Fidel und der Journalismus
Von Wolfgang Mix
New York 1979: Fidel Castro vor der Vollversammlung der UNO
Foto: Gemeinfrei
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Als einer der ganz großen Redner seiner Zeit ging er in die Geschichte ein. Sein vorrangiges politisches Medium war das Gespräch, er suchte den direkten Kontakt zu den Menschen. Wobei er die Fähigkeit zeigte, sich auf unterschiedlichste Gesprächspartner einzustellen wie Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Arbeiter, Studenten oder auch Kinder. Immer wieder kommunizierte er auf Augenhöhe, pflegte den Dialog und hörte zu, was sein Gegenüber ihm mitzuteilen hatte. Die Überzeugungskraft, mit der er als Redner vor großen Versammlungen seine Gedanken aufbaute und seine Zuhörer mitnahm, wurde oft beschrieben.
Das Wort als Waffe im revolutionären Kampf
Nach seinem Jura-Studium arbeitete er eine Zeit lang als Rechtsanwalt. Oft verteidigte er durch die Diktatur Verfolgte, die kein Geld hatten, um einen Rechtsbeistand bezahlen zu können. Früh schon nutzte er auch das geschriebene Wort. Seine Presseartikel, in denen er die Ungerechtigkeiten, die Korruption und das Gangstertum unter der herrschenden politischen Kaste Kubas in den frühen 1950er Jahren anprangerte, waren noch weniger ein Mittel zum Gelderwerb. Getrieben wurde er von der Suche nach Gerechtigkeit: „Die Wahrheit muss nicht nur Wahrheit sein, sie muss auch verbreitet werden.“ Denn „es gibt keinen bittereren Anblick als ein Volk, welches frei zu Bett geht und versklavt aufwacht.“ Und er fügte hinzu: „Ich weiß nicht, worin die rasende Lust der Unterdrücker besteht, wie Brudermörder ihre Peitsche auf den menschlichen Rücken niedergehen zu lassen. Aber sicher weiß ich, dass es eine grenzenlose Glückseligkeit bereitet, sie zu bekämpfen, die Faust zu erheben und zu sagen: Ich will kein Sklave sein!“
Mit seinen Aktivitäten zog er die Feindschaft der Herrschenden auf sich und begann, insgeheim Leute um sich zu sammeln, um den Weg des bewaffneten Aufstandes einzuschlagen. Nach dem missglückten Angriff auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953 führte er aus dem Gefängnis heraus seine Informationsarbeit fort. An seine Mitstreiterin Melba Hernández schrieb er 1954: „Man darf für keine Minute die Propaganda unterbrechen, weil sie die Seele des gesamten Kampfes ist.“ Eine Amnestie brachte den inhaftierten Revolutionären ein Jahr später die Freiheit. Da sein Leben in Gefahr war, ging er mit einem Kreis Vertrauter nach Mexiko, um dort seine bewaffnete Invasion Kubas vorzubereiten. Mit etwa einem Dutzend von Mitstreitern begann nach der Rückkehr im Osten Kubas der Guerillakampf. Seine Bewegung gewann durch Zustrom aus dem
ländlichen Umfeld und aus den Städten, doch die Bewaffnung bestand fast ausschließlich aus dem Material, das sie der Repressionsarmee abringen konnte. Als eine größere Gebirgsregion unter ihrer Kontrolle war, bauten sie mit einfachen Mitteln einen Radiosender auf, der ihre Botschaften und ihre Sicht der Lage über das Land trug.
Als die Propaganda der Diktatur die Bewegung für geschlagen und Fidel für tot erklärte, brachen verschiedentlich Journalisten zu den Rebellen auf und wurden von Sympathisanten durch die Kampflinien geführt. Der erste und bekannteste war 1957 der USAmerikaner Herbert Matthews, der der Welt den Beweis erbrachte, dass die Bewegung sehr aktiv war und immer mehr in die Offensive ging. Seine Berichte und Bilder erschienen vom 24. bis 27. Februar in der New York Times und das kubanische Magazin Bohemia veröffentlichte sie einen Monat später.
Nach dem Sieg der Revolution nutzte und entwickelte Fidel die sich ihm bietenden Möglichkeiten als Redner und war in seinem eigentlichen Element. Doch in regelmäßigen Abständen begab er sich in die Rolle des Interviewten, mit unterschiedlichsten Gesprächspartnern wie westlichen Politikern und Journalisten oder Kampfgefährten wie dem sandinistischen Comandante Thomás Borge. Diese Texte waren immer sehr umfangreich und erschienen als Bücher. Zu den bekanntesten Veröffentlichungen dieser Art gehören sein Austausch mit dem brasilianischen Befreiungstheologen Frei Betto über die Religionsfreiheit auf Kuba („Fidel und die Religion“) oder seine 100 Gesprächsstunden mit dem spanischen Journalisten Ignacio Ramonet („Mein Leben“). Beide erschienen auch in deutscher Sprache.
Nachdem Fidel sich nach der Jahrtausendwende aus der vordersten Reihe der Politik zurück gezogen hatte, begann er mit seinen „Reflexionen“ wieder regelmäßig politische Artikel und Kommentare zu schreiben, die in der kubanischen Presse erschienen. Eine Praxis, die er bis in sein Todesjahr 2016 fortsetzte.
Desinformationen und Lügen in einer globalisierten Welt
„Wir können es uns nicht erlauben, durch die immense Macht der Massenmedien zerstört zu werden, die im Besitz derjenigen sind, die gegenwärtig die Welt kontrollieren“, erklärte er 1999 auf einem Gipfeltreffen in Brasilien. Im selben Jahr ging er in einer Rede zum Abschluss des Kongresses der Förderation lateinamerikanischer Journalisten in Havanna auf die Arbeit und Rolle des Journalismus im politischen Kampf ein. Dabei unterstrich er die Aufgaben derjenigen, die große Ideen zu verteidigen haben. Und er ging auf die perverse Verdummung der Menschen und die medialen Manipulationen im Kapitalismus ein, die ein fundamentales Element bei der Aufrechterhaltung von Dominanz sind.
„Möglicherweise gibt es keine besseren Umstände, den Wert der Medien zu verstehen, als wenn sie im Dienste des Kapitalismus und des Imperialismus stehen.“ Subjektive Faktoren haben eine große Bedeutung zur Absicherung von Herrschaft. Und die Kapitalisten hätten dies oft schneller begriffen und die Medien in diesem Sinne genutzt. Er selbst, der im normalen Tagesablauf jeden Morgen ein bis zwei Stunden damit verbrachte, aus aller Welt eingegangene Nachrichten und Presseverlautbarungen zu studieren, erwarb so eine Vorstellung über das Funktionieren dieser Mechanismen, die Menschen zu beeinflussen. In diesem Zusammenhang ging er auf das Ende des osteuropäischen Sozialismus ein, der trotz mancher Fehlentwicklungen im Wesentlichen nicht durch seine eigenen Irrtümer zerstört worden sei, sondern „durch diese infernalische Maschinerie von Lügen, Täuschung und Desinformation. Sie wurden dazu gebracht zu glauben, dass diese Konsumgesellschaften und diese westliche Welt die wunderbarsten Dinge seien, die man sich je vorgestellt hatte.“ Und in Osteuropa war man selbst nicht mehr in der Lage, dem etwas entgegenzusetzen.
Dabei ist es gerade für diejenigen, welche die Welt zum Besseren verändern wollen, unbedingt notwendig, die Wichtigkeit dieser meinungsbildenden Werkzeuge zu verstehen. Sie können eine entscheidende Rolle spielen im Verlauf historischer Ereignisse, so Fidel. Enorme Mengen an Ressourcen würden investiert in die Darstellung von „Banalitäten, Klatsch und Dummheit, welche den Verstand der Menschen vergiftet haben; so wie jene extrem belanglosen Seifenopern in der Lage sind, den Geist von Milliarden von Menschen auf die Folter zu spannen, ihn zu besetzen und gefangen zu halten.“ Und so wird gegen sein Land, das revolutionäre Kuba, vorgegangen. „Dante wäre nicht in der Lage gewesen, sich so ein Land auszumalen wie das durch diese Medien dargestellte Kuba, durch diese scheußliche, imperialistische Maschinerie, mit diesen Lügen über unser kleines und – erlauben Sie mir, das zu sagen, obwohl ich dabei erröte – heroisches Land.“ Und wozu? „Warum wird Kuba als wahre Hölle dargestellt und dies dann unzähligen Menschen glauben gemacht? Viele Menschen besuchen Kuba. Wenn es dann nicht die von ihnen erwartete Hölle ist, kritisieren sie uns. Als sei es unsere Schuld, dass der Rest der Welt nicht weiß, was in Kuba geschieht, alle diese Dinge, die die Revolution erreicht hat, und fast nennen sie uns Trottel, weil wir diese Dinge nicht bekannt gemacht haben.“ Er räumte jedoch auch ein, dass man selbst teilweise dabei versagt habe, den größtmöglichen Gebrauch von den Medien im antiimperialistischen Kampf zu machen.
„Sie haben unendlich viel Finanzkapital, ihr menschliches Kapital tendiert gegen null.“
„Unser Land hat ein enormes menschliches Potential geschaffen, weil Papier nicht für Klatsch-Magazine genutzt wurde oder für Werbung.“ Die Revolution investierte die vorhandenen Mittel in die Bildung. Kuba verfügt weltweit über die größte Zahl von Ärzten pro Kopf seiner Bevölkerung. Auch die Dichte von Bildungspersonal, Lehrern und Professoren ist nirgendwo höher. Kuba teilt dieses Potential, indem es qualifizierte Fachkräfte an Länder abstellt, wo in dieser Hinsicht Mangel besteht. „Deshalb sage ich, dass kein Land dieselbe Arbeit getan hat, humaner und gerechter als unser Volk. Dennoch, für viele Millionen von Menschen in der Welt sind wir Folterer, Menschenrechtsverletzer, Totalitäre. Ja, wir sind totalitär insofern, als wir totale Gerechtigkeit und einen wahren menschlichen Geist etabliert haben.“ Demgegenüber wird im Kapitalismus der Verstand von Millionen „blockiert und hintergangen durch die Massenmedien in den Händen der Bourgeoisie und von Dienern des Imperialismus, bedingungslosen Lakaien des Imperialismus. Ist es nicht so, dass die gegenwärtige US-Gesellschaft geimpft ist gegen alles, was nach Sozialismus riecht? Ihr Denkvermögen wurde ihnen entrissen, sie wurden zu Empfängern gemacht von Ideen, die ihnen eingeflößt wurden wie die Vorliebe für einen Softdrink oder eine Zigarettenmarke; ihre Köpfe sind voll von absurden Vorurteilen und Lügen über die Welt.“ Und er ergänzte: „Dieses abscheuliche System treibt nicht nur die Menschheit in ihre physische Auslöschung, es zerstört sie auch spirituell. Es verwandelt menschliche Wesen in selbstsüchtige Individuen, die blind miteinander konkurrieren, jeder der Feind aller übrigen.“ Sie werden umgewandelt zu „Lügnern, zu gierigen, egoistischen und unaufrichtigen Leuten.“ Ebenso sind ihre Eliten und ihre führenden Politiker sind keine Ausnahme: „Ich habe Prominente erlebt aus Ländern, die behaupten, zu den am besten informierten in der Welt zu gehören. Oder Länder, wo die fortgeschrittensten Informationsmedien zur Verfügung stehen. Und dennoch, ihre Bürger sind völlig uninformiert, sie wissen nichts über die Welt, und manche haben sogar einen Hochschulabschluss. Sie sind nicht fähig zu lesen, sie sind nicht fähig zu lernen.“
Auch die Führungsfiguren des Feindes betrifft das. Fidel Castro sprach über Clinton, der vor verschiedenen Zuhörern stets unterschiedlich angepasste Diskurse parat hatte, oder Reagan, der auf Staatsbesuch in Brasilien war und anfing, über Bolivien zu reden. „Ich weiß nicht. ob das ein unabsichtlicher Versprecher war oder dumme kulturelle Verwechslung. Eigentlich sind beide Länder unverwechselbar,“ wunderte er sich. „Doch wir können diese Leute nicht beschuldigen, sie lernten es nicht in der Schule. Normalerweise erhalten sie kein solides politisches Training. Es wäre akkurater zu sagen, dass das System es verhindert. Wenn das einzige Konzept, das sie antreibt, die Konkurrenz ist, der individuelle Kampf unter den Menschen, wenn sie nur an die Macht ihrer Waffen glauben und ihren Reichtum, wie könnten sie eventuell ausgestattet werden mit einer humanistischen Idee für die Welt von morgen?“
Sein Fazit: „Wir ziehen unseren Sozialismus vor mit allen seinen Unvollkommenheiten, wir bevorzugen den Totalitarismus von Wahrheit, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit; den Totalitarismus wahrer menschlicher Gefühle; den Totalitarismus jenes Typs von Vielparteiensystem, welches wir praktizieren.“ Gegenüber den acht Millionen kubanischen Wahlberechtigten, die aktiv die Politik mitgestalten und von der Basis bis in die höchsten Staatsinstanzen mitdiskutieren, sieht er in den USA das perfekte Einparteiensystem: Zwei Parteien, Demokraten und Republikaner, welche exakt die gleichen Interessen vertreten und sich ähneln wie „zwei Erbsen in einem Kochtopf“.
Die Journalisten forderte er nachdrücklich auf, sich nicht durch irgendwas oder irgendwen entmutigen zu lassen. Die Macht der Bosse in den oft schon transnationalen Medien und Nachrichtenagenturen bedroht die Integrität und die Kultur eines jeden Landes. Die Welt verändert sich und die Richtung entscheidet, „ob wir klar im Kopf bleiben und was wir in der Lage sind zu erreichen.“
Unter Verwendung von:
- „Fidel Periodista“, Editorial Pablo de la Torriente, Havanna, 2006
- Fidel Castro: „Today‘s Dreams are Tomorrow‘s Realities“, Rede vor dem Kongress lateinamerikanischer Journalisten, Havanna, 12.11.1999, hier aus: Fidel Castro: Capitalism in Crisis, Ocean Press, Melbourne, 2000