Schritt für Schritt in eine bessere Zukunft

Aus der Rede anläßlich des Studienabschlusses von dreihundert revolutionären Instrukteurinnen im Theater "Chaplin" 16. März 1962.

Fidel Castro: Studienabschluss von Instrukteurinnen


Wieder sind wir eine Stufe, eine kleine Stufe, weitergekommen. Es war uns in diesen drei Jahren oftmals vergönnt, Schritt für Schritt auf der Stufenleiter der Revolution weiter emporzusteigen. Und schon oft war dieses Theater hier der Schauplatz mannigfacher solcher Veranstaltungen wie der heutigen anläßlich des Abschlusses von Lehrgängen; sie sind ein Zeichen dafür, wie unser Land und unsere Revolution vorankommen.




Heute haben wir dreihundert revolutionäre Instrukteurinnen vor uns. Ich fürchte wirklich, daß einige Leute noch immer nicht recht begriffen haben, worum es sich hierbei handelt; denn es gibt jetzt tatsächlich so unendlich viele Schulen der verschiedensten Arten, daß mir scheint, das Volk kann sie nicht mehr auseinanderhalten. Damit man sich ein bißchen deutlichere Vorstellungen von dieser hier machen kann: Es handelt sich um eine Schule, die zur Ausbildung von revolutionären Instrukteurinnen geschaffen wurde, und zwar für solche, die in den Abendschulen für weibliche Hausangestellte den politischen Unterricht erteilen werden.

Eben die Tatsache, daß eine Schule für revolutionäre Instrukteurinnen geschaffen werden mußte, in der diese Instrukteurinnen für die Abendschulen der Hausangestellten ausgebildet werden, zeigt uns, daß es in unserem Lande noch auf vielen Gebieten etwas zu tun gibt.

In einer Revolution - und natürlich auch sonst überall - wachsen die Ideen eine aus der anderen heraus und entwickeln sich weiter. Als Beispiel dafür, wie sich die Ideen weiterentwickeln und wie sich die Revolution weiterentwickelt, können wir diese Idee hier nehmen.

Als erstes stand vor uns die Notwendigkeit, Lehrer für den Unterricht in den Bergen auszubilden. Wir hatten keine Lehrer - warum sollen wir uns etwas vormachen? -, die in die Berge gehen wollten. Ich weiß nicht, ob die Lehrer jetzt böse werden; aber es war doch tatsächlich so, daß es zwar viele Lehrer für den Unterricht in den Städten gab, aber nicht genügend viele für den Unterricht in den Bergen. Das Leichtere wird natürlich immer vorgezogen, und so war es viel leichter, Lehrer und Lehrerinnen für die Stadt als für das Land zu finden, besonders für die am weitesten abgelegenen Orte auf dem Lande.

So mußten wir denn, als sich diese Notwendigkeit ergab, zur Ausbildung, man kann auch sagen zum Improvisieren, zur behelfsmäßigen Ausbildung von Lehrern schreiten. Wer kam dafür in Frage? Es mußten freiwillige Lehrkräfte sein; das heißt, es mußten Menschen sein, Studenten, junge Leute, die bereit waren, unter harten Bedingungen einen Kurzlehrgang durchzumachen, um danach so viele Jahre, wie nötig sein würden, aufs Land zu gehen.

Auf diese Weise kam es zu jenen Kurzlehrgängen zur Ausbildung von Lehrern in der Sierra Maestra. Das entsprach einer Notwendigkeit, der dringendsten von allen; sie bestand darin, mehreren Zehntausenden von Kindern, die keine Lehrer hatten, zu Lehrern zu verhelfen. Und tatsächlich meldete sich auf den Aufruf der Revolution eine große Zahl junger Menschen, die sich der von uns geforderten Probe unterziehen wollten. So kam das erste Aufgebot zusammen.

Doch dieses erste Bemühen führte zu einem solchen Erfolg, daß der Gedanke an den Aufruf zu einem zweiten Aufgebot und danach zu einem dritten Aufgebot entstand. Nun hatten wir bereits drei solcher Aufgebote.

Aber auf diesem Wege erhoben sich dann neue Notwendigkeiten. Wir wurden zum Beispiel gewahr, daß unter den Hausangestellten viele Mädchen waren, die gern etwas lernen wollten; einige von ihnen besuchten bereits Abendschulen. Und dabei konnten wir uns davon überzeugen, wie viele glänzende Begabungen es unter diesen einfachen Mädchen gab. Wenn sie keine Gelegenheit erhielten, etwas zu lernen, sich auszubilden, dann hätten sie tatsächlich nicht die Möglichkeit, ihre Begabung im Dienst für unser Land und auch zu ihrem eigenen Wohl zu nutzen.

Deshalb kam es zu der Idee, die Abendschulen für weibliche Hausangestellte in breiterem Ausmaß zu entwickeln. Es mußten also revolutionäre Lehrkräfte, Instrukteurinnen, für diese Mädchen ausgebildet werden. Dafür wurden unter den besten Absolventinnen des zweiten Aufgebots dreihundert Mädchen ausgewählt, die einen Vorbereitungslehrgang durchmachten, und später wurden vom dritten Aufgebot dreihundert weitere Mädchen hierfür ausgewählt.

Auf diese Weise wurde die Schule für Instrukteurinnen geschaffen, und parallel dazu wurden die Abendschulen für weibliche Hausangestellte errichtet beziehungsweise erweitert. Und so begannen die Genossinnen, während sie an einem Lehrgang zu ihrer eigenen Fortbildung teilnahmen, gleichzeitig damit, in diesen Abendschulen als Instrukteurinnen, ja sogar als Lehrerinnen der Hausangestellten zu arbeiten.

Die Idee machte Fortschritte, die Schule erwies sich als ein Erfolg; die Resultate jenes Vorbereitungslehrgangs waren offensichtlich. Morgens erhielten die Genossinnen bestimmte Unterrichtsstunden, nachmittags wurden sie auf anderen Gebieten, in anderen Fächern ausgebildet, und abends unterrichteten sie selbst. Tagsüber waren sie also Studentinnen und abends Lehrerinnen. Und so ging das ein ganzes Jahr lang.

Heute erhalten die ersten dreihundert ihr Abschlußdiplom, und in sechs Monaten werden, wie wir hier hörten, weitere dreihundert soweit sein. Doch die Idee entwickelte sich immer weiter.

An den Schulen für unsere Kolleginnen Hausangestellte wurde eine Gruppe von Mädchen ausgesucht, die einen bestimmten Spezialunterricht erhalten sollten, zum Beispiel in Stenographie und Schreibmaschine, damit sie in Banken und in Dienststellen des Staatsapparates arbeiten könnten.

Immer weiter entwickelte sich die Idee, und so entstand weiterhin eine andere Schule zur Ausbildung von Hausangestellten als Autofahrerinnen für einen Verkehrsbetrieb. Natürlich begegneten diese Ideen, wie es ja bei neuen Ideen stets der Fall ist, einer etwas zweifelnd abwartenden Haltung. Ob die Mädchen in einer solchen Tätigkeit gut arbeiten würden? Ob sie dabei etwas leisten würden? Werden sie die Autos nicht zusammenkrachen lassen?

Also, was das betrifft, dazu kann ich euch eine wirklich nette kleine Geschichte erzählen. Die erste, die gleich am ersten Tag einen Zusammenstoß verursachte, stieß ausgerechnet mit mir zusammen! Wir waren am Nachmittag losgefahren, um uns ins Amt zu begeben, da biegt in schnellem Tempo ein Wagen um die Ecke der 23. Straße zur Straße L, er stoppt nicht ab und kracht mit unserem Wagen zusammen. Ich dachte bei mir: Da gibt es soviel tausend Autos und soviel tausend Möglichkeiten, aber ausgerechnet mich muß sie anfahren! Ja, und dabei hatten gerade wir uns mit der Idee beschäftigt, jene Schule aufzuziehen. Es war nur ein Zufall, doch ein abergläubischer Mensch wäre darüber bestimmt nachdenklich geworden. Als wenn es eine Lehre sein sollte, als wenn einem sein Zutrauen auf die Probe gestellt werden sollte.

Na ja, wir haben diese Probe aber trotzdem gut bestanden, denn wir behielten auch weiterhin das Zutrauen dazu, daß die Mädchen ihren Dienst schon schaffen würden. Und sie wurden in der Folge auch tatsächlich erfolgreich damit fertig. Jetzt gibt es bereits eine große Anzahl Mädchen, die in jenem Transportbetrieb beschäftigt sind.

Kann man da nicht sagen, daß wir vorangekommen sind? .... Und immer noch weiter entwickelte sich die Idee.

Wir hatten also gesehen, was für ein ausgezeichnetes Resultat wir erreicht hatten, wie hier eine richtige Truppe gut ausgebildeter, ernsthafter, verantwortungsbewußter Mädchen entstand, die, wenn sie für bestimmte Arbeiten gebraucht wurden, diese gut bewältigten. Und da dachten wir daran, daß die Schule jetzt ihren Lehrgang abschließen würde und daß dies ein Beginnen war, das zu guten Ergebnissen geführt hatte, daß ja nun auch bald die Mädchengruppe des zweiten Turnus das Ziel erreicht haben würde. Nun tauchte ein neuer Gedanke auf: Man sollte unter den Mädchen, die den Junglehrerbrigaden angehört hatten, Freiwillige werben, um mit ihnen eine Schule für noch speziellere Bildungsaufgaben zu schaffen.

So entstand der Gedanke an die Einrichtung der "Makarenko"-Schule. Warum benannten wir sie nach Makarenko? Aus Sektierertum? Nein, wir nannten sie "Makarenko"-Schule, weil Makarenko ein wirklich großer Pädagoge war, der der Menschheit eine Reihe höchst interessanter Erfahrungen hinterlassen hat.

In dieser Schule befinden sich gegenwärtig elfhundert Mädchen aus den Junglehrerbrigaden. Sie werden sie mit einer noch viel besseren Ausbildung verlassen als ihr, die ihr heute eure Diplome erhaltet. Es tut uns natürlich sehr leid, daß dies so ist, doch was sollten wir machen? Seht, es geht uns allen ja genauso: Die nach uns kommen, werden besser als wir sein. Immerhin haben auch wir ein bißchen dazu beigetragen, nicht wahr?

Welche Aufgabe sollen diese Mädchen, diese elfhundert Mädchen, haben? Nun, am Vormittag werden sie studieren, um Grundschullehrerinnen zu werden; nachmittags werden sie Marxismus und Politökonomie und eine Fremdsprache studieren, und am Abend sollen sie zwanzigtausend Mädchen in den Schulen für Hausangestellte unterrichten. Dazu müssen diese Genossinnen jetzt aufgeteilt werden, nicht nur auf die Hauptstadt, sondern auch auf das Landesinnere, denn es muß damit begonnen werden, Schulen für Hausangestellte auch im Landesinneren zu schaffen.

Viele von diesen Mädchen waren bisher nicht nur als revolutionäre Instrukteurinnen tätig, denn sie haben ja auch ihr Instrukteurinnendiplom erst jetzt erhalten, aber sie wurden als Instrukteurinnen ausgebildet. Fortan werden sie sich auf den Lehrerinnenberuf vorbereiten und gleichzeitig als Lehrerinnen unterrichten. Das ist ohne Zweifel eine Methode, die zu sehr guten Ergebnissen führen wird, denn die Mädchen werden während ihrer Lehrzeit einen großen Erfahrungsschatz sammeln, den das tägliche Leben und die tägliche Arbeit jeder von ihnen geben wird.

Wie lange sollen sie an dieser Schule studieren? Drei Jahre. Und was werden sie nach Abschluß der drei Jahre an dieser Schule beginnen? Dann werden sie an der Universität studieren.

Wir werden diese Genossinnen also viele Jahre lang studieren lassen, studieren und arbeiten. Dabei werden sie auch schon etwas verdienen; sie werden zwanzig Pesos verdienen, und das ist schon etwas für einen Studenten. Wir wissen sogar, daß sich einige von ihnen kleine Sparkonten angelegt haben, und einige haben sie nicht einmal angerissen, denn sie haben dort keine großen Ausgaben. Alle vierzehn Tage gehen sie ins Kino; in diesem Kino hier sehen sie die besten Filme, und das kostet sie keinen Centavo. Es fehlt ihnen also, wie mir gesagt wurde, tatsächlich an nichts, und deshalb können sie sogar sparen.

So entwickelte sich diese Idee mit der Schule derart, daß ein großer Ausbildungsplan daraus geworden ist, von dem Zehntausende von Menschen erfaßt werden. Er ist eines der großen Werke der Revolution, eine der vielen Richtungen, zu denen hin sich die Revolution entwickelt. Und man kann daran ganz deutlich sehen, wie die Revolution voranschreitet und wie sie Früchte zu tragen beginnt.

Solche Früchte zum Beispiel, daß innerhalb von sieben Jahren diese elfhundert Mädchen bereits ihr Universitätsstudium abgeschlossen haben werden. Aber darüber hinaus werden das Mädchen sein, die bereits selbst reiche Frucht erbracht haben. Sie werden Zehntausende junger Menschen unterrichtet haben; sie werden ihnen auf dem Gebiet der Allgemeinbildung Wissen vermittelt haben; sie werden dazu beigetragen haben, aus diesen einfachen Mädchen Kräfte heranzubilden, die im Staatsapparat, in den Banken, in den Fabriken arbeiten. Kurz, sie werden, wenn sie selbst ihre Ausbildung abgeschlossen haben, obwohl sie dann noch sehr jung sein werden, ihrem Volk einen großen Dienst geleistet haben.

Das sind so einige der Dinge, von denen wir alle träumen, und so fassen wir die Revolution auf. Wir fassen die Revolution als etwas wahrhaft Schöpferisches auf, als etwas, das auch nicht eine Minute lang aufhört, schöpferisch zu sein, als eine unaufhörliche Weiterentwicklung, eine unaufhörliche Steigerung der Ideen, wobei alles von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr immer besser gemacht wird. So fassen wir die Revolution auf! Als einen unaufhörlichen Kampf gegen alle Hindernisse, gegen alle Mängel, gegen alle Mißstände, gegen alle Fehler, gegen unsere eigenen Fehler; als einen unaufhörlichen Kampf darum, eine bessere Gesellschaftsordnung herbeizuführen, ein besseres Vaterland, einen vollkommneren, einen glücklicheren Bürger zu schaffen.

Das heißt Revolution, und so müssen wir eine Revolution begreifen. Um wieviel weiter wird die Revolution vorwärtskommen, wenn sie von uns allen so begriffen wird!

Das Schwierigste an der Revolution ist, sie zu begreifen, sie zu begreifen zu beginnen. Anfangs wird sie nur von wenigen verstanden; es werden ihrer zwar täglich mehr, doch es gibt auch viele, die sie schlecht begreifen. Und der Kampf geht darum, daß es immer mehr sein müssen, die die Revolution begreifen; immer mehr müssen die werden, die sie besser begreifen, und immer weniger die, welche sie schlecht begreifen.

Wie notwendig ist es doch, über all dies nachzudenken! Wie gut werden wir mit den Aufgaben der Revolution fertig werden, wenn wir mehr über diese Dinge nachdenken, und um wieviel besser wird die Revolution vorankommen, je mehr wir uns darüber klar werden, was sie eigentlich ist und wie sie vorankommen, wie sie vorwärtsschreiten muß! Die Voraussetzung dafür, daß sie Fortschritte macht, ist aber ein ständiges starkes Bemühen darum, und nur ein solches Bemühen ist wirklich fruchtbringend.

Ihr seht es an euch selbst, Genossinnen, was dieser Kampf, was dieses Bemühen für Frucht bringt. Wie vielen Menschen tun wir so viel Gutes an, leisten wir große Hilfe, verschaffen wir Vorteile, helfen ihnen, besser zu werden, wieviel Menschen lassen wir nützlicher werden, machen wir glücklicher! Vergleicht nur einmal das Bild irgendeiner dieser Hausangestellten, irgendeines dieser von der Gesellschaft vergessenen Mädchen, dieser mißhandelten und fast verachteten Mädchen, die oft weniger liebevoll behandelt wurden, als einige Leute ihre Hunde behandeln; vergleicht so ein Menschenkind, diese eure Mitbürgerin, dieses Wesen, das eure Schwester ist - vergleicht es mit dem Mädchen, das ja eben dieses selbe Mädchen ist, dem sich jetzt neue Horizonte eröffnen, das ein Stipendium an einer Schule hat, das sich neue Kenntnisse erwirbt, die es ihm ermöglichen, von seiner bisherigen Arbeit, dieser Arbeit, in der nichts produziert wird, loszukommen und sich darauf vorzubereiten, Arbeiten zu leisten, welche für unser Volk und für dieses Mädchen selbst von Nutzen sind.

Diese beiden Situationen muß man einmal miteinander vergleichen; man muß vergleichen, wie es in solch einem Mädchen vorher aussah und wie es jetzt in ihm aussieht. Dann wird einem klar werden, wieviel Gutes hier geleistet wird, dann wird man begreifen, daß Revolution bedeutet: lehren, helfen, vervollkommnen, ständig seine Kräfte weiterentwickeln. Daß Revolution bedeutet, wir müssen auf allen Ebenen mit diesem Geist der Hochherzigkeit und besessen von diesem Gedanken an das Gute und an die Höherentwicklung arbeiten - daß wir nach allen Richtungen hin so arbeiten müssen. Und daß wir die Schlacht gegen jene gewinnen müssen, die die Revolution schlecht begreifen, die nicht stets und ständig von dem Gedanken begeistert sind, sich selbst zu übertreffen, von dem Gedanken zu helfen, von dem Gedanken, besser zu werden. Ja, wir müssen die Schlacht gegen diejenigen, welche die Revolution nicht begreifen, gewinnen.

Wie ist das eigentlich mit der Revolution? Ist es damit etwa ein leichtes Ding? Ist das vielleicht eine einfache Sache? O nein! Die Revolution ist eines der kompliziertesten und schwierigsten gesellschaftlichen Phänomene. Der Übergang von einer Gesellschaftsordnung zu einer neuen ist eines der schwierigsten Beginnen in der Menschheitsgeschichte. Und an solch ein schwieriges Unternehmen, gegen sehr mächtige Feinde, ging unser Volk heran, und damit wird es noch viele Jahre hindurch zu tun haben. Und von uns selbst wird die Festigkeit der Revolution abhängen, von uns selbst wird der Vormarsch der Revolution abhängen; von niemand anderem als von uns selbst wird es abhängen, welche größeren oder kleineren Schwierigkeiten die Revolution haben wird.

Denn die Schwierigkeiten, die uns der Feind in den Weg legt, sind nur folgerichtig; sinnlos dagegen sind die Schwierigkeiten, die wir uns oft durch unseren Unverstand und unsere Torheiten selbst bereiten. Und dagegen gilt es in allen Winkeln unseres Landes anzukämpfen.

Wir haben viele Massenorganisationen, viele Kräfte, die Kräfte der Revolution sind, die für die Revolution lebenswichtig sind und ihr ja auch wirklich gute Dienste leisten.

Ungeachtet dessen muß aber überall gegen Mißgriffe, muß überall gegen Fehler angekämpft werden; manchmal hat es den Anschein, als vergäßen wir es, gegen die Mißgriffe und gegen die Fehler zu kämpfen. Es muß auf allen Gebieten dagegen angekämpft werden, zum Beispiel auch in jedem Komitee zum Schutz der Revolution.

Wer wollte bestreiten, daß die Komitees zum Schutz der Revolution notwendig sind? Wer wollte bestreiten, daß sie der Revolution einen großen Dienst leisten? Wer wollte bestreiten, daß es in ihren Reihen viele gute Bürger gibt? Ja, und trotzdem! Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit einigen Genossinnen in einem Kindergarten, mit Mädchen, die vorher auch Hausangestellte waren und einen Lehrgang mitgemacht hatten, um jetzt in diesem Kindergarten arbeiten zu können. Eine ganze Reihe von ihnen hatte Klagen über die Komitees zum Schutz der Revolution vorzubringen. Es waren Mädchen aus dem Volk, sehr anständige Mädchen aus dem Volk; sie waren keine Konterrevolutionäre, absolut nicht, sondern ganz einfache Mädchen aus dem Volk, die mit der Revolution sympathisieren. Jedes einzelne von ihnen aber hatte eine Klage über ein Komitee zum Schutz der Revolution.

Ja, und warum? Weil man dort Irrtümer begeht, weil man dort Fehler macht; weil es dort keine richtige revolutionäre Wachsamkeit gibt, weil man dort stümperhaft arbeitet, weil man dort Vorrechte schafft und überträgt und weil sie dort für manch einen etwas unter dem Ladentisch aufheben. Und das Volk, das so etwas sieht, beklagt sich dann natürlich, denn unser Volk ist äußerst empfindlich gegen jegliches Unrecht; unser Volk ist äußerst empfindlich gegen Mißgriffe aller Art. Weil es nun aber für eine Revolution notwendig ist, daß das ganze Volk mitmacht, daß es arbeitet, daß es die Revolution schützt, darum ist es ein wahres Unglück, wenn es noch dazu so viele sind, die Irrtümer begehen; denn dadurch haben Tausende und aber Tausende von Menschen unter den Folgen der Irrtümer Tausender Leute zu leiden.

Deshalb ist es so notwendig, daß eine Revolution gegen solche Irrtümer ankämpft, damit sie nicht geschwächt wird, damit kein Schaden gestiftet wird, niemand gekränkt, niemandem grundlos und unberechtigt zu nahe getreten wird.

Was besagt dies? Nun, daß die kollektive Wachsamkeit des Volkes gegenüber Fehlern, gegenüber Ungerechtigkeiten, gegenüber Mißgriffen gesteigert werden muß - denn das Volk hat ein sehr ausgeprägtes Empfinden für Gerechtigkeit und weiß ganz genau, was gut und was schlecht ist. Und niemand hat ein Recht dazu, irgendwem nach seinem Belieben zu schaden; niemand ist berechtigt, irgend jemand gegenüber willkürlich zu handeln, denn die Revolution wurde nicht dazu gemacht, um die Willkürakte irgendeines Menschen zu decken. Keiner hat das Recht, ganz gleich wem gegenüber, ungerecht zu sein, keiner hat das Recht, Ungerechtigkeiten, Willkürakte oder Gewalttätigkeiten gegen irgendeinen zu verüben. Und wer so etwas tut, der handelt unrichtig, der ist ein Feind der Revolution! Der wird bei keinem anständigen Revolutionär Unterstützung finden oder auf Nachsicht rechnen können...

So gibt es Leute, die zwischen Freund und Feind keinen Unterschied zu machen wissen und die es auch nicht verstehen, zwischen einem Feind und jemand, der weder Freund noch Feind ist, zu unterscheiden. Pflicht der Revolution ist es aber, solch einen Menschen nicht in einen Feind zu verwandeln, sondern in einen Freund, in einen Revolutionär!...

Ja, Pflicht eines Revolutionärs ist es, Menschen zu erobern, sie zu gewinnen; Pflicht eines Revolutionärs ist es, zu überzeugen und die Revolution dadurch ständig zu stärken, nicht aber, sie ständig zu schwächen. Es gibt aber Leute, deren Handlungsweise so unausstehlich ist, daß sie dadurch der Revolution Feinde schaffen und den Feinden der Revolution Freunde.

Ist unser Volk etwa unempfindlich gegenüber allem möglichen unkorrektem Vorgehen? O nein, unser Volk ist ein sehr empfindsames Volk; es hat ein außerordentlich feines Empfinden, einen außerordentlich hohen Sinn für Gerechtigkeit. Unser Volk versteht die Revolution so, wie sie verstanden werden muß, als einen Weg zur Vervollkommnung, als einen Weg, der unaufhörlich der Gerechtigkeit entgegenführt, der Freiheit entgegen, der Brüderlichkeit, der Solidarität unter den Menschen, der Liebe zum Menschen, als einen Weg, der unaufhörlich dem Glück entgegenführt.

Revolution heißt, daß einer dem anderen hilft; Revolution heißt, daß alle allen helfen; Revolution heißt, einander verstehen, heißt, immer besser begreifen, welche Pflichten wir gegenüber den anderen Menschen, gegenüber dem Vaterland haben. Revolution heißt, immer besser die hohen Ideale begreifen, die großen Aufgaben und Ziele, die sich unser Volk gestellt hat, die hohe Mission, die unser Volk übernommen hat...

Diese Revolution, Genossinnen - und es ist gut, daß auf diese Dinge hier, anläßlich der Abschlußveranstaltung für dreihundert Instrukteurinnen, die anderen Menschen etwas beibringen sollen, solch Nachdruck gelegt wird -, diese Revolution ist nicht die Sache von irgendwem, diese Revolution ist Sache des Volkes! Und das Volk ist es, dem es zukommt, sie zu schützen, das Volk ist es, dem es zukommt, sie vor Mängeln, vor Ungerechtigkeiten und Fehlern zu bewahren; dem Volk kommt es zu, ihr den Geist von Recht und Gerechtigkeit einzuflößen, und es ist das ganze Volk, das dies tun kann. In diesem Kampf gegen die Überbleibsel aus der Vergangenheit, gegen die schlechten Gewohnheiten aus der Vergangenheit, gegen Mißstände, die bei der geringsten passenden Gelegenheit wieder aufleben können, steht es dem Volk, einzig und allein dem Volk zu, die Revolution vor allem Übel zu schützen und sie immer weiter voranschreiten zu lassen...

Was wir hier vorgetragen haben, gibt eine Vorstellung von der Arbeit, die wir zu leisten haben, und von der großen Arbeit, die auf euch alle wartet. Denn gerade ihr müßt ja eine ausgesprochen politische Arbeit leisten bei der Bildung des politischen und revolutionären Bewußtseins der Mädchen, sowohl in der Hauptstadt wie im Innern des Landes. Ihr werdet gegen viele Fehler, große und kleine, aufzutreten haben, ihr werdet gegen all das ankämpfen müssen. Ihr seid darauf ein ganzes Jahr lang vorbereitet worden, und nach allen Berichten, die wir darüber erhielten, habt ihr die Vorbereitung für die Arbeit, an die ihr gehen werdet, erfolgreich zum Abschluß gebracht.

Wir müssen uns zur Aufgabe stellen, das ganze Volk zu erziehen. Die Revolution besitzt ihre Schulen für revolutionäre Instruktion; doch diese Schulen genügen nicht. Wir müssen das ganze Volk erziehen, wir müssen unsere Jugend erziehen, diese Zehntausende und aber Zehntausende von Stipendienempfängern, denn sie werden schlechthin die Generation der Zukunft unseres Vaterlandes sein, die besser vorbereitet sein wird als die gegenwärtige, die Generation, die dazu berufen ist, in unserem Vaterland große Aufgaben zu verwirklichen. Wir müssen vor allem daran arbeiten, aus dieser Jugend bewußte Revolutionäre zu machen, staatsbewußte, vollkommene, allseitige Revolutionäre.

Zehntausende und aber Zehntausende junger Menschen haben wir, die bereit sind, zu lernen, zu studieren, die bereit sind, einzusehen, daß uns noch vieles zu tun bleibt. Wieviel uns noch zu tun bleibt! Und wenn wir noch soviel tun, immer werden wir entdecken, daß uns noch weit mehr zu tun übrigbleibt! Schaut doch nur einmal das Beispiel, das wir heute vor uns haben, den Studienabschluß der Genossinnen, die als revolutionäre Instrukteurinnen für Zehntausende von Hausangestellten tätig sein werden, für Genossinnen, die in fremden Haushaltungen arbeiten. Was gibt uns das zu bedenken? Es gibt uns zu bedenken, wieviel Ungleichheit es in unserer Gesellschaft noch immer gibt, wieviel Not, wieviel schwere körperliche Arbeit! Wieviel geduldige, mißhandelte Menschen, die von unproduktiver, von erniedrigender Arbeit erlöst werden und einer nutzbringenden, menschenwürdigen, einer produktiven Arbeit zugeführt werden müssen!

Ja, wieviel bleibt uns in unserer Gesellschaft noch zu tun übrig! Wieviel Probleme sind noch im Hinblick auf die Frauen, auf die Frauenarbeit zu lösen; wieviel Bildungsstätten müssen noch geschaffen werden, wieviel Einrichtungen, die dazu beitragen, die Frau von der sie versklavenden Hausarbeit zu erlösen und sie ins produktive Leben einzugliedern, sie also frei zu machen von einem Leben, in dem sie durch viele Fesseln zur Sklavin wird! Darum müssen wir noch viel mehr daran arbeiten, eines Tages dahin zu kommen, daß es keine Hausangestellten mehr gibt und keine Familien, die Mädchen für die Hausarbeit benötigen; daß die Frauen die gleiche Arbeit wie die Männer leisten und die gleichen Chancen haben. Wir müssen dahin kommen, daß den Frauen von der Gesellschaft alle Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden, die es ihnen erlauben, ihren Obliegenheiten nachzukommen. Dazu gehört, daß die Kinder direkt in der Schule oder in der Nähe der Schule ihr Essen bekommen, ohne mittags nach Hause gehen zu müssen, und daß ein großer Teil der Werktätigen direkt in den Betrieben oder in deren Nähe essen kann.

Wieviel müssen wir also noch immer arbeiten, um viel bessere Lebensbedingungen, viel freiere Lebensbedingungen zu schaffen! Vieles bleibt uns noch zu tun, und wir stehen dabei immer noch erst am Anfang! Das ist der Grund dafür, daß die Schulen von so großer Bedeutung sind, daß die Revolution ihr Interesse den Schulen zugewendet hat, der Bildung überhaupt. Denn wir sind daran interessiert, das Volk, die Jugend vorzubereiten, damit die Revolution weiter voranschreiten kann, damit die Menschen sie auf höhere Stufen führen, damit sie mit ihr zusammen vorankommen, damit sie den Weg des Fortschritts Schritt für Schritt weiter emporsteigen, einer besseren Zukunft, einer besseren Gesellschaft, einem glücklicheren Leben entgegen!

Wir haben gekämpft, und ein jeder von uns wird weiterkämpfen, solange wir noch ein Fünkchen Energie besitzen. Doch das Werk ist nicht unseres allein, das Werk darf nicht nur das Werk unserer Generation sein; die Revolution muß vor allem das Werk der neuen Generation sein, der Jugend, die jetzt heranwächst, der Menschen, die sich für die Zukunft bereit machen.

Ich habe euch eine Vorstellung davon geben wollen, wie wichtig es ist zu studieren, wie wichtig es ist, sich vorzubereiten, über sich selbst hinauszuwachsen um der großen Aufgabe, der großen Arbeit willen, die ihr, liebe Jugend, vor euch habt! Die ihr vor euch habt, damit die Zukunft unseres Vaterlandes zur Wirklichkeit wird, damit sich das Hoffen unseres ganzen Volkes erfüllt. Denn dafür haben wir die Banner der Revolution erhoben; denn dafür haben wir uns so oft bereit erklärt, unser Leben hinzugeben, und haben so viele ihr Leben hingegeben; den dafür haben wir gerufen und werden wir immer wieder rufen: Vaterland oder Tod! Wir siegen!

Fidel Castro Ruz
Theater Chaplin, Havanna, 16. März 1962

Noticias de Hoy, 17. März 1962

Quelle: Fanal Kuba, Dietz Verlag Berlin 1963
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Karl Dietz Verlages Berlin