Jorgitos Log
Alphabetisierung 2.0

Von Jorge Enrique Jerez Belisario

Jorge „Jorgito“ Enrique Jerez Belisario ist ein kubanischer Journalist, der unter anderem für die Online- Ausgabe der Zeitung Granma arbeitet. Daneben schreibt er für die Zeitung Adelante und ist Dozent an der Universität von Camagüey. Gemeinsam mit Dania Díaz Socarrás veröffentlichte er im Januar 2025 in Kuba das Buch „Wo die Zukunft zu Ende war“, in dem ehemalige Bürgerinnen und Bürger der DDR zu ihren Erfahrungen in und nach der sogenannten „Wende“ befragt wurden. Seine außergewöhnliche Lebensgeschichte ist im Dokumentarfilm „Die Kraft der Schwachen“ erzählt, den sich anzuschauen wir unseren Leserinnen und Lesern empfehlen möchten. Seit 2019 führt Jorgito Jerez in der CUBA LIBRE eine regelmäßige Kolumne, in der er aktuelle Entwicklungen in und mit Bezug auf Kuba aus der kubanischen Perspektive beschreibt und kommentiert.
Es war einmal ein Land, das beschloss, dass Unwissenheit nicht länger eine Frage des Luxus für wenige oder ein Schicksal für viele sein durfte. Und in einem Jahr voller Blitze und Zuckerrohr zündete Fidel die Lunte jener Heldentat an, die wir Alphabetisierungskampagne nennen. Mit einer Fahne, einer Laterne und einem Lehrbuch zogen mehr als hunderttausend junge Menschen in die Berge und in die Stadtviertel, um das Alphabet zu lehren. Es war die epische Leistung, welche uns lesen und schreiben lehrte und uns nebenbei auf die Landkarte der kulturellen Würde setzte.
Heute, mehr als sechzig Jahre nach jenem Triumph, ist ein weiterer Wissens-Kreuzzug notwendig. Es geht nicht mehr um die Unfähigkeit, ein Schild zu lesen oder mit dem eigenen Namen zu unterschreiben. Jetzt tarnt es sich als dunkler Bildschirm; als Menü, in dem man sich nicht zurechtfindet; als Vorgang, der einen Klick erfordert, bei dem manche jedoch nicht wissen, wo.
Der moderne Analphabetismus ist digital: Er schließt dich von der Online-Bank aus, macht dich zum Fremden in deinem eigenen vernetzten Land, entzieht dir das elementarste Recht dieser Zeit: das Recht, Technologie zu verstehen und zu nutzen.
Kuba muss dabei nicht bei Null anfangen. Hier gibt es die Joven Club, die Universitäten, die Sozialarbeiter, die ausgeprägteste Bildungsinfrastruktur der Region. Doch die Kluft ist nicht nur technologischer Natur: Sie hängt von Generationszugehörigkeit, wirtschaftlicher Potenz und geografischer Lage ab. Nicht jeder besitzt ein Smartphone; nicht jeder kann zwischen einer wahrheitsgemäßen Nachricht und einer Falschmeldung unterscheiden, die über WhatsApp kursiert. Und in dieses Ungleichgewicht sickert die Ausgrenzung ein wie schmutziges Wasser.
Doch das Problem ist nicht nur der Zugang. Die digitale Welt ist kein neutraler Garten: Sie ist voller Fallen. Während viele Kubaner ihre ersten Schritte in diesem Universum machen, haben andere – auf der Insel und außerhalb – das Netz in ein Minenfeld verwandelt. Virtuelle Betrugsmaschen nehmen überhand: falsche Stellenangebote, die zur Plünderung von Konten führen; gefälschte Gewinnspiele, die persönliche Daten stehlen; „Freunde“, die von gefälschten Profilen aus schreiben, um mit einer erfundenen Geschichte um Geld zu betteln. Wer die Grundregeln der Cybersicherheit nicht kennt, wird zu einem leichten Opfer.
Noch gravierender: die Manipulation. Dieselben Netzwerke, die uns entfernte Verwandte näherbringen, sind zu Rammböcken eines hybriden Krieges geworden. Desinformationskampagnen, getarnt als unabhängiger Journalismus, automatisierte Accounts, die Hass verbreiten, Algorithmen, die aufdringliche Inhalte gegenüber vernünftigen bevorzugen. In diesem Ökosystem verbreitet sich die Lüge schneller als die Wahrheit. Wenn eine Bevölkerung nicht über die Mittel verfügt, Quellen zu überprüfen, Voreingenommenheit zu erkennen oder einen Bot zu identifizieren, kann die Souveränität des Landes angreifbar werden. Es ist kein Zufall, dass subversive Operationen gegen Kuba in den letzten Jahren in den digitalen Plattformen ihren wichtigsten Schauplatz gefunden haben.
Hinzu kommt ein neues Phänomen, die generative künstliche Intelligenz. Es kursieren bereits gefälschte Videos, in denen bekannte Gesichter Dinge sagen, die sie nie gesagt haben; manipulierte Audioaufnahmen, die Zwietracht säen, und maschinengenerierte Texte, die einen menschlichen Stil imitieren, um den Unvorbereiteten zu verwirren. Ohne kritische digitale Kompetenz wird der Durchschnittsbürger am Ende glauben, der Himmel sei grün, wenn ein Bildschirm ihm dies mit überzeugender Stimme sagt.
Deshalb ist es kein Luxus, sondern eine dringende Notwendigkeit, über eine Alphabetisierungskampagne 2.0 nachzudenken. Es müsste eine ganzheitliche Kampagne sein: eine, die nicht nur lehrt, wie man ein Gerät einschaltet oder eine App herunterlädt, sondern die Cybersicherheit, kritisches Denken und digitale Ethik schult. Eine, die dazu erzieht, einen Betrug zu erkennen, bevor man klickt; eine Nachricht zu überprüfen, bevor man sie teilt; die eigenen Daten zu schützen und die der anderen zu respektieren.
Und die auch die Familie einbezieht. Denn in vielen kubanischen Haushalten sind es die Enkelkinder, die den Großeltern beibringen, wie man das Telefon benutzt, aber kein Erwachsener lehrt sie, sichere Inhalte von einer Falle zu unterscheiden. Die Schule darf diese Verantwortung nicht dem Zufall überlassen. Wir brauchen Programme zur digitalen Bildung, die den Weg an den Familientisch finden, die das Abendessen zu einem Ort machen, an dem über Cybersicherheit genauso selbstverständlich gesprochen wird wie über Sport oder die Schule.
Aber digitale Kompetenz darf nicht nur ein Notbehelf für Erwachsene, sie muss auch ein tragendes Element im Unterricht sein. Denn heute kommen Kinder inmitten von Bildschirmen zur Welt. Viele kommen mit einem Handy in der Hand in die Grundschule, aber ohne die geringste Anleitung, wie man es sinnvoll nutzt. Darin liegt die Herausforderung: die Lehrpläne für Informatik von der Grundschule bis zur Oberstufe anzupassen.
Es geht nicht darum, kontextlose Office-Kurse zu geben, sondern eine fortschrittliche digitale Bildung aufzubauen, die lehrt, zu recherchieren, zu gestalten, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, die eigene Privatsphäre zu schützen und die der anderen zu respektieren. Dass Kinder schon in der Grundschule lernen, dass nicht alles, was auf dem Bildschirm glänzt, Gold ist; dass eine kostenlose App möglicherweise mit ihren persönlichen Daten Geld verdient; dass ein „Gefällt mir“ kein Impfstoff gegen Lügen ist. Wenn die Schule diese Rolle nicht vorrangig übernimmt, bilden wir Generationen aus, die zwar mit dem Finger wischen können, aber nicht in der Lage sind, vor einem Bildschirm kritisch zu denken. Und das ist in der heutigen Zeit fast genauso schlimm wie Analphabetismus.
Die Revolution hat vor sechs Jahrzehnten verstanden, dass es ohne Bildung keine Freiheit geben kann. Heute gilt: Ohne digitale Kompetenzen wird es sie auch nicht geben. Der Kampf ist ein anderer, aber der Feind ist derselbe: die Ausgrenzung. Wenn wir 1961 in der Lage waren, Kuba zum Gebiet ohne Analphabetismus zu erklären, dann verfügen wir auch über die kollektive Intelligenz und den politischen Willen, damit kein Kubaner in diesem neuen Universum der Bits zurückbleibt. Denn digitale Alphabetisierung bedeutet auch, die technologische Souveränität zu verteidigen, und das ist eine Front, die keinen Aufschub duldet.
Der Staat hat eine unersetzliche Rolle: Er muss erschwingliche Konnektivität gewährleisten, die Lehrpläne aktualisieren, Lehrkräfte schulen, hochwertige Bildungsinhalte produzieren und vor allem ein Gesetz zur Cybersicherheit vorantreiben, das die Schwächsten schützt. Doch die Kampagne wird ohne die Mystik jenes Kreuzzuges von 1961 nicht vollständig sein. Wir brauchen Freiwillige, wir brauchen die Jugendlichen von heute, die ihren Älteren etwas beibringen, wir brauchen die Joven Club als Hauptquartiere dieser neuen Alphabetisierung.
Denn Alphabetisierung bedeutete nicht nur, das Lesen von Wörtern zu lehren. Es bedeutete, die Welt zu lesen. Heute passt die Welt auf einen Bildschirm, ebenso wie die Tücken, die Manipulation und die Ausgrenzung. Man muss auch lehren, sie mit kritischem Blick zu lesen, mit sicherer Hand und mit dem Herzen, das sich für die Verteidigung des Unseren einsetzt. Das ist die noch ausstehende Kampagne und der Sieg, der uns heute noch fehlt.

Übersetzung: Tobias Kriele text