Drei Jahre Revolution

In der Geschichte Kubas sind viele Male drei Jahre vergangen. Wenn wir von der kolonialen Vergangenheit an zählen, dann waren es nicht drei Jahre, sondern drei Jahrhunderte, die unter dem endlosen und brutalen System der Sklaverei und der kolonialen Ausbeutung vergingen.

Die einheimische Bevölkerung wurde durch die Zwangsarbeit und die harte Fron, an die sie sich nicht gewöhnen konnte, regelrecht ausgerottet. Dann holte man sich Hunderttausende von Menschen, riß sie aus ihren Sitten, Religionen, Traditionen und Heimstätten, aus der sozialen und natürlichen Umgebung, in der sie, wenn schon nicht "zivilisiert", nach den Begriffen der Konquistadoren, so doch frei lebten, und verpflanzte sie auf die unmenschlichste Weise auf ‚unsere Insel, wo sie jahrhundertelang arbeiteten, um Müßiggang, Luxus und Verderbtheit der Herren zu nähren.

Dreißig Jahre heroischer Kämpfe ausgangs des vorigen Jahrhunderts gipfelten in der Ablösung einer Kolonialmacht durch eine andere. Das Ende der letzten spanischen Kolonie auf diesem Kontinent fiel zusammen mit einer neuen Erscheinung in der Welt, mit dem Auftauchen eines neuen Systems der Ausbeutung und Unterdrückung schwächerer und wirtschaftlich zurückgebliebener Nationen durch die herrschenden Klassen der industriell entwickelten Länder, die auf der Suche nach neuen und höheren Profiten verzweifelt danach trachteten, die Überschüsse ihres akkumulierten Kapitals unterzubringen.

Man kann nicht gerade sagen, daß die Kapitalisten das entstehende neue System der Unterdrückung erfunden hätten; es ergab sich aus der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft selbst, nachdem diese ihre Produktivkräfte unermeßlich gesteigert und große Kapitalüberschüsse hervorgebracht hatte, so daß die nationalen Grenzen nun zu einem Hindernis für ihre weitere Expansion wurden. Die Klasse, die in ihren Händen die wirtschaftliche und politische Macht der am stärksten industrialisierten Länder konzentriert hatte, brauchte freie Bahn, einmal um die Naturreichtümer anderer Länder auszubeuten - Eisen, Erdöl, Kupfer, Zinn, Zink, Aluminium, Nickel, Kautschuk, fruchtbare Ländereien - und zum anderen für die Ausbeutung des Menschenpotentials - der Bewohner Asiens, Afrikas, Amerikas und Ozeaniens, wo die Arbeitskraft der riesigen Massen von hungernden Armen zu einem unvergleichlich niedrigen Preis zu haben war und den Finanzkapitalisten höhere Profite sicherte. Um sich ein Eindringen in Kuba zu erleichtern, schaltete sich der nordamerikanische Imperialismus in die Schlußphase unseres Befreiungskrieges ein, als die Kräfte des abgewirtschafteten und erschöpften Spaniens bereits nicht mehr in der Lage waren, der kubanischen Erhebung noch lange zu widerstehen.

Skrupellos log er die Welt an und erklärte, daß Kuba faktisch und rechtlich frei und unabhängig sei und sein müsse. Mit der Scheinheiligkeit und Heuchelei, die ihn zu allen Zeiten kennzeichneten, ließ er sich die Gelegenheit nicht entgehen, die ihm der heroische Kampf Kubas und die Sympathie, die unsere Sache in der ganzen Welt gewonnen hatte, boten. Die nordamerikanischen Imperialisten erklärten, sie handelten aus reinster "Nächstenliebe" und "Menschlichkeit", "entsetzt" über das Blutvergießen in Kuba. Als der Krieg zu Ende war, bemächtigten sie sich Puerto Ricos und der Philippinen. Kuba aber gestanden sie weder faktisch noch rechtlich seine Unabhängigkeit zu, sondern "faktisch" besetzten sie es militärisch, und "rechtlich" erklärte der Senat der Vereinigten Staaten in verräterischer Weise, als die kubanische Befreiungsarmee längst abgerüstet hatte, daß sich die Vereinigten Staaten das Recht vorbehielten, in unserem Lande zu intervenieren, wann immer es die Sicherheit und das Eigentum der in Kuba lebenden nordamerikanischen Bürger erforderten. Die Souveränität und Unabhängigkeit unseres Landes, das Ströme von Blut für seine Freiheit vergossen hatte, wurde den Investitionen der nordamerikanischen Bürger unterworfen. Diese Investitionen waren selbstverständlich die Kapitalanlage jener Minderheit von Bankiers und Monopolisten, die in den Vereinigten Staaten regierten. Die Gefühle der "Menschlichkeit und Nächstenliebe" wurden mehr als offensichtlich. Aus diesem gleichen Gefühl der Nächstenliebe heraus bemächtigten sie sich später der Landenge von Panama und intervenierten mit ihrer Marineinfanterie in Kuba, Santo Domingo, Haiti, Mexiko und Nicaragua. Der aus ihrer reinsten Nächstenliebe herrührende Wunsch, das Eigentum nordamerikanischer Bürger zu schützen, wurde zum Gesetz, zu einer den Völkern Amerikas aufgezwungenen internationalen Norm.

Aus Nächstenliebe proklamierten sie die sogenannte Monroe-Doktrin und ereifern sich gegen revolutionäre Ideen, die sie als uns fremd und von Mächten außerhalb unseres Kontinents geschürt bezeichnen; ebenfalls aus Nächstenliebe unterhalten sie Tausende Meilen von diesem Kontinent entfernt eine mächtige Flotte zwischen dem chinesischen Festland und dem chinesischen Territorium Taiwan; aus Nächstenliebe zettelten sie den blutigen und grausamen Krieg in Nordkorea an; aus Nächstenliebe intervenieren sie in Südvietnam und Laos; aus Nächstenliebe unterstützen sie den Faschismus in Spanien und sorgen für die Wiederbewaffnung des Faschismus in Deutschland; aus Nächstenliebe helfen sie den Franzosen im Krieg gegen Algerien; aus Nächstenliebe überfielen sie uns in Playa Girón; aus Nächstenliebe haben sie in dem Augenblick, da dieser Artikel geschrieben wird, eine Flotte vor Santo Domingo stehen; aus reinster Nächstenliebe organisieren sie neue Söldnerheere gegen Kuba und berufen eine Außenministerkonferenz ein.

Es ist die gleiche Nächstenliebe wie die, von der sie sich 1898 leiten ließen, nur daß es damals aus Gründen der "Menschlichkeit" war und heute "zur Verteidigung der freien Welt" und der allheiligen "repräsentativen Demokratie".

Sechzig Jahre litten wir unter dem, was sie "Geist der Menschlichkeit", "freie Welt", "repräsentative Demokratie" und amerikanische "Nächstenliebe" nennen. Sechshunderttausend Kubaner ohne Arbeit; eine Million erwachsene Analphabeten;; völliges Fehlen einer Grundstoffindustrie; fast keine Krankenhäuser, keine technischen Schulen und Forschungszentren, Fehlen selbst der primitivsten hygienischen Einrichtungen; Diskriminierung und Privilegien; Ausbeutung und Hunger im kubanischen Volk; ungezählte Verbrechen, Greuel und Gewalttätigkeiten; Laster, Diebstahl und Korruption – das alles kennzeichnet besser als jedes andere Argument diesen "Geist der Menschlichkeit".

Ganz plötzlich, als die Imperialisten es vielleicht am wenigsten erwarteten, ging ihre Herrschaft über unser Land mit all den in ihr überlebenden Resten kolonialer Rückständigkeit, die aus Jahrhunderten der Sklaverei und Ausbeutung stammten, in die Brüche.

Eine Bilanz unserer Vergangenheit macht verständlich, daß jede Revolution ein wahrer Sprung in der Geschichte ist. Für uns bedeuten die drei Jahre Revolution die einzigen Jahre, in denen wir Kubaner wirklich die Herren über unser Schicksal wurden, zum erstenmal, seit der erste spanische Eroberer seinen Fuß auf unseren Boden setzte. Kuba hat aufgehört, Scheinbild einer souveränen Nation zu sein; an Stelle der Fiktion steht heute eine lichtvolle Realität. Unsere Flagge gewann vor den Augen der Welt das Ansehen und die Achtung, mit der die anderen Völker das Emblem jeder wirklich freien Nation betrachten. Vorher waren wir für die anderen Völker so etwas wie ein Florida vorgelagertes nordamerikanisches Anhängsel. Man betrachtete uns politisch so, wie wir wirklich waren. Die Fiktion eines souveränen Staates konnte höchstens Dummköpfe im Land und außer Landes täuschen. So, wie wir zum Beispiel heute klar sehen, daß die mittelamerikanischen Staaten Nicaragua, Honduras, EI Salvador, Guatemala, Costa Rica und Panama nichts als Scheinbilder souveräner Staaten sind, die nicht einmal das Recht haben, eigene Beziehungen zu anderen Staaten zu unterhalten, Staaten, in denen die Botschafter der USA den Staatspräsidenten Befehle erteilen - genauso sah auch uns die Welt.

Weil wir uns von der Herrschaft des Yankee-Imperialismus befreit haben, werden er und alle seine Lakaien nicht müde, immer wieder zu erklären, wir hätten uns zu Satelliten und Instrumenten der Sowjetunion und Chinas gemacht. Die Imperialisten können sich überhaupt keine andere Art von internationalen Beziehungen, von Beziehungen zwischen Nationen und Staaten, vorstellen, als das Verhältnis der Unterordnung und Ausbeutung, das sie den von ihnen beherrschten kleinen und schwachentwickelten Ländern aufgezwungen haben.

Die Yankee-Imperialisten können sich nur die Art Beziehungen vorstellen, die aus ihrer eigenen, auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruhenden Produktionsweise hervorgeht. Die Herrschaft der imperialistischen Bourgeoisie über die Arbeiterklasse in ihren eigenen Ländern und über die hungernden Massen in den wirtschaftlich rückständigen Ländern beruht auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Auf. Dieser Grundlage bauten sich alle Herrschaftsformen vom Altertum bis zum heutigen Tage auf; auf dieser Grundlage wurden alle Aggressions- und Eroberungskriege geführt; auf dieser Grundlage beruhten alle Ordnungen, die Sklaverei, der Feudalismus und der Kapitalismus, und die Herrschaft von Nationen über andere; auf dieser Grundlage wurde der Staat als Instrument der Klassenherrschaft errichtet; auf dieser Grundlage entstand der Imperialismus.

Die Ordnung, in der es keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen gibt, ist bereits für einen Teil der Menschheit Wirklichkeit geworden, sie wird in nicht allzu ferner Zukunft für die gesamte Menschheit bestimmend sein, eine Ordnung, in der alle gesellschaftlichen und internationalen Beziehungen, die auf wirtschaftlicher und infolgedessen auch auf politischer Unterdrückung beruhen, beseitigt sind.

Da jede politische Herrschaft einem ökonomischen Ziel dient, wird mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen auch jegliche Form der kapitalistischen, kolonialistischen und imperialistischen Unterdrückung verschwinden. Außerdem aber werden auch die Unterdrückungs- und Eroberungskriege verschwinden, die jahrtausendelang die Menschheit verheerten. Da weder die Sowjetunion noch die Volksrepublik China noch irgendein anderes Land des sozialistischen Lagers weder auf dem Territorium Kubas noch in irgendeinem anderen Land Banken, Bergwerke, Elektrizitätswerke, Verkehrseinrichtungen oder andere öffentliche Einrichtungen, Zuckerfabriken, Latifundien oder irgendeine andere Form von Eigentum besitzen, können ihre Beziehungen zu anderen Nationen und Staaten nie Beziehungen der politischen Herrschaft und Unterwerfung sein. Sie werden nie Anlaß haben, zur Verteidigung des Eigentums ihrer Bürger in anderen Ländern zu intervenieren. Die UdSSR, China und die übrigen sozialistischen Länder besitzen keine Reichtümer irgendeines anderen Landes, weil es in ihren eigenen Ländern keine Ausbeuterbourgeoisie gibt, die akkumuliert, was die menschliche Arbeit an Überschuß produziert, und dann über die Landesgrenzen hinausgeht, um sich in ihrer Profitgier der Reichtümer anderer Nationen zu bemächtigen und die Arbeitskraft der Menschen dieser Länder auszubeuten. Denn es waren nicht die Völker der kapitalistischen Länder, die eine wirtschaftliche und politische Macht außerhalb ihrer Länder errichteten, sondern es waren die Ausbeuterklassen, gejagt von ihrer Profitsucht und unablässig angetrieben durch ihr eigenes System der kapitalistischen Produktion. Und die Völker, das heißt die arbeitenden Massen, wurden nicht nur unbarmherzig ausgebeutet, sondern auch als Kanonenfutter verwendet und für die Habsucht ihrer Ausbeuter geopfert.

Daher kommt es, daß unsere Beziehungen zu allen sozialistischen Staaten und Völkern heute und immer Beziehungen echter Freundschaft, völliger Selbstbestimmung und absoluter Achtung der Souveränität eines jeden Landes sind und sein werden, so, wie sie umfassend und dauerhaft nur von Revolutionären hergestellt werden können, die innerhalb ihrer eigenen Länder mit dem widerwärtigen System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen aufgeräumt haben.

Wenn die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft ist, dann hört die akkumulierte Arbeit - das heißt das Kapitel - auf, ein Instrument der Ausbeutung zu sein. Erst dann gewinnen die Maschinen, die technische Hilfe und die finanziellen Mittel, die ein Land einem anderen gewährt, den Charakter brüderlicher und uneigennütziger Unterstützung, denn diese Hilfe verfolgt nicht den Zweck, sich der Reichtümer eines anderen Landes zu bemächtigen oder die Arbeit anderer Völker auszubeuten, sondern kann nur dazu dienen, daß das Land, das sie erhält, seine eigene Wirtschaft entwickelt. Nur die Arbeiterklasse kann, wenn sie die Macht übernimmt, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen und die Produktionsmittel zum Eigentum des ganzen Volkes machen; nur sie ist in der Lage, an die Stelle der bürgerlichen und imperialistischen internationalen Beziehungen die Beziehungen echter Solidarität und Brüderlichkeit zwischen den Völkern zu setzen.

Zum erstenmal in der Geschichte unseres Landes ist unser Volk nicht nur Herr über sein Schicksal, sondern auch wahrhaft frei. Die Imperialisten und die Konterrevolutionäre schreien entrüstet: In Kuba gibt es keine Freiheit! Gewiß, in Kuba gibt es keine Freiheit für die Ausbeuter. Sie sollten deshalb besser sagen: Zum erstenmal seit dem Tag, an dem der erste spanische Eroberer die Insel Kuba betrat, gibt es keine Freiheit für die Ausbeuter.

Die Ausbeuter waren immer frei in unserem Vaterland. Sie waren frei unter allen Kolonialregierungen; sie blieben weiter frei unter der nordamerikanischen Intervention und blieben es auch dann, als der Yankee-Imperialismus an die Stelle des spanischen Kolonialsystems getreten war. Sie waren frei unter allen Regierungen, unter Machado, unter Batista, ohne daß ihnen diese Freiheit auch nur eine Minute lang gefehlt hätte.

Frei konnten sie jahrhundertelang Sklaven kaufen und verkaufen, und als die Praxis aufhörte, die Person des Arbeiters selbst zu kaufen und zu verkaufen, da konnten sie weiter frei seine Arbeitskraft kaufen und das Produkt seiner Anstrengungen verkaufen. Ob mit Fesseln oder ohne, der Arbeiter war und blieb Sklave; ob mit Ketten oder ohne, die Ausbeuter bereicherten sich am Produkt der Arbeit des Sklaven.

Der Arbeiter war nie frei. Er hatte sich darein zu fügen, entweder seine Arbeitskraft verkaufen oder Hungers sterben zu müssen.

Nie war der Lohnarbeiter frei von Elend, Unsicherheit und Kulturlosigkeit, nie! Unter keiner Regierung, in keiner Epoche - ebenso wie der in Ketten geschlagene Arbeiter unter dem Kolonialsystem nie frei von der Peitsche war. Nie kümmerte sich die kapitalistische Gesellschaft um ihn oder seine Kinder. Das lernte der Arbeiter vor allem dann begreifen, wenn er arbeitslos war oder keine Wohnung hatte, oder wenn er Hunger hatte oder krank war. Vom Staat merkte er immer nur dann etwas, wenn dieser ihn wieder einmal ganz besonders hart unterdrückte, ihn verfolgte oder einsperrte. Als Arbeiter ohne materielle Güter und ohne politische Macht stand er allein und hilflos gegen die ganze Macht der Klasse, die der Staat vertrat, innerhalb der egoistischen und unmenschlichen kapitalistischen Gesellschaft hatte er nur Bedeutung als Besitzer einer Ware, die für die Ausbeuter von Interesse war: seiner Arbeitskraft.

Die Ausbeuter besaßen die Zeitungen und Zeitschriften, die Nachrichtenagenturen, Rundfunk- und Fernsehsender, die Druckereien, sie hatten die Richter, die Geistlichen, den Unterdrückungsapparat, die Armeen und die politischen Parteien. Das alles fehlte ihnen nie, weder unter Batista noch unter irgendeiner anderen Regierung. Es mochte ihnen hin und wieder verboten gewesen sein, einen von der Regierung verübten Mord oder einen Raub zu denunzieren (die Handlanger der Ausbeuter pflegen sich gut bezahlen zu lassen); sie mochten Schwierigkeiten haben zu entscheiden, welcher ihrer Anwälte oder Beamten ins Parlament oder in die Verwaltung kommen sollte; es mochte ihnen einmal untersagt gewesen sein, einen Leitartikel gegen den diensthabenden Gendarmen zu schreiben (der zuweilen über die Stränge schlug). Nie aber war ihnen untersagt, tausend Leitartikel zur Verherrlichung ihres "freien Unternehmertums", ihrer Allianz mit dem Imperialismus, ihrer arbeiterfeindlichen Gesetze, ihrer reaktionären Institutionen, ihrer Privilegien und ihrer antisozialen Ideen zu schreiben; kurz und gut, sie hatten die absolute und uneingeschränkte Freiheit, ihr System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu verteidigen.

Gerade das war ihnen am wichtigsten; das war auch tatsächlich immer der tiefere Hintergrund ihrer Politik. Deshalb liefen sie auch nach dem Sturm auf das Präsidentenpalais alle hin, dem Diktator zu huldigen - über das Blut der Helden hinweg, die in dem Kampf am Tage zuvor ihr Leben gelassen hatten. Mit den gewaltsamsten Mitteln unterdrückte die Diktatur die Arbeiter, die Bauern, die Studenten; sie ließ Blut in Strömen über das Land fließen, nur um die bestehende soziale Ordnung aufrechtzuerhalten: die Freiheit der Ausbeuterklasse.

Diese Freiheit ist es, die in Kuba und in ganz Amerika der Imperialismus, die SIP (Servicio de Inteligencia Policial - der kubanische Geheimdienst unter Batista.), die Konterrevolutionäre, die Rómulos, die Somoza, die Lleras Camargo, die Ydigoras, die Balaguer und alle anderen auf unserem Kontinent umherkriechenden Kreaturen für sich fordern. Sie sprechen nie von der wahren Freiheit des Volkes, sondern von "ihren" Freiheiten: den Freiheiten der Ausbeuter.

Die Ausgebeuteten besaßen keine Zeitungen, keine Zeitschriften, keine Druckereien, keine Rundfunk- und Fernsehsender, keine Nachrichtenagenturen, keine Richter, keine Geistlichen und keine Armeen; sie konnten keinen Mord an einem Arbeiter, einem Bauern, einem Studenten oder Intellektuellen anprangern. Sie konnten nicht die Räubereien der Regierung anprangern. Noch viel weniger aber konnten sie ein Wort gegen das "freie Unternehmertum", den Imperialismus, die reaktionären Institutionen, die arbeiterfeindlichen Gesetze, die Privilegien, die antisozialen Ideen oder das kapitalistische Regime schreiben. Kurz und gut, sie hatten nicht die geringste Freiheit, die bestehende soziale Ordnung anzuklagen und die Beseitigung der Ausbeutung zu fordern. Nein, die Ausgebeuteten hatten absolut keine Freiheit. Heute besitzen die Arbeiter die Druckereien, die Zeitungen, die Rundfunk- und Fernsehsender, die Nachrichtenagenturen, die Zeitschriften; sie haben das Schicksal der Republik in ihren Händen und, was noch wichtiger ist, sie haben die Waffen, um sich gegen die Ausbeuter zu verteidigen. Heute können sie den Imperialismus anklagen, können tausend Leitartikel gegen das "freie Unternehmertum", die Privilegien, das Unrecht und die alte soziale Ordnung schreiben; kurz und gut, sie haben die absolute Freiheit, gegen die schändliche Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und für ein besseres Leben zu kämpfen. Das sind die wahren Freiheiten, die das Volk nie besessen hatte. Für diese Freiheiten wurden im Laufe der Geschichte ungezählte Kämpfer des Volkes ermordet, für diese Freiheiten starben Tausende Kämpfer in der Illegalität und auf den Schlachtfeldern, für diese Freiheiten kämpften und fielen unsere Helden von Playa Girón.

Gegen diese Freiheiten des Volkes schreien SIP, CIA, das Pentagon, die Konterrevolutionäre, die Imperialisten und all das Gesindel, das ihnen dient.

Das Volk aber kämpft für diese Freiheiten, für das Recht, seine Zukunft selbst zu bauen; es kämpft für all das, was es nicht besaß und was es bereits errungen hat.

Das Volk besaß keine Reichtümer. Banken, Versicherungsanstalten, Bergwerke, ausgedehnte Gebiete des besten Bodens, Zuckerzentralen, große Werke, Raffinerien, Importunternehmen, riesige Kaufhäuser, der Verteilungsapparat für die lebenswichtigsten Güter, öffentliche Dienste, das alles gehörte ausländischen Gesellschaften und einer Handvoll kubanischer Millionäre; das Volk hatte nichts, aber auch gar nichts darüber zu bestimmen. Eine etwas breitere Schicht, die aber immer noch eine verschwindend kleine Minderheit darstellte, wurde an den Profiten, die sich aus der Kontrolle des Nationalreichtums ergaben, in geringerem Maße beteiligt. Der übrige Teil, die überwältigende Mehrheit des Volkes, besaß keinerlei Güter oder Reichtum, sondern verkaufte einfach seine Arbeitskraft an die Minderheit der Ausbeuter, bestellte den Boden als Pächter der Großgrundbesitzer oder arbeitete selbständig in eigenen kleinen Werkstätten oder auf eigenen kleinen Parzellen, was sie jedoch nicht davor bewahrte, von den Zwischenhändlern, Geldverleihern und anderen Parasiten ausgesaugt zu werden.

"Ihr entsetzt euch darüber, daß wir das Privateigentum aufheben wollen", sagte Marx. "Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben; es existiert gerade dadurch, daß es für neun Zehntel nicht existiert. Ihr werft uns also vor, daß wir ein Eigentum aufheben wollen, welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt."

Heute ist das Volk Herr über den größten und wichtigsten Teil des nationalen Reichtums. Im Gegensatz zur Vergangenheit arbeitet es heute nicht, um eine Minderheit von Ausbeutern zu bereichern. Der Überschuß aus seiner Arbeit wandert nicht in die Taschen der Millionäre oder der ausländischen Gesellschaften. Er gehört der Gesellschaft, wird in neuen Produktionsstätten angelegt oder kommt in Form von Wohnungen, Schulen, Krankenhäusern, Erholungszentren, Straßen, Wasserleitungen, Renten und in tausend anderen Formen wiederum dem Arbeiter selbst zugute. Nicht ein einziger Centavo aus dem Produkt der Anstrengungen eines Arbeiters in einem volkseigenen Betrieb wird jemals wieder dazu dienen, irgendeinen Ausbeuter zu bereichern, im Luxus verschwendet zu werden und die Schmarotzer zu füttern. Was für ein himmelweiter Unterschied ist es doch, für eine Klasse von Parasiten zu arbeiten oder für eine Gesellschaft, die dem Werktätigen die einzig mögliche Voraussetzung für ein anständiges und menschenwürdiges Leben sichert, nämlich die Arbeit; die seinen Kindern die umfassendste Erziehung sichert und seinen Eltern einen Lebensabend, in dem sie nicht auf sich selbst gestellt dem Hunger preisgegeben sind! Das kann keine Ausbeutergesellschaft jemals garantieren, denn die Ausbeuter haben überall und zu jeder Zeit dem Volk nur die Brosamen vom Tisch ihrer Profitgier zukommen lassen, von ihrer Sucht, noch mehr Kapital zu akkumulieren, um damit ihre politische Macht zu stärken, ihre Mittel der Ausbeutung zu mehren und Luxus und Schlemmerei noch weiter zu treiben.

Deshalb ist die berühmte "Allianz für den Fortschritt" so lächerlich, die der Imperialismus den Völkern Lateinamerikas als Allheilmittel gegen die sozialen Ubel dieses Kontinents vorschlägt, als ob ein Fortschritt überhaupt möglich wäre unter der kapitalistischen und imperialistischen Ausbeutung, die ja gerade die Ursache dieser Übel ist. Unter der Ausbeutung kann es keinen sozialen Fortschritt geben. Was bliebe denn dann den Ausbeutern? Woher wollten sie dann neue Kapitalien akkumulieren? Wer befriedigte dann ihre unersättliche Profitgier? Wer bezahlte ihren Luxus und ihre Laster?

Im kubanischen Dorf hat die Revolution die Bauern von der feudalen Ausbeutung befreit. Die Kleinbauern wurden von allen Pachtzahlungen und von der Ausbeutung durch die Zwischenhändler befreit und erhalten umfangreiche Hilfe in Form von Krediten für Investitionen und Instandsetzungsarbeiten, durch den Bau von Straßen und in Form medizinischer Betreuung und Bildungsmöglichkeiten.

Aus den großen Viehzuchtlatifundien und Zuckerrohrplantagen wurden Volksgüter und Genossenschaften, in denen heute 250.000 Landarbeiter und Genossenschaftsbauern unter menschenwürdigen Verhältnissen ihren Unterhalt verdienen und das ganze Jahr über einen gesicherten Arbeitsplatz haben.

Das Volk hatte kein Recht auf Bildung und Kultur, kein Recht auf Erholung und auf hygienische und gesunde Lebensbedingungen.

Unser Volk hat heute noch nicht all das erreicht, was es morgen erreichen wird, wenn seine schöpferische Kraft und seine selbstlose Arbeit alle Hindernisse überwunden und die Bedingungen dafür geschaffen haben wird, im Überfluß all das zu bauen und zu produzieren, was es braucht.

Aber schon heute hat jedes Kind im Schulalter seinen Lehrer - sowohl in der Stadt wie auch in den entferntesten Winkeln des Landes -, und unser Land ist das erste in Amerika, das diesen sehnlichen Wunsch eines jeden Volkes erfüllt. Jedem jungen Menschen ist es heute möglich, eine Oberschule zu besuchen, und bei entsprechenden Fähigkeiten hat er auch die Gelegenheit, eine Universitätsausbildung zu erhalten; auch hier kann unser Volk mit Stolz sagen, daß es das erste in Amerika ist, das dies erreicht hat. Mit gigantischen Anstrengungen - insbesondere seiner begeisterten und heldenhaften Jugend, die mit dem jungen Blut von Manuel Ascunce das höchste nur denkbare Opfer gebracht hat - beseitigte unser Volk das Analphabetentum in einem einzigen Jahr und setzte sich auch damit an die Spitze Amerikas.

Achtzehntausend Mädchen und Jungen vom Lande absolvierten Kurse für Nähen und Schneidern, Kunsthandwerk, Schlosserei, künstliche Besamung, Zootechnik und andere Gebiete. Weitere tausend befinden sich gerade zu einem einjährigen Landwirtschaftsstudium in der Sowjetunion.

Zwanzigtausend Mädchen, die als Hausangestellte arbeiten, besuchen Kurse in den Abendschulen, die von der Revolution geschaffen wurden, und mehrere tausend erhalten ein staatliches Stipendium und absolvieren Kurse in Stenografie und Maschineschreiben oder besuchen eine Fahrschule, damit sie später in Banken, Büros oder in den Verkehrsbetrieben arbeiten können.

Mit Beginn des kommenden Studienjahres werden auf Grund des Stipendienplanes mehr als fünfzigtausend junge Menschen Studienplätze an Universitäten, technischen Fachschulen, Landwirtschaftsschulen, Kunstakademien, Vorstudienanstalten für das Universitätsstudium, an Lehrerbildungsanstalten für Grundschullehrer, an Sprach- und allgemeinbildenden Oberschulen erhalten; diese Studienplätze schließen kostenlose Benutzung von Büchern, Verpflegung, Unterkunft, Kleidung und ärztliche Betreuung ein - der einzige Weg überhaupt, um den Kindern der Arbeiter und Bauern eine höhere Bildung zu ermöglichen.

Mehrere tausend Jugendliche absolvieren technische Studien in den sozialistischen Ländern.

Früher konnten nur die Kinder der Millionäre, der Ausbeuter, an ausländischen Instituten oder Universitäten studieren.

Das ist noch nicht alles, was die Revolution auf dem Gebiet der Erziehung und der Kultur getan hat, aber es genügt, um eine Vorstellung von dem zu vermitteln, was ein Volk erreichen kann, das nach der Eroberung der revolutionären Macht und seiner Befreiung von imperialistischer Unterdrückung als erstes das Versprechen erfüllte, die Kasernen in Schulen umzuwandeln.

Ebenso hat diese revolutionäre Macht die aristokratischen Klubs und Strandbäder zu Zentren der Erholung und Kultur für das ganze Volk gemacht; denn für das Volk gab es früher keinen Ort, wo es sich vergnügen und im Meer baden konnte, obwohl unser Land eine Insel ist. Es gab keine Stätten, an denen sich die Familien in Mußestunden hätten zusammenfinden können.

Mit der Schaffung des Nationalinstituts für Körpererziehung und Freizeitgestaltung wurden Körpererziehung und sportliche Betätigung auf breitester Basis eingeführt.

Nicht ein Schimmer ist übriggeblieben von der Rassendiskriminierung, der ein ungerechterweise zurückgesetzter Teil der einfachen Menschen unseres Volkes bei der Arbeit, in der Erziehung und Kultur und in den Erholungsstätten ausgesetzt war.

Das kapitalistische Ausbeuterregime kümmerte sich auch nicht darum, Wohnungen für die arme Bevölkerung zu bauen. Die reichen Häuserbesitzer bauten nur für eine kleine Schicht der Bevölkerung und forderten von den Familien unmäßig hohe Mieten, die sie nicht aufbringen konnten. Die Masse der Arbeiter und Bauern, die den Reichtum schuf, war dazu verdammt, in Elendsquartieren und fensterlosen Katen zu hausen, während die üppigen Ausbeuter sich fürstliche Paläste bauen ließen, mit denen sie schamlos ihren zügellosen Luxus zur Schau stellten, inmitten des Elends, das Familien mit zehn Kindern dazu zwang, in einem erbärmlichen Zimmer zu vegetieren. Deshalb zögerte die Revolution nicht, die Mieten drastisch zu senken, den Grundbesitz in den Städten abzuwerten und ein Gesetz über die Wohnungsreform zu erlassen, das die Mehrzahl der Familien nach Ablauf von fünf Jahren von der Mietzahlung befreit und die Zahlung von nur 10 Prozent des Familieneinkommens für die Benutzung der neuerbauten Stadtwohnungen festlegt. Das gleiche gilt für die Häuser der aus dem Lande gehenden proimperialistischen Bourgeois, die den kinderreichen Familien mit geringerem Einkommen zur Verfügung gestellt werden, während die größten Villen der ehemaligen Aristokratenviertel als Wohnheime für Studenten eingerichtet wurden.

Zehntausende Wohnungen in Stadt und Land wurden bereits seit Beginn der Revolution gebaut, und eines Tages wird unser Land auch frei von den Hütten, Baracken und Elendsquartieren, die das Ausbeuterregime uns hinterließ.

Ebenso hat die Revolution für das öffentliche Gesundheitswesen viermal soviel Mittel ausgegeben wie früher für die gesundheitliche Betreuung der Bevölkerung aufgewendet wurden. Die ärztliche Betreuung - sowohl Krankenbehandlung wie vorbeugende Maßnahmen - reicht heute bis zu den Familien in den abgelegensten Orten des Landes.

Die staatliche Bautätigkeit jeder Art, insbesondere aber für Industriebauten, landwirtschaftliche Nutzbauten und andere für die Bevölkerung lebenswichtige Gebäude wurde in solchem Maße verstärkt, daß die Produktion der Baustoffbetriebe, von denen vor dem Sieg der Revolution viele nur mit halber Kapazität arbeiteten, jetzt schon nicht mehr ausreicht.

Als Ergebnis der auf allen Gebieten der Wirtschaft unternommenen Anstrengungen verminderte sich die Zahl der Arbeitslosen oder nicht voll Beschäftigten von 60.0000 auf 20.0000, und in den ländlichen Gebieten besteht bereits Arbeitskräftemangel.

Alle Anstrengungen der Revolution wären jedoch sinnlos gewesen, wenn nicht der Entwicklung der Wirtschaft die allergrößte Beachtung geschenkt worden wäre. Es war nicht einfach, die Hindernisse zu überwinden, die uns der Mangel an Erfahrung, das Fehlen von Statistiken, die alten Gewohnheiten kapitalistischer Anarchie und Verschwendung, die mangelhafte Organisation, die in der ersten Etappe der Revolution noch bestehenden starken Privatinteressen in den Weg legten. Ein weiteres Hindernis war die Tatsache, daß es bei vielen von uns noch an der klaren Erkenntnis der Notwendigkeit mangelte, die Volkswirtschaft schnellstens in eine planmäßige Entwicklung zu lenken.

Trotz alledem ist es gelungen, diese Hindernisse so weit zu überwinden, daß die Wirtschaftsplanung heute schon eine Realität in unserer Revolution ist, die uns helfen wird, die imperialistische Blockade zu besiegen und eine stufenweise und umfassende Entwicklung der gesamten Produktion zu erreichen. Dazu müssen wir aber unsere eigenen Reserven und die großzügige Hilfe, die wir aus dem Ausland erhalten, allseitig, sparsam und ohne ernste Fehler nutzen.

Kein Bedürfnis wurde vergessen, kein Winkel des Landes übergangen. Mit großem Fleiß und mit einer Begeisterung und einem Feuereifer, wie sie eben nur in revolutionären Epochen anzutreffen sind, wurde gearbeitet.

Aber wir haben noch viele Mängel, wir begehen noch viele Fehler. Es haben sich bei uns noch viele überkommene Sitten aus der Vergangenheit erhalten, gegen die unsere Revolution beständig ankämpfen muß. So lassen sich einige Genossen bei der Arbeit von Routine, Konservativismus, Individualismus und von bürokratischen Methoden leiten. Viele Fehler werden begangen, weil man sich nicht im geringsten auf die Erfahrungen der Massen stützt, sie nicht um Rat fragt und sich nicht bei denen Auskunft holt, die in letzter Instanz die Aufgabe haben, die Pläne zu verwirklichen und zu erfüllen und die immer Ideen und Vorschläge beisteuern können, die für richtige Entscheidungen unerläßlich sind. Die Genossen, die irgendeine Funktion bekleiden, können bei ihren Mitarbeitern höchste Anstrengungen erreichen, können sie auf tausendfache Weise in ihrer Arbeit anspornen; auf keinen Fall aber dürfen sie die Erfahrungen der anderen und die objektiven Bedingungen, unter denen jede Aufgabe erfüllt werden muß, außer acht lassen und wie Götter vom Olymp Anordnungen und nochmals Anordnungen erlassen. Es ist ein guter Brauch, daß sich die verantwortlichsten Genossen der Verwaltung nicht in ihren Büros verschanzen, sondern immer engsten Kontakt mit der Praxis halten.

Eine andere wirklich schädliche Sitte, die in diesen drei Jahren beobachtet wurde, ist die Tendenz mancher Genossen, die ökonomischen Gesetze einfach zu vergessen, mit philanthropischem Geist zu wirtschaften, die Produktionsmethoden nicht zu beherrschen, die Arbeitskraft nur unvollkommen zu nutzen und eine äußerst schlechte Rechnungsführung zu praktizieren. Eine der schlechtesten Gewohnheiten, die bei vielen Betriebsleitern, Leitern von Verwaltungsdienststellen oder anderen Organen beobachtet wurde, besteht darin, daß sie die von anderen Betrieben erhaltenen Produkte oder Dienstleistungen nicht bezahlen und die für diese Leistungen bestimmten Mittel zusätzlich investieren, wodurch sie ein wahres Chaos in der Rechnungsführung der Gläubigerunternehmen schaffen, die Einziehung von Steuern erschweren und die Wirksamkeit der Wirtschaftsplanung zunichte machen. Solche Methoden müssen radikal abgeschafft werden. Ab 1. Januar wird auf Beschluß der Revolutionären Regierung jedem Funktionär - ohne Ausnahme – Posten und Gehalt entzogen, der dafür verantwortlich ist, daß der von ihm geleitete Betrieb nicht alle von einem anderen Betrieb oder Unternehmen erhaltenen Dienstleistungen oder Materialien sofort bezahlt hat.

Andererseits gibt es Genossen Betriebsleiter, die angesichts der Notwendigkeit, auf überflüssigen Luxus zu verzichten - weil die Revolution alle Mittel zum Wohl der großen Masse des Volkes und nicht einer Minderheit einsetzen muß -, glauben, auf die gute Qualität ihrer Produkte verzichten zu können, obwohl diese Qualität nur von der Fertigkeit des Arbeiters und dem richtigen Einsatz der zur Verfügung stehenden Mittel abhängt. Die Qualität steht keinesfalls in Widerstreit mit dem Sozialismus. Der Kapitalismus opferte oftmals die Qualität zugunsten der Profite. Die Reklame, für die die Kapitalisten große Summen ausgaben, ging auf Kosten der Qualität; um den Absatz zu erhöhen versuchten sie, die Käufer durch Verlosungen und die raffiniertesten psychologischen Tricks anzulocken. Der Sozialismus beseitigt die unnötigen Ausgaben und die dem alten Regime eigenen betrügerischen Tricks. Er kann das alles sparen, was sie verschwendeten. Er kann außerdem große Einsparungen durch die begeisterte Mitarbeit des werktätigen Volkes erzielen. Jeder Direktor aber und jeder Arbeiter eines sozialistischen Betriebes hat die Pflicht, unablässig um die Verbesserung der Qualität seiner Erzeugnisse zu kämpfen, weil es das Volk, weil es jede einzelne Familie des arbeitenden Volkes selbst ist, die diese Erzeugnisse verbrauchen wird. Es gibt Waren, deren Qualität darunter leidet, daß es an Rohstoffen mangelt, die aus dem Ausland kommen und schwer zu erhalten sind oder für die keine Devisen zur Verfügung stehen, da diese für dringendere Dinge benötigt werden. Das gilt zum Beispiel für Coca Cola und für Zigaretten, bei denen jedoch nur das Papier, nicht aber der Tabak schlechter geworden ist. In solchen Fällen sind Qualitätsmängel verständlich. Es gibt jedoch viele andere Waren, deren Qualität allein von der Sorgfalt und dem Interesse bei der Herstellung abhängt und die bei gleichen Kosten und gleichem Arbeitsaufwand in viel besserer Qualität erzeugt werden können. Der Luxus ist ein Feind des Sozialismus; die Qualität dagegen muß ein untrennbarer Begleiter der schöpferischen Arbeit des Volkes sein.

Groß ist auch die Zahl der Ausrüstungen, die durch Gleichgültigkeit, Vernachlässigung und Verantwortungslosigkeit derer, die sie bedienen oder überwachen, beschädigt werden. Oft liegt es auch ganz einfach daran, daß an den Maschinen Menschen stehen, die keinerlei Übung in ihrer Bedienung haben. Daher ist es auch so wichtig, Kurse zur Ausbildung von Kraftfahrern, Schlossern, Traktoristen usw. zu organisieren, denn in unserem Lande wurden diese Berufe traditionsgemäß so erlernt, daß die Maschinen dabei zu Bruch gingen. Das ist ein Verfahren, das radikal überwunden werden muß.

Auf dem Lande beobachtet man vielfach eine völlige Gleichgültigkeit gegenüber der Anwendung technischer und wissenschaftlicher Methoden in der Feldwirtschaft und in der Viehzucht. Es gibt Leute, die der künstlichen Besamung mit einem geradezu abergläubischen Mißtrauen begegnen oder die in keiner Weise die Methoden der Auslese von Saatgut und Zuchttieren in Feld- und Viehwirtschaft berücksichtigen, die nicht durch Analysen die Bodenbeschaffenheit untersuchen, die nicht die unterschiedlichen Erträge vergleichen und nicht nach den Ursachen solcher Unterschiede forschen, die nicht mit allen Kräften gegen Schädlinge und Krankheiten kämpfen, keine neuen Methoden erproben und nicht experimentieren. Sie lassen sich vom schlimmsten Routinegeist leiten.

Im Gegensatz dazu gibt es wieder andere, die sich gedankenlos, mit einer wahren Abenteuerlust darauf werfen, drastische Veränderungen einzuführen und sich dabei allein von subjektiven Gesichtspunkten leiten lassen. Es ist unerläßlich, in jedem Volksgut und jeder Genossenschaft eine kleine Brigade aus vorbildlichen Mitarbeitern zu bilden, die sich mit Forschungen und der Verbesserung der Methoden der landwirtschaftlichen Produktion befaßt. Die Grundeinheiten der Vereinigten Revolutionären Organisationen müssen in dieser Hinsicht ihre Anstrengungen darauf richten, daß in jedem Volksgut und jeder Genossenschaft eine kleine Versuchsstation eingerichtet wird. Später kann diese Praxis auch auf die Bauernvereinigungen ausgedehnt werden. Das würde dem Interesse der Werktätigen für die wissenschaftlichen und technischen Methoden einen ungeahnten Aufschwung verleihen, und es ergäbe sich daraus ein unschätzbarer Nutzen für unsere Wirtschaft.

Es liegt mir fern, hier eine erschöpfende Aufzählung aller noch im Verborgenen schlummernden Fehler und schlechten Gewohnheiten geben zu wollen. Sie existieren aber auf allen Gebieten und überall im Lande. Es ist das Erbe der Vergangenheit, es sind Überbleibsel aus der alten Gesellschaft, wie sie jede Revolution noch lange Zeit mit sich schleppt und die sich mehr oder weniger unbewußt ausdrücken und das revolutionäre Werk hemmen. Man muß unaufhörlich dagegen kämpfen.

Drei wesentliche Aufgaben hat die Revolution für das Jahr 1962:

- die strenge Planung der Wirtschaft und der Arbeit auf allen Ebenen;

- die Vervollkommnung der Einrichtungen zur Landesverteidigung angesichts der Gefahr einer imperialistischen Aggression;

- die Hebung des revolutionären Bewußtseins, die ideologische Erziehung und die Stärkung der revolutionären Grundeinheiten, die einmal die Einheitspartei der Sozialistischen Revolution bilden werden.

Das Studium des Marxismus-Leninismus wird das revolutionäre Bewußtsein unseres Volkes auf ungeahnte Höhen heben. Der Marxismus-Leninismus ist die Ideologie der Arbeiterklasse und die einzige wahre philosophische und revolutionäre Interpretation von Natur, Gesellschaft und Geschichte.

Unsere Revolution hat den Marxismus-Leninismus auf ihre Fahnen geschrieben. Niemand hat ihn uns aufgedrängt, niemand hat ihn uns von einem anderen Kontinent aus aufgezwungen. Es war das Leben selbst, das uns diesen Weg wies, und wir haben ihn verfolgt - furchtlos und ohne Schwanken. Jede echte Revolution muß unabdingbar zum Marxismus-Leninismus hinführen, denn er ist die einzige und begeisternde revolutionäre Wahrheit gegen Kolonialsklaverei, imperialistische Herrschaft und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Kuba ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür. Mit dieser Wahrheit gerüstet, werden wir siegen.

Fidel Castro Ruz

Noticias de Hoy, 29. Dezember 1961

Quelle: Fanal Kuba, Dietz Verlag Berlin 1963
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Karl Dietz Verlages Berlin