Fidel der Unermüdliche
Von Uli Fausten
Fidel Díaz Castro Quelle: Radio Cadena Habana
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Nein, das ist keine flapsige Respektlosigkeit. Fidel Castro ist hier nicht gemeint. Oder doch? Nun, irgendwie schon, aber die Rede ist von Fidel Díaz Castro, wie der Mann korrekt heißt, seines Zeichens Musiker, Cantautor, Kulturbeflissener in verschiedenen Sparten. Seit 32 Jahren kennen wir Kuba. Wohl 30 davon kennen wir Fidelito. Für Renate und mich fing das in der späten Mitte der 90er Jahre mit der wöchentlichen Pena im „Egrem“ an, einem Veranstaltungsort Ecke San Miguel und Campanário. Und da wir in den ersten zwanzig Jahren (als wir noch nicht hier wohnten) stets in Centro Habana logierten, war es leicht fußläufig für uns zu erreichen. Fidel Díaz „schmiss“ das Programm im Egrem zusammen mit seinem Kumpel Bladimir Zamora, der auch sein Sozius beim Redigieren von „El Caimán Barbudo“, einer berühmten Kulturzeitschrift, war, die, – nebenbei bemerkt – dieses Jahr ihr 60jähriges Bestehen feiert. Fidel war eindeutig der Nettere der beiden. Bladimir machte manchmal bissige Bemerkungen über „Trovadores und solche, die sich dafür halten“ Aber nach meiner Erinnerung gab es dafür selten einen Grund. Die weitaus meisten Kurzauftritte im Egrem waren von guter Qualität.
Doch ehe ich nun vom Hundertsten ins Tausendste komme – es geht um Fidel Díaz und der verfolgte uns weiter oder, besser gesagt, wir ihn. Als wir 2014 beschlossen, Havanna, bzw. seinen weitläufigen Ortsteil Vedado, – inoffiziell – zu unserem Ersten Wohnsitz zu machen, war das Egrem plötzlich ganz weit weg. Wir mussten uns kulturell umorientieren. Was sich anbot, war das Hueco, Ecke Presidentes und Einundzwanzigste. Auch das ist nicht gerade nebenan, aber es war einmal im Monat selbst für mich zu schaffen. Der Name „el hueco“ (das Loch) rührt wohl daher, dass der Open-Air-Veranstaltungsbereich mehrere Meter unter Straßenniveau liegt und das Publikum nicht vom geringsten Windhauch erreicht wird, was im Sommer schon recht grenzwertig ist …
Das Hueco hatte einen anderen Anspruch als das Egrem. Während letzteres fast ausschließlich Musik bot, waren Musizierende in ersterem lediglich ein Teil des Programms. Dieses nannte sich „La pupila asombrada“ (Die erstaunte Pupille). Ein Zitat aus einem Lied von Silvio Rodríguez, das den kantigen Intellektuellen Iroel Sánchez zu seiner Website „La pupila insomne“ (die schlaflose Pupille) brachte, die ihrerseits ohne Pause Anti-Kuba-Kampagnen und ihre notorischen Verbreiter aufs Korn
nahm. Hier gab es also einen dezidiert politischen Teil, der stets die erste Hälfte der Veranstaltung füllte und den Iroel übernahm, indem er Themen anmoderierte und Interviews mit entsprechenden Eingeladenen führte. An diesen Gesprächsrunden nahm zuweilen auch Fidel Díaz Castro teil, aber eigentlich war dessen Aufgabe, durch den zweiten Teil des Abends zu führen. Er kündigte die Band an, redete über sie, sprach auch mit dem einen oder anderen Interpreten vor der Aufführung. Grundlegender Unterschied zu den Sessions im Egrem, wo, wie bei Penas üblich, alles ein wenig unvorhersehbar nach dem Motto „Wer hat noch nicht, wer will noch mal?“ ablief: Hier gab es jeweils eine konkret avisierte Gruppe, und die kam dann auch und gab ihr Konzert. O. k., ein etwas kleineres, aber eine Zeitstunde dauerte dieser Programmpunkt mindestens. Und das Hueco hatte – wann immer „La pupila asombrada“ anstand – eine ungefähr drei mal vier Meter große Elektronik-Leinwand zur Verfügung, auf der, wenn die Moderatoren noch keine Böcke hatten, Musik in Form von Videoclips und auch gern mal was Satirisches zum besten gegeben wurde. Ich weiß nicht mehr, wie viele Beiträge über die beiden Lokalitäten aus meiner Tastatur über die Nachwelt gekommen sind, aber einige müssen es schon gewesen sein. Ach ja, in noch einer anderen Sache unterschied sich das Hueco von seinem Vorgänger: Es wurde signifikant weniger gesoffen.
Fidel Díaz: Jedes Lied ist politisch, selbst das banalste. Foto: Rudens Local Guerra
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Als Iroel Sánchez an Krebs starb, war das schon schmerzlich genug. Hinzu kam jedoch, dass die Konzeption des Programms im Hueco so nicht mehr umgesetzt werden konnte. Fidelito brauchte einen neuen Partner. Dieser fand sich in dem charismatischen Michel Torres, dem Macher des bekannten Fernsehmagazins Con filo. Auch wählte man einen anderen Standort. Die zum ICAP gehörende „Casa de la Amistad“ auf Paseo, deren Außenbereich einfach mehr Raum für Publikum bietet, wurde ausersehen. Michel und Fidel hockten im ersten Abschnitt des Abends einträchtig nebeneinander und parlierten über politische Peinlichkeiten in- und ausländischer Couleur. Das lief humorvoller ab als im Hueco und die Leute kamen in größerer Menge. Was manchmal dazu führte, dass „der Laden“ richtig voll wurde, verdankte sich aber auch dem Umstand, dass Bands wie Arnaldo y su Talisman etwas mehr „Kawupptich“ auf die Bühne bringen als das Septeto Habanero. Just als dieses Format zu einer Erfolgsgeschichte zu werden versprach, kam nach dem Willen Donald Trumps die Energiekrise dazwischen. Und der oben erwähnte Arnaldo und seine Mannen können ihr Zeug beim besten Willen nicht a capella singen. Ohne Verstärker und Mikrophone sind sie aufgeschmissen. So war dem einmal monatlich stattfindenden Con filo-Abend in der „Casa“ des Instituts für Völkerfreundschaft nur ein kurzes Leben beschieden.
Mehrere Monate, in denen das Strom-Elend unverdrossen andauerte, hörten wir nichts mehr von Fidelito. Aber der ist ein NuevaTrova-Workaholic, der nicht sein kann, ohne dieses Genre in die Öffentlichkeit zu bringen. Heimathafen für seine Leidenschaft ist neuerdings das El Palenque auf der 4. Straße zwischen 5. und Calzada – ein Ort, der uns, obwohl gar nicht weit entfernt, bis vor kurzem völlig unbekannt war. Es ist auch der kleinste der bisher erwähnten. Sitzplätze für ca. 30 Leute, allerdings eine große Theke für Stehgäste. Bescheidene Snacks wie Caldoza oder Croquetas sind im Angebot. Als wir uns das erste Mal zu der Location durchgefragt hatten, kam uns Fidel Díaz entgegen und umarmte uns. Das tut er bei den meisten, was wiederum daran liegt, dass diese Örtlichkeit sie jeden Donnerstag von 18 bis 23 Uhr zu Familienmitgliedern macht. Familie nicht im Sinne von Verwandtschaft, aber Familie gleichwohl. Das läuft unter fast allen so: Wangenküsse sind das mindeste. Die Art, wie Fidelito uns begrüßte, war insofern irritierend, als uns außer
ihm niemand kannte. „Wer sind denn diese Leute?“, fragte man ihn sotto voce und er meinte lakonisch: „Arbeiten bei der Granma.“ Damit war alles gesagt. Keine weiteren Fragen. Wir waren freundlich aufgenommen. Ein bisschen aufpassen mussten wir bei unseren nun folgenden Aufenthalten dort, wer uns beim vorigen Mal herzlich umarmt hatte. Denn wenn wir einmal später kamen als eine solche Person, wurde gewiss von uns erwartet, dass wir uns bei der Begrüßung ebenso verhielten. Man sollte diese Dinge nicht geringschätzen, denn manche mögen sich schon fragen: Wie integrationswillig sind Ausländer? Und sich ein paar Gesichter zu merken, ist ja nun wirklich kein Hexenwerk.
Doch zurück zu Fidel. Der hat – völlig anders als früher – an besagten Tagen an der Gesangsfront viel zu tun. Gewiss kam es im Egrem, im Hueco und in der Casa de la Amistad zuweilen vor, dass er selber zur Gitarre griff und uns etwas vorsang. Aber das war nicht eigentlich seine Aufgabe. Seine Aufgabe war, dafür zu sorgen, dass andere sangen. Da auch die Donnerstage im Palenque unverbindlich als Pena konzipiert sind, ist das hier durchaus möglich. So wie manche ihre eigenen Gedichte rezitieren, dürfen andere auch singen, wenn sie können. Und, ja, ich habe schon einen wohlbekannten Singer-Songwriter wie Tony Ávila dort einige Stücke vortragen hören. Am selben Abend war auch noch Juan Carlos Pérez da, so dass Fidelito zwischendurch mal ein klein wenig entspannen konnte. Aber nicht selten bestreitet er so einen Nueva-Trova-Abend alleine. Dabei muss man bedenken: Energiekrise bedeutet für die Musiker ja nicht nur, dass sie ohne Verstärker und Mikros bleiben. Sondern heißt auch, dass sie möglicherweise – obwohl sie kommen wollten – gar nicht kommen können, weil ihr Auto keinen Tropfen Benzin mehr im Tank hat.
Fidel Díaz Castro singt stur gegen all das an. Und wenn ihm – umständehalber – keiner hilft, so macht er es eben allein. Sein Repertoire scheint uferlos. Nur manchmal hat er Schwierigkeiten mit der Tonspanne eines Songs. Dann quält er sich ein wenig mit den hohen Noten. Ich habe aber noch nie erlebt, dass auch nur einer im Publikum darob das Gesicht verzogen hätte. Und das hat einen ganz einfachen Grund. Jeder, wirklich jeder, der da sitzt, kennt die Stücke im Original und weiß, wie sie klingen, wenn sie perfekt sind. Während Fidel singt, hören alle vor ihrem geistigen Ohr die Klänge ihres Tonträgers und alles ist in Ordnung. Es gibt auch gar nicht wenige, die mitsingen, so gut es eben geht. Was zur schönen Atmosphäre beiträgt, ist die Abwesenheit von Strom. Dadurch wird grelles Licht vermieden. Die Beleuchtung kommt vielmehr von aufladbaren Tischlampen, die ein warmes mattgelbes Licht verbreiten. Fidel selber ist das so lieber. Er findet es gemütlicher.
Der wöchentliche Trova-Abend ist lang. Von sechs Uhr abends, manchmal auch halb sieben, bis elf Uhr, – zehn Uhr, wenn nicht viel los ist. Aber selbst das ist lang! Im Publikum sind wir mal zu 15, mal zu 50 und auch zwischen 60 und 70 haben wir schon erlebt. Dann freut sich der Wirt, denn er setzt viele Getränke um. Was aber den Ausschlag gibt, ob es eher wenige oder eher viele werden, da kann man jetzt drüber spekulieren. Mal ein paar Gedanken meinerseits dazu ins Unreine gesprochen: Donald Trump ist an solchen Abenden – unsichtbar – stets präsent. Keiner redet von ihm, keiner erwähnt ihn auch nur namentlich. Doch wenn man es mit Kulturreichtum von Größen wie Silvio, Aute, den Gebrüdern Feliú, Noel Nicola oder Chico Buarque zu tun hat, so verbietet sich das Nennen seines Namens im gleichen Atemzug quasi von selbst. Aber jemand, der zitiert wird „Ob ich Kuba nun befreie oder es mir einfach nehme – ich kann damit machen, was ich will“, der ist unweigerlich spürbar für die Menschen, die Opfer dieses eitlen Dummschwätzers und seiner sadistischen Launen sind. Nach langer Vorrede diese Schlussfolgerung: Besonders viele sind wir immer dann, wenn der Herr des Weißen Hauses sich nach dem Motto „Die Uhr tickt“ wieder mal zu Kuba geäußert hat. Dann haben wir verstärkt das Bedürfnis, der Barbarei dieses Individuums gemeinschaftlich etwas Wertvolles entgegenzusetzen und uns dabei als Einheit zu fühlen, Sind wir dagegen nur mal schlappe drei Handvoll Gäste, missfällt das zwar dem Wirt, aber eigentlich ist es ein gutes Zeichen, denn die Sorgen scheinen sich auch vermindert zu haben. Je weniger Publikum auf der Pena, desto besser, wäre der Umkehrschluss, der natürlich auf sämtlichen Füßen hinkt. Das tut er allein schon darum, weil man Trump an keinem Tag, zu keiner Stunde, keiner Minute, trauen kann. Die Schläge gegen Venezuela und den Iran haben schließlich auch so funktioniert: als niemand es erwartete.
In Kuba ist derzeit vieles ungewiss: ob es Strom und Wasser gibt, wie lange Lebensmittel bei ständig steigenden Preisen noch bezahlbar bleiben. Dagegen ist die kubanische Kultur eine verlässliche, stabile Größe. Egal, ob „Buena Fe“ in Europa tourt oder „Los Van Van“ in Südamerika oder ob Viengsay Valdés als ehemalige Primaballerina und jetzige künstlerische Leiterin des Kubanischen Nationalballetts die Metropolen Asiens und Ozeaniens in Verzückung versetzt, Fidel Díaz ist Kontinuität dieser Verlässlichkeit in kleinerem Rahmen. Und er rackert sich durchaus ab, das zu leisten. Wo immer er gerade tätig ist, hat er seine treuen Followers und die lieben ihn für das, was er tut.