Universelles Denken

Fidel Castro: Wir müssen jetzt damit beginnen, die Menschheit zu retten
Von Brigitte Schiffler

Nie hätte ich das für möglich gehalten, als ich einen winzigen Briefumschlag öffnete und darin eine Einladung von Fidel Castro fand. Es war der 10. Februar 2012. Ich war überrascht und glücklich, dass ich noch die Gelegenheit bekommen sollte, den mittlerweile 85-jährigen historischen Führer der kubanischen Revolution persönlich zu sehen. Es war eine Einladung zu einem „Treffen für den Frieden und Umweltschutz“, einberufen vom Netzwerk „En Defensa de la Humanidad“, das Fidel mit Hugo Chávez 2003 und 2004 für Intellektuelle, Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller, Gewerkschafter initiiert hatte und welches er gerne aktivieren wollte.
69 Besucher aus 21 Ländern und 48 aus Kuba trafen sich im Palacio de Convenciones und applaudierten, als der Gastgeber Fidel zwischen Abel Prieto, der damals noch Kulturminister war, und Zuleica Romay, Präsidentin des kubanischen Buchinstituts, Platz nahm. Die Präsidentin wies darauf hin, dass die Warnung, die Fidel auf dem Gipfel von Rio hinsichtlich der Gefahr des Aussterbens der Menschheit geäußert hatte, nach zwanzig Jahren wieder aufgegriffen werden müsse. Seitdem sind viele Jahre vergangen und heute ist diese Gefahr noch viel gravierender.
Neun Stunden dauerte das Gespräch und Fidel betonte gleich zu Beginn: „Ich bin gekommen, um euch zuzuhören.“ Und das tat er mit größter Aufmerksamkeit und Liebenswürdigkeit. Wir teilten spannende Dialoge, die Sorgen um das Schicksal der Menschheit und die Hoffnung, Humor, Ernsthaftigkeit und Gefühle, ja universelles Denken mit ihm. Wir kamen aus so vielen unterschiedlichen Ländern und wurden doch zu Weggefährten. Auch wenn ich wegen mangelnder Sprachkenntnisse vielem nicht folgen konnte, so liebe ich dennoch diesen wunderbaren kubanischen Wissensaustausch. Vieles kann man später nachlesen und übersetzen. Der Konferenzbericht wurde mit den Gesprächen veröffentlicht unter dem Titel: „Fidel Castro mit den Intellektuellen. Unsere Pflicht ist es, zu kämpfen.“1
Was aber meinen Wissenshorizont am nachhaltigsten verändert hat, war das Gespräch, das Fidel mit der argentinischen Schriftstellerin Stella Calloni führte. Sie sagte auf der Konferenz: „Es ist erschreckend, mit welchem Schweigen die Menschheit die aufeinanderfolgenden Kriege miterlebt.“ Vor allem aber habe ich daraufhin ihr Buch „Operación Cóndor – Lateinamerika im Griff der Todesschwadronen“ gelesen und gelernt, dass die grausamen Militärdiktaturen in Lateinamerika von den Vereinigten Staaten von Amerika ins Leben gerufen wurden. Letztere waren die Anstifter, Geldgeber und fachlichen Berater für Repression und Folter. Sie sprechen von einer humanitären Invasion, um ein Volk zu retten, während in Wirklichkeit ein Völkermord an diesem Volk begangen wird. Diese Informationen haben mir ermöglicht, ein Verständnis davon zu entwickeln, dass die größte Gefahr von der Welle der Gewalt in den USA und Europa ausgeht, die rechtsextrem, rassistisch, fremdenfeindlich und faschistisch ist. 2023 habe ich darüber einen Artikel in der Cuba Libre geschrieben: „Die wahre Internationale des Terrors“.2
Stella Calloni sagte auf der Konferenz, dass Informationen Kriegswaffen sind, die Kriege vorbereiten. Die UNO vertrete nicht mehr die Länder, die sie eigentlich vertreten sollte. Das Netzwerk der Intellektuellen habe bisher funktioniert, aber jetzt herrsche Schweigen. „Bis heute habe ich nicht gesehen, dass wir etwas gegen die Völkermorde, gegen diese Kolonialkriege unternehmen. Sie töten Völker auf grausame Weise, und wir schweigen. Ich glaube, wir müssen annehmen, dass wir uns in einem Krieg befinden. Bedroht von der nahen Möglichkeit eines dritten Weltkriegs und eines Atomkriegs. ... Wir haben zu lange gebraucht, um zu reagieren. Und es ist unsere Pflicht, zu handeln, um diese Kriege zu stoppen. Das ist unsere Rolle. Wir haben die Möglichkeiten und die ausreichende Fähigkeit. Und das lässt sich nicht einfach durch Schreiben regeln. ... Die Intellektuellen müssen an der Seite des Volkes stehen, sie müssen aus ihren Glaskäfigen heraustreten und in Gewerkschaften, Universitäten und Stadtvierteln präsent sein. Das ist ihre revolutionäre Rolle in diesen Zeiten.“
Das Netzwerk im Einsatz für die Menschheit und zur Verteidigung der Menschenwürde gibt es weiterhin in Kuba.3 Es berichtet über die Schrecken des Kolonialismus und die Perversion des kapitalistischen Systems. Es wäre gut, wenn sich auch in der Bundesrepublik Deutschland Intellektuelle, Künstler und Gewerkschafter als eine unabhängige und soziale Bewegung zusammenschließen würden, um die Menschenwürde von Millionen von Menschen zu verteidigen. Oder um es mit Fidel zu sagen: „Wir dürfen uns nicht vom Pessimismus besiegen lassen.“

1 http://www.fidelcastro.cu/sites/default/files/ fichero_libros/nuestro-deber-es-luchar.pdf
2 https://www.fgbrdkuba.de/cl/cl-2023–4.pdf
3 https://redh-cuba.org/acerca-de/