Das kubanische Volk ist vorbereitet

Gespräch mit Aleida Guevara

Kuba steht inmitten der schwierigsten Phasen seit Beginn der Revolution. Die durch die kriminelle USBlockade ausgelöste Energiekrise stellt das Land vor enorme Herausforderungen. Gleichzeitig prägen Fragen nach Souveränität, Widerstandsfähigkeit und der Zukunft der Revolution die öffentliche Debatte – innerhalb Kubas ebenso wie weit darüber hinaus.
Cuba Libre hatte die Möglichkeit, im April 2026 mit Aleida Guevara zu sprechen. Auf ihrer Reise durch die BRD sprach sie auf zahlreichen Veranstaltungen und wurde zudem für ihr praktisches Wirken als Internationalistin und Ärztin sowie stellvertretend für das widerständige kubanische Volk mit dem Rosa-Luxemburg-Preis der Tageszeitung junge Welt ausgezeichnet. Im Gespräch mit Aleida Guevara geht es genau darum: Die Haltung des kubanischen Volkes angesichts der Bedrohungen eines schier übermächtigen Gegners, die Verteidigungsbereitschaft Kubas, die Bedeutung der kubanischen Jugend – und warum Aleida trotz aller Schwierigkeiten von der Widerstandskraft des kubanischen Volkes überzeugt ist.

Cuba Libre (CL): Seit Beginn der zweiten Amtszeit von Trump hat sich die Lage auf Kuba mit der völkerrechtswidrigen Energieblockade noch einmal verschärft. Was denken die Menschen in Kuba über diese Situation? Was erwarten sie von ihrer Regierung?

Aleida Guevara: Unter den schwierigen Umständen der letzten Jahre fällt es vor allem der jüngeren Generation schwer, zu begreifen, was die kubanische Revolution bedeutet. Vor der Revolution hattest du kein Haus, keine Bildung, keine Arbeit, doch die Revolution hat dir all das gegeben. Wächst du aber mit diesen Grundrechten schon auf, dann besteht die Gefahr, dass die Bedeutung der Revolution als Selbstverständlichkeit angenommen wird. Doch am 3. Januar hat sich alles verändert: Als die USA Venezuela angriffen und Präsident Maduro und seine Frau entführten, die immer noch in völkerrechtswidriger Gefangenschaft sitzen, ging ein wahrhaftiger Ruck durch unser Land. Einerseits wurde offenbar, dass die US-Regierung ihre Aggressionen auf blanke Lügen stützt, andererseits starben dabei 32 Kubaner. Das kubanische Volk reagierte mit einem beeindruckenden Trauermarsch, aber auch mit Zusammenhalt und Stärke. Spätestens seit diesem Moment wissen wir, dass die USA auch einen Angriff auf uns planen.
Natürlich wollen wir keinen Krieg, unter gar keinen Umständen. Aber wir sind vorbereitet, unser Land mit allem, was wir haben, zu verteidigen. Mit der Energieblockade hat sich die Lage extrem verschärft, uns fehlt das Öl, das Geld, der Tourismus. Für den russischen Öltanker waren wir sehr dankbar, allerdings ist auch das nur eine kurzfristige Hilfe. Deshalb hat die kubanische Regierung entschieden, auf erneuerbare Energien zu setzen. Wir werden langfristig nur überleben, wenn wir uns energietechnisch unabhängig machen können, das heißt mit Solar- und Windenergie. Die massiven Stromausfälle, die an manchen Orten bis zu 72 Stunden dauern, belasten uns extrem. Aber die Menschen halten durch, denn sie wissen um die Ursachen. Sie geben nicht der Regierung die Schuld, sondern der Blockade. Trump selbst hat das ja auch zugegeben und verlauten lassen, dass er mit Kuba machen würde, was ihm gefällt. Damit hat er unseren Nationalstolz angegriffen, denn selbst kritische Stimmen aus dem Volk haben darauf mit großer Ablehnung reagiert. Denn diesen Krieg will hier niemand – aber sollten sie unsere Insel betreten, werden sie es schwer haben, sie wieder zu verlassen.

CL: Welche Möglichkeiten hat denn die Regierung, hat das kubanische Volk, sich gegen diesen mitunter irrational agierenden übermächtigen Gegner zu verteidigen?

Aleida Guevara: Obacht, wir trennen Regierung und Volk nicht, das ist elementar für unsere Identität. Wir lassen uns nicht spalten, wir gehen diesen Weg gemeinsam. Die kubanische Regierung wird schließlich direkt durch das Volk gewählt, von den lokalen Wahlen bis hin zur Wahl zur Nationalversammlung. In einem Land wie diesem ist es sicherlich schwer nachzuvollziehen, aber unsere Regierung ist kein Fremdkörper, sondern integraler Bestandteil des Volkes. Zu den Maßnahmen: Die erste kam aus dem Volk selbst, die habe ich schon erwähnt: Das ist die Demonstration von Zusammenhalt und Stärke. Zudem werden militärische Übungen durchgeführt, auch jungen Menschen wird der Umgang mit Waffen beigebracht. Und das ist natürlich etwas Neues. Unser Volk ist nicht bewaffnet, weiß zum Großteil auch nicht, mit Waffen umzugehen. Doch sie lernen es nun, um bei der Verteidigung ihrer Heimat zu helfen. Es wird derzeit viel geplant und organisiert. Das Volk wird auf diesen Angriff vorbereitet, jeder und jede Kubanerin weiß, was er oder sie im Falle eines Angriffes zu tun hat. Das ist elementar wichtig. Die Regierung um Díaz Canel ist rund um die Uhr aktiv, sie zeigt einen außerordentlichen Einsatz. Und das Volk, jung wie alt, zieht mit.

Aleida Guevara (M.) Foto: Marion Leonhardt
CL: Du hast schon über die Jugend gesprochen und auch, dass es scheinbar Probleme gibt, sich mit der kubanischen Revolution zu identifizieren. Kannst du uns mehr dazu sagen? Wie blicken die Menschen heute darauf?

Aleida Guevara: Probleme gibt es, das möchte ich nicht leugnen. Aber das ist auch klar, denn eine perfekte Revolution gab und gibt es nicht. Sie ist auch bei uns ein Prozess, gemacht von Menschen und dazu unter äußerst widrigen Umständen. Und sicher passieren dabei Fehler. Das wichtigste dabei ist aber, dass wir selbst die Einzigen sind, die diese Probleme lösen können und werden, und niemand sonst. Natürlich haben zum Beispiel junge Leute das Land verlassen, aber auch das hat seine Ursachen. Ich habe schon erwähnt, dass es schwieriger ist, die Erfolge der Revolution zu verstehen, wenn man mit ihnen schon aufgewachsen ist. Zudem haben wir in den letzten Jahren die ideologische Arbeit vernachlässigt, vor allem an Schulen und Universitäten. Das wird derzeit korrigiert, aber wir leiden noch an den Nachwirkungen. Die politische und ideologische Bildung ist fundamental für uns. Wenn ich beispielsweise Ärztin werden möchte, muss ich auch in Politischer Ökonomie geschult werden, um zu verstehen, was es überhaupt bedeutet, ein öffentliches und kostenloses Gesundheitswesen im Sozialismus zu organisieren. Aber zum Glück wurden hier schon wichtige Schritte gegangen, Studiengänge reformiert und mit weltanschaulichen Fächern gestärkt. Ich würde aber deutlich der Aussage widersprechen, dass sich die Jugend grundsätzlich nicht mehr mit der Revolution identifiziert. Ich spreche viel mit jungen Menschen, sei es mit der Kommunistischen Jugend, der Studentischen Föderation oder allgemein mit Jugendlichen. Wir müssen mehr auf die Jugend hören, sie in die Regierung des Landes stärker eingliedern, ihr mehr Verantwortung bei der Führung und Gestaltung des Landes geben. Denn gerade jetzt reagiert sie vorbildlich – mit Leidenschaft und Zusammenhalt gegen die Aggressionen gegen unser Land.

CL: Du sagst, eine perfekte Revolution gibt es nicht und Fehler würden passieren. Siehst du aktuell eigene Fehler, die dringend korrigiert werden müssten?

Aleida Guevara: Die Vernachlässigung der politischen und ideologischen Arbeit ist für mich ursächlich für viele unserer Probleme, aber wie gesagt, hier werden bereits Schritte gegangen und ich bin zuversichtlich, dass wir dem beikommen werden. Ansonsten muss ich immer betonen: Ich bin keine Politikerin, keine Wirtschaftswissenschaftlerin, sondern Ärztin. Meine Meinung ist also immer die einer Frau aus dem kubanischen Volk. Sicherlich fatal war zum Beispiel die Währungsreform 2021 inmitten einer globalen Pandemie. Um der wirtschaftlichen Lage beizukommen, war es natürlich fundamental, die bis dahin parallel existierenden Währungen CUC und kubanischen Peso zu vereinigen. Aber inmitten der Pandemie, ohne Tourismus, ohne funktionierende Weltwirtschaft, sind die erhofften Effekte leider ins Gegenteil umgeschlagen. So zirkulieren heute nun vier Währungen auf Kuba, die erhoffte Medizin war also schlimmer als die eigentliche Krankheit. Dasselbe ist meiner Meinung nach mit den berühmten MIPYMES (kleine und mittelständige Unternehmen) passiert. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers in Europa hatten wir immense Probleme, die Arbeit auf unserer Insel produktiv zu erhalten. Wir standen vor der realen Option, dass eine halbe Million Menschen ihre Arbeit verlieren würde, das kann ein sozialistischer Staat natürlich nicht zulassen. Also initiierten unsere Ökonomen ein Programm, das private Produktion unter einer Vielzahl von Bedingungen und Beschränkungen wieder ermöglichte. Das war in den 90ern und der Ausgangspunkt für die heutige Situation, diese Umstände muss man dabei mitbedenken. Letztendlich hat das über die Jahre dazu geführt, dass Menschen wieder privat auf eigene Rechnung und an den Grundsätzen unsere Verfassung vorbei gearbeitet haben. Der Staat musste selbstverständlich darauf reagieren, also versuchte er, diese private Arbeit mit der Zulassung der MIPYMES zu organisieren. Für mich ist das allerdings Gift in einer sozialistischen Gesellschaft. Ein Modell von Genossenschaften hätte deutlich besser zu unserer Gesellschaftsform gepasst, das habe ich immer deutlich gemacht. Es gefällt mir nicht, dass ein paar wenige Leute sich privat bereichern, während der Großteil der Gesellschaft solidarisch für alle arbeitet. Das ist wie ein Krebsgeschwür, dass unsere Ideale angreift. Aber es ist natürlich immer leicht, zu urteilen, wenn man die Entscheidungen nicht selbst treffen muss. Meine Meinung findet sich in Teilen des Volkes sicherlich wieder, aber wir diskutieren dies auch gemeinsam, Regierung und Volk als Einheit. So führen wir den Prozess unserer Revolution fort. Denn auch hier gilt: Diese Probleme sind unsere und nur wir selbst können und werden sie lösen. Deshalb muss an erster Stelle immer die Blockade genannt werden, die uns dafür aber jegliche Luft zum Atmen nimmt und uns überhaupt erst in solche Lagen bringt.
Aleida Guevara Foto: Cubaminrex

CL: Mut und Widerstand des kubanischen Volkes sind in aller Welt Vorbild für den Kampf um eine bessere Welt. Was macht aus deiner Sicht die Unbeugsamkeit des kubanischen Volkes aus?

Aleida Guevara: Die Geschichte der Völker ist unfassbar wichtig. Wenn du weißt, wo du herkommst und wer du bist, dann reagierst du. Auf Kuba haben wir außergewöhnliche Menschen, die mutig und konsequent sind und dabei immer nach ethischen Grundsätzen handeln. Gerade diese Ethik ist in einem revolutionären Prozess unabdingbar, das hat mein Vater immer vorgelebt. Und wenn um dich herum solche Männer und Frauen leben und wirken, dann inspiriert dich das und es ist ein innerer Ansporn, diese nicht zu enttäuschen. Wir wissen ganz genau, dass es keinen Weg zurück gibt. Sollten die USA sich Kubas bemächtigen, werden wir aufhören zu existieren – als Gesellschaft wie als Individuen. Unser Kuba wurde von so vielen hervorragenden Menschen aufgebaut, die dabei ihr Leben ließen. Das wir ein anderes Volk, eine andere Gesellschaft sein können, verdanken wir ihnen. Das gibt uns die Kraft und den Mut, Widerstand zu leisten. Und die Menschen wissen das, sie leben das. Deshalb poche ich immer so auf die ideologische Arbeit, die politische Bildung. Unser Volk ist sich dessen bewusst, was es durchgemacht hat, und deshalb werden wir uns nicht besiegen lassen.

CL: Eine letzte Frage: Was würdest du, als Kubanerin, uns raten – was ist derzeit die beste Form, um das kubanische Volk durch Solidarität zu unterstützen?

Aleida Guevara: Da gibt es viele Wege. Materielle Hilfe ist angesichts der Blockade immer noch wesentlich. Allen voran die Frage der Solaranlagen und alles, was uns hilft, die Energiekrise zu lösen. Aber die Blockade nimmt uns auch Medikamente, Spritzen, Handschuhe, Katheter und Schuluntensilien. All das fehlt uns und wir sind für jede Hilfe dankbar. Aber was uns am meisten fehlt, ist die Mobilisierung und Solidarität auf den Straßen. Die US-Regierung muss Druck bekommen, muss spüren, dass die Völker nicht einverstanden sind. Regierungen kommen und gehen, die Völker bleiben. Wenn diese sich erheben, wird der Wandel kommen. So könnt ihr uns über die Distanz hinweg verteidigen. Das wäre für uns das Allerwichtigste, denn Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.

Das Gespräch führte
Theodor Godomski
am 16. April 2026 in Frankfurt/M