Was wird uns dieses Jahr bringen?

Alles soll besser werden, das hofft natürlich jeder hier. Einige Zeichen geben auch Anlass für verhaltenen Optimismus. Nicht dass jemand hier davon ausginge, die Blockade würde wenigstens ein bisschen aufgeweicht. Nach einem Jahr der Biden-Regierung hat auch der Letzte diese Illusion aufgegeben.

Kinder

Hoffentlich Besseres als das letzte!
Foto: Rolando Ibarra



Verbesserungen kommen nur durch uns selbst. Und da ist zunächst einmal die Impfung gegen Covid, die wirklich ein voller Erfolg zu sein scheint. Man kann sagen, dass nach der Impfung die Sterblichkeit gegen statistisch gegen Null tendiert. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Maßnahmen eingeschränkt worden wären. Immer noch muss überall die Gesichtsmaske getragen werden. Die für Februar geplante Buchmesse wurde erstmal auf April verschoben, was mit den hohen Inzidenzzahlen aus den Besucherländern begründet wurde. Allerdings fand am 27. Januar der Fackelzug zu Ehren von José Martí statt zwar mit Maske aber ansonsten wie in alten Zeiten. Das lässt für den 1. Mai hoffen.




Die Restaurants sind größtenteils wieder geöffnet und an vielen Orten gibt es wieder ein Freizeit- und Kulturangebot. Nach all den Monaten mit Restriktionen kann man endlich wieder etwas mit Familie und Freunden unternehmen. Reiseagenturen wie Havanatur und Cubatur bieten den Bewohnern der Hauptstadt Touren in die landschaftlich schöne Provinz Pinar del Rio nach Soroa oder Viñales an. Die Preise dafür sind erschwinglich und ein Mittagessen ist darin enthalten. Auch der Sonne und Strand Tourismus von Varadero steht auf der Liste. Wer in der Stadt bleibt, kann sich wieder auf der Mauer des Malecón entspannen, in den Botanischen Garten gehen, Alt-Havanna besuchen und beispielsweise mit der Familie die Spezialitäten der Casa de Chocolate genießen. Ende Januar sind dann auch die Einschränkungen bei der großen Eisdiele Havannas, Coppelia, weggefallen. Bis dahin musste man telefonisch reservieren, was oft nicht möglich war und zur Unzufriedenheit in der Bevölkerung führte. Möglicherweise waren aber einfach nicht genug Rohstoffe für die Eisproduktion vorhanden, denn wie man von jenen, die einen Tisch ergatterten, hörte, gab es dort nur zwei Sorten Eis und das Problem mit der Milchversorgung ist landesweit bekannt. Inzwischen soll es aber wieder sechs Geschmacksrichtungen geben.

Hoffnung macht auch, dass das Angebot auf den Märkten größer wird und die Preise, auch wenn sie immer noch zu hoch sind, gefallen sind. Dieser Trend kann natürlich nur beibehalten werden, wenn weiter gleich viel oder mehr Produkte geliefert werden können. Sehr erfreulich ist es außerdem, dass man jetzt problemlos Brot bekommen kann. War dies vorher teilweise mit langen Schlangen verbunden und über die Libretaration hinaus nicht so einfach zu finden, so haben sich jetzt sogenannten Mipymes (kleine und mittlere Unternehmen KMU) niedergelassen, die zur Entspannung der Versorgungslage beitragen. Auch Unternehmen, wie beispielsweise Coppelia, können jetzt für ihre Versorgung mit Rohstoffen auf solche Mipymes und Genossenschaften zurückgreifen.

Inzwischen gibt es 1619 Wirtschaftsakteure dieser Art, 1568 davon sind private, 28 staatliche und 23 genossenschaftliche. Die Mehrzahl von ihnen befindet sich in Havanna und in Granma. Insgesamt haben sie 23.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Jetzt muss es nur noch überall gelingen, sie so in die Gemeinden einzugliedern, dass sie zu deren Entwicklung beitragen. Bei der Verzahnung von staatlichen Betrieben, Genossenschaften und Mipymes gibt es bereits einige erfolgreiche Versuche.

Die privaten Verkaufsstellen aber, die ihre Waren in der Regel über MLC-Läden besorgen müssen, stellen für einige der schlangestehenden Kubaner zwar gelegentlich eine Erleichterung dar, viele können jedoch die dort geforderten Preise nicht bezahlen.

Vor allem aber ist es wichtig, dass die Kinder wieder alle zur Schule gehen und ganztägig Unterricht haben. Da wird es nun auch kein Hin und Her mit halber Klassenstärke oder Aufteilung in Vor- und Nachmittagsunterricht mehr geben. Alle sind inzwischen geimpft, alles geht seinen normalen Gang, allerdings auch hier mit Maske.

Kuba Tourismus

Der Tourismus ist nach wie vor eine wichtige Stütze der kubanischen Wirtschaft.
Foto: prensa latina


Große Erwartungen hat man für dieses Jahr in den Tourismus gesetzt. Man strebt zweieinhalb Millionen Besucher an. Die Grenzen wurde ja in der zweiten Novemberhälfte des Jahres allmählich wieder geöffnet und Einkünfte aus diesem Bereich sind für die wirtschaftliche Erholung unerlässlich. 4.000 neue Hotelzimmer stehen jetzt mehr zur Verfügung, was von einem gesegneten Optimismus zeugt, da viele bereits existierende Hotels noch nicht wieder in Betrieb sind. Viele Fluggesellschaften haben ihre regelmäßigen Flüge wieder aufgenommen und sogar Kreuzfahrtschiffe, sofern sie keiner US-Reederei gehören, legen wieder in den Häfen verschiedener Provinzen an.





Man versucht hier die Gratwanderung, einen Kompromiss zwischen einem entspannten Urlaub für die Besucher und der Einhaltung der Gesundheitsprotokolle zu finden. Inwieweit man damit erfolgreich ist, wird sich erst noch herausstellen. Die vom nationalen Fernsehen interviewten Touristen betonen zwar alle, wie sicher sie sich mit den Maßnahmen fühlten. Fakt ist aber, dass Mexiko und die Dominikanische Republik mit ihren lockeren Einreiseregelungen mehr Touristen aufzuweisen haben. Wie sich das weiter entwickelt, wird man abwarten müssen. Schließlich ist Kuba weiterhin ein attraktives Reiseziel: ein Land, in dem man sich sicher bewegen kann und das nicht nur, was Covid angeht.

Es ist unbedingt erforderlich, dass die wichtigsten Märkte erhalten bleiben. Ein Großteil des wirtschaftlichen Aufschwungs und des BIP-Wachstums wird letztlich davon abhängen, was der Tourismus zu leisten vermag.

Ein weiteres Problem, das auch den Tourismus betrifft, ist die hohe Inflation. Sie macht besonders den schwächeren Sektoren zu schaffen. Auch wenn sie, wie der Minister für Wirtschaft und Planung sagte, nicht die Ausmaße habe, wie einige Kritiker sie verbreiteten, so liege die Inflationsrate doch über den ursprünglich einkalkulierten zehn Prozent.

Der offizielle Wechselkurs 1:24 entspricht nicht dem realen. Die nicht-staatlichen Restaurants kaufen ihre Ware meistens in Devisenläden und erhöhen die Preise definitiv nicht nach dem offiziellen Wechselkurs. Hinzu kommt ein weiteres Problem. Niemand weiß, wie viele Transaktionen täglich über Kreditkarten mit Devisen abgehandelt werden, das halten die Banken geheim. Genausowenig weiß man, wie viele Leute in Parks oder sonstwo Dollars in CUP und umgekehrt wechseln. Trotzdem gibt es bestimmte Websites die vorgeben, sie könnten den wahren Kurs von Dollar oder Euro festlegen. Das Problem dabei ist, dass Dinge, die oft genug wiederholt werden, sich erfüllen können und die Leute die dort gewürfelten Zahlen als real akzeptieren. Sie merken natürlich, dass der offizielle Wechselkurs nicht der Realität entspricht, aber der von diesen Seiten erfundene auch nicht. Er wird nur realer, weil viele ihn für bare Münze nehmen.

Fakt ist, dass die Wirtschaft um zwei Prozent gewachsen ist, dass die Grenzen geöffnet wurden, dass der Tourismus begonnen hat, dass die Pandemie auf ein erträgliches Maß zurückgegangen ist, dass die sogenannten "Mulas" zurückgekehrt sind, die Leute, die im Auftrag von im Ausland lebenden Verwandten Geld an deren Familienangehörige in Kuba überbringen. Dadurch sind automatisch mehr Devisen und Produkte auf der Straße. Nach dem Gesetz der Logik müsste demnach der Kurs fallen und nicht immer weiter steigen. Es ist also offensichtlich, dass diese Zahlen von denen, die sich bereichern wollen, manipuliert werden. Venezuela hatte das gleiche oder ein noch größeres Problem mit der Website "Dolar Today". Dort sind allerdings 95 Prozent des Einzelhandels in privater Hand und wenn diese alle die von den USA aus manipulierte Website als Referenzpunkt nehmen, sind die Auswirkungen für die nationale Währung natürlich noch verheerender.

Die Wechselkursmanipulationen, die auch vor dem Fälschen des Amtsblatts der kubanischen Regierung nicht haltmachen, sind vor allem ein weiteres Mittel, um die Menschen zu irritieren und das Land zu destabilisieren.

Offiziell soll zwar der CUP die einzige Währung sein, die man in seinem Portemonnaie hat, aber wie wir bei unserer Rückfahrt mit dem Taxi vom Flughafen feststellten, war unser Taxifahrer bitter enttäuscht, dass wir ihn in CUP bezahlen wollten. Diese Leute gehen offensichtlich davon aus, dass die Touristen mit ihren Dollar- oder Euroscheinen anreisen und die hätten sie gerne. Touristen, die schon auf dem Flughafen in CUP umtauschen oder im Land lebende Ausländer, die mit ihren CUP in der Tasche zurückkehren, haben sie offensichtlich nicht auf der Rechnung. Aber allein das lässt erahnen, wie viel solcher Aktionen wahrscheinlich allein im Tourismusbereich getätigt werden.

Wenn wir auf der Banco Financiero Internacional uns einmal im Monat unser Geld vom Eurokonto in CUP auszahlen lassen, merkt man, und das sagt man uns auch, dass höhere Beträge dort normalerweise nicht umgetauscht würden. Die Folge davon ist, dass man sich dort selbst beim Umtausch von ein paar Hundert Euro auf die Suche nach Banknoten begeben muss. Wenn man dort dann nur 20-CUP-Scheine ausfindig macht, hat jeder Restaurantbesuch einen gewissen Unterhaltungswert, da alle damit beschäftigt sind Beträge von 2000 oder mehr Pesos in 20er Scheinen nachzuzählen.

Aus all dem ist zu erkennen, dass die "Aufgabe Neuordnung" nicht so funktioniert, wie man sich das erhofft hatte. Laut offiziellen Daten fiel das BIP im Jahr 2020 um 10,9 % und selbst der für 2022 geplante Anstieg des Bruttoinlandsprodukts wird nicht die Werte von 2018 und der ersten Hälfte von 2019 erreichen.

Um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und die im Gesundheitsbereich zu mildern, mussten enorme Mittel aus dem Haushalt für das Gesundheitssystem und die Sozialhilfe bereitgestellt werden. Das führte natürlich zu einem immer größer werdenden Haushaltsdefizit, das 2021 bis zu 18,5% des BIP angestiegen war. 2019 betrug es nur 6,2 Prozent. Wenn die Nationalbank dieses Ungleichgewicht im Haushalt nicht mehr ausgleichen kann, ist sie dazu gezwungen, mehr Geld herauszugeben. Das ist dann natürlich nicht mehr durch den produktiven- oder Dienstleistungsbereich gestützt und trägt so zur Inflation bei. Zu lösen ist das Problem letztendlich nur, wenn man neue Wege für die Investition von privatem nationalem und ausländischem Kapital findet. Der Gewinn, der sich aus diesen Investitionen ergibt, könnte dazu beitragen, den Etat und die wachsende Auslandsverschuldung auszugleichen. Natürlich könnte man das Defizit auch durch Kürzung der Sozialprogramme, die in Kuba einen großen Teil im Haushalt ausmachen, entscheidend verringern. Das sind die Empfehlungen des IWF, aber die lassen sich nun nicht mit dem kubanischen Sozialismus in Einklang bringen.

Die Hoffnung liegt auf höherer Produktivität bei den traditionellen Industriebereichen aber vor allem bei den wettbewerbsfähigen High Tech Unternehmen, von denen sich die pharmazeutische Industrie mit der Schaffung der ausgezeichneten Impfstoffe und anderer bahnbrechender Behandlungsmethoden hervorgetan hat.

Bauer auf der Finca Marta
Ein nachhaltiges und souveränes Landwirtschaftsmodell für Kuba soll die Ernährungssicherheit der Bevölkerung garantieren.
Foto: cubadebate


Die wirtschaftliche Erholung steht und fällt jedoch mit dem staatlichen sozialistischen Unternehmen. Aber 500 von diesen, darunter überraschenderweise 164 aus dem landwirtschaftlichen Bereich, haben Defizite gemacht. Wegen der komplexen Rolle, die diese Unternehmen innerhalb der kubanischen Wirtschaft einnehmen, muss es unbedingt gelingen, sie aus den roten Zahlen herauszubekommen.

Für dieses Jahr 2022 geht man von einer allmählichen wirtschaftlichen Verbesserung aus. Aber in keinem Land der Welt gibt es so viele Unwägbarkeiten wie in Kuba. Nirgendwo sonst muss man so viel Energie verbrauchen, um auf plötzlich auftretende willkürlich herbeigeführte Schikanen zu reagieren. So mussten Ende letzten Jahres alle Zeitungen des Landes ihre Auflagen erheblich reduzieren. Der Grund: Das kanadische Unternehmen, das seit Jahrzehnten Kuba mit Papier beliefert, hatte von jetzt auf gleich die Lieferung eingestellt. Einen neuen Lieferanten zu finden, wäre für jedes andere Land der Welt sicherlich kein so großes Problem. Aber Kuba muss jemanden finden, der keine Angst vor der US-Blockade hat und natürlich in keiner Weise irgendwie mit den USA verbunden ist. Naturgemäß wird es jemand sein müssen, der seine Produktionsstätten in großer Entfernung hat, was natürlich die Transportkosten erhöht. Nun, es wurde jemand gefunden. Man möchte lieber nicht sagen wo, und im April können dann hoffentlich die Zeitungen in normaler Auflagenzahl wieder erscheinen.

Hoffen wir, dass wir vor weiteren unangenehmen Überraschungen verschont bleiben, man uns in Ruhe lässt und wir uns nicht dauernd mit von außen aufoktroyierten Gemeinheiten beschäftigen müssen, damit wir all unsere Energie für den Aufbau unserer gerechten Gesellschaft verwenden können.

CUBA LIBRE Renate Fausten

CUBA LIBRE 2-2022