Jorgitos Log
Mit Nachteilen kämpfen: historische
Prägung und Frage der DNA
Von Jorge Enrique Jerez Belisario
Jorge „Jorgito“ Enrique Jerez Belisario
ist ein kubanischer Journalist,
der unter anderem für die Online-
Ausgabe der Zeitung Granma
arbeitet. Daneben schreibt er für
die Zeitung Adelante und ist Dozent
an der Universität von Camagüey.
Gemeinsam mit Dania Díaz
Socarrás veröffentlichte er im Januar
2025 in Kuba das Buch „Wo
die Zukunft zu Ende war“, in dem
ehemalige Bürgerinnen und Bürger
der DDR zu ihren Erfahrungen in
und nach der sogenannten „Wende“
befragt wurden. Seine außergewöhnliche
Lebensgeschichte ist
im Dokumentarfilm „Die Kraft der
Schwachen“ erzählt, den sich anzuschauen
wir unseren Leserinnen
und Lesern empfehlen möchten.
Seit 2019 führt Jorgito Jerez
in der CUBA LIBRE eine regelmäßige
Kolumne, in der er aktuelle
Entwicklungen
in und mit Bezug
auf Kuba aus der kubanischen Perspektive
beschreibt und kommentiert.
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In den letzten Tagen wurden die
sozialen Netzwerke – dieser Raum
des unkonventionellen Krieges,
den der Imperialismus als
Schlachtfeld nutzt – mit gegensätzlichen
Bildern überschwemmt: die
modernsten und technisch ausgereiftesten
Waffen der US-Streitkräfte
gegenüber der scheinbaren
Begrenztheit unserer Verteidigungsmittel.
Die Tastatur-Söldner,
von Miami bezahlte Algorithmen,
versuchen, eine Idee der unüberwindbaren
Überlegenheit, einer
unvermeidlichen Niederlage
zu verkaufen. Weil ihnen das,
was ihnen an Patriotismus fehlt,
an Unterwürfigkeit aus den Ohren
quillt, verstehen diese Überläufer
nicht das Prinzip, das tief in
der DNA unserer Nation verankert
ist: Das kubanische Volk hat immer
gekämpft und trotz materieller
Unterlegenheit gesiegt. Dies ist
nicht unsere Schwäche, sondern
der Ursprung unserer unbesiegbaren
moralischen Stärke.
Diese Situation hat eine Identität
geprägt, in welcher der Widerstand
(der „Kampf”), der Erfindungsreichtum
zum Ausgleich
von Mängeln (das „Erfinden”),
und eine feste Überzeugung von
der eigenen Sache zu Säulen des
nationalen Charakters geworden
sind. Es handelt sich um ein Narrativ
von außergewöhnlicher Widerstandsfähigkeit,
das aber auch
mit dem Gewicht von Opfern und
ständigen Schwierigkeiten behaftet
ist. Die materielle Unterlegenheit
hat uns früh gelehrt, dass die
wahre Unabhängigkeit nicht an
der Börse gehandelt wird, sondern
im Bewusstsein jedes einzelnen
Bürgers entsteht.
Heute ist der Krieg multidimensional.
Er ist nicht nur wirtschaftlicher
Natur. Er hat kulturelle,
mediale und symbolische Seiten.
Der Feind versucht, uns von seinen
digitalen Plattformen und mit
seinen verführerischen Stipendien
aus den schlimmsten Nachteil
zu verkaufen: den Verlust des historischen
Gedächtnisses. Er will,
dass wir vergessen, wer wir sind
und aus welchem Holz wir geschnitzt
sind. Uns ist jedoch klar,
dass wir aus einer Position der
Überlegenheit kämpfen, weil wir
für eine Weltanschauung eintreten,
die nicht verhandelbar ist, die
man nicht aufgibt, die nicht käuflich
ist.
Vom ersten spanischen Kolonisator
an, der glaubte, dass seine
Armbrüste ihm das Recht gaben,
die Menschen dieses Landes
zu unterwerfen, bis zum heutigen
Tag, an dem das Imperium
mit seinen unsichtbaren
Drohnen und seinem Cyberkrieg
prahlt, ist die Geschichte Kubas
eine epische Chronik dessen, wie
der Geist eines Volkes die technologische
Arroganz entwaffnet.
Hatten die Mambisen von Antonio
Maceo die Repetiergewehre
der spanischen Armee? Nein. Sie
hatten etwas unendlich Mächtigeres:
Sie kämpften für eine gerechte
Sache und mit dem Feuer
der Freiheit in ihren Augen. Mit
Macheten, die zum Zuckerrohrschneiden
gemacht waren, führten
sie nicht nur Schlachten, sondern
schmiedeten eine Republik.
Hatten die Expeditionäre der
Granma die Luftunterstützung
und Artillerie, die Batista aus Washington
erhielt? Nein. Sie hatten
die Berge als Verbündete und die
Überzeugung eines ganzen Volkes
als Rückhalt. In der Sierra Maestra
wurden keine Megabytes an
Bandbreite gemessen, sondern die
moralische Stärke derer, die bereit
waren, für eine gerechte Idee
zu sterben.
Das Imperium hat in all seinen
Formen im Laufe der Jahrhunderte
unter derselben falschen
Prämisse operiert, wonach Stärke
in Kanonen, Schiffen und Devisen
zu messen sei. Als ihre Spione
und Generäle ihren Blick auf
diese Insel richteten, sahen sie daher das, was ihre Handbücher ihnen
als ein verwundbares Ziel beschrieben.
Sie sahen die barfüßigen
Mambises mit ihren zum Zuckerrohrschneiden
gemachten
Macheten und träumten von einer
schnellen Kapitulation. Ein
Jahrhundert später sahen sie eine
Handvoll bärtiger Männer in einer
wilden Bergkette und rechneten
mit ihrer Vernichtung innerhalb
weniger Wochen. Heute sehen
sie die materiellen Einschränkungen,
die uns durch die längste
und grausamste Blockade in der
Geschichte der Menschheit auferlegt
wurden, und prophezeien immer
wieder unser Ende. Ihr monumentaler
und anhaltender Fehler
besteht darin, nicht zu verstehen,
dass die Kubaner ihre Kämpfe
nicht auf dem vom Feind bestimmten
Terrain führen. Wir
verlagern den Konflikt auf die
Ebene der Würde, der unerschütterlichen
Idee, des kollektiven Opfers
für ein höheres Ziel. Welche
Invasionsarmee kann einen Bauern
besiegen, der einen Rebellen
versteckt hält und ernährt, weil
er in ihm die Zukunft seiner Kinder
sieht? Welche Wirtschaftsblockade
kann ein Volk beugen,
das im Kampf selbst gelernt hat,
Mangel in einen Grund für Erfindungsreichtum,
zum Teilen, zum
gemeinsamen Widerstand zu verwandeln?
Über den Kampf der Kubaner
für ihre Emanzipation zu sprechen,
bedeutet zwangsläufig,
über eine moralische Überlegenheit
zu sprechen, die zur Strategie
geworden ist, über einen Sieg des
Begriffs über die kalte Berechnung
von Gewehren und Tonnen
von Stahl.
Selbst jüngere Kämpfe, wie der
in Venezuela, in dem 32 mutige
kubanische Internationalisten
ihr Leben auf brüderlichem
Boden opferten, bestätigen diese
ewige Wahrheit: Der Feind mag
zwar über logistische und feuertechnische
Überlegenheit verfügen,
aber er wird niemals die Höhe
der Pflichterfüllung und der revolutionären
Ehre erreichen können.
Diese Ungleichheit auf taktischem
Gebiet haben wir immer
wieder zu unserem strategischen
Vorteil gewendet.
Die kriminelle US-Blockade, die
bis zu einem wahnsinnigen Völkermord
verschärft wurde, ist die
jüngste Verkörperung dieser Logik.
Sie soll uns durch Hunger,
durch die Erstickung der Wirtschaft,
durch Hoffnungslosigkeit
zur Kapitulation zwingen. Sie
versetzen uns in eine ungünstige
Lage, damit wir nachgeben.
Und was hat die Revolution getan?
Sie hat die Waffe des Feindes
in seinen eigenen Albtraum verwandelt.
Die Unterlegenheit hat
uns gelehrt, bis zum letzten Reiskorn
alles zu teilen. Sie hat uns gezwungen,
dort Wissenschaft zu
betreiben und Biotechnologie zu
entwickeln, wo es vorher nur Zuckerrohr
gab. Sie hat eine Solidaritätsdiplomatie
geschaffen, die
Ärzte dorthin bringt, wo sie ihre
Bomben abwerfen. Die Blockade
hat uns revolutionärer, geeinter,
kubanischer gemacht. Sie hat uns
den unschätzbaren Vorteil der Authentizität
verschafft.
Sie glauben, dass sie uns besiegen
können, indem sie uns einen
Chip, eine Software, ein Ersatzteil
verweigern. Was für ein gewaltiger
Irrtum! Genau dieser erdrückende
Druck hat uns dazu gezwungen,
nicht Drohnen für das Morden
aus der Distanz zu entwickeln,
sondern Impfstoffe, um Leben zu
retten. Er hat uns dazu gebracht,
ein Verteidigungssystem des Volkes
zu schaffen, das nicht auf einer
Wunderwaffe basiert, sondern
auf der monolithischen Einheit eines
ganzen Volkes, das sich in einen
patriotischen Soldaten verwandelt
hat. Unser wirksamster
Schutzschild besteht nicht aus Silizium,
sondern aus Bewusstsein.
Wenn man uns heute die propagandistischen
Bilder der militärischen
Macht der Yankees zeigt,
müssen wir deshalb mit der Zuversicht
derjenigen lächeln, die
das Gewicht der Geschichte kennen.
Sie haben satellitengesteuerte
Raketen, wir haben den unfehlbaren
Kompass der Moral von
José Martí. Sie haben Massenvernichtungswaffen,
wir haben
die vereinte, organisierte und bewusste
Masse, welche die ultimative
Waffe jeder wahren Revolution
ist. Die Technologie ändert
sich, die Prinzipien nicht. Und unser
Grundprinzip, welches sich in
hundert ungleichen Schlachten
bewährt hat, lautet: Ein geeintes
Volk, das seine Souveränität und
seine soziale Gerechtigkeit verteidigt,
ist unbesiegbar.
Die sozialen Netzwerke mögen
mit Videos von ultramodernen
Kriegsspielzeugen überflutet
sein. Sollen sie doch. In der konkreten
Realität dieser Insel werden
wir weiterhin die Intelligenz
fördern, die Einheit stärken und
in jedem Stadtteil und an jedem
Arbeitsplatz den ideologischen
Schutzwall errichten, der uns
stets ein uneinnehmbares Bollwerk
war und immer sein wird.
Die Zukunft ist für uns kein Geschenk,
sondern eine Errungenschaft,
an der wir trotz unserer
auferlegten Unterlegenheit weiter
arbeiten werden, denn wir haben
gelernt, dass gerade aus der letztgenannten
das hellste Licht des
Sieges entsteht.
Übersetzung: Tobias Kriele