihren Kampfgeist und ihre Liebe zur Revolution.
Das soll die Einheitspartei der Sozialistischen Revolution Kubas sein.
Fidel Castro Ruz
Havanna 1. Dezember 1961
Noticias de Hoy, 2. Dezember 1961
Quelle: Fanal Kuba, Dietz Verlag Berlin 1963
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Karl Dietz Verlages Berlin