Zur Aktualität des politischen Denkens von Fidel Castro

Von Steffen Niese

Fidel Castro am 1. Mai 2005.
Foto: Vandrad / CC BY-SA 3.0
Die Welt ist in Unordnung geraten und es gibt momentan nur wenig Hoffnung, dass die durch die grundlegende Krise des Kapitalismus hervorgerufene Zerstörung der bisherigen relativen Stabilität in naher Zukunft ein Ende findet. Auch wenn Kuba nicht im Zentrum dieser Entwicklung steht, befindet sich die sozialistisch regierte Insel doch mehr denn je im Fadenkreuz des US-Imperialismus. Im 100. Geburtsjahr von Fidel Castro geht es also um nicht mehr und nicht weniger als den Fortbestand der kubanischen Revolution.
Auch wenn die Zukunft des sozialistischen Kubas angesichts der nie dagewesenen offenen Aggressionspolitik der USA unsicher sein mag, steht fest, dass die Erfolge und Errungenschaften der Revolution unumkehrbar sind. Diese sind untrennbar mit dem Namen des am 13. August 1926 im ostkubanischen Dorf Birán geborenen Fidel Alejandro Castro Ruz verbunden. Über seine Rolle im revolutionären Kampf, beim Sturz des Diktators Batista und dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung kann es keine zwei Meinungen geben. Unbestritten ist auch seine Bedeutung als zentraler Akteur der Bewegung der Blockfreien Staaten sowie die unter seiner Führung unternommenen Anstrengungen zur Unterstützung der nationalen Befreiungsbewegungen in Afrika und Lateinamerika. Auch wenn Fidel Castro als 1. Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas sowie als Präsident des Staats- und des Ministerrates innen-, wie außenpolitisch die prägende Figur der jüngeren kubanischen Geschichte war, wäre eine Reduzierung auf seine Leistungen als Politiker der Praxis nicht angemessen. Vielmehr war Fidel Castro auch immer Vordenker und Theoretiker und auch in diesem Sinne Vorbild für Generationen progressiver Intellektueller auf der ganzen Welt. Dabei ermöglichte seine universelle und umfassende Bildung eine ichtweise und Handlungsableitungen abseits traditioneller Dogmen und festgelegter Denkrichtungen.
Herauszustellen sind dabei seine bereits vor mehreren Jahrzehnten angestellten Überlegungen und Reflexionen zu den Themen, die die größten Herausforderungen und Probleme unserer Zeit darstellen. Besonders seine Ausführungen auf der UN-Konferenz über Klima und Entwicklung (Klimagipfel) in Rio de Janeiro im Jahr 1992 über den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Klimakrise könnten aktueller kaum sein. Fidel Castro sagte damals in der heute nahezu prophetisch wirkenden Rede: „Eine bedeutende biologische Gattung ist aufgrund der schnellen und fortschreitenden Beseitigung ihrer natürlichen Lebensbedingungen vom Aussterben bedroht: der Mensch. (…) Wenn man die Menschheit vor dieser Selbstzerstörung retten will, müssen die Reichtümer des Planeten und die verfügbaren Technologien besser verteilt werden (…) Es muss eine gerechte internationale Wirtschaftsordnung durchgesetzt werden“.
Weitsicht bewies Fidel Castro auch, als er ab Mitte der 1980er Jahre vor dem Hintergrund der sowjetischen Perestroika verstärkte Anstrengungen im biopharmazeutischen Bereich sowie im Tourismussektor vornahm, die heute von existenzieller Bedeutung sind. Strategische Weitsicht bewies er auch, als er im Jahr 1994 Kontakt zu einem ehemaligen Putschisten suchte, der vier Jahre später zum Präsidenten Venezuelas gewählt wurde. In der Folgezeit entstand eine aufrichtige Freundschaft zwischen beiden Staatenlenkern, die in einer beispielhaften und umfassenden Allianz zwischen Kuba und Venezuela mündete und bedeutende regionale Bündnisse wie ALBA hervorgebracht hat. Dass Fidel Castro antizyklisches Denken und Handeln nicht fremd war, zeigt sich auch daran, dass er trotz der zu diesem Zeitpunkt bereits umfangreichen Ölimporte aus dem südamerikanischen Land eine Energierevolution ins Leben gerufen hat, die neben Sparmaßnahmen auch die Dezentralisierung der Kraftwerke sowie die verstärkte Förderung und Ausbeutung eigener Ölvorkommen umfasste.
Diese Beispiele visionärer Politik ließen sich unendlich fortführen. Gerade in Zeiten rasanter weltpolitischer Umbrüche muss die Erinnerung an das politische Denken und Wirken Fidel Castros lebendig gehalten werden; an einen Revolutionär und Staatsmann, der wie kaum eine andere Persönlichkeit für Prinzipientreue, Widerständigkeit und Humanismus steht.