Raúl, der Comandante

Ein Vorbild ist 95 Jahre alt geworden
Von Tobias Kriele

Raùl Castro am 1. Mai auf dem Platz der Revolution
Foto: presidencia.gob.cu
Am 20. Mai 2026 erließ die US-Regierung unter Donald Trump einen Haftbefehl gegen den ehemaligen kubanischen Präsidenten Raúl Castro. Der Vorwurf: Im Jahr 1995, also vor über 30 Jahren, habe der damalige Verteidigungsminister den Abschuss von zwei Sportmaschinen der exilkubanischen Organisation Brother to the Rescue angeordnet.
Nach drei Jahrzehnten und fünf Monaten nach der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro fällt der US-Regierung also plötzlich ein, dass hier ein angebliches Verbrechen dringend zu verhandeln sei. Wohlgemerkt vor einem US-Gericht. Zur Anklage: Es ist unklar, ob der besagte Abschuss überhaupt im internationalen Luftraum stattfand. Ohnehin bestritt damals niemand, dass die Maschinen der Brothers to the Rescue sich damals im Begriff befanden, den kubanischen Luftraum zu verletzen. So, wie sie es bereits unzählige Male getan hatten. So, wie sie es am Tag zuvor angekündigt hatten – ungeachtet der Ankündigung von kubanischer Seite, eine erneute Luftraumverletzung nicht zuzulassen und notfalls militärische Mittel einzusetzen.
Doch der Chef der Brothers to the Rescue, José Basulto, entschied, dass die Maschinen zu fliegen hätten. Ein Zusammenstoß mit dem kubanischen Militär, das war genau die Provokation, die seine Organisation brauchte, um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern und sich eine bessere Position an den Fleischtrögen der US-Förderung zu verschaffen. Zugleich würde Kuba international isoliert werden, so das Kalkül. Möglicherweise winkte sogar eine US-Militärintervention – seit jeher die ewige Fieberphantasie der Konterrevolution in Miami. Heute, über dreißig Jahre später, könnte dieses Ziel erreicht werden.
Dabei war schon im Februar 1996 offensichtlich: Kuba handelte in Selbstverteidigung. Nicht nur verletzten die Invasionen in den Luftraum die kubanische Souveränität, die Contras hatten auch Pläne geschmiedet, Bomben über Havanna abzuwerfen. Worüber sich weder die Contras noch die US-Regierung im Klaren waren: Die Kubaner waren bestens über die Absichten der Contras im Bilde. In dieser – wie in vielen anderen Organisationen – waren kubanische Revolutionäre eingeschleust, die die kubanische Regierung über die Absichten der Konterrevolutionäre unterrichteten. Einer von ihnen war Gerardo Hernández, einer der als Cuban Five bekanntgewordenen Kubaner. Er wurde am 12. September 1997 in den USA verhaftet und zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Nach vielen Jahren der Haft kehrte er am 17. Dezember 2014 nach komplizierten Verhandlungen gemeinsam mit seinen Genossen nach Kuba zurück.
Raùl Castro ist einer letzten lebenden Comandantes der Revolution
Foto: presidencia.gob.cu
Es war ein historischer Moment, als Raúl Castro die Rückkehr der Cuban Five im kubanischen Fernsehen ankündigte. Wie üblich stellte er sich selbst in die zweite Reihe, als er darauf verwies, dass mit der Rückkehr der Cuban Five ein Versprechen Fidels in Erfüllung gegangen sei. Dieser hatte einige Jahre zuvor den Ausspruch „¡Volverán!“ („Sie werden zurückkehren!“) geprägt und habe, so Raúl, wie so oft Recht behalten. Diese Situation war typisch für Raúl, der die historische Größe Fidels neidlos anerkennen konnte und offensichtlich nie darunter litt, dass seine eigenen Führungsqualitäten weitaus weniger wahrgenommen wurden, als sie es verdient gehabt hätten. Raúl war schon vor Fidel Teil der kommunistischen Bewegung und hat vermutlich einen relevanten Anteil an der Hinwendung der Kubanischen Revolution zur Sowjetunion. Nach dem gesundheitsbedingten Rückzug Fidels übernahm er die Führungsrolle in Partei und Staat. Dabei gelang es ihm, der Partei und den Massen verständlich zu machen, dass er kein zweiter Fidel sein würde, sondern für einen anderen Stil stand. Im Ergebnis gelang ihm der Übergang zu einem Veränderungen gegenüber offenen, kollektiv angelegten Regierungshandeln. Mit Raúl verbunden ist auch die Einsicht, dass es für die sozialistische Revolution, wie sie in Kuba praktiziert wird, keine festen Rezepte gibt, auf die zurückgegriffen werden kann. Die Revolution ist darauf angewiesen, Maßnahmen (die naturgemäß zurzeit eher defensiven Charakters sind) auszuprobieren und gegebenenfalls zu korrigieren. „Mit Bedacht, aber ohne Pause“, so das von Raúl geprägte Motto. Raúl Castros Leben war und ist vor allem mit dem geschichtlichen Fortschritt verbunden. Die Disziplin, die er von anderen verlangt, bringt er für alle sichtbar zuallererst selbst auf. Damit ist er ein Vorbild.
Die Gegner Kubas haben das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Raúl und Fidel auszuschlachten versucht. Das geht so weit, dass die Familie Castro im sogenannten Helms-Burton-Gesetz ausdrücklich erwähnt wird. Mit dem Haftbefehl gegen Raúl Castro wird seitens der USA an der Legende weitergestrickt, in Kuba herrsche eine Familienoligarchie. Die absurde Anklage gegen Raúl Castro liefert natürlich auch einen möglichen Vorwand für einen Militärschlag gegen Kuba. Neben aller Propaganda trifft sie ganz ungewollt aber auch einen wahren Kern: Jede Revolution bringt ihre eigenen Köpfe hervor, in denen sich ihre subjektive Entschlossenheit, aber auch ihr Sinn für den historischen Moment widerspiegelt. Raúl ist einer dieser Köpfe.
Raúl Castro wurde am 3. Juni 2026, zwei Wochen nach dem USHaftbefehl, 95 Jahre alt.
Wir sagen: ¡Felicidades, Comandante!, und viele weitere Lebensjahre!