Auf weiße Fahnen in Havanna können sie lange warten

Von Jorge Enrique Jerez Belisario

Es war kein Zufall. Es ist nie Zufall. Wenn das Weiße Haus den Kalender als Waffe wählt, verwandelt sich das Symbolische in Aggression. Am 1. Mai, als in ganz Kuba das Volk die Plätze mit Fahnen füllte und „Patria o Muerte!“ (Vaterland oder Tod!) rief, unterzeichnete Donald Trump in Washington eine neue Durchführungsverordnung, um Kuba noch stärker zu strangulieren. Zufall, sagen einige Naive. Reaktion eines Imperiums, dessen Hochmut verletzt wurde, antworten wir, die wir das Kleingedruckte der Geschichte zu lesen wissen.
Die Verordnung, die unter dem berüchtigten Vorwand einer „außergewöhnlichen Bedrohung“ präsentiert wurde – eine Anschuldigung, die an sich schon ein Eingeständnis von Böswilligkeit ist –, erfindet zwar nichts Neues, macht aber das Bestehende noch brutaler. Ab sofort kann jede Einrichtung, jeder Beamte oder Mitarbeiter, dem eine Verbindung zum kubanischen Staat nachgewiesen werden kann, sanktioniert werden. Das heißt: praktisch die gesamte Nation. Denn in Kuba sind wir alle der Staat, und das Projekt, das wir verteidigen, ist nicht das einiger weniger Privilegierter, sondern das einer Revolution, die 67 Jahre der Schikanen widerstanden hat.
Doch das Tückischste an der Sache ist die extraterritoriale Reichweite. Die Verordnung bestraft auch ausländische Regierungen, Banken und Unternehmen, die es wagen, mit sanktionierten kubanischen Einrichtungen zu verhandeln. So funktioniert die Blockade: ein Spinnennetz, das Washington seit mehr als sechs Jahrzehnten webt, um ein Volk zu ersticken, das nicht aufgibt. Und das tun sie gerade jetzt, wo Kuba neue Maßnahmen zur wirtschaftlichen Öffnung verabschiedet hat. Zufall? Nein, Sabotage.
Die Strategie ist offensichtlich, jede Atempause, jeden Versuch der Erholung zu verhindern. Sie wollen die Insel in die Knie zwingen, in die Verzweiflung treiben, damit wir eines Tages, so sagen sie, „um Kapitulation bitten“. Trump selbst gab dies wenige Stunden nach der Unterzeichnung der Verordnung zu, mit jener groben Arroganz, die ihn auszeichnet: „Ein Ort namens Kuba, über den wir fast sofort die Kontrolle übernehmen werden.“ Er ging sogar so weit, zu beschreiben, wie er einen Flugzeugträger hundert Meter vor unserer Küste stationieren würde, in der Erwartung, weiße Fahnen zu sehen.
Eine armselige Illusion. Wer auf weiße Fahnen in Havanna spekuliert, hat nichts verstanden.
Was bezweckt Washington wirklich mit diesem neuen, feigen Angriff ? Vier Dinge, und die sind nicht unbedeutend. Erstens: die massive Beteiligung der Bevölkerung am 1. Mai symbolisch zu bestrafen, damit die Welt sieht, dass sie mit der Knute reagieren, während wir mit unserer Würde reagieren. Zweitens: den wirtschaftlichen Zusammenbruch erzwingen, um jede Öffnung zu verhindern, die der Insel Luft zum Atmen verschafft. Drittens: den Prozess ausländischer Investitionen, den Kuba gefördert hat, noch weiter lahmlegen. Und viertens, und das ist das Schlimmste: den Boden für eine weitere Eskalation bereiten.
Aber Kuba ist nicht allein. An unserer Seite stehen die Brudervölker Unseres Amerikas, die Solidaritätsbewegungen der Welt und das Bewusstsein derer, die verstehen, dass die Blockade ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist. Und vor allem begleitet uns die Gewissheit, dass man das Recht nicht erfleht, sondern ausübt.
Trumps Exekutivverordnung ist ein lumpiges Stück Papier angesichts der Würde eines ganzes Volkes. Das haben die Tausenden von Stimmen am 1. Mai auf der Tribüne zum Ausdruck gebracht: Hier gibt niemand auf. Hier lernt man, sich zu widersetzen. Und wer zu widersetzen versteht, versteht auch zu siegen.

Übersetzung: Tobias Kriele