!Tremendo tipo!

Ein Nachruf auf André Scheer
Von Tobias Kriele

Foto: Tom Brenner
. Es gibt Menschen, die hört man gerne, die liest man gerne, die trifft man gerne. André Scheer gehörte für mich dazu.
André war ein umfassend gebildeter Marxist, dem die Sache wichtiger war, als Recht zu haben. In seinem Buch „Klassenkampf im Äther“ entwickelt er die Geschichte des Radios entlang der Auseinandersetzungen zwischen Unterdrückten und Unterdrückern. Möglicherweise verhält es sich auch andersherum. Das Radio war ein Steckenpferd von ihm, und wenn ich es richtig verstanden habe, ist dieses Buch entstanden, weil André Lust darauf hatte. Das merkt man diesem wunderbaren Werk an, das in unseren Kreisen unter Wert gehandelt wird. Auf meine diesbezüglichen Komplimente wirkte André erstaunt, fast geniert.
Ohne Zweifel war André ein begabter Journalist. Wer ihm einmal dabei zugesehen hat, wie ihm ein Artikel, für den sich andere Fingernägel abkauten, wie ein glucksender Bachlauf durch die Tasten lief, musste beeindruckt sein. Mit großem Engagement entwickelte sich die internationale Berichterstattung der Tageszeitung junge Welt unter seiner Leitung entscheidend weiter. Das galt auch und insbesondere für die Berichterstattung über Venezuela und Kuba.
André war im besten Sinne des Wortes ein Chavista. Er erkannte schnell, welche kontinentale Bedeutung die Vorhaben von Hugo Chavez haben würde. Die offensichtlichen Errungenschaften der Bolivarischen Revolution erlebte er mit aufrichtiger Begeisterung, ohne dabei blind für ihre natürlichen Beschränkungen zu werden. Der KP Venezuelas fühlte er sich verbunden, ohne sich jedoch an Kreuzzügen zum Ziele der Überführung der Bolivarischen Republik als Versagerin zu beteiligen. Vermutlich lag das daran, dass André Kuba immer mitdachte, wenn es um Venezuela ging. André war mit dem Begriff vom Nuestra América vertraut, also der Vision von einem einigen Kontinent, in dem die dort lebenden Völker nicht mehr durch Nationengrenzen oder Unterdrückungsverhältnisse voneinander getrennt sind. Diese Vorstellung hat mit Simón Bolivar in Venezuela und José Martí in Kuba zwei Väter.
Ich glaube, man kann sagen, dass André die Kubanische Revolution liebte. Wenn man seine bei PapyRossa erschiene Che Guevara-Biografie liest, wird das zwischen den Zeilen deutlich. Und wenn André jemanden liebte, dann geschah das schalkhaft. Auch aus Kuba gibt es dementsprechende Anekdoten. Als André als Teil einer Delegation unter der Leitung des ehemaligen Botschafters der DDR, Heinz Langer, Kuba besuchte, stand auch ein Besuch beim Zentralkomitee der KPCh auf dem Programm. An der Einlasskontrolle gab es mit André ein Problem. Nach einigem Hin und Her wurde ihm eröffnet, dass ein Betreten des Gebäudes mit kurzen Hosen nicht gestattet sei und er nicht empfangen werden könne. Manch einer hätte auf eine derartige Eröffnung verschnupft reagiert. Nicht so André. „Wenn es dem Fortbestand der Kubanischen Revolution dient, ist es mir eine Ehre, mit meinen kurzen Hosen im Bus zu warten“, sagte er verschmitzt, so wird berichtet. Dieser humorvolle Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens zeichnete ihn aus.
Andrés schärfste Waffe war seine Fähigkeit, komplexe Sachverhalte nachvollziehbar darzulegen. Er setzte sie gerne für Kuba ein und war auch ein gerne gelesener Autor der Cuba Libre. Bei allen Emotionen, die André für Kuba empfand, standen in seinen Texten eine wohltuende Nüchternheit und ein ungeheurer Sachverstand im Vordergrund. „Nicht jammern, sondern machen“ war auch hier sein Motto.
Meine persönlichen Begegnungen mit André erinnere ich als bereichernd und – insbesondere bei Berücksichtigung seiner Hamburger Herkunft – herzlich. Ich frage mich heute, wie es sein kann, dass wir uns in all den Jahren immer nur wie zufällig trafen. Das letzte Mal war dies auf einer Veranstaltung mit Jorgito im Sommer 2024 in Berlin. Im Anschluss verbrachten wir einen halben Abend in einem Dönerladen in der Nähe und ordneten die Weltgeschehnisse ein. „¡Tremendo tipo!“, bemerkte Jorgito auf dem Heimweg. „Ein toller Typ“. Recht hatte er.
Am 22. Januar 2026 starb André Scheer überraschend in Berlin.