Das aufgeweckte Kuba

Ein Reisebericht
Von Tobias Kriele

In Kuba kommt vieles anders, als man es sich denkt. In diesem Jahr sollte sich diese Erfahrung auf besondere Weise bestätigen. Kuba zeigte uns zwei Gesichter: Das eine vor, das andere nach dem 3. Januar 2026 – dem Tag des US-Angriffs auf Venezuela und der Entführung des Präsidenten Maduro.
Seit Jahren fliege ich über die Jahreswende nach Kuba. Dieses Mal ging es Heiligabend mit Cubana de Aviación nach Havanna. Wie immer kreisten auf dem Hinflug die Gedanken darüber, wie wir Kuba wohl vorfinden würden.
Nach unserer Ankunft in Havanna spiegelt sich in vielen persönlichen Begegnungen die Widersprüchlichkeit der Verhältnisse wider. Sicherlich sind es verschiedene Faktoren, die darauf einwirken, wie die Menschen in Kuba über ihr Leben nachdenken. Ein nicht unerheblicher Faktor dürfte die zunehmende Einführung sogenannter marktwirtschaftlicher Elemente und des damit verbundenen privaten Unternehmertums auf Kuba sein. Mir fällt in der Hauptstadt in beiläufigen Gesprächen auf, dass die Ich-Perspektive einen immer größeren Stellenwert einnimmt. So erzählt uns ein Taxifahrer von seiner Leidenschaft für die Fantasy- Serie Game of Thrones. In dieser US-amerikanischen Produktion werden die Intrigen und die Skrupellosigkeit von fiktiven Adelsgeschlechtern zu einer Art grausamen Märchen für Erwachsene versponnen. Unser Fahrer ist der Auffassung, man könne aus diesem blutigen Jeder-gegen-Jeden viel lernen, um sich auf die kommenden Zeiten in Kuba vorzubereiten.
Früher beeindruckten in Kuba die Gelassenheit und das Vertrauen in die Revolution. Dieses Mal begegnet uns immer wieder der Gedanke, man sei als Individuum für sein eigenes Glück verantwortlich. Die Erwartungen an die Revolution, aber auch das Vertrauen in die staatlichen Medien sind wahrnehmbar gesunken. Die sozialen Netzwerke und damit der Boulevard-Stil sind dagegen im Leben vieler Menschen im Verhältnis dazu lauter geworden. Die kubanische Tagesschau, der Noticiero, war sonst immer ein nicht wegzudenkender Bestandteil des abendlichen Fernsehprogramms. Dieses Mal erwähnen viele Menschen uns gegenüber, sie würden den staatlichen Nachrichtensender nicht mehr einschalten. Es sei alles gelogen, das hören wir häufig.
Zugleich vernehmen wir aber auch wenig schroffe Ablehnung der Revolution. Das überrascht, denn die Probleme sind offensichtlich. Vor einigen Monaten wurde der langjährige Wirtschaftsminister wegen Korruption und Kooperation mit einem ausländischen Geheimdienst in einem nichtöffentlichen Verfahren zu 25 Jahren Haft verurteilt. Der Minister war schon vor seiner Verhaftung nicht besonders beliebt. Schon bei unserem letzten Kuba-Besuch wurde viel gemunkelt, er würde sich und seiner Familie die Taschen vollstopfen. In diesem Jahr ist in den Gesprächen über die Verurteilung eines ranghohen Kaders aber auch keine Begeisterung, noch nicht einmal Genugtuung herauszuhören. Wir verließen Havanna mit dem seltsamen Eindruck, dass dort eine für Kuba ungewöhnliche Teilnahmslosigkeit herrschte.
Unsere Reise von Havanna in Richtung Osten fällt genau auf die Morgenstunden des 3. Januar 2026. Im Bus nur wenige Touristen, die Mehrzahl der Passagiere sind Kubanerinnen und Kubaner. Auf einem nächtlichen Stopp am Busbahnhof Sancti Spiritus funktioniert das Internet wieder und die Social Media-Beiträge der letzten zwei Stunden regnen auf uns hernieder. Die Nachrichten verbreiten sich innerhalb von Minuten im gesamten Bus: „Die Yankees haben Venezuela angegriffen, und wir werden die Nächsten sein“, so der Tenor. Betroffenheit, Besorgnis überall.
Als wir in Camagüey ankommen, wenige Stunden nach der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduros, ist vor dem Sitz der Partei eine rege Betriebsamkeit festzustellen: Kuba bereitet sich auf einen möglichen Angriff vor, von einer Teilmobilmachung ist die Rede.
Noch am selben Tag wird bekannt, dass bei der Entführung Maduros nur von einer kleinen Gruppe militärischer Widerstand geleistet wurde. Wie sich herausstellte, handelte es sich um Maduros Leibgarde, die vor allem aus Angehörigen von Truppen der kubanischen Streitkräfte und des Innenministeriums bestand. Am folgenden Tag ist es Gewissheit, dass 32 von ihnen bei diesem Angriff fielen. Kuba ist klein, jeder kennt jemanden, der oder die mit einem der Getöteten verwandt ist. Sogar ich.
Am Nachmittag findet in Camagüey eine Kundgebung in Gedenken an die Opfer der imperialistischen Attacke statt. An dritter oder vierter Stelle redet eine Schülerin, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Sie spricht von den Toten. Von Fidel, von Hugo Chavez, von dem, was Kuba und Venezuela miteinander verbindet. Und sie sagt: „Ich und die Menschen meiner Generation waren nicht direkt am Sieg der Revolution und am Aufbau des Sozialismus beteiligt. Leider. Aber jetzt haben wir die Gelegenheit, das, was unsere Eltern und Großeltern aufgebaut haben, zu verteidigen.“ Ein langer Applaus brandet auf. Der nächste Redner spricht. „Wenn der Tod unserer 32 Brüder in Caracas für etwas gut war“, so ruft er mit lauter Stimme ins Mikrofon, „dann dafür, dass der US-Imperialismus jetzt weiß, dass er mit Kuba nicht das machen kann, was er mit Venezuela gemacht hat. Jetzt wissen sie, dass sie mit erheblichen Verlusten zu rechnen haben, wenn sie einen Fuß auf kubanischen Boden setzen!“ Ich linse zu den Menschen hinüber, die um uns herum stehen. Anspannung, ernste Blicke, nachdenkliche Gesichter sind zu sehen. Aus ihnen spricht eine unaufgeregte Entschlossenheit, die selbstgemachte, unvollkommene, notdürftig geflickte und zugleich einmalige Kubanische Revolution bis auf das Letzte zu verteidigen.
Während der verbleibenden Tage in Camagüey und in Bayamo haben wir wunderbare Begegnungen mit Kubanerinnen und Kubanern, treffen alte Bekannte wieder und spielen Domino. Es ist fast so wie immer. Etwas ist doch anders: Der Abschied. Hieß es früher: „Bis zum nächsten Mal!“, so heißt es jetzt: „Wir sehen uns. Entweder hier bei uns zu Hause oder in den Bergen.“
Am 10. Januar kreisen im Flugzeug zurück nach Deutschland meine Gedanken um das Erlebte, die Begegnungen und besonderen Momente. Mir scheint, als hätte ich zwei Kubas besucht: ein zermürbtes, müdes Kuba vor dem 3. Januar und ein zu allem entschlossenes Kuba in den Tagen danach.
Natürlich ist das Unfug. Es gibt nur ein Kuba: Ein Kuba, das der USImperialismus unfreiwillig aufgeweckt hat und an dem er sich die Zähne ausbeißen wird.