Mitglieder der SDAJ-Solidaritätsbrigade »Fidel Castro Ruz« berichten von ihren Erfahrungen auf Kuba unter verschärfter US-Blockade
Von Luisa Reckord und Andrea Hornung
Frankfurter Flughafen, sechs Uhr morgens am 1. August 2026. Wir sortieren Gepäck voller Medikamente, medizinischer Geräte und Bücher. Insgesamt geht es um fast eine Tonne Solidaritätsgepäck, das mit Unterstützung von der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba, Cuba sí, der Humanitären Cuba-Hilfe Bochum und der jungen Welt nach Kuba gebracht werden soll. Kurz bevor wir uns auf zwei verschiedene Flüge aufteilen müssen, rufen wir ein erstes Mal gemeinsam »Viva Cuba Socialista«. Einige müssen noch schnell Geld abheben – denn Visa- und Mastercard funktionieren wegen der US-Sanktionen seit Juni auf Kuba nicht mehr. Wir, 29 Jugendliche zwischen 17 und 29 Jahren aus ganz Deutschland, werden zwei Wochen auf Kuba verbringen und dort auch den 100. Geburtstag des Comandante en Jefe Fidel Castro feiern. Anlässlich dieser Feierlichkeit ist unsere SDAJ-Brigade auch nach Fidel Castro benannt. Wir sind gespannt. Wir wissen von der verbrecherischen US-Blockade gegen Kuba. Doch wir fragen uns: Was heißt das für die Kubanerinnen und Kubaner in ihrem Lebensalltag? Und was heißt es jetzt, solidarisch mit Kuba zu sein?
Schon beim Flug sind die Auswirkungen der seit Anfang des Jahres verhängten US-Seeblockade gegen Kuba spürbar: Um aufzutanken, ist ein Zwischenstopp notwendig, und es gibt nur noch wenige, dafür um so teurere Flüge. Denn seit Ende März 2026 hat Kuba kein einziger Öltanker mehr erreicht. Dabei bräuchte es mehr als vier Schiffslieferungen pro Monat, um den nationalen Bedarf für Kraftstoff und Strom auch nur annähernd zu decken. Die Blockade ist auch der Grund, weshalb wir unser komplettes Freigepäck für die Mitnahme von Spendengütern zur Verfügung stellen: Auf anderem Weg kommen Medikamente, Ersatzteile und selbst Lebensmittel gerade nur schwer nach Kuba. Die in den vergangenen Monaten noch deutlich verschärfte Blockade wird für uns direkt nach der Landung ein weiteres Mal spürbar: Aus dem hell erleuchteten Flughafen bringt uns ein Bus in ein Hotel ganz in der Nähe des Platzes der Revolution – und fährt dabei durch eine ungewohnt dunkle Stadt. Denn kurz vorher ist wieder einmal das nationale Stromversorgungsnetz heruntergefahren worden. Doch in dem Moment, in dem der Bus vor das Hotel fährt, geht das Licht im Gebäude plötzlich an. »Total krass, dass die extra für uns den Strom angemacht haben«, meint Justus. Dank des Einsatzes eines Generators funktionieren für eine gute halbe Stunde Klimaanlage, Wasser, Licht und Steckdosen. Es reicht gerade, um sich einmal schnell frischzumachen, dann ist der Treibstoff leer. Es ist ein erster, kleiner Einblick in den aktuellen Alltag auf Kuba, in dem es nur rund zwei, drei Stunden Strom am Tag gibt. Beim Besuch von Viviam, einer Bekannten, sehen wir, was das bedeutet: Sobald die Stromversorgung wieder einsetzt, wird ein freudiges »Hay corriente« (»Es gibt Strom«) gerufen, dann beginnt der Stress. Denn dann wird gekocht, Wäsche gewaschen, der Wasserspeicher gefüllt, die Powerbank aufgeladen und für einen kurzen Moment die Zeit mit dem Ventilator genossen, der die tropischen Temperaturen etwas erträglicher macht. Durch die Blockade der USA ist der Alltag der Kubaner massiv eingeschränkt.

Krieg gegen Kuba
Wir erleben die Kubanische Revolution in einer Situation, die so herausfordernd ist wie nie zuvor. Als Sophie, die auch Teil der Brigade ist, an einer Wand ein Gemälde über Frauenrechte entdeckt, das von Rissen und abgeschlagenem Putz durchzogen ist, sagt sie zu uns: »Das Bild fasst die aktuelle Situation gut zusammen. Hier gibt es riesige Errungenschaften, hier sind mehr Frauen als Männer im Parlament und an der Universität, hier gibt es das fortschrittlichste Familiengesetz der Welt – aber die Ressourcen fehlen.« Sie hat recht. Immer wieder merken wir, es sind riesige Errungenschaften: Die Professorin mit Forschungsschwerpunkt Rassismus und Frauenrechte, Geydis Fundora Nevot, erzählt, dass die Revolution Schwarze und Frauen aus diskriminierenden Verhältnissen befreit hat. Elena und María – 89 und 80 Jahre alt und uns aus dem Dokumentarfilm »Zucker und Salz« bekannt – berichten, wie Fidel Castro sie überzeugte, Teil der Alphabetisierungskampagne zu werden. Damals haben sie dazu beigetragen, innerhalb kürzester Zeit der kubanischen Bevölkerung das Lesen und Schreiben beizubringen, während noch mit der Waffe in der Hand gegen die Konterrevolution gekämpft werden musste. In einem Seniorenheim, das wir besuchen und das für die Bewohner vollständig kostenlos ist, arbeiten neben Pflegepersonal auch Ärztinnen und Psychologen. Das Heim wird ebenso wie Krankenhäuser in der Stromversorgung priorisiert. Künftig soll es mit weiteren Solaranlagen ausgestattet werden.
Aber dennoch ist die Blockade für uns jeden Tag Thema und jeden Tag spürbar, etwa wenn wir beim Nationalen Zentrum für Sexualerziehung (Cenesex) erfahren, dass Operationen für trans Personen zwar kostenlos sind, gerade aber nicht durchgeführt werden können, und dass es an Schmerzmitteln nach Operationen und sogar an Kondomen fehlt. Wenn Josana, eine ältere Frau aus Havanna, uns erzählt, dass der Müll aufgrund des Treibstoffmangels nur noch selten abtransportiert wird und selbst der Lohn eines Arztes kaum noch zum Leben reicht. In der »Gedenkstätte der Anklage« in Havannas Stadtteil Miramar können viele von uns ihre Tränen nur noch schwer zurückhalten: Dort erfahren wir, dass Tausende Kubaner bei US-amerikanischen Attentaten getötet wurden. Ivan, Funktionär des Kommunistischen Jugendverbands (UJC), nutzt die Chance, um uns seine Facebook-Startseite zu zeigen: Selbst bei einem organisierten Revolutionär ist die Startseite voll von konterrevolutionärer Propaganda. Dagegen ist nur schwer anzukommen, vor allem, wenn den Zeitungen das Papier für den Druck fehlt, sie nicht ins Land transportiert werden können und der Fernseher mangels Stroms meistens ausbleibt – wie uns die Redaktion der Zeitung Juventud Rebelde berichtet. Uns wird klar, dass Kuba einem äußerst ungleichen Krieg ausgesetzt ist. Ein Krieg, der versucht, Kuba die Luft zum Atmen zu nehmen, und der jederzeit auch militärisch geführt werden könnte. Darauf bereitet sich auch die kubanische Bevölkerung mit Militärübungen vor, denn ein großer Teil ist dazu bereit, die Revolution und Unabhängigkeit Kubas auch militärisch zu verteidigen.

Verteidigung der Revolution
In dieser Situation hat Kuba 176 neue Wirtschaftsmaßnahmen eingeführt. Der Vizepräsident des Ökonomenverbandes Ayuban Gutiérrez Quintanilla erklärt uns die Hintergründe: Die Produktion soll gesteigert werden, auch durch private Unternehmen. Denn diese werden von der Blockade nicht ganz so stark getroffen wie der Staat und haben deswegen größere Spielräume, lebenswichtige Medikamente und Ersatzteile zu importieren. Mit der Dezentralisierung der Planung soll den Provinzen mehr Handlungsspielraum gegeben werden, um auf die sich schnell verändernde Situation zu reagieren. Mit ausländischen Investitionen sollen Devisen erwirtschaftet werden, damit der Import gesteigert werden kann. Der Ökonom erklärt uns, warum er manche der Maßnahmen für eine Notwendigkeit hält – zum Beispiel die, dass Ländereien nun für 99 Jahre statt nur für 25 Jahre gepachtet werden können, damit der Anbau von einigen Früchten künftig lohnender gestaltet werden kann. Wir erleben auch, dass die Maßnahmen kontrovers diskutiert werden. So bezeichnet Aleida Guevara, Tochter von Che Guevara und Mitglied der Kommunistischen Partei, im Gespräch mit uns die privaten Unternehmen als Krebsgeschwür in der kubanischen Gesellschaft. Ayuban Gutiérrez meint zu solchen Bedenken: »Immer, wenn Marktbeziehungen bestehen, gibt es private Interessen, dann birgt das die Gefahr der Rückkehr zum Kapitalismus. Aber: Wir müssen einen Umgang mit der Situation finden.« Dafür brauche es große revolutionäre Stärke und mehr ideologische Arbeit. Auch wir diskutieren intensiv darüber, was getan werden kann, um die Situation der kubanischen Bevölkerung schnellstmöglich zu verbessern und die Revolution zu verteidigen.
Fidels Strahlkraft
Trotz der aktuellen Situation schätzen Elena und María, dass mehr als 80 Prozent der Bevölkerung hinter der Revolution stehen. Wir treffen viele Menschen, die über die schwere Situation klagen – aber niemanden, der die Revolution insgesamt in Frage stellt. Und nicht nur wegen seines 100. Geburtstags sprechen fast alle vom Comandante en Jefe Fidel Castro. So auch bei einem Konzert ohne Strom im Stadtteil Vedado, bei dem uns Lieder über den Angriff auf die Moncada-Kaserne vom 26. Juli 1953 in Santiago de Cuba berühren. Und auch die internationale Strahlkraft Fidels und der Kubanischen Revolution ist unverändert groß: Zum internationalen Kolloquium am 100. Geburtstag von Fidel Castro kommen Delegationen aus 78 Ländern nach Havanna. In unserem Beitrag dazu heißt es: »Kuba ist jeden Tag wie Fidel. Heute steht Kuba in der vordersten Frontlinie im Kampf gegen den Imperialismus, gegen den wir gemeinsam kämpfen. Kubas Widerstandskraft ist unübertroffen.« Danach rufen wir ein weiteres Mal »Viva Cuba Socialista«, und zahlreiche weitere Teilnehmer stimmen mit ein. Die Widerstandskraft, der Internationalismus und der revolutionäre Geist der Kubanerinnen und Kubaner zeigen uns, wie sie diese verbrecherische Blockade Tag für Tag überleben: Sie lieben die Revolution.

Lieber im Meer versinken …
»Die Situation ist sehr schwer. Deshalb müssen wir Kuba verteidigen und die Einheit herstellen. Wir sind zwar ein armes, unterentwickeltes Land. Aber wir sind reich an Bewusstsein. Wir wollen lieber im Meer versinken, als ein weiterer Stern auf der US-Flagge zu werden.« Es ist mucksmäuschenstill im Raum, als der erste kubanische Kosmonaut Arnaldo Tamayo Méndez diese Worte sagt. Denn sie verdeutlichen uns, wie alltäglich die Gefahr eines militärischen Angriffs für die kubanische Bevölkerung ist. Was bedeutet es nun, solidarisch mit Kuba zu sein? Der Schriftsteller Enrique Ubieta bittet uns: »Wenn sie uns bombardieren, dann müsst ihr in Frankfurt und Berlin auf die Straße gehen und schreien.« Wir Brigadisten haben nicht nur Medikamente und weiteres Solidaritätsgepäck auf Kuba gelassen. Wir lassen der kubanischen Bevölkerung das Versprechen da, die Wahrheit über Kuba nach Deutschland zu tragen. Als Brigadistenl haben wir uns geschworen, die Solidarität mit Kuba zu verstärken. Wir werden auch in Deutschland dafür kämpfen, in einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung und in Würde leben zu können. Die Kubanische Revolution braucht unsere Solidarität – und wir brauchen Kuba!
