Aus der Rede anläßlich des Studienabschlusses von dreihundert revolutionären Instrukteurinnen im Theater "Chaplin" 16. März 1962.
Fidel Castro erhält den Lenin-Friedenspreis |
Verehrte Mitglieder des Internationalen Komitees für die Verleihung des Lenin-Friedenspreises;
Meine Herren Botschafter;
Genossinnen und Genossen!
Große und tiefe Bewegung erfüllt uns alle in diesem Augenblick, doch wir wollen uns bemühen, unserer Gefühle Herr zu werden, und einige Überlegungen über die Sache anstellen, die uns heute hier vereint, über den Frieden, über dieses Wort, das so viel in sich birgt, über diese jahrtausendealte Sehnsucht der Menschheit.
Denn das Streben nach Frieden lebt im Menschen, seit es Kriege gibt, und Kriege gibt es, seit es Ausbeutung gibt.
Das ist doch gerade der Ursprung des Krieges: die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Je mehr sich der Mensch dem Zeitalter nähert, da die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen verschwunden sein wird, desto begründeter ist die Hoffnung der Menschheit auf Frieden, desto brennender wird der Wunsch der Menschheit nach Frieden.
Ebenso richtig ist auch, daß in keinem Augenblick der Geschichte der Menschheit der Frieden so notwendig war wie heute, denn noch niemals in der Geschichte der Menschheit bedeutete Krieg so viel Zerstörung und so viel Tod. In keinem Augenblick der Geschichte der Menschheit ist der Gedanke an einen Krieg so schrecklich gewesen wie heute.
Wer ist es, der die Kriege herbeiführt? Wer ist es, der in diesem Augenblick die Menschheit mit der Gefahr eines neuen Krieges bedroht? Es sind die Ausbeuter, die Kapitalisten, die Kolonialisten, die Imperialisten.
v
Wer aber kämpft für den Frieden? Die Sozialisten!
Und das ist nur natürlich, weil der Kapitalismus Ausplünderung bedeutet und der Sozialismus friedliche Arbeit. Die Kapitalisten wollen von der Ausplünderung leben, von der Ausbeutung der menschlichen Arbeit, von der Ausbeutung der Arbeit der Völker, während wir Sozialisten von der Arbeit, von unserer eigenen Arbeit leben wollen.
Sozialismus bedeutet Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen; deswegen bedeutet Sozialismus Frieden.
Kein sozialistisches System lebt von der Ausbeutung der Arbeit anderer Völker oder des natürlichen Reichtums anderer Völker. Im Sozialismus gibt es keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.
Der Kapitalismus und seine höchste Phase, der Imperialismus, lebt in erster Linie von der Ausbeutung der Arbeit anderer Völker, von der Ausbeutung des natürlichen Reichtums anderer Völker und von der Ausbeutung der Arbeiter, der Werktätigen im eigenen Lande.
Um diese Ausplünderung, diese Ausbeutung aufrechtzuerhalten – sowohl die des eigenen Volkes als auch die anderer Völker -, brauchen die Imperialisten Gewalt, brauchen sie Armeen, brauchen sie die furchtbarsten Massenvernichtungswaffen. Um diese Ausbeutung, diesen Raub zu verewigen, brauchen sie den Krieg oder müssen mindestens die Menschheit unentwegt unter Kriegsdrohung halten.
Kein Bürger eines sozialistischen Landes besitzt Güter oder Reichtümer auf den Territorien eines anderen Landes; kein sozialistischer Staat besitzt solche Güter oder Reichtümer auf fremdem Territorium. Die Monopolisten der imperialistischen Länder dagegen besitzen zahllose Ressourcen, unermeßliche Reichtümer auf dem Territorium anderer Völker. Auf diese Weise können sie die Arbeit der unterdrückten Völker, der Kolonialvölker ausbeuten, können sie andere Völker ausplündern. Um diese Ausplünderung, diese Kolonialherrschaft, diese Macht aufrechtzuerhalten, brauchen die Imperialisten Waffen, Armeen, Gewalt, Kriege oder Kriegsdrohungen.
Damit ist bewiesen, warum Sozialismus Frieden und Kampf für den Frieden bedeutet.
Der Sozialismus braucht keine Armeen, keine Waffen, keine Gewalt, er braucht keinen Krieg und keine Kriegsdrohung, weil Sozialismus nicht Ausbeutung bedeutet, weil Sozialismus nicht Macht über andere Völker, nicht Ausplünderung anderer Völker bedeutet.
Darum steht unser Volk, unser sozialistisches Volk, unser revolutionäres Volk, auf der Seite des Friedens.
Und wir wissen aus schweren Erfahrungen nur zu gut, daß Armeen und Waffen etwas sind, was uns die Imperialisten aufzwingen; sie, die uns früher ausbeuteten und uns wieder ausbeuten wollen, sie, die uns früher unterdrückten und uns wieder unterdrücken wollen, sie, die uns früher ausplünderten und uns wieder ausplündern wollen. Sie sind es, die uns zwingen, große Summen für Armeen und Waffen auszugeben, so wie sie allen sozialistischen Ländern die harte Notwendigkeit aufgezwungen haben, gewaltige Mittel und Energien der schöpferischen Arbeit, dem friedlichen Aufbau, den Plänen für die Industrialisierung, für Volksbildung, zur Hebung des Lebensstandards der Völker zu entziehen, weil es notwendig war, sich vor den Drohungen und Aggressionen der Imperialisten zu schützen.
Die Imperialisten brauchen den Krieg. Der Kapitalismus ist, wie Karl Marx sagte, "von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend" zur Welt gekommen. Der Kapitalismus war für die Menschheit immer gleichbedeutend mit blutigen und barbarischen Kriegen, Kolonialkriegen, Weltkriegen, lokalen Kriegen, Kriegen um die Aufteilung der Welt, Kriegen zur Versklavung der Völker, Kriegen um die Neuaufteilung der Welt, immer blutigeren, immer vernichtenderen Kriegen, Kriegen, die immer mehr Opfer, immer mehr Blut, immer mehr Zerstörung kosteten, Kriegen, in denen die Zerstörung immer tiefer ins Hinterland, immer weiter weg von den Schlachtfronten getragen wurde, immer mehr die schutzlose Bevölkerung erfaßte; Kriegen, die immer schrecklicher, immer unmenschlicher wurden. Imperialismus bedeutet heute Kriegsdrohung, die Gefahr eines Krieges, dem gegenüber alle vorangegangenen verblassen würden, eines Krieges, der die Vernichtung von Hunderten von Millionen Menschenleben mit sich bringen würde, wenn es überhaupt möglich ist, die Folgen eines Atomkrieges zu ermessen.
Darum bedeutet Friedenskampf Kampf zur Rettung der Menschheit vor einem apokalyptischen Schicksal, Kampf um die Rettung von Hunderten von Millionen Menschenleben, Männern, Frauen und Jugendlichen, Greisen und Kindern; Kampf, um die Menschheit vor Hunderttausenden von Krüppeln, Verletzten und Dahinsiechenden, vor unermeßlichen Zerstörungen als Folgen eines Atomkrieges zu bewahren.
Das alles heißt Friedenskampf, und darin besteht die Bedeutung des Kampfes für den Frieden.
Friedenskampf bedeutet aber auch Kampf für die Unabhängigkeit der Völker, bedeutet Kampf für die Befreiung der Kolonien, bedeutet Kampf für die ökonomische Entwicklung der ärmeren Länder, bedeutet Kampf für die Befreiung der Völker von Ausbeutung und imperialistischer Herrschaft. Für den Frieden kämpfen, das heißt gegen den Krieg, für die Abrüstung kämpfen, bedeutet keineswegs, eine passive Haltung einnehmen. Dieser Kampf fordert vielmehr ein aktives Eintreten für die Unabhängigkeit und Befreiung der Völker.
Der Imperialismus braucht die Kriegsgefahr unter anderem auch dazu, den Massen der eigenen Völker gewaltige Steuerlasten aufzubürden, um die hohen Extraprofite der Monopole zu erhalten. Die Imperialisten brauchen die Kriegsgefahr, um ihre Kriegswirtschaft aufrechtzuerhalten. Kriegswirtschaft bedeutet, daß die Arbeiter, die Werktätigen der imperialistischen Länder selbst, alljährlich Dutzende und Hunderte von Milliarden Dollar zahlen müssen, um den Monopolen, den Ausbeutern ihre Profite zu erhalten.
Die Imperialisten brauchen die Kriegsgefahr, um ihre eigenen Arbeiter, die Werktätigen ihres eigenen Landes, weiterhin zu unterdrücken. Die Imperialisten brauchen die Kriegsgefahr, um aufzurüsten, um das Wettrüsten zu rechtfertigen. Und sie müssen bis zu den Zähnen bewaffnet sein, um ihre Vorrechte zu erhalten, um ihre Stellung als moderne Seeräuber, als moderne Piraten zu halten. Sie müssen bis zu den Zähnen bewaffnet sein, um die für ihre Freiheit kämpfenden Völker zu bedrohen. Sie müssen bis zu den Zähnen bewaffnet sein, um die Völker in Lateinamerika, in Afrika und in Asien zu bedrohen und ihre Kämpfe zu unterdrücken, um in den Ländern, wo die imperialistischen Monopole an der Regierung sind, die Befreiung ihrer eigenen Arbeiter zu verhindern.
Darum ist der Kampf gegen das Wettrüsten, der Kampf für die Abrüstung, ein Kampf gegen diese Bedrohung, gegen diese Erpressung, ein Kampf gegen die Einmischung der Imperialisten in das politische Leben der ausgebeuteten und unterdrückten Völker Amerikas, Afrikas, Asiens und selbst der Länder, wo das kapitalistische System die volle Macht in der Hand hat.
Merken wir es uns gut: Das ist es, was der Kampf für den Frieden, was der Kampf für die Abrüstung bedeutet. Die sozialistischen Völker können ehrlich für die Abrüstung kämpfen, weil sie Waffen für nichts anderes als zu ihrer Verteidigung brauchen. Die imperialistischen Länder dagegen widersetzen sich der Abrüstung, denn sie brauchen die Waffen, um zu erpressen, um zu unterdrücken, um zu intervenieren, um zu plündern.
Darum kämpfen die sozialistischen Länder konsequent für Abrüstung und Frieden; darum sind es die sozialistischen Länder, die die Menschheit überzeugen können und von Tag zu Tag mehr überzeugen, daß sie ehrlich für Abrüstung und Frieden kämpfen, während es von Tag zu Tag offensichtlicher wird, daß die Gegner des Friedens und der Abrüstung die Ausbeuter, die Räuber, die Kolonialherren, die Imperialisten sind.
Darum ist dieser Kampf ein Kampf aller Völker der Welt, der Völker der sozialistischen Länder, der Völker der kolonialen Länder, der unterdrückten Länder, der vom Imperialismus beherrschten Länder, aber auch ein Kampf der Arbeiter und Völker der imperialistischen Länder.
Darum sehen wir auch, wie selbst in den Vereinigten Staaten der Friedenskampf stärker wird, wie selbst in den Vereinigten Staaten die Proteste und Kundgebungen der Bevölkerung gegen die Kriegspolitik der Imperialisten, gegen das Wettrüsten von Tag zu Tag häufiger werden, denn es handelt sich um eine Sache der ganzen Menschheit. Und darum wird auch die ganze Menschheit in den verschiedensten Formen, in den jeweils notwendigen Formen, zum Friedenskampf beitragen.
Ihren Beitrag leisten die amerikanischen Mütter, die vor dem Weißen Haus demonstrieren, ihren Beitrag leisten die Friedenskomitees überall in der Welt. Beiträge zum Friedenskampf sind die Kundgebungen, die Aufrufe und Schriften, die Bemühungen in den kapitalistischen ebenso wie in den sozialistischen Ländern. Ihren Beitrag leisten die Südvietnamesen, die gegen die amerikanischen Imperialisten und ihre Intervention kämpfen, ihren Beitrag leisten die heldenhaften Kämpfer des guatemaltekischen Volkes, die gegen die Marionette Ydigoras kämpfen, ihren Beitrag leisten die Angolaner, die gegen den portugiesischen Imperialismus kämpfen, die Argentinier, die gegen das reaktionäre Regime Frondizi stimmen. Auf heldenhafte Weise leisteten ihren Beitrag die Algerier, die ihre Unabhängigkeit erkämpften. Ihren Beitrag leistet die Sowjetunion, indem sie eine Bombe von 60 Megatonnen erprobt. Und das ist keineswegs ein Widerspruch, daran ist nichts paradox. Es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen den Bomben, die von den Imperialisten erprobt werden, und denen der Sowjetunion. Diese erprobt ihre Bombe, um den Imperialisten klarzumachen, was sie erwartet, wenn sie einen Krieg vom Zaune brechen sollten, und jene erproben ihre Bomben, um zu erpressen, um zu drohen, um die Völker einzuschüchtern, um die Völker, die für Unabhängigkeit, Souveränität und Freiheit kämpfen, mit Angst und Schrecken zu erfüllen.
So gibt jeder, was er zu geben vermag, so leistet jeder im Friedenskampf, was er leisten kann. So hat auch unser Volk beigetragen, was es beitragen konnte; es hat seinen Beitrag für den Frieden geleistet, als es die Söldner, die in unser Land einfielen, in weniger als 72 Stunden schlug.
Damit, daß es sich von der imperialistischen Herrschaft befreite und mit seinem Beispiel den Brudervölkern Lateinamerikas den Weg zeigte, hat unser Volk einen großen Beitrag für den Frieden geleistet. Mit der ersten und der zweiten Deklaration von Havanna, in denen wir unsere Erfahrungen niederlegten, mit der Darlegung unserer Kampfmethoden, die der kubanischen Revolution zum Siege verhalfen, hat unser Volk einen Beitrag für den Frieden geleistet.
So kämpfen die unterdrückten Völker für den Frieden, indem sie für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Wenn ihnen alle Wege verschlossen sind, kämpfen sie für den Frieden, indem sie ihre reaktionären Regime stürzen. Auch die Arbeiter der imperialistischen Länder können für den Frieden kämpfen, und sie kämpfen für den Frieden, indem sie sich gegen die Steuerlasten wehren, gegen die steigenden Lebenshaltungskosten, gegen das Wettrüsten. Und die sowjetischen Wissenschaftler kämpfen für den Frieden, indem sie die technische und militärische Macht der Sowjetunion festigen.
Jeder muß auf seine Weise für den Frieden kämpfen, jeder wie er kann und mit dem, was er hat.
So kämpft Lateinamerika für den Frieden, indem es immer energischer gegen den Imperialismus auftritt. Je mehr Völker für den Frieden kämpfen, um so mehr Möglichkeiten gibt es in der Welt für den Frieden, um so mehr hält man die Imperialisten in Atem, um so weniger wird es ihnen gelingen, einen Krieg zu entfesseln.
Darum können die unterdrückten Völker einen großen Beitrag für den Frieden leisten, indem sie gegen den Imperialismus kämpfen, indem sie gegen die reaktionären und diktatorischen Regime kämpfen. Seht doch, wie die Marionetten des Imperialismus schon zittern, wie sie wanken, seht, wie die verräterischen Regime in Lateinamerika wanken, wie die Feinde der Völker Lateinamerikas zittern! Und dieses Zittern überläuft das ganze Rückgrat des amerikanischen Kontinents, von Patagonien bis Washington.
Und während die revolutionäre Ordnung Kubas fest auf seinen Füßen steht und um so fester stehen wird, je mehr wir es verstehen, alle Hindernisse zu überwinden, die Hindernisse, die unsere Feinde uns in den Weg stellen, und die Hindernisse, die wir uns selber manchmal bereiten, wanken die anderen Regime, die sich zum Komplicen des Imperialismus gegen Kuba machten. So wankt auch die Marionette Ydigoras in Guatemala, und in seiner Verzweiflung fällt ihm nicht anderes ein, als Kuba anzuklagen, Kuba zu beschuldigen. Ja, Kuba ist schuld, sein Beispiel ist schuld! Aber die andere Schuld, die Schuld, die Revolutionen hervorruft, die Schuld, die Rebellionen der Völkerhervorruft, ist die Schuld des Imperialismus und der Ausbeuter.
Welche Schuld trägt Kuba an dieser Ausbeutung? Welche Schuld trägt Kuba an der Sklavenherrschaft des Imperialismus? Welche Schuld trägt Kuba, daß diese Ursachen bei den Völkern Rebellionen auslösen? Denn die Revolutionen werden von den Völkern gemacht, und in Guatemala macht sie das guatemaltekische Volk. Junge Guatemalteken aus Offiziersfamilien, aus den Militärakademien hervorgegangen, zum Teil sogar an amerikanischen Akademien erzogen, stehen an der Spitze der Rebellion des guatemaltekischen Volkes. Sie haben nicht in Havanna studiert; ihre Ausbildung haben sie nicht in unserem Lande erhalten, sondern nicht selten sogar in den Vereinigten Staaten selbst. Und das spricht Bände. Wenn diese jungen Menschen heute an der Spitze der Rebellion stehen, bedeutet das, daß nichts den Imperialismus mehr retten kann! Gegen den Imperialismus, das heißt für die Befreiung ihrer Völker, kämpfen sogar diejenigen, die aus den Militärschulen des Imperialismus hervorgegangen sind. Und das deutet darauf hin, daß vielleicht sehr bald viele der Offiziere, die heute für die Unterdrückung des Partisanenkampfes ausgebildet werden, daß von den Offizieren, die heute zu Hunderten in Panama ausgebildet werden, einige, vielleicht sogar viele, morgen Partisanen gegen den Imperialismus sein werden.
Denn die Völker Amerikas finden ihre Kampfmethoden, die Völker Amerikas finden den Weg der Befreiung, die Völker Amerikas erheben den Kopf immer höher, und das freut uns. Mögen die Imperialisten ihre Schuld auf uns schieben. Das haben wir uns schon an den Schuhsohlen abgelaufen, daß sie jede Schuld ihrer Ausbeutungspolitik auf unser Vaterland abschieben wollen und daß deshalb die Drohung einer imperialistischen Aggression immer über uns schwebt. Wir werden darum auch in ständiger Gefahr sein. Aber das macht nichts. Diese Gefahr wird uns nicht schrecken, wir werden vor dieser Gefahr nicht zittern. In ganz Amerika zittern dagegen die Reaktionäre, in ganz Amerika zittern dagegen die Imperialisten vor dem revolutionären Aufschwung der Völker!
Die Imperialisten wollen glauben machen, daß wir die Revolutionen hervorrufen. Wir sagten es schon in der Deklaration von Havanna: Die Revolutionen werden nicht importiert, die Revolutionen werden von den Völkern gemacht. Die Revolutionen werden nicht erfunden, die Revolutionen werden von den Völkern gemacht, wenn die Verhältnisse vorhanden sind, die Revolutionen hervorrufen. Und die Imperialisten haben in Lateinamerika diese Verhältnisse geschaffen.
Was haben sie in Argentinien erlebt? Was haben sie erlebt, trotz ihrer vielgepriesenen "Allianz für den Fortschritt"? Was haben sie erlebt, als sie mit Erpressung und militärischem Druck den Abbruch der Beziehungen Argentiniens zu Kuba und die völlige Beherrschung der argentinischen Wirtschaft erreichen wollten? Was haben sie erlebt? Eine politische Niederlage durch die Kräfte des Volkes! Eine politische Niederlage, unerwartet und entmutigend für sie, wie sie schlimmer nicht hätte sein können! Die Notwendigkeit neuer Unterdrückungsmethoden, neuer Willkürakte gegen das argentinische Volk, neuer Widersprüche, neuer militärischer Interventionen und damit eine Verschärfung des Kampfes des argentinischen Volkes! Die Aussicht, Millionen zum Widerstand, zum Streik bereiter Arbeiter niederhalten zu müssen! Die Notwendigkeit, mit Gewalt und Terror vorzugehen und dadurch die Völker nur noch rascher zur Revolution zu treiben! Und wenn dieser Terror gegen das Volk, gegen die Arbeiterklasse, gegen die Millionen Werktätigen das argentinische Volk zum Widerstand treibt, zur Rebellion und schließlich sogar zum bewaffneten Kampf, dann gebt nicht Kuba die Schuld! Wie also können sie Kuba beschuldigen, wenn sie selbst die Völker in diese Lage bringen, wenn sie selbst sie dazu zwingen, sich zu erheben, zu kämpfen?
Und wenn das Volk von Venezuela den Kampf aufnimmt, weil es der Massaker müde ist, weil es der Verbrechen und Folterungen müde ist, weil es der Hunderte von Toten, der Tausende von unschuldig Eingekerkerten müde ist, weil es der Ausbeutung der Monopole, der imperialistischen Ausplünderung müde ist, weil es eines Regimes des Verrats und der Selbstaufgabe müde ist, dann gebt nicht Kuba die Schuld! Welche Schuld trägt Kuba daran, daß die Studenten dort von den Marionetten der Imperialisten ermordet, die Arbeiter von den Lakaien der Imperialisten niedergemetzelt werden? Welche Schuld trägt Kuba an der Ausbeutung durch die Monopole? Welche Schuld trägt Kuba daran, daß die Völker sich zum Kampf erheben, daß sich immer mehr Völker zu kämpfen entschließen, daß sie sich entschließen, zu den dafür erforderlichen Mitteln zu greifen, wenn ihnen sonst alle Wege versperrt sind? Welche Schuld trägt Kuba an alldem, es sei denn die Schuld, daß wir uns selber von Diktatur, Massaker, Verbrechen, Folterungen und Ausbeutung befreit haben? Welche andere Schuld trägt Kuba als die, selbst frei zu sein? Welche andere Schuld trägt Kuba als die, die amerikanischen Monopole von seinem Territorium verjagt zu haben? Welche andere Schuld trägt Kuba als die, dem Schrecken der Diktatur ein Ende bereitet zu haben, die vom Imperialismus ausgebildeten und bewaffneten Kräfte der Diktatur besiegt zu haben? Welche andere Schuld trägt Kuba als die seiner eigenen Freiheit, seines Beispiels, seiner Würde, seiner Standhaftigkeit, seines Heldentums, seiner Entschlossenheit zu siegen oder zu sterben? Die Schuld, die Imperialisten an der Playa Girón geschlagen zu haben! Die Schuld der Entschlossenheit, sie immer wieder zu schlagen, sooft sie uns angreifen, und zu widerstehen, bis zum letzten Blutstropfen!
Welche Schuld trägt Kuba, daß die Geschichte so und nicht anders verläuft? Welche Schuld trägt Kuba, daß nach den Gesetzen dieser Geschichte die Brudervölker Amerikas berufen sind, frei zu werden? Welche Schuld trägt Kuba, daß die Imperialisten dies nicht verhindern können? Denn das ist klar, die Imperialisten können den Sieg der Völker nicht verhindern.
Amerika ist zu groß, und seine Völker sind zu zahlreich und zu tapfer, als daß es die Imperialisten verhindern könnten, mögen sie noch so viele Schulen eröffnen und noch so viele Pläne machen. Gerade heute kam die Nachricht, daß sechs Offiziere von Fort Brack nach Guatemala abgereist sind, zweifellos als Berater für den Unterdrückungsapparat gegen die guatemaltekischen Patrioten. Das sind doch Illusionen! Als wenn die Befreiung der Völker, der Marsch der Geschichte von sechs oder auch von sechs Millionen amerikanischen Offizieren oder sechs Millionen Schulen zur Unterdrückung des Partisanenkampfes aufgehalten werden könnte.
Als wenn sie die Befreiung der Völker, den Marsch der Geschichte aufhalten könnten, diese Ausbeuter, dieser verfallende Kapitalismus, dieser Imperialismus, der in der Geschichte schon nach Aas stinkt!
Das ist die Realität, unsere Realität, die Realität Amerikas, Asiens und Afrikas, die Realität der Welt. Und sie zeigt, eine wie mühselige, schwere, komplizierte Aufgabe die Völker zu lösen haben, wenn sie die Kriegsgefahr beseitigen wollen, wenn sie den Krieg aus der Geschichte der Menschheit verbannen wollen; denn gerade in dem Augenblick, da die größten Möglichkeiten bestehen, diese Sehnsucht der Menschheit Wirklichkeit werden zu lassen, ist auch die Gefahr des Krieges, ist die Zerstörungskraft und das Grauen eines solchen Krieges am größten. Es ist der Augenblick der größten Hoffnung der Menschheit und gleichzeitig auch der Augenblick der größten Gefahr für die Menschheit.
Das waren die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, die mich bewegten in diesem ergreifenden Augenblick, auf dieser feierlichen Kundgebung, die auf der einen Seite getragen ist von tiefer Sorge und auf der anderen von Befriedigung und Stolz; auf dieser zutiefst menschlichen und brüderlichen Kundgebung, die getragen ist von der Freundschaft zwischen den Völkern, von der brüderlichen Verbundenheit der Völker, von der Befriedigung über das, was erreicht wurde, und dem Bewußtsein dessen, was wir noch tun müssen. Stolz auf das, was wir erreicht haben, denn wer unter uns hat nicht einen tiefen Stolz verspürt, als unser verehrtes Akademiemitglied aus der Sowjetunion die Worte "Kuba, freies Territorium in Amerika" aussprach!
Das erfüllt uns mit berechtigter Genugtuung, aber auch mit der berechtigten Sorge um die Aufgaben, die noch vor uns stehen, um die Pflichten, die uns noch erwarten, die Pflicht zu kämpfen, die Pflicht zu arbeiten, die Pflicht, unsere Kräfte anzuspannen, die Pflicht, täglich Besseres zu leisten.
Unsere Revolution geht sicher ihren Weg; unsere Revolution marschiert mit festen Schritten. Unser Volk erwirbt jeden Tag mehr Bildung, und es muß noch mehr studieren und sich bilden; unser Volk hat den Weg klar vor sich; unser Volk hat seine Fahnen entrollt, es sind die Fahnen der Revolution, der sozialistischen Revolution, der proletarischen Revolution, der marxistisch-leninistischen Revolution!
Die Wissenschaft des Marxismus-Leninismus erleuchtet den Weg unseres Volkes. Studieren wir den Marxismus-Leninismus, studieren wir ihn jeden Tag besser! Widmen wir uns mit heißem Herzen dem Studium und der Arbeit! Bemühen wir uns, jeden Tag mehr zu begreifen, und nicht nur mehr, sondern auch besser! Nehmen wir diese Wissenschaft in uns auf und wenden wir sie richtig an, denn die richtige Anwendung des Marxismus-Leninismus sichert, daß die Revolutionen von Tag zu Tag gefestigter, von Tag zu Tag stärker werden.
Und denken wir vor allem an einen Grundsatz des Marxismus: Die Massen sind es, die die Geschichte machen! Lösen wir uns niemals von den Massen! Wenden wir uns immer mehr an die Massen! Festigen wir unseren Kontakt zu den Massen immer mehr! Sorgen wir für ein immer engeres Zusammenwirken mit den Massen! Und dieses enge und feste Zusammenwirken wird in dem Maße erreicht werden, wie es uns gelingt, die besten Vertreter der Arbeiterklasse, die besten Vertreter der Werktätigen für uns zu gewinnen, in dem Maße, wie es uns gelingt, die besten Arbeiter, die vorbildlichen Arbeiter für die Einheitspartei der Sozialistischen Revolution zu gewinnen.
Wer hat die größte Autorität bei den Massen, auf jeder beliebigen Arbeitsstelle? Die fleißigsten Arbeiter, die in allem ein Vorbild sind, ein Vorbild vor allem in der Arbeit, ein Vorbild an Kameradschaftlichkeit, ein Vorbild an Klassenbewußtsein, ein Vorbild an Pflichterfüllung;; die ersten bei der Arbeit, die ersten bei der Verteidigung des Vaterlandes, die ersten bei den freiwilligen Arbeitseinsätzen, die ersten in ihren Bemühungen, die ersten in der Opferbereitschaft.
Diese Arbeiter, die ein einwandfreies Leben führen, die nicht mit Makeln aus der Vergangenheit behaftet sind, die ihrer Klasse ein Vorbild sind, die der Stolz ihrer revolutionären Klasse sind - gewinnen wir sie, all diese Arbeiter, all diese Männer und Frauen, und wir werden die beste Verbindung zu den Massen haben, wir werden die Männer und Frauen gewonnen haben, die das höchste Ansehen bei den Massen besitzen!
Auf diesem Weg, niemals losgelöst von den Massen, niemals hinter dem Rücken der Massen, sondern immer mehr eins mit den Massen, so, Genossinnen und Genossen, wird unsere Revolution immer stärker, immer unbesiegbarer sein, wird sie immer mehr ein Beispiel für ganz Amerika werden, wird sie jeden Tag nützlicher und fruchtbarer bei der Verwirklichung der Träume der Menschheit sein, im Kampf der Menschheit für den Fortschritt, im Kampf der Menschheit für den Frieden. Und unser Volk wird sich der Achtung, die ihm entgegengebracht wird, immer würdiger erweisen.
Wir sind am heutigen Abend geehrt worden. Nicht ich allein; ich trage diese Medaille an meiner Brust im Namen meines Volkes! Nicht ich, das Volk ist es, unsere Revolution, unser revolutionäres, unser marxistisches Vaterland, das heute mit der Medaille ausgezeichnet wurde, die den Namen "Für Festigung des Friedens zwischen den Völkern" trägt.
Ich nehme sie entgegen, Genossen Mitglieder des Internationalen Komitees für die Verleihung des Lenin-Friedenspreises, mit tiefem und berechtigtem Stolz, im Namen des Volkes, im Namen der Toten, im Namen derer, die im Verlauf unserer Geschichte fielen, um diese Revolution möglich zu machen.
Vaterland oder Tod! Wir siegen!
Fidel Castro Ruz
Theater Chaplin, Havanna, 21. März 1962
Noticias de Hoy, 22. März 1962
Quelle: Fanal Kuba, Dietz Verlag Berlin 1963
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Karl Dietz Verlages Berlin