Was bedeutet Fidel Castro für die Welt? Zur Beantwortung
dieser Frage möchte ich von einem Erlebnis
berichten.
Als der Comandante für immer die Augen geschlossen
hatte, blieb die Welt für einen Moment stehen.
Wenige Tage später fuhr ich nach Bonn, um mich
dort in das Kondolenzbuch der Botschaft einzutragen.
Lange hatte ich über einen passenden Text nachgedacht.
Vom Hauptbahnhof aus stieg ich an der Haltestelle
Universität/Markt aus der Straßenbahn aus.
Vor der Botschaft sollte es die Möglichkeit geben, ein
Trauergebinde aufzuhängen. Also steuerte ich einen
Marktstand an, um ein kleines Gesteck anfertigen zu
lassen. Die Blumenverkäuferin war mit Kundinnen
in ein Gespräch vertieft und entschuldigte sich für
die Verzögerung. Ich machte eine Bemerkung darüber,
dass ich auf Kuba gelebt habe und das Warten gewohnt
sei. Sie entgegnete, Kuba sei sehr weit weg und
eine Reise für sie leider nie im Rahmen des Vorstellbaren
gewesen.
Dann schaute die Frau mich prüfend an. „Dann haben
Sie ja vielleicht gehört, dass der Fidel Castro gestorben
ist“, meinte sie. „Ich habe sogar ein Lied darüber
geschrieben.“ Als ich ungläubig dreinschaue,
erläuterte sie mir, sie verbringe morgens und abends
auf dem Weg zur Arbeit eine halbe Stunde im Zug.
Dort seien ihr die Zeilen in den Sinn gekommen. „Ja,
und wovon handelt es?“, fragte ich neugierig. „Es besagt,
kurz zusammengefasst, dass die Kubaner eines
Morgens in der Zeitung lesen mussten, dass ihr Fidel
gestorben ist. Sie konnten es aber nur auf diesem Weg
erfahren, weil ihnen eben dieser Fidel einige Jahrzehnte
zuvor Lesen und Schreiben beigebracht hatte.“
Gerührt musterte ich das Gesicht der Frau. Es war
von einem arbeitsreichen Leben gezeichnet. Kaum
wahrscheinlich, dass sie jemals an einer Demonstration
teilgenommen oder gar eine Solidaritätsveranstaltung
besucht hatte. Eine einfache, tüchtige Blumenverkäuferin,
Tausende von Kilometern von Kuba
entfernt und doch heute mit den Gedanken bei den
trauernden Menschen dort. Als ich erwähne, dass das
Gesteck zu Ehren eben jenes Fidels an den Zaun der
Kubanischen Botschaft angebracht werden soll, weigerte
sie sich, Geld dafür anzunehmen.
Kurze Zeit später saß ich im Botschaftsgebäude vor
der leeren Seite des Kondolenzbuches. Da stieg das
Gesicht der Blumenhändlerin vor mir auf. Ich erzählte
die Geschichte ihres Liedes. Und schrieb darunter:
Dieser Mann widmete sein Leben einer Idee, welche
einer Blumenverkäuferin sofort einleuchtet – auch
wenn sie auf der anderen Seite des Globus lebt und
seine Sprache nicht spricht. Das ist Internationalismus,
das ist proletarische Solidarität.
Das ist Fidel.