Jetzt steht alles auf dem Spiel
Mit jemandem, der dabei ist, einen zu erwürgen, kann man nicht verhandeln und wer sich einmal mit Kuba erhebt, erhebt sich für alle Zeiten
Von Renate Fausten
So sieht gegenwärtig das öffentliche Leben in Havanna aus. Foto: Peter Weyland
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Um es gleich am Anfang zu sagen, alles was im Augenblick für Kuba getan wird, mag viel erscheinen, aber es ist viel zu wenig.
Die Flotilla de Nuestra América, die Hilfslieferungen waren unheimlich wichtig und wurden auch entsprechend hier gewürdigt.
Kuba müsste aber vielmehr Raum im öffentliche Bewusstsein bekommen. So hat zum Beispiel der Besuch von Chico Buarque, dem brasilianischen Künstler, der in ganz Lateinamerika berühmt ist, hier große Emotionen hervorgerufen. Es müsste viel mehr Leute geben, die weltweit Ansehen genießen, die uns in dieser schwierigen Zeit besuchen und das auch öffentlich machen. Wenn viele kommen und sich auf unsere Seite stellen, wird es für die USA schwieriger, uns zu überfallen. Ein Land, das Liebe und Zuneigung erfährt, dem alle ihre Sympathie und Bewunderung entgegenbringen, zerstört man nicht ohne weltweit Empörung hervorzurufen. Möglicherweise ist der Ruf der USA aber inzwischen so ruiniert, dass es ihr darauf auch nicht mehr ankommt; aber das darf kein Vorwand sein, um nicht alles in Bewegung zu setzen. Es war auch sehr wichtig, dass Präsident Díaz-Canel dem US- Newsweek Magazine ein Interview gegeben hat und sein Portrait auf der Titelseite der bekannten Zeitschrift war. Noch wichtiger war das Interview, dass der Präsident NBC News in Meet the Press gegeben hat, das überall in den USA direkt übertragen wurde.
Da der Durchschnittsbürger der USA sich wenig unter Kuba vorstellen kann und in dem Glauben gehalten wird, wir würden hier von einem grausamen, unsympathischen Diktator regiert, hat dieses Interview sicherlich das Weltbild von einigen durcheinandergebracht. Überzeugend, gelassen, staatsmännisch antwortete der Präsident auch auf provokative Fragen, unterließ es die USA anzugreifen. Stattdessen nutzte er die Gelegenheit, jedem normalen US-Bürger deutlich zu machen, welches Leid die Politik der US-Regierung dem kubanischen Volk jeden Tag zufügt. Einer kleinen Insel, auf der Menschen wohnen, die seinem Land noch nie etwas Böses getan haben, sondern ganz im Gegenteil, jeden US-Bürger, wenn er mal das Land besucht hat, immer freundlich aufgenommen hat. Das hat sicher dem einen oder anderen in den Vereinigten Staaten zum Nachdenken gebracht. Und darum geht es: Immer mehr Menschen von der Unmenschlichkeit der Blockade zu überzeugen, dass sie sich für deren Abschaffung engagieren und sich vehement gegen jedes gewaltsame Vorgehen gegen die Insel zur Wehr setzen.
Die Müllabfuhr hat keinen Treibstoff, also muss es auch so gehen. Foto: Peter Weyland
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Jeder möchte immer wissen, wie es uns hier geht. Es geht uns besch…: Aber das, was die sozialistische Revolution ausmacht, ist immer noch da. Ein Beispiel: Eine alte Frau, der man ansah, dass sie arm war, kam mit einer Einkaufstasche auf Rädern in ein Restaurant, in dem auch Kultur stattfindet, um einen Zehn-Liter-Kanister mit Wasser aufzufüllen. Seit zehn Tagen habe sie kein Wasser mehr bekommen. Sofort machte sich einer der Gäste auf, um ihr das Wasser zu bringen. Dort gibt es auch – großzügig bemessen – die bei den Kubanern allseits beliebten Kroketten. Woraus sie bestehen, weiß keiner so genau, es ist den meisten auch egal. Die alte Frau zählte mühsam ihre Pesos zusammen, um sich die Kroketten leisten zu können. Sofort sagte der Mann, der ihr das Wasser gebracht hatte und der wohl etwas besser gestellt war, sie solle ihre Pesos wie-der einstecken und bezahlte ihre Kroketten.
Die alte Frau setzte sich an einen Tisch, verzehrte sie mit Genuss und verschwand dann wieder mitsamt ihrem Wasser.
Aber es geht hier bei vielen wirklich ums bloße Überleben. Wir selbst hatten drei Wochen kein Wasser. Wir schleppten es aus der Nachbarschaft an und ich weiß nicht, was wir ohne die Unterstützung tatkräftiger Freunde getan hätten, mit denen zusammen wir bis zu 80 Liter die Treppen hochschlepp-ten. Ein kräftiger Freund schüttete dann 30 Liter in unseren Tank, so das wir wenigstens duschen und spülen konnten. Überfließendes Duschwasser diente zur Klospülung. Das ganze Prozedere wiederholte sich drei Mal. Inzwischen wurde ein Teil der zur Zisterne führenden Rohre ausgetauscht und ein Ladrón eingebaut. Das Wort bedeutet Dieb und „klaut“ das Wasser in den Rohren bevor es zu anderen Nachbarn kommt. Das ist jetzt weniger sozialistisch, aber die andere Variante hätte uns auch bald umgebracht. Inzwischen hat sich aber ein neues Problem aufgetan. Die Cuenca Sur, also die Quelle, die unter anderem den Stadtteil Plaza versorgt, hat en Problem mit dem Rohr-oder Pumpsystem, wer weiß das schon bei all diesen Problemen schon genau. Jetzt zählen wir also wieder jeden verbrauchten Tropfen, und hoffen, dass sie es möglichst schnell geregelt bekommen, denn davon sind sehr sehr viele Menschen betroffen.
Im Gegensatz zu der alten Frau können wir unsere Kroketten noch problemlos bezahlen. Wir darben nicht, aber auch für uns ist das Leben nicht einfach. Gestern hatten wir z. B. wieder 15 Stunden Stromausfall und danach drei Stunden Strom. Jeder, der kein Gas hat, kocht dann in Windeseile und lädt alle Geräte auf, die er so hat.
Die Frage, die über allem schwebt ist: Wie lange schaffen wir das noch? Wird die internationale Solidarität die vielen symbolischen Gesten durch konkrete Taten ersetzen? Was bedeutet es wirklich, Kuba zu unterstützen, wenn sich die Schlinge um unseren Hals zuzieht und die Erstickung greifbar wird?
Jedes Mal, wenn man es zulässt, dass der Hegemon ein Land ungestraft zerstört, geht er stärker daraus hervor. Siehe Venezuela. Aber auch die, die sich noch in Sicherheit wähnen, kommen der Unterwerfung einen Schritt näher. Machen wir uns nichts vor: Wir werden die nächsten sein, nur das genaue Wann und Wie ist noch nicht ganz klar. Und eine Botschaft ist die: Solidarität ist ein Luxus, den man sich besser nicht leistet.
Es ist inzwischen so, dass einige der kleinen Länder, die kubanische Solidarität erfahren haben – Ärzte in ihren Dörfern, Lehrer in ihren Schulen, Hilfsbrigaden inmitten ihrer Katastrophen – sich nun abwenden, um dem Hegemon zu gefallen (Jamaika, Honduras usw.) Es ist eine grausame, aber vorhersehbare Logik. Aber was bedeutet das für diese Länder? Sie haben das Solidaritätsnetzwerk zerstört, dass sie mit Kuba verbunden hat und nun sind sie allein. Sie können doch nicht im Ernst glauben, dass die USA sie retten werden.
Es gab in letzter Zeit große Aufregung um Verhandlungen zwischen Kuba und den USA. Es gibt Leute, die die einzige Möglichkeit zum Überleben der Insel darin sehen, Kuba an den Verhandlungstisch zu bringen. Aber zu was soll das gut sein? Mit jemandem, der dabei ist, einen zu erwürgen, kann man nicht verhandeln. Dann kann man auch gleich kapitulieren und das will hier bestimmt niemand. Aber trotzdem finden offensichtlich Gespräche statt.
Teilnehmer der Internationalen 1.Mai-Brigade helfen in der Landwirtschaft. Foto: Peter Weyland
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Die humanitäre Hilfe, die wir heute bekommen, die Lebensmittel und Generatoren, sind wichtig und bringen vielen Menschen Erleichterungen. Aber das kann keine Dauerlösung sein. Solidaritätsorganisationen sind nicht das Rote Kreuz. Wollen wir bis in die Unendlichkeit Hilfslieferungen schicken? Jeder weiß, dass die Blockade ein Zermürbungsmechanismus ist, der zum inneren Zusammenbruch führen soll. Dem Staat soll die Möglichkeit verweigert werden, die Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen und zwar so effektiv, dass sie die Regierung stürzt.
Dass wir oft 15 Stunden keinen Strom haben, bedeutet nicht nur, dass wir im Dunkeln sitzen. Jede Stunde ohne Strom, jede Schlange, um an Lebensmittel zu kommen, jeder Arzt, dem die Ausrüstung oder die Medikamente fehlen, mit dem er uns helfen könnte, erinnert die Kubaner jeden Tag an den Preis, den der Widerstand von uns fordert.
Josué Veloz Serrade schrieb dazu: „Es ist der Genuss von Macht in ihrer grausamsten Form, nicht der Genuss, den Feind mit einem Schlag zu vernichten, sondern der Genuss, ihn langsam erniedrigt zu sehen, sein Leben zu einer permanenten Demonstration zu machen, dass Widerstand zu Leid führt. Es ist schmerzhaft, dies anzuerkennen, aber die größte Grausamkeit ist nicht ihre Gewalt, sondern ihre Langsamkeit.“
Claudio Katz sprach kürzlich von einer Haitisierung. Die Insel wird in einen solchen Zustand versetzt, dass sie zu einem Schaufenster des Grauens wird, zu einer permanenten Demonstration dessen, was mit denen geschieht, die es wagen, einen souveränen Weg zu wählen.
Was das Imperium als gescheiterten Staat bezeichnet, ist in Wirklichkeit ein angegriffener Staat, der sich weigert, zu sterben. Das ist die unbequeme Wahrheit. Und genau das ist der Grund für die imperiale Wut. Kuba scheitert nicht wirklich. Kuba hält durch. Und dieses Durchhalten ist für sie unerträglich.
Seit Jahrzehnten versuchen wir Innovationen, Widerstand, Schlupflöcher, Diversifizierung beim Handel. Heroischer Widerstand ohne wirklich effektive Unterstützung wird aber mit der Zeit zu einem qualvollen Widerstand. Nicht weil das kubanische Volk seinen Willen verloren hat, sondern weil Wille allein weder Turbinen antreiben noch Regale füllen kann.
Man kann es nicht schönreden. Entweder bekommen wir Öl oder wir ersticken. Das muss der Weltbevölkerung jetzt klar werden. Es gibt praktisch kein Land auf der Welt, das nicht über eine Kuba- Solidaritätsbewegungen verfügt. Menschen, die wissen, was Kuba der Welt gegeben hat, und die sicher nicht wollen, dass es in Schutt und Asche gelegt wird.
Jetzt steht alles auf dem Spiel. Es muss weltweit Druck ausgeübt werden. Nach drei Monaten hat nun Ende März ein russischer Tanker die Erdölblockade „durchlöchert“ wie Michel Torres es nannte und mit 100.000 Tonnen Rohöl in Kuba angelegt. Unsere Raffinerien waren logischerweise die ganzen Monate stillgelegt und mussten erst wieder in Gang gesetzt werden. Nach mehr oder weniger 14 Tagen ist es jetzt gelungen, das Öl der Sorte Ural zu raffinieren und zu Benzin, Diesel und Heizöl zu verarbeiten. Jetzt wird es entsprechend im Land verteilt. Dies war eine enorme Erleichterung, obwohl jedem klar ist, dass diese 100.000 Tonnen unseren Bedarf nicht decken. Aber allein die psychologische Wirkung: Da ist einer gekommen, der uns trotz totaler Energieblockade, geholfen hat – verbreitet Hoffnung. Dafür und für vieles andere gebührt Russland ewig Dank. Inzwischen hat der russische Energieminister Sergei Jewgenjewitsch Ziwiljow angekündigt, dass ein zweiter Tanker beladen würde. Hoffen wir, dass auch dieser durchkommt.
Die Alternative im Nahverkehr: Elektro-Tuktuks fahren ohne Benzin Foto: Peter Weyland
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Aber Kuba hat ein Recht wie jedes andere Land der Welt, sein Öl zu kaufen. Es kann und darf einfach nicht sein, dass wir jedes Mal, wenn ein Tanker unterwegs ist, zittern und uns fragen müssen: Schafft er es oder schafft er es nicht?
Die Solidarität der Völker kann man nicht sanktionieren, aber sie ist zu schwach. Weder die einzelnen Organisationen in den Ländern zeigen eine Stärke, die Druck erreichen könnten, von einigen rühmlichen Ausnahmen wie z. B. Rom einmal abgesehen. In jedem Land gibt es Gewerkschaften, in Großbritannien sogar sehr engagierte, aber es gelingt nicht, sie länderübergreifend so zu organisieren, dass sie Druck auf ihre Regierungen ausüben, dass sich alle über das himmelschreiende Unrecht empören, das dem kubanischen Volk angetan wird. Wie gesagt, es muss jetzt ans Eingemachte gehen, jeden Tag gegen die Blockade, jeden Tag gegen diese unverschämte Liste, die uns zum Terrorstaat erklärt.
Jorge Enrique Jerez Belisario, der auch für die Cuba Libre schreibt, hat einmal bei der Kampagne zur Freilassung der Fünf gesagt, dass er sich jeden Abend fragen würde, was er heute zur ihrer Freilassung getan hat.
Das müsste sich jeder Solibewegte weltweit auch heute fragen: Was habe ich heute für Kuba gegen die Blockade unternommen?
Es rührt mich fast zu Tränen, wenn ich sehe, wie alle sich anstrengen, den Kindern mit wenigen Mitteln eine schöne Ferienwoche zu bereiten. Auch private Betriebe wie Pan de la Habana z. B. haben den Jungen Pionieren an ihrem Jahrestag an Orten, an denen kulturelle Veranstaltungen stattfanden, Tüten mit leckeren Backwaren überreicht.
Die Atmosphäre ist noch nicht gespannt, aber das abendliche Fernsehprogramm lässt in seinen Spots zwischen den Programmen keinen Zweifel aufkommen, wie dramatisch die Lage ist. Jeden Abend schildert ein anderer Arzt oder eine andere Ärztin, wie sie – der Verzweiflung nahe – versuchen, Leben zu retten. Im Manifiesto, einem beeindruckenden und gut gemachten Spot, rufen in poetischer und emotionaler Form Schauspieler zum Widerstand auf.
Denn das Damoklesschwert der militärischen Bedrohung schwebt über uns. Jeder von euch kennt sicherlich die entsprechenden Äußerungen des US-Präsidenten. Wir wissen natürlich, dass wir der militärischen Macht der USA nicht gewachsen sind. Da können sich jeden Freitag bei den Militärübungen noch so viele Leute aus dem Volk abmühen zu üben, mit AKMs zu schießen, Granaten zu werfen und Minen zu vergraben.
Wenn es zu einer Invasion kommt, wird es ein asymmetri-scher Widerstand sein, bei dem Tausende Zivilisten bereit sind, zu den Waffen zu greifen. In Kuba ist aber aus einem historischen Bewusstsein heraus, das sich in 65 Jahren Belagerung aufgebaut hat, der Wille die Nation zu verteidigen, stärker als die Angst. Durch Besetzung von Gebieten werden Kriege nicht gewonnen. Wenn die Angreifer merken, dass sie sich nirgendwo sicher fühlen können und ihr politischer Wille gebrochen ist, dann könnte sich das Vietnam-Szenario wiederholen. Wir wollen nur alle hoffen, dass es nicht so weit kommt. Eine Invasion Kubas wäre kein chirurgischer Eingriff wie in Grenada oder Venezuela oder ein Spaziergang wie in Panama. Sie wäre ein blutiger und langwieriger Sumpf, der Jahre dauern und das Leben Tausender Kubaner und US-Amerikaner kosten würde.
Es unser aller Aufgabe, dies zu verhindern und Kuba eine Chance für ein Leben ohne Blockade zu geben.