Blumen und ein Lied für Fidel

Von Tobias Kriele

Was bedeutet Fidel Castro für die Welt? Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich von einem Erlebnis berichten.
Als der Comandante für immer die Augen geschlossen hatte, blieb die Welt für einen Moment stehen. Wenige Tage später fuhr ich nach Bonn, um mich dort in das Kondolenzbuch der Botschaft einzutragen. Lange hatte ich über einen passenden Text nachgedacht. Vom Hauptbahnhof aus stieg ich an der Haltestelle Universität/Markt aus der Straßenbahn aus. Vor der Botschaft sollte es die Möglichkeit geben, ein Trauergebinde aufzuhängen. Also steuerte ich einen Marktstand an, um ein kleines Gesteck anfertigen zu lassen. Die Blumenverkäuferin war mit Kundinnen in ein Gespräch vertieft und entschuldigte sich für die Verzögerung. Ich machte eine Bemerkung darüber, dass ich auf Kuba gelebt habe und das Warten gewohnt sei. Sie entgegnete, Kuba sei sehr weit weg und eine Reise für sie leider nie im Rahmen des Vorstellbaren gewesen.
Dann schaute die Frau mich prüfend an. „Dann haben Sie ja vielleicht gehört, dass der Fidel Castro gestorben ist“, meinte sie. „Ich habe sogar ein Lied darüber geschrieben.“ Als ich ungläubig dreinschaue, erläuterte sie mir, sie verbringe morgens und abends auf dem Weg zur Arbeit eine halbe Stunde im Zug. Dort seien ihr die Zeilen in den Sinn gekommen. „Ja, und wovon handelt es?“, fragte ich neugierig. „Es besagt, kurz zusammengefasst, dass die Kubaner eines Morgens in der Zeitung lesen mussten, dass ihr Fidel gestorben ist. Sie konnten es aber nur auf diesem Weg erfahren, weil ihnen eben dieser Fidel einige Jahrzehnte zuvor Lesen und Schreiben beigebracht hatte.“
Gerührt musterte ich das Gesicht der Frau. Es war von einem arbeitsreichen Leben gezeichnet. Kaum wahrscheinlich, dass sie jemals an einer Demonstration teilgenommen oder gar eine Solidaritätsveranstaltung besucht hatte. Eine einfache, tüchtige Blumenverkäuferin, Tausende von Kilometern von Kuba entfernt und doch heute mit den Gedanken bei den trauernden Menschen dort. Als ich erwähne, dass das Gesteck zu Ehren eben jenes Fidels an den Zaun der Kubanischen Botschaft angebracht werden soll, weigerte sie sich, Geld dafür anzunehmen.
Kurze Zeit später saß ich im Botschaftsgebäude vor der leeren Seite des Kondolenzbuches. Da stieg das Gesicht der Blumenhändlerin vor mir auf. Ich erzählte die Geschichte ihres Liedes. Und schrieb darunter: Dieser Mann widmete sein Leben einer Idee, welche einer Blumenverkäuferin sofort einleuchtet – auch wenn sie auf der anderen Seite des Globus lebt und seine Sprache nicht spricht. Das ist Internationalismus, das ist proletarische Solidarität.
Das ist Fidel.