Hier ergibt sich niemand …

„Ihr Herren Imperialisten dort, vor euch haben wir keine Angst“

Von Renate Fausten

In den letzten Beiträgen für die Cuba Libre habe ich oft über die Erschöpfung der Kubaner geschrieben: wie die täglichen Stromausfälle, die Suche nach bezahlbaren Nahrungsmitteln, der öffentliche Nahverkehr mit seinen Problemen, der Müll der nicht abgeholt wird, die Abwässer die wegen mangelnden Treibstoffs für die Pumpen die Straßen verpesten etc zermürben. Ich muss ehrlich gestehen, ich hatte schon einige Bedenken, ob wir das noch lange durchhalten würden.

Dann kam der 3. Januar – zu der Zeit waren wir noch in Deutschland und feierten fröhlich den Geburtstag meiner Tochter. Als wir am 4. Januar wieder zuhause ankamen, gab es nur ein Gesprächsthema: die 32 Kubaner, die den venezolanischen Präsidenten in einem ungleichen, verbissenen Kampf mit den sowohl ihnen an Zahl und an Waffen überlegenen US-Delta Spezialtruppen heldenhaft verteidigten. Über hundert Hubschrauber und hunderte von Drohnen waren im Einsatz und ihr heldenhafter Kampf konnte die Entführung Maduros und seiner Frau Cilia Flores letztendlich nicht verhindern.

Man fragte sich zwar auch hier sofort, wie es sein konnte, dass in der ganzen Zeit, die diese Kämpfe dauerten, keine Verstärkung der venezolanischen Streitkräfte kam. Es war ganz offensichtlich, dass es Verräter gegeben haben musste, schließlich war das auf Maduro ausgesetzte Kopfgeld von 50 Millionen Dollar ja hoch genug. Inzwischen verlautet es auch aus russischen Quellen, dass alle Verräter bekannt seien, sich jedoch inzwischen in den USA befänden. Aber darum soll es hier nicht gehen. Das bestimmte hier den Diskurs in keiner Weise.

Ehrung der 32 in Venezuela gefallenen kubanischen Helden Foto: radiocabaniguan.cu
Hier ging es um die Trauer um die 32 Kämpfer, die so intensiv war, und sowohl in den Netzen, auf der Straße, im Fernsehen schlicht überall zum Ausdruck gebracht wurde. Als die Namen dann auch noch ein Gesicht bekamen, hatte man allenthalben das Gefühl einen Familienangehörigen verloren zu haben. Am 8. Januar dann kamen die sterblichen Überreste der Gefallenen in Kuba am Flughafen in Havanna an. Nach einer würdevollen und ergreifenden Zeremonie wurden sie in einem Konvoi zum Verteidigungsministerium gebracht. Die ganze Strecke war von Menschen gesäumt, die teilweise noch im Dunkeln schweigend die mit der kubanischen Flagge bedeckten Urnen an sich vorbeiziehen ließen. Ab 10 Uhr vormittags, nachdem zunächst die Familienangehörigen ohne Presse sich von ihren Söhnen, Vätern, Ehemännern verabschiedet hatten, konnte die Bevölkerung an den Urnen mit den dazugehörenden Fotos vorbeidefilieren. Kein Wort war zu hören, manche hatten Tränen in den Augen, allen sah man die Trauer an. Und dann kam es zu einem Wolkenbruch. Es goss in Strömen, aber die Menschen ließen sich durch nichts davon abhalten, den 32 ihre Ehre zu erweisen. Der Regen ließ nach, es wurde dunkel, die Nachrichten im Fernsehen kamen erst gar nicht und dann nur in Kurzform – die ganze Zeit wurden die vorbeiziehenden Menschenmassen gezeigt.

Am nächsten Tag, einem Freitag, war dann für 7.30 Uhr der Marsch des kämpferischen Volkes (Marcha del Pueblo Combatiente) an der Tribuna Antimperialista angesagt.

Bei solchen Marchas merke ich, dass ich an meine physische Grenze komme, da man nicht einfach von Vedado den Malecón hinunterlaufen kann, sondern über viele Umwege über Berg und Tal nach Centro Habana, irgendwo zwischen Hotel Deauville und Hotel Nacional geleitet wird.

Die Veranstaltung begann pünktlich mit der Nationalhymne. Nach einem kurzen Kulturprogramm und einer mitreißenden Rede des Präsidenten, setzte sich der Marsch langsam in Bewegung. Der Präsident ist kein großer Redner, aber dieses Mal sprach er – den Tränen nahe – den Menschen aus der Seele. Auch seine kämpferischen Worte an die hinter ihm liegende US-Botschaft gerichtet: „Ihr Herren Imperialisten dort, vor euch haben wir keine Angst“, waren überzeugend.

Dieses Mal waren nur kubanische Fahnen zu sehen, keine palästinensischen, keine von anderen Ländern, wie z. B. immer am 1. Mai. Dies hier war eine rein kubanische Angelegenheit. Cuba y Venezuela – una sola bandera (Kuba und Venezuela-eine einzige Flagge) und andere neue Losungen wurden skandiert. Besondere Begeisterung rief der Slogan: „Aquí se rinde nadie“ („Hier ergibt sich niemand“) hervor. Dieser Befehl, der angeblich von Juan Almeida stammt, als die Besatzung der Granma nach der Landung in Kuba in einem Zuckerrohrfeld von Batista Truppen umzingelt war, wurde öffentlich immer durch drei Punkte ergänzt. In Kuba sind eigentlich malas palabras – sogenannte „böse Worte“, also zu fluchen – ein Tabu. Aber dieses Mal rief man mit ganzer Inbrunst: „Aquí se rinde nadie, cojones“ – also das vollständige Zitat mit Schimpfwort (...verdammt noch mal).

Nach der US-Botschaft kam der Marsch nochmal ins Stocken. Ein paar hundert Meter von diesem Gebäude entfernt, standen Präsident, Premierminister, Vizepremierministerin. Mitglieder des Politbüros, fast alle in olivgrüner Militäruniform hinter den Fotos der 32 Gefallenen, die von jungen Leuten gehalten wurden. Da ich an der dem Meer entgegengesetzten Seite marschierte, hätte ich jedem von ihnen die Hand geben können, so nah ging der Marsch an ihnen vorbei. Es war natürlich ein erhebendes Gefühl, praktisch der gesamten Führung des Landes Auge in Auge gegenüberzustehen. Trotzdem, nach allem, was in Venezuela passiert ist, konnte ich einige Bedenken von wegen Sicherheit nicht wegwischen.

Die Kubaner waren aber nicht nur in Trauer über den Verlust, sondern auch stolz, dass ihre Leute solange den Yankees Widerstand geleistet hatten. Hier glaubt keiner die Story, dass von jenen keiner verletzt wurde. Einem von ihnen gelang es sogar mit einer Bazooka einen Hubschrauber abzuschießen. Das hätte dann aber das von Trump verkündete Heldenepos seiner Elitetruppen zerstört.

Jetzt ist der Tenor hier: Wenn 32 von uns die Elitetruppe samt Hunderte von Hubschraubern und Drohnen stundenlang in Schach gehalten haben, sollen sie es doch mal versuchen, einzumarschieren. Hier sind wir Millionen.

Was die Aussagen Trumps angeht, wie er uns unterwerfen will, ändern sie sich täglich. Erstmal ging er davon aus, dass wir unter all dem Druck, dem er uns aussetzt – und jetzt auch noch ohne venezolanisches Öl – automatisch zusammenbrechen. Weil er das mit dem Einmarschieren wohl selbst als zu verlustreich für die USA ansieht, sprach er dann davon, uns zu bombardieren bis nichts mehr übrig bleibt. Nach der US-Botschaft kam der Marsch nochmal ins Stocken.

Die letzten Berichte sprechen nun davon, dass man sich mehr davon verspricht, die politische Führung und das Militär zu infiltrieren. Ein Kopfgeld auf Díaz-Canel haben sie allerdings bis jetzt noch nicht ausgesetzt.

Ansonsten geht hier alles seinen Gang, mit noch mehr Stromausfällen zwar, aber niemand hat Angst.

Die erste Rohöllieferung seit Monaten kam aus Russland. Foto: Prensa Latina
Mexiko blieb bislang standhaft gegenüber den Drohungen Trumps und belieferte uns weiter mit Öl. China hängt sich unheimlich rein und liefert uns 60.000 Tonnen Reis, die gratis an die Bevölkerung verteilt werden und bis Mai reichen.

Außerdem hat der chinesische Präsident 80 Millionen Dollar für uns bereitgestellt. Ihm liegt jedenfalls sehr am Herzen, dass wir nicht mehr so oft im Dunkeln sitzen und die Industrie vorankommt.

China scheint auch das einzige Land zu sein, das die Entführung des venezolanischen Präsidenten nicht nur verurteilt hat. (Im Westen hat man ja noch nicht einmal das getan), sondern zum Angriff übergegangen ist. Aber eben auf chinesische Art: heimlich still und leise, ohne das große Tamtam, das der US-Präsident fortwährend produziert. So hat die chinesische Volksbank als Reaktion auf den Überfall auf Venezuela vorübergehend alle DollarTransaktionen mit US-UnternehCUBA men ausgesetzt, die etwas mit Verteidigung zu tun haben wie Boeing, Lockheed Martin, Taytheon, etc . Kurze zeit später hat die State Gris Corporation of China, die das größte elektrische Netz weltweit kontrolliert, alle Verträge mit US-Providern aufgekündigt. Noch etwas später hat die China National Petroleum Corporation ihre Routen weltweit umorganisiert und Verträge mit US-Häfen annulliert. Lieferung von Erdöl im Wert von 47 Milliarden Dollar gehen jetzt zu Häfen in Indien, Brasilien, Südafrika und Ländern des globalen Südens. Dass die chinesischen Frachtschiffe nicht mehr US-Häfen anlaufen, bringt Lieferketten durcheinander wie die von Walmart, Amazon etc. Ich will das jetzt hier nicht weiter ausführen, die Liste zum Schaden der USA ist noch länger. 1

Wichtig ist die strategische Botschaft: China kann die USA energetisch strangulieren, ohne einen einzigen Schuss abzugeben. Deshalb ist die enge Zusammenarbeit mit China für Kuba so wichtig. Wenn die USA wissen, welche Konsequenzen einen von ihnen inszenierter Regime Change haben kann, überlegen sie sich möglicherweise die Sache zweimal.

Die jüngste Drohung, die wie ein Damoklesschwert über unsern Häuptern hängt, ist eine Seeblockade für jegliche Tanker, die Treibstoff nach Kuba bringen. Die Lieferungen waren ja schon lange ein Katz- und Mausspiel, da die USA mit allen Mitteln versuchten zu verhindern, dass ein Tanker unsere Häfen erreichte. Aber eine richtige Seeblockade wäre wirklich eine Katastrophe. Wir wären dann praktisch von der Außenwelt abgeschlossen, denn wir wären allein auf das angewiesen, was unsere maroden Kraftwerke mit unserem eigenen schwefelhaltigen Öl noch hergeben und die noch bescheidene Menge an Megawatt, die uns die Solarparks liefern. Flugzeuge könnten ja auch nicht mehr landen d. h. landen könnten sie wohl, aber sie könnten hier ja kein Kerosin für ihren Rückflug auftanken. Deswegen würden sie gar nicht mehr kommen. Wie lange wir so etwas durchhalten können, weiß ich nicht. Wie weit Russland und China aktiv würden, ist schwer zu sagen. Wir haben zwar mit Russland einen Verteidigungspakt, der zwar militärische Hilfe, aber kein militärisches Eingreifen enthält.

Mit ein paar Solidaridätsbekundungen wäre uns dann auch nicht mehr gedient. Ich hoffe, es gibt für diesen Fall einen Plan B.

Für die Soli-Bewegung wäre es wichtig, überzeugend daran zu arbeiten, Kuba mit allen Schwierigkeiten, denen wir ausgesetzt sind, als gut funkionierenden Staat herüberzubringen, der sich um sein Volk kümmert. Ich weiß nicht, was sie mit der Person Díaz-Canel vorhaben. Ihn als Boss eines Drogenkartells zu diffamieren, wird wohl nicht funktionieren. Aber es wird ihnen sicher noch etwas einfallen, um ihn so zu diskreditieren, dass die öffentliche Meinung in Europa genau so wie bei Maduro reagiert: „Geschieht ihm recht“. Wird schon was an den Beschuldigungen dran sein haben sich viele gedacht.

Für Kuba geht es jetzt wirklich ums Überleben. Der Präsident der USA möchte es bis Ende des Jahres geschafft haben, Kuba zu übernehmen und er kann sich Marco Rubio als Päsident vorstellen.

Es liegt an euch in der Soli-Bewegung, dass es einen Aufschrei in Europa gibt, wenn Kuba etwas Anzeige passiert, nicht nur eine halbherzige Empörung wie im Fall Venezuelas.

Wir werden hier sicher bis zum letzten Mann und bis zur letzten Frau kämpfen, aber so weit darf es nicht kommen. Und machen wir uns nichts vor, Verräter gibt es überall, nicht nur in Venezuela, auch ohne Kopfgeld.

Wir kämpfen uns hier durch den Alltag und Unmengen von Menschen leiden immer noch an den Folgen von Chikungunya. Eine Krankheit, die alle Gelenke betrifft. Die Hälfte meiner Freundinnen muss zur Therapie, was wegen der Wartezeiten auch kein Honigschlecken ist, weil es so viele Betroffene gibt. Die Therapie dauert ihre Zeit, aber sie hilft.

Wie gesagt, wir kämpfen uns hier durch, aber ihr müsst die Menschen dazu bringen, Kuba wertzuschätzen, damit sie es verteidigen. In dem Lied „Cuba que linda es Cuba“ („Kuba, wie schön ist Kuba“) heißt es: „Wer es verteidigt, schätzt es noch mehr“. Aber für die Arbeit in Europa ist es umgekehrt: Wer es wertschätzt, verteidigt es mehr.

Wir waren noch nie so sehr wie jetzt auf die mit uns befreundeten Länder (was glücklicherweise viele sind) und auf die weltweite Solidaritätsbewegung angewiesen..

1 Kurt Grötsch: weltexpress – Reaktion der VR China zu dem Vorgehen de USA gegen Venezuela
Africanews,info: What did China do?